Bauen Wohnen Denken

Zur Bedeutung der Sorge bei Martin Heidegger

„Bauen Wohnen Denken“ ist der Titel eines Vortrags, den Martin Heidegger 1951 im Rahmen der 2. Darm­städter Gespräche gehalten hat. Ange­sichts der Traumata des Zweiten Welt­kriegs wollte er das bauende Wohnen – bezie­hungs­weise wohnende Bauen – denk­würdig machen. Wenn das Thema der Sorge in seinem Vortrag auch an keiner Stelle explizit hervor­tritt, so hat es sein Denken stets ange­trieben. Auch vor dem Hinter­grund seines Gesamt­werks spielt die Sorge in ihrer exis­tenz­phi­lo­so­phi­schen Bedeutung in dem vor mehr als 70 Jahren gehal­tenen Vortrag eine zentrale Rolle. Der folgende Beitrag geht skiz­zen­haft der Frage nach, in welcher Beziehung Bauen und Wohnen zur Sorge stehen.

Die in der ersten Dekade nach 1945 in Deutsch­land herr­schende Wohnungsnot (zerbombte Städte und massen­haft fehlende Wohn­stätten) gibt es heute nicht mehr; gleich­wohl eine allge­meine Wohnungsnot in Gestalt eines ekla­tanten Mangels an bezahl­baren Wohnungen. Dieses struk­tu­relle Problem wird immer wieder zum Anlass heftiger partei­po­li­ti­scher Konfron­ta­tionen. Nicht erst dieser aktuelle Kontext wirft die Frage auf, woraufhin das lebens­welt­lich so selbst­ver­ständ­liche Wohnen überhaupt bedacht werden sollte.

Heidegger rückt es – zusammen mit dem Bauen – in einen archi­tek­tur­theo­re­ti­schen Zusam­men­hang, der weit über das Errichten von Bauten und deren Benutzung hinaus­weist. Wohnen versteht er nämlich nicht (wie die Recht­spre­chung) als „eine auf Dauer angelegte Häus­lich­keit, Eigen­ge­stal­tung der Haus­halts­füh­rung und des häus­li­chen Wirkungs­kreises sowie Frei­wil­lig­keit des Aufent­halts.“1 In einem geradezu kontras­tie­renden Sinne denkt er es exis­tenz­phi­lo­so­phisch als „die Weise, wie die Sterb­li­chen auf der Erde sind.“2 Er begreift es nicht als ein Set banaler alltäg­li­cher Routinen (einkaufen, Müll wegbringen, das Essen machen). Vielmehr streicht er heraus, dass das Wohnen keine Tätigkeit ist.VerwG 4 B 302 / 95 vom 25.03.1996. ↩︎Heidegger, Martin: Bauen Wohnen Denken (zuerst 1951). In: Ders.: Vorträge und Aufsätze, GA, Band 7, Frankfurt am Main 2000, S. 145 – 164, hier S. 150. ↩︎

Bauen und Wohnen geschieht – in der Raum-Zeit

Foto: mju-Foto­grafie, Marie Luisa Jünger

„Wohnen geschieht“ 3 im umfrie­deten, meist häus­li­chen Rahmen, als „Stiften und Fügen von Räumen“4 in der Zeit und im Raum. „Bauen ist in sich selbst bereits Wohnen“5, indem es einen Ort erst einräumt. Wie die Menschen wohnen, spiegelt ihren situ­ierten „Aufent­halt bei Dingen und Orten“6 wider. Deshalb sind die Dinge des Bauens und Wohnens auch keine „seelen­losen“ Objekte, die sinnlos im Raum gleichsam herum­stehen. Besonders sie sind es, die den sozialen Raum mit Bedeu­tungen aufladen. Aber nicht a priori positiv, denn je nach ihrer Eigenart und situa­tiven Wirkung können Dinge Lebens­per­spek­tiven auch verdun­keln. So oder so entsteht „Gegend“ als umhafter7 Raum.Ebd., S. 147. ↩︎Ebd., S. 160. ↩︎Ebd., S. 148. ↩︎Ebd., S. 159. ↩︎Vgl. Heidegger, Martin: Sein und Zeit (zuerst 1927). Tübingen 1993 (SuZ), S. 103. ↩︎

