Backstein erscheine als Backstein

Intuition und Farb­ge­fühl

Es ist nicht gut bestellt um die Urteils­fä­hig­keit, wenn es um Farben im Allge­meinen und um jener von Ziegel im Beson­deren geht. Ich bin selbst kein intimer Kenner dieser Materie, wundere mich aber, mit welcher Sicher­heit andere, die der Sache noch ferner stehen, zu wissen glauben, was die richtige, was die falsche Farbe sei. Ähnlich geht es einem im Theater oder Konzert, wenn man sich dabei ertappt, das Stück im ersten Anlauf nicht zu verstehen, sei es einfach aus Konzen­tra­ti­ons­schwie­rig­keiten oder einfach, weil die anein­ander gereihten Worte oder Noten noch nicht ein Ganzes ergeben. Mehr­fa­ches Hören und Sehen wäre die mindeste Voraus­set­zung. Aber die Mehrzahl der Zuhörer, für die wie Dich und mich der Stoff zum ersten Male hör- und sichtbar wird, sitzen mit leicht geneigtem Kopf und oftmals geschlos­senen Augen da und signa­li­sieren durch Haltung und Mimik, von der Sache sehr viel zu verstehen. Du selbst aber schweifst ab, findest dich in anderen Situa­tionen wieder, in Reisen zu diesem oder jenem Erlebnis, oder, noch schlimmer, zu den bislang uner­le­digten Notwen­dig­keiten, die Du zu erledigen bislang unter­lassen hast. Dabei geht es ja eigent­lich darum, die Struktur der Kompo­si­tion zu erfassen oder dem Erzähl­strang zu folgen. Dies ermög­licht immerhin mit Verständnis und im Abgleich mit dem eigenen Wissen den Einstieg zur Urteils­fin­dung. Handelt es sich jedoch „nur“ um Farbe, also die Bestim­mung des Farbtones, ob Blau, Rot oder Gelb, in dem man dieses oder jenes behandelt wissen will, findet man sich haltlos wie ein Schwimmer im offenen Meer.

Gewiss bedienen sich manche auch hier bestimmter Regeln, die man irgend­wann einmal mitge­teilt bekommen hat. So ist es uns schon mehrmals passiert, dass bei der Auswahl von Farben behauptet wurde, Grün und Blau könne man nicht neben­ein­ander setzen. Wir sagen dann: „Der Liebe Gott habe sich doch etwas gedacht, als er den Himmel blau und die Wiesen grün geschaffen hat“. Das ist natürlich eine schla­gende und zugleich läppische Antwort, weil sie mit nichts zu begründen ist. Auch wird man immer wieder belehrt, Schwarz und Weiß seien keine Farben, was ja auch natur­wis­sen­schaft­lich so sein mag. Aber es ist genau deshalb auch eine Antwort, die von einer Hilf­lo­sig­keit im Umgang mit Farben zeugt. Immer, wenn bei Fragen der Gestal­tung die Bere­chen­bar­keit Einzug erhält, sind Zweifel ange­bracht. Auch dann, wenn mit Heftig­keit die Schönheit oder Häss­lich­keit bestimmter Farben beschrieben wird. Farben sind Farben und auch wenn wir im physi­ka­li­schen oder psycho­lo­gi­schen Sinne über genügend Erklä­rungs­mo­delle verfügen: Es bleibt hoffent­lich noch lange ein Rätsel, warum Zuneigung und Ablehnung letztlich unbe­re­chen­bare Faktoren sind. Und das ist gut so, weil das das Ende emotio­neller Erleb­nisse sein dürfte, das Ende von Liebe oder Hass. Dann wird es keine Dichtung mehr geben, keine Musik und – keine Archi­tektur.

