Archi­tektur als philo­so­phi­sche Praxis

Nietzsche und Turin

In den vergan­genen Jahren sind Archi­tektur und Philo­so­phie immer wieder in den Fokus der Debatten um die gesell­schaft­li­chen Entwick­lungs­per­spek­tiven gerückt. Das steht in Zusam­men­hang mit den ethischen Fragen, die von den tief­grei­fenden, die Gesell­schaft erschüt­ternden Trans­for­ma­ti­ons­pro­zessen aufge­worfen werden. Man denke nur an das Aufkommen von neuen Lebens- und Part­ner­schafts­mo­dellen, von Fragen der Parti­zi­pa­tion, Inklusion und Diver­sität, abgesehen von künst­li­cher Intel­li­genz und machine learning, von denen im Moment niemand weiß, wo sie hinführen. In Archi­tektur und Stadt zeichnet sich heute ein Wandel der kultu­rellen Grund­werte in einem Umfang ab, wie es seit den Debatten um die Neue Sach­lich­keit der 1920er-Jahre und den modernen Städtebau in den 1950er- und 1960er-Jahren nicht mehr zu beob­achten war.
Die Verbin­dung von Archi­tektur und Philo­so­phie scheint jedoch, in einem ersten Moment, eine Unmög­lich­keit, wo doch Philo­so­phie in Sprache und Begriffen gegründet, Archi­tektur dagegen eine materiale Praxis ist. Es scheint eine gemein­same Grundlage zu fehlen. Man muss sich aber fragen, ob dies nicht eine Verkür­zung der Konzep­tion glei­cher­maßen von Archi­tektur wie Philo­so­phie ist. Viel­leicht ist die Archi­tektur ja weniger konkretes, gebautes und mate­ri­elles Artefakt als, mit Bezug auf Aris­to­teles, vielmehr Resul­tie­rende von Hand­lungen und Aktionen, mit denen die mate­ri­ellen Dinge so in Beziehung gesetzt werden, dass sie für den Menschen bedeu­tungs­voll werden, wie umgekehrt auch die Philo­so­phie mittels Sprache die allge­meinen Phänomene mitein­ander in Beziehung setzt, so dass sie in ihrem Beitrag für die Kultur bewertet werden können.

Die Hypothese ist dann, dass die Archi­tektur, nicht nur nebenbei, auch eine philo­so­phi­sche Praxis ist, wie die Philo­so­phie in ihrem konstruk­tiven Anliegen immer schon archi­tek­to­ni­sche Praxis ist. Man kann hier an die großen Archi­tekten denken wie Peter Zumthor, Arata Isozaki, Karl Friedrich Schinkel, Palladio, Iktinos und Phidias. Oder doch eher an Ludwig Mies van der Rohe, der wohl wenig Schrift­li­ches hinter­lassen hat, dessen Gebäude dennoch von magischer Tran­szen­denz sind. Die Frage ist, wie dann die Tätigkeit des Archi­tekten als Philosoph und die Archi­tektur als philo­so­phi­sche Praxis aussieht.

Archi­tektur als Schrift und Buch

Für die These Archi­tektur als philo­so­phi­sche Praxis kann auf Aris­to­teles und seine Philo­so­phie der Handlung Bezug genommen werden. Mit Aris­to­teles kann die Archi­tektur als etwas Dyna­mi­sches verstanden werden und damit als etwas, das elementar und grund­le­gend aus Prozessen entsteht. Diese lassen sich benennen als Prozesse des Entwer­fens, des Bauens und des Gebrauchs und, damit gekoppelt, Prozesse der Inter­pre­ta­tion, was auch emotional-psycho­lo­gi­sche und physio­lo­gisch-körper­liche Reak­tionen einschließt. Sicher­lich, Archi­tektur bleibt auch aus dieser Perspek­tive weiterhin objekt‑, material- und ortge­bunden, aber es verschiebt sich die Sicht­weise, insofern das Objekt dann nicht mehr nur etwas ist, das einfach da ist, sondern etwas, das ein Gewor­denes ist, das aus einem Prozess des Werdens heraus entsteht, und umgekehrt gleich­falls ein Werdendes ist, insofern es die Möglich­keit zukünf­tiger Hand­lungen in sich enthält.

Ist es nicht auch so, dass sich die Prozesse des Werdens und damit die gedank­liche Konzep­tion und Konstruk­tion dem Material, der Ober­fläche, der Form und selbst der Orga­ni­sa­tion der Archi­tektur einschreiben? Auch die inter­pre­tie­rende Aneignung der Archi­tektur zeigt sich als Prozess und hinter­lässt Spuren, an denen die Geschichte des Gebrauchs abgelesen werden kann. Archi­tektur ist immer voll von Zeichen, wie sie gedacht und gemacht wurde, was in der Vergan­gen­heit liegt. Sie ist aber auch immer voll von Hinweisen, wie sie gebraucht werden kann, was man mit ihr machen kann, was dann in der Zukunft liegt. Archi­tektur ist immer Schrift und Buch, man muss nur lesen können.