Bauen und Wohnen ereignen sich im Hier und Jetzt, im Fluss vorschrei­tender Raum-Zeit. In Karlfried Graf von Dürck­heims Rede vom gelebten Raum8 tritt die vita­lis­ti­sche Belebung der räum­li­chen Welt hervor, in Minkow­skis gelebter Zeit9 die diesem Prozess inhärente zeitliche Dynamik. Das „In-der-Welt-sein“10 wird von diesem zwei­fa­chen Vortrieb getragen. Der Mensch bahnt sich seine indi­vi­du­ellen wie gesell­schaft­li­chen Lebens­pfade durch Zeit und Raum. Wie das „Da“ des Daseins auf Orte im Raum verweist, so das „In“ auf die Situ­iert­heit des In-der-Welt-seins. Nicht nur die Zeit fließt. Auch der dinglich erfüllte Raum bleibt nie wie er einmal war. Der Zeit-Raum, von dem Heidegger spricht, öffnet Spiel­räume für Daseins-Entwürfe.11 Im zeit­li­chen Fokus dynamisch wech­selnder „Augen­blicks-Stätten“12 konkre­ti­siert sich das Werden von Orten im Raum. Erst im theo­re­ti­schen Denk­mi­lieu der Abstrak­tionen wird die Zeit in gewisser Weise raumlos. Gleich­wohl: „Der exis­ten­zi­elle Raum ist gerade mit der Zeit verbunden“13 in der (Ver-)Wandlung, die im Seienden geschieht. Mit Heid­eg­gers Worten: „Zeit und Raum (…) ‚sind‘ nicht, sondern wesen.“14 Zu dieser vor sich gehenden Leben­dig­keit gehört das fluk­tu­ie­rende Wech­sel­spiel von Präsenz und Absenz15. Nicht nur das Anwesende (Vorhan­denes im weitesten Sinne) bestimmt das Wohnen in der Dauer der gelebten Zeit, sondern auch das Abwesende (wie das Entwor­fene, aber noch nicht Herge­stellte). Im Wünschen und Wollen kommt beides zur Synthese.Dürckheim, Karlfried Graf von: Unter­su­chungen zum gelebten Raum. Erleb­nis­wirk­lich­keit und ihr Verständnis. Syste­ma­ti­sche Unter­su­chungen II. In: Neue Psycho­lo­gi­sche Studien. Hgg. von Felix Krüger, 6. Band 1932. München, S. 383 – 480. ↩︎Minkowski: Die gelebte Zeit, a.a.O. ↩︎Heidegger: SuZ, a.a.O., S. 350. ↩︎Vgl. Figal, Günter: Martin Heidegger zur Einfüh­rung. Hamburg 1992, S. 141. ↩︎Heidegger, Martin: Beiträge zur Philo­so­phie. Vom Ereignis. GA, Bd. 65, Frankfurt am Main 1989, S. 30. ↩︎Zur Lippe, Rudolf: Zeit-Ort im post-eukli­di­schen Zeitalter (zuerst 1997). In: Hasse, Jürgen / Robert Josef Kozljanič (Hg.): V. Jahrbuch für Lebens­phi­lo­so­phie, München 2010, S. 109 – 120, hier S. 111. ↩︎Heidegger: GA, Band 65, a.a.O., S. 385. ↩︎Vgl. Figal: Heidegger, a.a.O., S. 142. ↩︎

