Bequem­lich­keit

Das Deutsche Welle-Hochhaus in Köln wird gesprengt

Das höchste Hochhaus, das in Europa jemals gesprengt werden wird, steht (noch) in Köln. Mit diesem bitteren Rekord wird das Deutsche Welle Hochhaus bald in die Geschichte eingehen. Schon seit 2003 leer stehend, wurden die Umnut­zungs­vor­schäge in den letzten Jahren zunehmend von konkreten Rückbau- und Neubau­plänen abgelöst. Im Juli 2013 wurde der geplante Abriss bereits vermeldet, seit Ende Mai 2015 ist nun bekannt: Das Doppel­hoch­haus soll 2016 gesprengt werden. Auf dem frei werdenden Areal wollen die Inves­toren „Bauwens Deve­lo­p­ment“ und „Die Wohn­kom­panie“ aus Düssel­dorf bis zu 750 Wohnungen, eine Kinder­ta­ges­stätte sowie Büro­ge­bäude errichten. Für die Neube­bauung des Geländes hatte die Eigen­tü­mer­ge­sell­schaft einen Archi­tek­ten­wett­be­werb ausgelobt, dessen Ergeb­nisse bereits vorliegen.

Die Planungs­gruppe Stieldorf erschuf mit dem Büro- und Sende­studio-Haus für die Deutsche Welle zwischen 1974 und 1980 ein auffäl­liges, weithin sicht­bares Zeichen: Mit seinen 138 Metern ist es das fünft­höchste Gebäude Kölns und überragt zusammen mit der Anlage des Deutsch­land­funks, das etwa zeit­gleich von Gerhard Weber + Partner errichtet wurde, seine Nachbarn um ein Viel­fa­ches. Auf einem breit gela­gerten Unterbau erhebt sich das Turm­ensemble, das nicht nur in Höhe und Propor­tion, sondern auch in seiner auffäl­ligen Farb­ge­bung diver­giert. Tatsäch­lich besteht das Hochhaus aus drei Türmen: Ein 37-Geschosser mit grün-blauen Fassa­den­ele­menten, der die Büros der Studio­mit­ar­beiter beher­bergte; ein 22-geschos­si­gerer, breiterer Turm für die Sende­stu­dios mit kontrast­rei­cher rot-orange-gelber Fassade und der zwischen diesen beiden Türmen befind­liche Aufzugs­turm, der konstruktiv unab­hängig von den anderen und mit diesen durch schmale Stege verbunden ist.

Derzeit berichten die Kölner Regio­nal­me­dien vor allem über die Art des Abrisses, und der wird sich in der Tat recht kompli­ziert gestalten: Da das Gebäude mit Spritz­asbest und Mine­ral­fa­sern belastet ist, muss es vor seiner Sprengung erst umfang­reich entkernt werden. Auch die Sprengung selbst ist nicht unge­fähr­lich, befindet sich doch das Deutsch­land­funk­haus in nur 35 Metern Entfer­nung. „Die Spreng­la­dungen sollen zwischen Mitte und Ende 2016 an einem Sonntag um 10 Uhr gezündet werden, weil zu dieser Zeit erfah­rungs­gemäß am wenigsten los sei“, meldet der Kölner Stadt­an­zeiger. Die Entker­nungs­ar­beiten werden noch in diesem Jahr beginnen.

Bereits im November 2014 hatte der BDA Köln einen Workshop unter dem Titel „Ressource Stadt“ durch­ge­führt, der expe­ri­men­telle Umnut­zungs- und Weiter­bau­ideen hervor­brachte. So wurde beispiels­weise vorge­schlagen, die Villen des Stadt­teils Mari­en­burg in den Türmen ins Vertikale wachsen zu lassen. Auch ein nach Erfah­rungen mit dem Hamburger Referenz-Objekt ein wenig naiv anmu­tender Vorschlag eines Einbaus biore­ak­tiver Fassa­den­ele­mente an den „Neue Deutsche Welle Algae Tower Cologne“ wurde dabei unter­breitet.

Noch steht die behörd­liche Geneh­mi­gung für die Sprengung aus. Völlig fraglich bleibt jedoch, wieso der asbest­freie Zustand, der vor einer Sprengung erreicht werden muss, nicht für einen Um- oder Weiterbau taugen soll. Die fraglose Asbest­be­las­tung des Bestands­baus als Grund gegen eine Weiter­nut­zung wäre im Moment des Errei­chens eines spren­g­reifen Zustands doch dann obsolet. So aber entstehen Kosten durch einen immens aufwen­digen Rückbau, der in einer spek­ta­ku­lären Sprengung gipfeln wird, de facto aber Unmengen Energie pulve­ri­siert.

Schließ­lich verschwindet mit dem Deutsche-Welle-Hochhaus ein weiterer markanter Hoch­hausbau der 1970er-Jahre, die Stadt entledigt sich auf vermeint­lich einfache Art eines baulich unbe­quemen Zeit­zeugen. Obschon die Ausgangs­lagen bei allen Projekten unter­schied­lich waren, ähnelt der Umgang mit dem Ensemble im Kölner Viertel Raderthal frap­pie­rend den Fällen des Lufthansa-Hoch­hauses am Deutzer Rheinufer und des ehema­ligen Hauses der Deutschen Industrie am Gustav-Heinemann-Ufer. Alle drei Bauten sind – oder waren – Para­de­bei­spiele für ebenso zeit­geis­tige wie im Stadtraum unbequeme Zeugnisse einer Archi­tek­tur­epoche. Sie einfach aus dem Stadtbild zu tilgen, erscheint der Angst vor diesen schwie­rigen Bauten glei­cher­maßen zu entspringen wie einem voraus­ei­lenden Gehorsam poten­ti­eller Inves­toren. Und so gehen Verwal­tung und Inves­toren auf der Suche nach kurz­fris­tiger Rendite Hand in Hand vor.

Den Chancen und Poten­tialen des Areals, das nun von „Bauwens Deve­lo­p­ment“ und der „Wohn­kom­panie“ beplant werden wird, widmet sich am kommenden Montag, den 22. Juni, auch das Montags­ge­spräch des BDA Köln. Dabei wird unter anderem die Frage der Bebau­ungs­dichte verhan­delt werden. Um finan­zie­rungs­si­cher und damit wirt­schaft­lich handeln zu können, müssen die Inves­toren auf dem 5,5 Hektar großen Grund­stück 750 Wohn­ein­heiten reali­sieren. Zum Vergleich: auf dem schon recht dicht bebauten Clouth-Gelände werden 1.000 Wohnungen reali­siert – auf 15 Hektar Fläche.

Juliane Richter und David Kasparek

Fotos: David Kasparek, Eckhard Henkel, CC BY-SA 3.0 DE (via Wikimedia Commons), Raimond Spekking, CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), Astoc Archi­tects and Planners

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