Auguste Rodin, Der Denker, Version auf der Plaza Mayor in Cáceres, Spanien, Detail, Foto: Jesus C. Castillo (via wikimedia / CC BY-SA 3.0)

Als Schrift und Buch rückt die Archi­tektur selbst als Medium des Philo­so­phie­rens in den Fokus. Das macht den Unter­schied aus zum weithin bekannten philo­so­phi­schen Reden über Archi­tektur. Man kennt sie zu gut, die philo­so­phi­schen Diskurse über Archi­tektur mit ihrem posi­ti­vis­ti­schen, neomar­xis­ti­schen und zum Teil auch mythisch-okul­tis­ti­schen Ansatz. Oder die sprach­phi­lo­so­phi­schen Diskurse von Post­mo­derne und Dekon­struk­tion, oder die Kritische Theorie, die Umwelt­phi­lo­so­phie und natürlich jene philo­so­phi­schen Rich­tungen, auf denen alles basiert: Ästhetik, Erkennt­nis­theorie und Anthro­po­logie. Archi­tektur als philo­so­phi­sche Praxis stellt daher die Frage nach dem spezi­fisch philo­so­phi­schen Gehalt der Archi­tektur, der aus der Praxis und der Handlung kommt, wo über die Konstruk­tion und die räumliche Figur hinaus die Archi­tektur Rahmen für das Mitein­ander im Alltag ist und dabei Möglich­keits­po­ten­ziale für das gute Leben eröffnet wie eben auch verstellt.

Kunst der Systeme

Die Frage nach der Verbin­dung von Philo­so­phie und Archi­tektur ist keines­wegs neu. Von ihren Anfängen in der Antike entlehnte die Philo­so­phie ihre zentralen Begriffe dem Gebiet der Archi­tektur. Bei den verschie­denen antiken Philo­so­phen nahm Archi­tektur immer eine besondere Rolle ein als Leitbild und Metapher für bewusste, logisch-konstruk­tive Tätigkeit. So diente Aris­to­teles in Niko­ma­chi­sche Ethik der Baumeister als Leitbild für philo­so­phi­sches Handeln. Er benutzte den Begriff „archi­tek­to­ni­sches, leitendes Vermögen“1 und bezeich­nete es als eine „Kunst und ein mit Vernunft verbun­dener Habitus des Hervor­brin­gens.“2 Wobei das Hervor­bringen sich auf das konkrete archi­tek­to­ni­sche Objekt bezieht wie auch auf den philo­so­phi­schen Gedanken.Aris­to­teles: Niko­ma­chi­sche Ethik, in: Ders., Philo­so­phi­sche Schriften in 6 Bänden, Bd. 3, Wissen­schaft­liche Buch­ge­sell­schaft, Darmstadt 1995, 1.141b. ↩︎Ebd.: 1.140a. ↩︎

Während für Aris­to­teles die archi­tek­to­ni­sche Tätigkeit als Metapher für kluges und gutes Handeln diente, standen diese in Friedrich Nietz­sches Sprach- und Vernunft­kritik für das Gegenteil. In Ueber Wahrheit und Lüge im ausser­mo­ra­li­schen Sinne sprach er ironisch vom intel­lek­tu­ellen Menschen als einem beson­deren „Baugenie“, dem „auf beweg­li­chen Funda­menten und gleichsam auf flies­sendem Wasser das Aufthürmen eines unendlich compli­cirten Begriffs­doms“3 gelänge. Gerade der „Thurmbau der Wissen­schaft“4 sei ein solches „Begriffs­ge­spinnst“5. Während der Turmbau der Wissen­schaften und die Vernunft­kon­struk­tionen die Aufgabe des intel­lek­tu­ellen Menschen sind, ist es die Aufgabe des intui­tiven Menschen und Künstlers, diese immer wieder zu zerschlagen, um damit aus den Frag­menten neue Gedan­ken­ge­bäude mit neuen Inhalten und neuen Erkennt­nissen errichten zu können. Für diese gilt dann wiederum, dass sie wohl anders, aber keines­wegs wahrer als die alten sind. Nietzsche gibt also eine Defi­ni­tion des Baukünst­lers und Archi­tekten, dessen Tätigkeit in der Figur der De- und Rekon­struk­tion besteht, während Aris­to­teles alleine die konstruk­tive und damit positive Tätigkeit des Baukünst­lers thema­ti­sierte.Nietzsche, Friedrich: „Ueber Wahrheit und Lüge im ausser­mo­ra­li­schen Sinne“, in: Ders. Kritische Studi­en­aus­gabe in 15 Bänden, Bd. 1, DTV, München 1999, S. 882. ↩︎Ebd.: S. 886. ↩︎Ebd.: S. 887. ↩︎