„Entwerfen“ und sein Verhältnis zur Sorge

„Das ‚In-der-Welt-sein‘ hat die seins­mä­ßige Prägung der ‚Sorge‘“16. Diese erwächst als „Grundzug des Daseins“17 aus dem Wissen um das mensch­liche Leben zum Tod. Im Entwurf drückt sich die Freiheit des Menschen aus18 – in der wohnend-bauenden Gestal­tung seiner erwünschten Verhält­nisse zu Dingen, Orten und Räumen. Der Entwurf gibt möglicher Zukunft ein Gesicht. Indem das projek­tierte „In-der-Welt-sein (…) Mitsein und Sein-bei“19 ist, erwächst aus jedem planenden Wünschen eine soziale Pflicht zur Sorge. Weil ein jeder Mensch a priori mit anderen (besonders Menschen, Tieren und Pflanzen) in einer gemein­samen Welt lebt, genügt es nicht, wenn er seine Entwürfe (vor allem die, in denen er was von der Allmende nimmt) allein sich selbst gegenüber recht­fer­tigt. Schon das dem Wohnen dienende Bauen im Hier und Jetzt wirft Schatten auf jedwedes Leben(-können) im Morgen. In der Zeit der gegen­wär­tigen Krise des Mensch-Natur-Meta­bo­lismus liegt die Zeit sorgen­freien Entwer­fens im Gestern. Jedes naive, nicht bedachte Wollen hat seine Unschuld verloren.Heidegger: SuZ, a.a.O., S. 198. ↩︎Heidegger zit. bei Vetter, Helmuth: Grundriss Heidegger. Ein Handbuch zu Leben und Werk. Hamburg 2014, S. 343. ↩︎Vgl. ebd., S. 199. ↩︎Heidegger, Martin: Die Grund­pro­bleme der Phäno­me­no­logie (1927). Frankfurt am Main 1975, S. 394. ↩︎

Archi­tek­to­ni­sche Bau-Entwürfe reichen in ihrer Wirkung weiter als indi­vi­du­elle Lebens­ent­würfe des täglichen Lebens. Für beide gilt jedoch mit Nachdruck das Gebot der Sorge um die Errei­chung guter Ziele. Dementspre­chend ist jeder (landschafts-)architektonische Entwurf auch mehr als eine Heraus­for­de­rung, die allein die Natur und ihre Ressourcen „stellt“. Vor allen Dingen sollte er ein sorgendes Agieren sein. Für das dem Wohnen dienende Bauen hieße dies: „Die Sterb­li­chen wohnen, insofern sie die Erde retten.“20Heidegger: BWD, a.a.O., S. 152. ↩︎

Einen bis in die gegen­wär­tige Zeit treff­li­chen Begriff der Zivi­li­sa­ti­ons­kritik formu­lierte Martin Heidegger mit dem „Ge-stell“, in dem er das „Wesen der modernen Technik“21 erkannte. Am Anfang des 21. Jahr­hun­derts sollte es sich im Zerrbild einer „pyro­tech­ni­schen Zivi­li­sa­tion“22 zu erkennen geben. In der Verbren­nung von Kohle in Kraft­werken zur Spei­che­rung von „Sonnen­wärme“23 sah Heidegger schon zu seiner Zeit ein Spiel mit dem Teufel. Der begin­nende Kollaps des globalen Klimas gibt den Menschen heute – mit Peter Sloter­dijk gespro­chen – die Folgen des Ausbruchs des homo sapiens „aus dem Zirkel bloßer Natur­be­din­gungen“24 zu spüren. Darin wird überaus deutlich, dass die Sorge in der Bewohnung der Erde als Stätte des Wohnens über Dekaden versagt hat. Allzumal luxu­rierte Lebens­formen haben in ekla­tanter Scho­nungs­lo­sig­keit jede weit­sich­tige Vorsorge vermissen lassen.Heidegger, Martin: Die Frage nach der Technik (zuerst 1954). In: Ders.: Die Technik und die Kehre, Stuttgart 2002, S. 5 – 36, S. 23. ↩︎Sloter­dijk, Peter: Die Reue des Prome­theus. Von der Gabe des Feuers zur globalen Brand­stif­tung. Berlin 2023: Suhrkamp, S. 20. ↩︎Vgl. Heidegger: Die Frage nach der Technik, a.a.O., S. 15. ↩︎Sloter­dijk: Die Reue des Prome­theus, a.a.O., S. 10 ↩︎

