Bilder, Fundstücke, Traditionen und Fiktionen
Die Architektur von Terunobu Fujimori
Auf eine profunde und zugleich anregende Reise durch das Wirken, die gedankliche Entwicklung und die gebaute Architektur des japanischen Architekten Terunobu Fujimori führt uns die Architektin Susanne Kohte. Fujimori greift in seinen Entwürfen Bilder und Versatzstücke traditioneller japanischer Architektur auf – ebenso wie Mythen und Fiktionen – und transformiert sie in eigenwilligen, teils neo-dadaistisch inspirierten Neukompositionen. So bereichert sein Werk seit Jahrzehnten den japanischen wie internationalen Architekturdiskurs und fordert den europäischen Blick auf japanische Baukunst und deren Klischees heraus.
Gebäude von Terunobu Fujimori fallen auf. Es sind einprägsame Bilder seiner Teehäuser, Onsens, Museen und Wohnhäuser, die sie bekannt gemacht haben. Die Gebäude auf den Bildern wirken fremd und doch vertraut. In der Architektur scheinen bekannte alte japanische Traditionen weitergeführt worden zu sein. Auch alte vernakuläre Architektur sowie Archetypen scheinen auf. Die Gebäude wirken archaisch, fantasie- und humorvoll, mitunter erinnern sie an Bilder aus Mangas oder an Kinderbilder. Die Architektur scheint naiv und traditionell zu sein, der Architekt außerhalb des Architekturdiskurses zu stehen. Der Schein trügt auf vielfältige Weise.

Terunobu Fujimori steht keineswegs außerhalb des Architekturdiskurses. Bis zu seiner Emeritierung war er Professor für Architekturgeschichte an der University of Tokyo und ist seit 2016 Direktor des Edo-Tokyo Museums. Durch seine Publikationen und Fernsehauftritte zu Architektur und Kunst ist er in Japan bekannt und eine wichtige Stimme im Architekturdiskurs. Erst 1991, mit 45 Jahren – er war als Architekturhistoriker bereits bekannt – begann er Häuser zu realisieren. Interessant ist, dass gerade seine Beschäftigung mit Architekturgeschichte, Kunst und Architekturdiskurs hinter seiner Architektur und seinem Umgang mit Bildern steht.
Architekturgeschichte und Neodada: Suchen und Staunen

Terunobu Fujimori schloss 1971 sein Architekturstudium an der Tohoku University ab, in einer Zeit des Umbruchs mit Studentenprotesten und Infragestellung von Autoritäten. In der Kunst formierten sich Neodada-Gruppen wie das Hi-Red Center, das mit Happenings das Absurde und die Einheit von Kunst und Leben feierte. Auch in der Architektur wurden Autoritäten und Gewissheiten hinterfragt. Studierende wandten sich von der Nachkriegsmoderne und den Metabolisten ab. Eine Vielzahl von Möglichkeiten schien offen und viele junge Architekten begannen neu. Aus dem Bekanntenkreis von Fujimori gründeten sich Büros wie das Atelier Zō (später Team Zoo) oder der Dam-Dan Space Workshop (später Osamu Ishiyama Laboratory) und begannen zu experimentieren.