Doch nun zur Farbe von Ziegel­steinen, die schon bei ihrer ursprünglichen Herstel­lung im Hoff­mann­schen Ringofen einem Kreislauf entspringen. In einem runden oder ovalen Ofen in dessen Mitte sich ein Schorn­stein befindet, werden in vierzehn bis zwanzig Kammern die Rohlinge gebrannt. Es werden jeweils nur einzelne Kammern befeuert, während die verblei­benden Kammern der Trocknung und Kühlung dienen. Durch die Stapelung der Back­steine sind die den Brenn­gasen zugäng­li­chen Flächen stärker verfärbt als jene, an denen sich die Steine überlappen. Dieser Prozess bedingt, dass kein Ziegel dem anderen gleicht. Jeder ist von seiner Farbig­keit und Struktur her ein Unikat. Deut­li­cher noch wird diese Einzig­ar­tig­keit, betrachtet man die Fassaden alter Back­stein­bauten, wie beispiels­weise jene des Klosters Chorin in Bran­den­burg. Schon Theodor Fontane hat hier wahr­ge­nommen, dass Back­steine Geschichten erzählen können: „Kloster Chorin ist keine jener lieb­li­chen Ruinen, darin sich‘s träumt wie auf einem Frühlingskirchhof, wenn die Gräber in Blumen stehen… Wer hier in der Dämmer­stunde des Weges kommt und plötzlich zwischen den Pappeln hindurch diesen still einsamen Prachtbau halb märchen­haft, halb gespens­tisch auftau­chen sieht, dem ist das Beste zuteil geworden, das diese Trümmer, die kaum Trümmer sind, ihm bieten können“. Stun­den­lang kann man vor einer solchen Fassade verweilen – wie vor einem Gemälde – und in den Spuren der Zeit lesen. Jeder Stein entwi­ckelt im Laufe der Jahre eine eigene Farbig­keit, manche schimmern, von Moos besetzt, grün, andere werden dunkler und wieder andere sehen so aus, als ob ihnen die Zeit nichts anhaben könnte. Auch Verlet­zungen, die mit neuen Steinen ausge­bes­sert wurden, sind ablesbar und werden nicht vertuscht, sie fügen sich wie selbst­ver­ständ­lich in die Geschichte ein. Ein eigent­lich toter Gegen­stand wird auf diese Weise lebendig. Und so entsteht aus einem kleinen Unikat ein ganzes Haus und letztlich die Stadt, ohne dass wir den Bezug zu dem Gebauten verlieren, da ja der Maßstab, aus dem alles entstand, uns seit Jahr­hun­derten vertraut und nicht größer, als von einer Hand zu greifen ist.

Kloster Chorin, Chorin ab 1266; Foto: Arno Lederer
Kloster Chorin, Chorin ab 1266; Foto: Arno Lederer

Jene Back­steine, die aus einer anderen Geschichte entnommen wurden und durch die Zeit schon eine indi­vi­du­elle Farbe erhalten haben, inter­es­sieren uns. So haben wir 1996 bei der Katho­li­schen Akademie in Hohenheim die erste Wand aus alten Ziegeln in unseren Entwurf inte­griert. Bei dieser Art des Bauens wird die Farbe nicht bestimmt, sondern gefunden und in einen neuen Zusam­men­hang gebracht. Entschei­dendes Stil­mittel im Umgang ist die Fuge, die der jewei­ligen Wand ihren Charakter verleiht und die alten Steine zu einem neuen Ganzen zusammenfügt. Unser Ansatz ist es nicht, moderne Häuser, die in einem dezi­dierten Kontrast zu ihrer Umgebung stehen, zu bauen, sondern Häuser, die auf selbst­ver­ständ­liche Weise durch Farbig­keit und Form ihren Platz im Kontext einnehmen. Was liegt näher, wenn es darum geht, am kultu­rellen Erbe weiter­zu­bauen, als Back­steine zu verwenden, deren Farbe durch ihre Geschichte geprägt wurde. Wozu sollen wir ständig neues Bauma­te­rial produ­zieren und uns fragen, wie wir charak­te­ris­ti­sche Gebäude entwerfen können, wenn wir ein Material verwenden können, das aus sich selbst heraus schon Charakter besitzt.