Frankfurt am Main 2023, Foto: Jürgen Hasse

Im „Phänomen des Wollens blickt die zugrun­de­lie­gende Ganzheit der Sorge durch“25, weshalb sie sich auch als ein inte­grales Moment des Entwer­fens gebietet. Entwerfen ist ja ein Wollen, das zukünf­tiges Bauen vorzeichnet und eine mehr oder weniger verän­derte Welt des Mit- und Bei-seins kreiert. Erdacht und erbaut werden im Hand­lungs­feld der Archi­tektur nie mona­den­ar­tige Sphären, sondern gemeinsam bewohnte Mit-Welten.Heidegger: SuZ, a.a.O., S. 194. ↩︎

Was Menschen bauen, unter­liegt der zeit­li­chen Dynamik des Verfalls. Deshalb stellt sich die anti­zi­pierte Nachsorge auch als eine Teil­auf­gabe des Entwurfs. Nicht einmal der stabilste Bau aus Stahl beharrt in der Zeit. Noch nicht einmal Himmel und Erde bleiben, wie sie als Verfü­gungs­masse kurz­le­biger Inter­essen und mensch­li­cher Begierden einmal waren. Ange­sichts der Lage des Menschen im Hier und Jetzt rekla­miert der Wandel von Orten, Räumen und ganzen Welten das Projekt kriti­scher (jedoch ideo­lo­gie­freier) Begleit­pro­gnostik des Bauens. Die Bemerkung, „als ob wir das Wohnen je bedacht hätten“26, darf als Ausdruck tief­grei­fender Sorge um das mögliche Miss­lingen guten (und nicht nur schönen) Wohnens verstanden werden.Heidegger, Martin: Was heißt Denken? (zuerst 1951 / 52). Tübingen 1997, S. 59. ↩︎

Mit anderen Worten: Vernunft­ba­siertes Wohnen versteht sich nicht von selbst. „Die eigent­liche Not des Wohnens beruht darin, daß die Sterb­li­chen das Wesen des Wohnens immer erst wieder suchen, daß sie das Wohnen erst lernen müssen.“27 Wer das Wohnen von seinem Wesen her bedenkt, öffnet den Blick über das Gewohnte hinaus. Dann werden die Dinge und Bauten weniger als Gegen­stände, denn als zuhan­denes Zeug begriffen. Dinge stehen da! Zeug ist in Verwen­dungs- und Bedeu­tungs­ge­flechten lebendig und hat einen einge­rich­teten Platz in einer einge­wohnten „Gegend“28. Aus diesem Grunde bedarf der Entwurf von Häusern, Straßen, Kirchen und Fabriken auch nicht nur der Profes­sio­na­lität sich aufs tech­ni­sche Herstellen verste­hender Akteure. Zugleich ist der umsich­tige, besor­gende und schonende „Patheur“29 gefordert, der nicht nur rechnende, sondern gegenüber fragilen Zusam­men­hängen sensibel mit- und voraus­spü­rende Menschen-Typ. Zur Verei­te­lung einer sorglosen Verwoh­nung der Erde bedarf sowohl das Entwerfen als auch das Wohnen der ethischen Reflexion und fort­lau­fenden Korrektur.30Heidegger: BWD, a.a.O., S. 163. ↩︎Vgl. Heidegger: SuZ, a.a.O., S. 103. ↩︎Hasse, Jürgen: Was Räume mit uns machen – und wir mit ihnen. Kritische Phäno­me­no­logie des Raumes. Alber Verlag Freiburg und München 2014, S. 14. ↩︎Vgl. Hasse, Jürgen: Was bedeutet es zu wohnen? Anstöße zu einer Ethik des Wohnens. Baden-Baden 2023. ↩︎