Fujimori wandte sich zunächst von der Architektur ab, beschäftigte sich mit Architekturgeschichte und promovierte an der Tokyo University zum Thema „Stadtplanung in der Meijizeit“. Er interessierte sich für damals wenig geschätzte neue Ansätze, merkwürdige Mischformen und Pastiches, die in der schnellen Modernisierung Japans nach dessen erzwungenen Öffnung in der Meijizeit (1868 – 1912) entstanden waren. 1975 gründete er mit Takeyoshi Hon die „Tokyo Architecture Detective Agency“. Sie durchstreiften die Straßen Tokios auf der Suche nach Gebäuden der Meijizeit, die von japanischen Architekten oft im mehr oder weniger westlichen Stil gebaut wurden und zum Teil merkwürdig wirkten. „We found joy in discovering the odd things scattered about the streets, unnoticed by others“1. Die Funde dokumentierten sie mit Zeichnungen, Fotos und humorvollen Essays. Ihr Buch „Die Abenteuer der Architekturdetektive: Region Tokio“ (Tokio 1986) wurde von Tetsuo Masuda herausgegeben, der sie mit Genpei Akasegawa, Mitbegründer der Neodada-Gruppe Hi-Red Center, bekannt machte.Terunobu Fujimori: Nihon no kidai kenchiku, in: Igarashi Taro; Contemporary Japanese Architecture, Tokio 2018. ↩︎
Auch Akasegawa interessierte sich für das Merkwürdige, inspiriert von der Modernologio Wajiro Kons und Kenkichi Yoshidas aus den 1920er-Jahren, in der (fast) alles kartiert wurde: Wohnhäuser, Ladenfassaden, schlafende Menschen, zerbrochene Fenster oder Ameisenstraßen. Modernologio verband die dadaistische Lust am Absurden mit der Idee, dass Kunst und Leben untrennbar sind – dass alles Kunst ist. 1970 begann Akasegawa mit Masuda und Kunststudenten der Bigakko-Schule, absurde und alltägliche Objekte in Tokio zu dokumentieren. In Anlehnung an Duchamps Readymades interessierten sie sich für Dinge ohne Funktion. 1972 entdeckten sie sinnlose Treppen, die Akasegawa zu einer neuen Kunstgattung erklärte und 1982 „Thomasson“ nannte. Die Thomasson-Objekte wurden bald populär – mit Bustouren und TV-Berichten.

In ihrem Interesse für Merkwürdiges geeint, gründeten Fujimori und Akasegawa mit Masuda und weiteren 1986 die Rojo Kansatsu Kurabu, kurz ROJO (Street Observation Society): Sie verbanden Modernologio mit Neo-Dada. Im Fokus ihrer Untersuchungen standen Objekte ohne Intention: „The ‚things‘ the Society sought after exist in another realm that deviates from the boundaries of intention – traces and (by)products of incidents or accidents that, instead of being produced, await to be discovered and documented as inconsumable totems“2. Für ROJO waren diese Dinge mehr als Readymades. Sie sahen darin anarchische Abweichungen von der herrschenden Ordnung mit Funktions‑, Harmonie- und Verwertungdruck – mit dem Potenzial, frisches Denken zu ermöglichen. Die Funde reichten von architektonischen Objekten bis zu Alltagsgegenständen, die sich neu deuten ließen. Mit Humor und Sinn für das Absurde und Übersehene forschte Fujimori über 20 Jahre mit ROJO. Sie publizierten ihre Entdeckungen und wurden in Japan bekannt.Terunobu Fujimori (Übersetzung Thomas Daniell), Under the Banner of Street Observation, Fourty-Five, Vol. 2, Chicago 2016. ↩︎
Neben seiner Tätigkeit als Architekturhistoriker und ROJO-Mitglied blieb Terunobu Fujimori als „Architectural Detective“ auf der Suche nach Gebäuden, die ihn durch ihre Eigentümlichkeit interessieren, ihn staunen oder lachen ließen. Was während seiner Promotion zur Meiji-Zeit in Tokio begann, weitete er später weltweit aus, mit Reisen durch Japan, Asien und Europa – von Norwegen bis Südportugal. Auf der Biennale 2006 zeigte er acht solcher Gebäude, die ihm auch als Inspiration dienen. Seine Suche führte ihn nicht nur zu realen Bauten, sondern auch zu architektonischen Fantasien in Gemälden, etwa von Hieronymus Bosch, Pieter Bruegel oder Jan van Goyen.