Wir befinden uns derzeit im Wandel von einer auf Produk­tion ausge­rich­teten Gesell­schaft hin zu einer, deren Ziel es sein wird, Ressourcen und Mate­ria­lien wieder­zu­ver­werten. Welche Farben werden dabei das Stadtbild prägen? Es ist zu hoffen, dass sich die Farbig­keit von Gebäuden wieder intuitiv aus dem Gesamt­kon­zept der Archi­tektur herleiten wird und sich nicht zu einem abge­trennten Exper­ten­be­reich entwi­ckelt, was bedau­er­li­cher­weise aktuell die Tendenz ist. Der vermeint­lich letzte Posten freier kreativer Entschei­dungs­mög­lich­keit – die Wahl einer Farbe – ist längst einer ratio­nalen, quan­ti­fi­zier­baren Entschei­dungs­fin­dung zum Opfer gefallen. Was zynisch als das Letzte, was uns an kreativem Tun bleibt, bezeichnet wird, unter­liegt wie alles beim Bauen unüberschaubaren bürokratisierten und fach­spe­zi­fi­schen Vorgaben. Und wer es noch nicht gemerkt hat: Es gibt, wie bei den vielen anderen Fach­in­ge­nieuren für diese oder jene Schraube, auch einen Spezia­listen, der weiß, wann, warum und wie Farbe beim Bauen verwendet werden darf. Und dort, wo der Farb­be­rater noch nicht aufkreuzt, weil das Haus viel­leicht nicht so bedeutend oder die Farbe kein viru­lentes Problem ist, da gibt es wenigs­tens von Amts wegen Bestim­mungen, wie beige das Haus auszu­sehen hat. Eines aber könnten einem die Farb­be­rater abnehmen: den leidigen Termin der Bemus­te­rung von Ziegeln, insbe­son­dere deren Farbe betref­fend. Wenn jener Spezia­list dann noch die Farbe nimmt, die man sich selbst ausge­dacht hat, könnte er mit beredter Zunge erklären, warum nur die und keine andere Färbung in Frage kommt.

Verdächtig ist, wenn jemand behauptet, er hätte lange Studien getrieben, um zu dieser oder jener Über­zeu­gung gekommen zu sein, es müsse und könne nicht anders als ein grau­brauner Brand sein, der zum Einsatz gebracht werden sollte. Die Farb­ge­bung ist eine Sache der Intuition und der Begabung, freilich auch eine der Erfahrung. Oft liegt mir anläss­lich einer Farb­dis­kus­sion auf der Zunge, jedem Teil­nehmer vorzu­schlagen, innerhalb weniger Minuten aus mitge­brachten Malkästen eine Farb­kom­po­si­tion aufs Papier zu bringen – nach dem Motto: „Wenn Ihre Skizze besser ist, bestimmen Sie die Farbe“.

Früher und dauernder Umgang mit Farbe sichert nicht nur eine gewisse Erfahrung, sie dient, wie im Übrigen auch das Frei­hand­skiz­zieren, dem Anlegen einer eigenen, im Kopf befind­li­chen Biblio­thek. Man speichert die Mischungen und deren Ergeb­nisse im Geist so ab, dass sie, sofern wir mit Farbe später zu tun haben, in Sekun­den­bruch­teilen abgerufen werden können. Dieser Vorgang, den wir unter dem Begriff „Intuition“ subsu­mieren können, gibt uns gleich­zeitig die Flexi­bi­lität, sich den zu entwer­fenden Gegen­stand auch in ganz anderen Farben vorstellen zu können.

Wenn zum Beispiel jemand sagt, er könne sich diese oder jene Farbe nicht vorstellen, so bestätigt er mit seiner Aussage lediglich sein begrenztes Vorstel­lungs­ver­mögen. Tragi­scher­weise finden solche Anmer­kungen ja nicht nur in Bezug auf Farben statt. Unter der Einge­schränkt­heit der Vorstel­lungs­kraft leiden die meisten Diskus­sionen, wenn es um die Frage geht, wie ein Haus später einmal aussehen soll. Laien greifen in solchen Fällen zum Rettungs­ring foto­rea­lis­ti­scher Visua­li­sie­rung, was die Sache noch verfäng­li­cher gestaltet. Damit werden schein­bare Reali­täten darge­stellt, die es so gar nie geben wird. Das betrifft insbe­son­dere die Farb­ge­bung, auch und besonders jene, die, wie etwa bei Ziegel­fas­saden, durch das Material selbst gegeben sind.