„Schonung“ als Praxis der Sorge

Zukunfts­fä­higes Wohnen kann nur aus exis­ten­zi­eller Sorge in einer Praxis der Schonung gelingen. Seit der Mensch um die Limi­tiert­heit seiner Existenz weiß, wird er die Sorge um ein gelin­gendes Leben nicht mehr los. Sie darf aber nicht in die Maxi­mie­rung der Verbe­quem­li­chung indi­vi­du­ellen Lebens münden; vielmehr stellt sich die Aufgabe einer umfas­senden, mehr­di­men­sio­nalen Schonung. Das bedeutet zunächst ein zurück­tre­tendes Inne­halten. „Doch wohin könnten wir zurück­treten? In die erwar­tende Zurück­hal­tung“31, die dem unauf­hör­lich sich ausdeh­nenden Habitus des Nehmens entge­gen­träte und eine nach­denk­liche Haltung einnähme? Wenn Heidegger anmerkt: „Das Zuein­ander der vier ‚Stimmen des Geschicks‘ tönt nicht mehr“32, so klingt darin eine Diagnose zivi­li­sa­to­ri­schen Schei­terns an. Und tatsäch­lich hat insbe­son­dere die spät­mo­derne Praxis des Wohnens die Prin­zi­pien scho­nenden Bauens und mehr­di­men­sio­nalen Besorgens miss­achtet.Heidegger, Martin: Erläu­te­rungen zu Hölder­lins Dichtung. GA, Band 4, Frankfurt am Main 1981, S. 177. ↩︎Ebd., S. 178. ↩︎

Was Heidegger einst „Schonung“ nannte, würden wir heute (abseits leerer poli­ti­scher Phrasen) nach­hal­tige Lebens- und Wirt­schafts­weisen nennen, die zum einen am Rhythmus des Hier und Jetzt Maß nehmen, zum anderen danach trachten, der Zukunfts­fä­hig­keit der ganzen Erde gerecht zu werden. Mit Rücksicht auf Mensch und Natur gilt die Sorge der scho­nenden Hütung des Gevierts in seinem Wesen.33 Die Metapher des Hölder­lin­schen Gevierts umfasst die exis­ten­zi­ellen Bezugs­felder des Wohnens: Himmel und Erde, die Sterb­li­chen und die Gött­li­chen.Vgl. Heidegger: BWD, a.a.O., S. 153. ↩︎

Stadt-Umbau, Neubau EZB Frankfurt am Main 2013, Foto: Jürgen Hasse

Darin klingt das ganze Verhältnis an, aus dem sich der vitale Vortrieb allen Lebens speist, denn: „Das Tönen der Erde ist das Echo des Himmels.“34 „Erde“ ist darin die natura naturata, „Himmel“ die natura naturans, die „Gött­li­chen“ stehen für das auf Erden Uner­klär­liche, rätsel­haft Bleibende und zu Respek­tie­rende35, und die „Sterb­li­chen“ sind die Menschen, die nur dann einen „guten Tod“36 erwarten dürfen, wenn sie ein gutes Leben geführt haben. Am wenigsten ist Gott ein mythisch verklärter Menschen­retter im Himmel, viel mehr eine Falte der Imagi­na­tion im mensch­li­chen Leben: „Ob Gott Gott ist, ereignet sich aus der Konstel­la­tion des Seins und innerhalb ihrer.“37 Die Gött­li­chen bilden zusammen mit Himmel, Erde und den Sterb­li­chen eine Einheit. „Die Erde ist nur Erde als die Erde des Himmels, der nur Himmel ist, indem er auf die Erde hinab­wirkt.“38 Doch wer sichert den Gleich­klang der Welten­kräfte? Dies vermögen nur die Menschen, indem sie in ihrem bauenden Wohnen das Wesen des Gevierts verwahren39 und die Erde retten.Heidegger: GA, Band 4, a.a.O., S. 166. ↩︎Vgl. Figal: Heidegger, a.a.O., S. 139. ↩︎Ebd. ↩︎Heidegger, Martin: Die Kehre (zuerst 1962). In: Ders.: Die Technik und die Kehre, a.a.O., S. 46. ↩︎Heidegger: GA, Band 4, a.a.O., S. 161. ↩︎Vgl. Heidegger: BWD, a.a.O., S. 153. ↩︎

