Belebte Substanz

Buch der Woche: Umgebaute Bauern­häuser im Bregen­zer­wald

Wer vom Bodensee aus kommend Bregenz in Richtung Dornbirn verlässt und von dort den Berg hinauf fährt, findet sich bald in einer schönen Land­schaft wieder. Noch nicht wirklich alpin, aber deutlich bergig, bewaldete Hänge und saftig grüne Weiden bilden den Vorder­grund für schroffe Gipfel: der Bregen­zer­wald. Als Teil Vorarl­bergs wissen nicht nur Touristen diese Land­schaft und das damit einher­ge­hende Frei­zeit­an­gebot zu schätzen, auch Archi­tekten ist der Norden Öster­reichs inzwi­schen seit einigen Jahren ein fester Begriff auf der baukul­tu­rellen Landkarte.

Diverse Archi­tek­tur­büros haben sich einen Namen gemacht, die hier bauliche Tradi­tionen, hand­werk­li­ches Können und entwer­fe­ri­sche Klasse zu orts­spe­zi­fi­schem Bauen verbinden. Teil dessen war und ist auch die Umnutzung alter Bauern­häuser. Orts­ty­pisch findet man diese im Bregen­zer­wald in Holz und auf stei­nernen Sockeln gebaut. Für das im Programm der DVA verlegte Buch „Belebte Substanz. Umgebaute Bauern­häuser im Bregen­zer­wald“ haben Florian Aicher und Hermann Kaufmann 17 solcher umge­bauter Häuser zusam­men­ge­tragen. Die beiden Autoren werden ihrem jewei­ligen Ruf mit diesem Buch mehr als gerecht. Aicher, der schrei­bende Architekt mit Sitz im Allgäu, kennt sich aus in der Region und der Materie. Das zeigen seine profunden Texte zum Thema. Kaufmann ist mit seinem eigenen Büro seit 1983 Teil des Vorarl­berger Archi­tek­tur­ge­sche­hens und als Inhaber des Lehr­stuhls für Entwerfen und Holzbau an der TU München ausge­wie­sener Fachmann für das Bauen mit Holz.

Das Buch überzeugt in doppelter Hinsicht. Zum einen ist die Projekt­aus­wahl gut. Zum anderen verfügt es über ein lehr­rei­ches Glossar. Einge­leitet wird das Thema mit Essays von Aicher, Kaufmann, Hermann Hagspiel und Erich Reiner topo­gra­fisch und typo­lo­gisch wie auch ener­ge­tisch und technisch. Allesamt sind es lesens­werte Texte. Die folgenden ausge­wählten 17 Bauten sind nicht nur schön und quali­tativ hoch­wertig umgebaut und instand­ge­setzt, die repor­ta­ge­ar­tigen Erläu­te­rungs­texte lesen sich kurz­weilig, ergänzt werden sie um wohl gesetzte Fotos und Plan­zeich­nungen. Abge­rundet wird die rund 200 Seiten starke Publi­ka­tion durch einen ebenso infor­ma­tiven wie gut aufbe­rei­teten Anhang. Dieses Glossar versam­melt Erläu­te­rungen zu Gestal­tung, Haus­ty­po­logie, Raum­ord­nung, Bauteilen und ‑stoffen, Bautechnik, Sanierung und Bauphysik und einen Schwer­punkt zum Thema Holz.

In dieser Rund­um­schau wird „Belebte Substanz“ zu einer echten Empfeh­lung – nicht nur für Studie­rende, sondern auch für Archi­tek­tinnen und Archi­tekten, die sich mit Bauen mit Holz beschäf­tigen. Dass Hermann Kaufmann sich damit auskennt, hat der Architekt nicht nur mit eigenen Bauten und Büchern unter Beweis gestellt, sondern auch mit der Ausstel­lung „Bauen mit Holz. Wege in die Zukunft“. Die Schau  – bereits in München und Wien zu sehen – läuft ab 21. Oktober bis 15. Januar 2017 im Berliner Martin-Gropius-Bau und wird in Zusam­men­ar­beit mit dem Deutschen Archi­tektur Zentrum DAZ veran­staltet, wo im Rahmen­pro­gramm der Ausstel­lung zwei Y‑Table-Talks zum Thema „Bauen mit Holz“ statt­finden.

David Kasparek

Florian Aicher, Hermann Kaufmann: Belebte Substanz. Umgebaute Bauern­häuser im Bregen­zer­wald, gebunden im Pappband, 200 S., mit 260 Farbfotos und 350 Plan­zeich­nungen, DVA Archi­tektur, München 2015, 49,99 Euro, ISBN 978–3‑421–04002‑2