Was all diese Gebäude für Fujimori verbindet, sind ihre Eigenheiten, ihre Nähe zur Natur und das Skurrile, Absurde oder Archaische, das ihn staunen lässt. Schönheit ist für ihn kein Kriterium: „Things, that are beautiful are no good“3. Ihn interessiert das Unvollkommene, weniger im Sinne von Wabi-Sabi, eher im Geist von ROJO und Dada. Auch seine Faszination für alltägliche, vernakuläre Architektur und das Objekt an sich ist mit ROJO verbunden.Terunobu Fujimori: Showa Jutaku monogatar. Shin Kenchiku, 1990, In Igarashi Taro; Contemporary Japanese Architecture, Tokio 2018. ↩︎
Fujimori nimmt seine gesammelten Gebäude als Inspiration für seine eigene Architektur, die er als „international vernacular“4 bezeichnet, wohl wissend, dass er als Architekt keine vernakuläre Architektur baut. Ihn interessiert daran aber die Nähe zu handwerklich und alltäglich geprägter Architektur, die Arbeit mit Inspirationen aus der ganzen Welt und die Positionierung außerhalb des Architekturdiskurses, der Stile und Konventionen. „Meine Entwürfe sollten weder einem bereits bestehenden Stil irgendeines Landes noch dem Werk irgendeines japanischen Architekten ähneln.“5 Er möchte eine Architektur, die eigenständig ist, außerhalb der allgemeinen Ordnung und Konventionen steht – und Freude macht. „My work is all about keeping the fun of childhood alive.“6https://qanda.salon/Panel‑7 ↩︎Terunobu Fujimori: Meine Architektur, in: Terunobu Fujimori Architekt, Hrsg. Michael Buhrs, Hannes Rössler, München 2012, S. 41. ↩︎https://www.communedesign.com/post/terunobu-fujimoris-poesy/ (1.11.2018) ↩︎

Diese Haltung spiegelt sich in vielen seiner Bauten. Beim Lamune Onsen (2005) in Nagayu Naoiri-machi etwa greift er das Motiv des Shibamune – gepflanzte Bäume auf Dächern – aus ländlichen Gegenden Japans und Frankreichs auf und baut das Onsen mit einer eigenen, fast kindlich märchenhaften Formgebung. Auch beim Takasugi-an (Zu hohes Teehaus, 2004) in Chino erkennt man Anklänge an seine gesammelten Gebäude und Bilder, etwa an eine Architekturphantasie von van Goyen oder an ein Baumhaus in England, und seine Lust am Skurrilen und Rauen, nicht Eleganten oder Schönen. Er baut eine ganz eigene bildhafte Welt.
Bilder von Traditionen und Diskurse: Erfindungen und Zitate
Fujimori arbeitet und spielt mit Bildern, auch mit Bildern von Traditionen in Japan. In seinem ersten Gebäude, dem Jinchōkan Moriya Historical Museum (1991) in seiner Heimatstadt Chino, erfindet er sogar Bilder einer Architekturtradition, die es so nie gab. Chino ist seit der Jōmon-Zeit (circa 14.000 – 300 v. Chr.) besiedelt und reich an kulturellem Erbe. Funde wie die „Jōmon no Venus“ und der Suwa-Taisha, einer der ältesten Schreine Japans, zeugen davon. Die Geschichte des Suwa-Taishas reicht laut Legende bis in die Jōmon-Zeit zurück; belegt ist seine erste Erwähnung 712. Glaube und Riten des Schreins sind stark von der Natur geprägt, alle sechs Jahre wird das „Onbashira“-Fest gefeiert, bei dem Baumstämme aus den Bergen geholt und aufgerichtet werden. Die Ausübung der Riten lag beim Jinchōkan, einem rituellen Amt, das vom 11. Jahrhundert bis in die Meiji-Zeit von der Familie Moriya besetzt wurde. Die Familie Moriya bat Fujimori, ein Museum für ihre Sammlung zu entwerfen – von schamanisch geprägten bis zu schintoistischen Ritualgegenständen und Schriften.