In solchen Fällen ist man schon beim ersten Anblick der eigenen Phantasie beraubt. Man kann sich nur schwer von diesem Bild lösen, weil es nun einmal so realis­tisch darge­stellt ist. Kommt man zu einem späteren Zeitpunkt und wünscht sich beispiels­weise an Stelle einer grauen Ziegel­fas­sade eine in Rot, findet man sich vor Barri­kaden aus verschie­densten Argu­menten wieder. Davon ist die Aussage, so sei es im Verkaufs­pro­spekt darge­stellt und deshalb ein einzu­kla­gender Gegen­stand, ein übliches Totschlag­ar­gu­ment. Mir scheint, mit der zuneh­menden Präzi­sie­rung von Bildern noch nicht gebauter Objekte gehe eine Verarmung der Vorstel­lungs­kraft einher. Die Lust, von Farben zu träumen, weicht einer schein­baren Objek­ti­vie­rung.

Das Märchen, von dem Louis Kahn noch spricht, weicht einem Tatsa­chen­be­richt, der aufgrund schein­barer Objek­ti­vität schon vor dem Ereignis selbst festliegt. Aber das Märchen ist die Voraus­set­zung für gute Archi­tektur. In einem Brief vom 1. Dezember 1788 schreibt Friedrich Schiller seinem Freund Christian Gottfried Körner unter anderem: „Es scheint nicht gut und dem Schöp­fungs­werke der Seele nach­teilig zu sein, wenn der Verstand die zuströ­menden Ideen, gleichsam an den Thoren scharf mustert. Eine Idee kann, isoliert betrachtet, sehr unbe­trächt­lich und sehr aben­teu­er­lich sein, aber viel­leicht wird sie durch eine, die nach ihr kommt, wichtig; viel­leicht kann sie in einer gewissen Verbin­dung mit diesen anderen ange­schaut werden. Bei einem schöp­fe­ri­schen Kopfe hingegen, däucht mir, hat der Verstand seine Wache von den Thoren zurückgezogen, die Ideen stürzen pele-mele herein, und als dann erst übersieht und mustert er den großen Haufen.“

Man kann gerne einwerfen, das alles habe mit einer seriösen Abhand­lung über die Farbe bei Ziegeln nichts zu tun und das Thema sei deshalb verfehlt. Das trifft aus akade­mi­scher Sicht tatsäch­lich zu. Aber ist es nicht merkwürdig, dass durch den enormen Wissens­zu­wachs, den wir seit Jahren bejubeln und den es tatsäch­lich in abge­spei­cherter Form gibt, die Archi­tektur nicht schöner geworden ist? Die Archi­tektur wird, wie die ganze Welt, das wissen wir heute, nur vermeint­lich trans­pa­renter. Aber ist es nicht so, dass das Gefühl für Farbe zunehmend verblasst?

Prof. Dipl.-Ing. Arno Lederer (*1947), Architekt BDA, studierte von 1970 bis 1976 Archi­tektur an der Univer­sität Stuttgart und an der TU Wien. Nach Mitarbeit in verschie­denen Büros machte er sich 1979 selbst­ständig – seit 1985 in Büro­ge­mein­schaft mit Jórunn Ragnars­dóttir, ab 1992 mit Marc Oei in Stuttgart. Nach Profes­suren an der Fach­hoch­schule für Technik in Stuttgart und der Univer­sität Karlsruhe leitet Arno Lederer seit 2005 das Institut für öffent­liche Bauten und Entwerfen an der Univer­sität Stuttgart. Er lebt und arbeitet in Stuttgart.

Kloster Chorin, Chorin ab 1266; Foto: Arno Lederer
Kloster Chorin, Chorin ab 1266; Foto: Arno Lederer