Die Bedeutung der Archi­tektur für die Philo­so­phie geht aber weit über die Verwen­dung als Metapher hinaus. Es war Immanuel Kant, der die Archi­tektur unmit­telbar zum Modell philo­so­phi­scher Erkenntnis machte, als er in Tran­szen­den­tale Metho­den­lehre lapidar fest­stellte: „Ich verstehe unter einer Archi­tek­tonik die Kunst der Systeme.“6 Archi­tek­tonik ist dann die Tätigkeit, die aus „einem bloßen Aggregat ein System macht.“7 Dabei ist Archi­tek­tonik nicht identisch mit der Archi­tektur. Archi­tektur geht über die Archi­tek­tonik hinaus, sie ist jene kultu­relle Praxis, die über das System­denken hinaus selbst Wissen, das heißt philo­so­phi­sches Wissen generiert. Archi­tektur dient ja nur einer­seits als Dach über dem Kopf, während sie ande­rer­seits die unter­schied­lichsten Situa­tionen schafft, in denen der Mensch sich selbst erfahren und erkennen kann.Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft 2, in: Ders., Werk­aus­gabe, Bd. IV, hrsgg. v. Wilhelm Weischedel, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1996, S. 695. ↩︎Ebd.: S. 695. ↩︎

Archi­tektur der Erken­nenden

Wenn man die Archi­tektur als diejenige kultu­relle Praxis definiert, mit der sich der Mensch eine seinen sich gleich­blei­benden wie auch verän­dernden Bedürf­nissen ange­mes­sene, von der Natur verschie­dene Umwelt schafft, dann ist die archi­tek­to­ni­sche Praxis immer auch philo­so­phisch. Denn der Architekt ist mit der Frage konfron­tiert, was denn für den Menschen in der betref­fenden Zeit und Situation ange­messen ist. Welche Gestalt soll die Archi­tektur haben, aus welchen Mate­ria­lien, Formen und Figuren soll sie bestehen? Ange­mes­sen­heit kann sich ja auf unter­schied­liche Art und Weise arti­ku­lieren, denn ange­messen für das mensch­liche Leben kann eine Bambus­hütte in Kambo­dscha sein, eine Grün­der­zeit­villa in Berlin-Zehlen­dorf oder auch eine Komunalka im Moskau der 1930er-Jahre. Selbst ein Bunker, so unwirt­lich er auch sein mag, kann in Zeiten des Krieges für das Überleben gerade ange­messen sein. Mit der Ange­mes­sen­heit zeigt sich die archi­tek­to­ni­sche Praxis von philo­so­phi­schen Fragen durch­drungen, die Philo­so­phie mithin als archi­tek­to­ni­sche Praxis. Mit der Ange­mes­sen­heit als dem zentralen Grund­be­griff der Archi­tektur kann die Archi­tektur nicht anders als Philo­so­phie sein, umso mehr in einer sich schnell ändernden Zeit. Das vorlie­gende Heft Archi­tektur als philo­so­phi­sche Praxis will dem philo­so­phi­schen Gehalt der Archi­tektur nach­spüren, den Voraus­set­zungen und Bedin­gungen wie auch den Effekten und Wirkungen.

Prof. Dr.-Ing. habil., M. S. Jörg H. Gleiter, Mitglied des BDA, war von 2005 bis 2012 Professor für Ästhetik an der Fakultät für Design und Künste an der Freien Univer­sität Bozen. Seit 2012 ist er Inhaber des Lehr­stuhls für Archi­tek­tur­theorie und geschäfts­füh­render Direktor des Instituts für Archi­tektur (IfA) an der TU Berlin. Jörg H. Gleiter ist Mitglied des Redak­ti­ons­bei­rats dieser Zeit­schrift, Heraus­geber der Buchreihe „Archi­tektur-Denken“ im Tran­script Verlag und Mither­aus­geber der Inter­net­zeit­schrift für Theorie der Archi­tektur Wolken­ku­ckucks­heim.

  1. Aris­to­teles: Niko­ma­chi­sche Ethik, in: Ders., Philo­so­phi­sche Schriften in 6 Bänden, Bd. 3, Wissen­schaft­liche Buch­ge­sell­schaft, Darmstadt 1995, 1.141b. ↩︎
  2. Ebd.: 1.140a. ↩︎
  3. Nietzsche, Friedrich: „Ueber Wahrheit und Lüge im ausser­mo­ra­li­schen Sinne“, in: Ders. Kritische Studi­en­aus­gabe in 15 Bänden, Bd. 1, DTV, München 1999, S. 882. ↩︎
  4. Ebd.: S. 886. ↩︎
  5. Ebd.: S. 887. ↩︎
  6. Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft 2, in: Ders., Werk­aus­gabe, Bd. IV, hrsgg. v. Wilhelm Weischedel, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1996, S. 695. ↩︎
  7. Ebd.: S. 695. ↩︎
Auguste Rodin, Der Denker, Version auf der Plaza Mayor in Cáceres, Spanien, Detail, Foto: Jesus C. Castillo (via wikimedia / CC BY-SA 3.0)