Fujimori übernahm den Entwurf mit dem Ziel, ein Gebäude zu schaffen, das den Glauben der Familie mit der Verbindung zur Natur und zu alten Riten widerspiegelt. „Das Museum sollte die Glaubensriten der Zeit der Jäger und Sammler und der Steinzeit zum Ausdruck bringen“7. Ein „modernes“ Gebäude aus Sichtbeton, Stahl oder Glas kam für ihn ebenso wenig infrage wie ein Gebäude in einem historischen Stil, da die traditionellen Häuser der Region weit nach der Jōmonzeit entstanden waren und in dieser Epoche nur kleine Unterkünfte errichtet wurden. Fujimori entwarf daher eine Architektur, die keiner realen Tradition entsprach, aber Bilder einer archaischen Tradition evozierte.Terunobu Fujimori: Meine Architektur, in: Terunobu Fujimori Architekt, Hrsg. Michael Buhrs, Hannes Rössler, München 2012, S. 39. ↩︎
Das Museum besteht aus einfachen Kubaturen, einem niedrigeren Baukörper, der an vernakuläre Architektur erinnert, und einem höheren Turm. Geneigte Wände scheinen von Kräften und Lehmbau zu erzählen. Vor dem Eingang durchstoßen vier Baumstämme das Dach, eine Anspielung auf die „Onbashira“ der Schreinfeste. Fujimori wollte, dass die Materialien natürlich und rau erscheinen, um an archaische Zeiten zu erinnern. Der Turm, errichtet aus Beton, sollte daher so wirken, als wäre er aus Lehm gebaut: Er verkleidete die abgeschrägten Wände mit in Erdtönen gefärbtem und mit Stroh vermengtem Putz. Für die Holzverkleidung verwendete er gespaltenes, statt gesägtes Holz. Auch innen dominieren rau und unbehandelt wirkende Materialien: Holz, erdfarbener Putz und geschmiedetes Eisen. Die Räume mit ihren extremen Proportionen inszenieren einen Weg durch das Gebäude, der über eine Zugbrücke zu den oberen Ausstellungsräumen führt und ihren Wert zu überhöhen scheint.

Fujimori spielt mit Bildern und Assoziationen: Materialwahl und Bauweise erinnern an alte handwerklich geprägte Architektur und evozieren eine archaische Welt. Er greift vertraute Motive auf und kombiniert sie neu. Die einzigen Versatzstücke mit Bezug zu Traditionen aus der realen Geschichte sind die Zugbrücke, ein Zitat von Zugbrücken aus Burgen des europäischen Mittelalters, und die Baumstämme vor dem Eingang, die die Bäume des „Onbashira“-Festes zitieren.
Nach seinem ersten Projekt baute Fujimori 1995 ein Haus für sich selbst: das Tanpopo House (Löwenzahnhaus). Am Zusammenspiel von Natur und Architektur interessiert, entwarf er ein Haus, aus dessen Wänden sowie Dach Pflanzen wachsen und griff auf Bilder vernakulärer und eigenwilliger Architektur aus seiner Sammlung zurück. 1997 folgte das Nira-Haus (Schnittlauchhaus) für seinen Freund Genpei Akasegawa, ein Holzhaus mit Teeraum und Schnittlauch auf dem Dach. Auch bei diesem Gebäude arbeitet er mit Bildern vernakulärer Architektur, hier mit Bezug zu amerikanischen Saltbox-Häusern des 17. und 18. Jahrhunderts und ihrer Interpretation durch Antonin Raymond. Eine Gruppe von Freunden, die er später Jōmon-Company nannte, führte Teile des Baus aus, von Fujimori ausdrücklich zu rauer, ungenauer Arbeit ermutigt. Bei den beiden Gebäuden entsteht etwas Eigenes, eine eigenwillige Formensprache und Architektur, die Platz für Assoziationen lässt.
Für das Nira-Haus erhielt Fujimori 1997 den renommierten Japan Art Grand Prix und schaffte es damit, innerhalb kurzer Zeit in Japan als Architekt anerkannt zu werden. Mit neuen und eigenständigen Ansätzen, die in Japan geschätzt wurden, war er nicht allein, auch Weggefährten wie Osamu Ishiyama, Atelier Zoo oder Ryoji Suzuki gingen ab den 1970er-Jahren ganz eigene Wege abseits von Konventionen und wurden in Japan bekannt. Doch nur Fujimori wurde auch international anerkannter. Eine Rolle spielen dabei auch die Bilder und Versatzstücke japanischer Traditionen in seinem weiteren Werk.