Das Programm der Sorge tritt allen Gesten ruinöser Natur­un­ter­wer­fung entgegen. Es folgt dem Ziel, „den Gestirnen ihre Bahn“40 zu lassen. Das kann nur gelingen, wenn die Menschen von ihren gewohnten konsu­mis­ti­schen Lebens­stilen zurück­treten – zugunsten der Sorge im Namen der Schonung. Nicht zuletzt, weil alles, was wir heute bauen, in die Zukunft voraus­wirkt. Es ist ein Moment von Vorsorge, das eines Tages Mögliche nicht schon heute durch die Zerstö­rung seiner Voraus­set­zungen zunichte zu machen. Das Entwerfen denkt dabei den Aufent­halt der Menschen an Orten als vorüber­ge­hendes Bleiben. Es darf das gute Morgen nicht verbauen.Ebd., S. 152. ↩︎

Die Menschen spät­mo­derner Gesell­schaften sind in zwei­di­men­sio­naler Hinsicht mobil: im Raum (durch allo­ka­tive Mobilität) und in der Zeit (durch fort­schritts­be­dingte Expansion ihrer Möglich­keiten). Folglich sitzt niemand endgültig in seinem In-der-Welt-sein fest – weder indi­vi­duell noch kollektiv. Tatsäch­lich diente das Wohnen nie dem süffigen Leben im Hier und Jetzt. Und so geht der Anspruch der Schonung im ubiqui­tären Wissen um ökolo­gi­sche Insta­bi­li­täten heute über das an nur einem Ort behauste Wohnen weit hinaus. Schon deshalb, weil kein Mensch lediglich in seinen eigenen vier Wänden wohnt. Aus diesem Grunde streicht Heidegger das Schonen als Grundzug des Wohnens heraus41 – eines Wohnens, das sich neben dem Haus die Stadt aneignet, die Land­schaft, die ferne Welt der Freizeit und über die indi­vi­du­elle und gesell­schaft­liche Teilhabe am globalen Waren­ver­kehr die ganze Erde. All dies gestern ganz anders als heute und heute anders als morgen.Vgl. ebd., S. 151 ↩︎

Prof. Dr. Jürgen Hasse lehrte – nach mehr­jäh­riger Lehr- und Forschungs­tä­tig­keit an den Univer­si­täten Oldenburg (Geografie) und Hamburg (Erzie­hungs­wis­sen­schaft) – von 1993 bis 2015 am Institut für Human­geo­gra­phie der Goethe Univer­sität Frankfurt am Main. Im Zentrum seiner jüngeren Forschungen und Publi­ka­tionen stehen phäno­me­no­lo­gi­sche Fragen zu Raum und Gesell­schaft, zum Mensch-Natur-Verhältnis und zur Ästhetik. Er ist Mitglied in Heraus­ge­ber­gre­mien sowie wissen­schaft­li­chen Beiräten verschie­dener Print- und Online­pu­bli­ka­tionen.