2003 baute Fujimori für den ehemaligen Premierminister Morihiro Toyotomi sein erstes freistehendes Teehaus, das Ishiya-tei (One-Night Teahouse). Es folgten 2004 das Takasugi-an („Zu hohes Teehaus“) in Chino und 2006 das Chachitsu Tetsu (Teehaus Tetsu). Fujimori sagt dazu: „Teezeremonie selbst interessiert mich nicht. Über minimale Architektur, für die ich die Bezeichnung Teehaus benutze, habe ich nur gearbeitet, um nach der Essenz der Architektur zu suchen“8. Aber er arbeitet mit klar erkennbaren Versatzstücken der Tradition japanischer Teehäuser: dem kleinen Eingang, bestimmten Fensterformen, krummen, „unvollkommenen“ Hölzern im Sinn des Wabi-Sabi und Materialien mit rauer, einfacher Anmutung.Terunobu Fujimori: Meine Architektur, in: Terunobu Fujimori Architekt, Hrsg. Michael Buhrs, Hannes Rössler, München 2012, S. 49. ↩︎
Viele der Teehäuser Fujimoris wurden von der Jōmon-Company realisiert. Mit dem Namen dieser Gruppe bezieht er sich auf die Zeit des Jōmon sowie auf langjährige Debatten zur „japanischen Architektur“ und ihren Bezügen zu weit zurückliegenden Traditionslinien: Die Debatte begann nach der Öffnung Japans in den 1860er-Jahren. Nach der Kapitulation im Zweiten Weltkrieg stellte sich erneut die Frage nach einer „japanischen“ Architektur und ihren Bezügen zu alten Traditionen. Im Zentrum der Debatten standen zwei frühe Kulturen: die als populär-volkstümlich verstandene Jōmon-Kultur (ca. 14.000 – 300 v. Chr.) und die eleganter konnotierte Yayoi-Kultur (ca. 300 v. Chr. – 300 n. Chr.). Letztere wurde mit der Ästhetik der Villa Katsura, modernen Bauten wie dem Japan-Pavillon der Pariser Weltausstellung 1937 von Junzō Sakakura und später auch mit Bauten Mies van der Rohes assoziiert. Die Jōmon-Kultur dagegen wurde mit dem Iseschrein, Bauten wie Maekawas Bunka Kaikan (1961) und später Le Corbusier in Verbindung gebracht. Diese Zuordnungen sind Fiktionen, doch sie prägten den Diskurs. Fujimori verbindet Jōmon mit dem, was er als „rote“ Architektur bezeichnet: „Für mich gibt es zwei Arten von Architektur: ‚weiße‘ Architektur, die glatt, geschmeidig und abstrakt ist. (…) Dann gibt es aber auch ‚rote‘ Architektur, die rau, individualistisch und primitiv ist. Ich denke, dass wir rot werden müssen, um als Menschheit zu überleben. Mein Werk ist tiefstes Blutrot.“9Trojanisches Teehaus to-go – im Gespräch mit Terunobu Fujimori. In: DETAIL. 7 + 8, 2012. ↩︎
Es mag irritierend erscheinen, wenn Fujimori in der Gestaltung der Stein- und Bronzezeit eine Zukunft für die Architektur sieht und auf Versatzstücke und Assoziationen lang vergangener Traditionen zurückgreift. Doch in der modernen japanischen Architektur ist das nicht ungewöhnlich: Kenzo Tange etwa bezog sich in seinen Schriften und Bauten auf Jōmon oder Yayoi und Sachio Otani etwa zitiert den Iseschrein im Kyoto International Conference Center 1964.