  1. VerwG 4 B 302 / 95 vom 25.03.1996. ↩︎
  2. Heidegger, Martin: Bauen Wohnen Denken (zuerst 1951). In: Ders.: Vorträge und Aufsätze, GA, Band 7, Frankfurt am Main 2000, S. 145 – 164, hier S. 150. ↩︎
  3. Ebd., S. 147. ↩︎
  4. Ebd., S. 160. ↩︎
  5. Ebd., S. 148. ↩︎
  6. Ebd., S. 159. ↩︎
  7. Vgl. Heidegger, Martin: Sein und Zeit (zuerst 1927). Tübingen 1993 (SuZ), S. 103. ↩︎
  8. Dürckheim, Karlfried Graf von: Unter­su­chungen zum gelebten Raum. Erleb­nis­wirk­lich­keit und ihr Verständnis. Syste­ma­ti­sche Unter­su­chungen II. In: Neue Psycho­lo­gi­sche Studien. Hgg. von Felix Krüger, 6. Band 1932. München, S. 383 – 480. ↩︎
  9. Minkowski: Die gelebte Zeit, a.a.O. ↩︎
  10. Heidegger: SuZ, a.a.O., S. 350. ↩︎
  11. Vgl. Figal, Günter: Martin Heidegger zur Einfüh­rung. Hamburg 1992, S. 141. ↩︎
  12. Heidegger, Martin: Beiträge zur Philo­so­phie. Vom Ereignis. GA, Bd. 65, Frankfurt am Main 1989, S. 30. ↩︎
  13. Zur Lippe, Rudolf: Zeit-Ort im post-eukli­di­schen Zeitalter (zuerst 1997). In: Hasse, Jürgen / Robert Josef Kozljanič (Hg.): V. Jahrbuch für Lebens­phi­lo­so­phie, München 2010, S. 109 – 120, hier S. 111. ↩︎
  14. Heidegger: GA, Band 65, a.a.O., S. 385. ↩︎
  15. Vgl. Figal: Heidegger, a.a.O., S. 142. ↩︎
  16. Heidegger: SuZ, a.a.O., S. 198. ↩︎
  17. Heidegger zit. bei Vetter, Helmuth: Grundriss Heidegger. Ein Handbuch zu Leben und Werk. Hamburg 2014, S. 343. ↩︎
  18. Vgl. ebd., S. 199. ↩︎
  19. Heidegger, Martin: Die Grund­pro­bleme der Phäno­me­no­logie (1927). Frankfurt am Main 1975, S. 394. ↩︎
  20. Heidegger: BWD, a.a.O., S. 152. ↩︎
  21. Heidegger, Martin: Die Frage nach der Technik (zuerst 1954). In: Ders.: Die Technik und die Kehre, Stuttgart 2002, S. 5 – 36, S. 23. ↩︎
  22. Sloter­dijk, Peter: Die Reue des Prome­theus. Von der Gabe des Feuers zur globalen Brand­stif­tung. Berlin 2023: Suhrkamp, S. 20. ↩︎
  23. Vgl. Heidegger: Die Frage nach der Technik, a.a.O., S. 15. ↩︎
  24. Sloter­dijk: Die Reue des Prome­theus, a.a.O., S. 10 ↩︎
  25. Heidegger: SuZ, a.a.O., S. 194. ↩︎
  26. Heidegger, Martin: Was heißt Denken? (zuerst 1951 / 52). Tübingen 1997, S. 59. ↩︎
  27. Heidegger: BWD, a.a.O., S. 163. ↩︎
  28. Vgl. Heidegger: SuZ, a.a.O., S. 103. ↩︎
  29. Hasse, Jürgen: Was Räume mit uns machen – und wir mit ihnen. Kritische Phäno­me­no­logie des Raumes. Alber Verlag Freiburg und München 2014, S. 14. ↩︎
  30. Vgl. Hasse, Jürgen: Was bedeutet es zu wohnen? Anstöße zu einer Ethik des Wohnens. Baden-Baden 2023. ↩︎
  31. Heidegger, Martin: Erläu­te­rungen zu Hölder­lins Dichtung. GA, Band 4, Frankfurt am Main 1981, S. 177. ↩︎
  32. Ebd., S. 178. ↩︎
  33. Vgl. Heidegger: BWD, a.a.O., S. 153. ↩︎
  34. Heidegger: GA, Band 4, a.a.O., S. 166. ↩︎
  35. Vgl. Figal: Heidegger, a.a.O., S. 139. ↩︎
  36. Ebd. ↩︎
  37. Heidegger, Martin: Die Kehre (zuerst 1962). In: Ders.: Die Technik und die Kehre, a.a.O., S. 46. ↩︎
  38. Heidegger: GA, Band 4, a.a.O., S. 161. ↩︎
  39. Vgl. Heidegger: BWD, a.a.O., S. 153. ↩︎
  40. Ebd., S. 152. ↩︎
  41. Vgl. ebd., S. 151 ↩︎
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