Zwar kritisiert Fujimori das Arbeiten mit Versatzstücken japanischer Tradition: „I don’t use shoji (paper screen) and bamboo because they evoke the ‚Ah, this is Japan!‘ kind of feeling.“10 Aber er bedient sich selbst an Bildern und Versatzstücken japanischer Traditionen in seinen Gebäuden mit Formen, Material oder auch durch die Inszenierung seiner Gebäude auf Fotos, etwa eines Teehauses zwischen blühenden Kirschbäumen. In seinen späteren Gebäuden erhalten Bilder von japanischen Traditionen sowie märchenhafte und archaische anmutende Motive eine größere Präsenz als in seinen frühen Arbeiten – mit Folgen.https://jp.toto.com/publishing/pav_tokyo2020/pt190912/index_e.htm ↩︎
Rezeptionen und Fragen
In Japan wurde Fujimoris Architektur durch ihre auffallenden und eingängigen Bilder bekannt. Große Unternehmen wie die Taneya Group, einer der führenden Hersteller von Süßwaren und Konditorengebäck in Japan, nutzen sie als Corporate Architecture. 2015 entstand der Flagship-Store La Collina in Ōmi-Hachiman11. Von der dadaistischen Freude an anarchischen Abweichungen von der herrschenden Ordnung, dem Funktions- und Verwertungsdruck früherer Arbeiten, scheint diese Architektur weit entfernt.In Zusammenarbeit mit Marco de Lucci. ↩︎
Mit der Präsentation der Architektur Fujimoris 2006 im japanischen Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig erlangte sie internationale Bekanntheit. Es folgten zahlreiche Einladungen zu Teehausprojekten in Museen. Seine Bauten wurden in vielen Ausstellungen und Publikationen gezeigt und oftmals mit Bezug zu japanischer Tradition rezipiert. Ein interessantes Beispiel ist die Rezeption der Yagisuki-Technik der verkohlten Bretter, die Fujimori in einigen Gebäuden nutzt. Sie erfreut sich steigender Beliebtheit bei Architekten und wird in Zeitungen teils als sehr alte japanische Tradition beschrieben, die schon im 15. Jahrhundert in Nara verwendet wurde.12 Tatsächlich ist Yagisuki aber eine lokale Tradition in Teilen Westjapans, die erst zu Ende der Edoperiode aufkam, kurz vor der Öffnung und Modernisierung Japans. Dass es eine sehr alte Tradition in ganz Japan sei, hat Fujimori nie behauptet, diese Fiktion entstand erst mit der westlichen Rezeption.https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/immobilienwohnen/japanische-holzfassaden-schwarz-entflammt-17156007.html ↩︎

Die Wahrnehmung der Architektur Fujimoris im Westen ist eng verbunden mit dem hiesigen Bild japanischer Architektur, weniger mit seinem neo-dadaistischen Hintergrund. Bilder japanischer Architektur im Westen haben eine lange Tradition: mit eleganten, hellen Holzbauten, klarer Formensprache, kunstvollen Teehäusern und feinen Details – je bezogen auf historische Traditionen. Die Authentizität im Umgang mit Tradition wird in Europa als Wert geschätzt und zum Teil auch auf Japan projiziert. Vor diesem Hintergrund irritiert Fujimoris Architektur und wirkt fremd, wenn sie als Ausdruck „japanischer Tradition“ gelesen wird, da sie mit Bildern und Versatzstücken von Traditionen sehr spielerisch und fiktional umgeht.
Doch so wie in Japan gibt es auch in Europa die Aufnahme von Bildern lang vergangener Epochen in der Architektur, ebenso wie erfundene Traditionen und Bilder. Im Buch „The Invention of Tradition“ zeigen Hobsbawm und Ranger dazu auf, dass „Traditions which appear or claim to be old are often quite recent in origin and sometimes invented.“13 Zugleich wandeln sich Traditionen ständig und entwickeln sich weiter, auch im Austausch zwischen Kulturen. Zitate von Traditionen, auch fremder, sind auch in der modernen Architektur präsent, so arbeitete etwa Alvar Aalto in der Villa Mairea 1938 mit japanischen Elementen. Heute werden in Deutschland oftmals Bilder scheinbar vernakulärer Formen aufgenommen.Eric Hobsbawm, Terence Ranger: The Invention of Tradition, Cambridge 1983, S. 1. ↩︎
Es ist interessant, sich auf Reflexionen zu Traditionen sowie den Umgang mit Bildern von ihnen einzulassen – auch im Hinblick auf zeitgenössisches Entwerfen und Bauen. Die Architektur von Fujimori lädt ein, sich diesen Fragen zu stellen und zeigt zugleich eine Lust am Gestalten, Suchen und Staunen, die mit Bezug zu ROJO und ihren Anfängen, Möglichkeitsräume außerhalb der Konventionen eröffnen möchte. Es lohnt, sich darauf einzulassen.
Susanne Kohte studierte Architektur an der TH Karlsruhe (heute KIT) und an der EPFL Lausanne. Sie arbeitete unter anderem bei Shigeru Ban und Balkrishna Doshi sowie in Architekturbüros in Tschechien, Deutschland und der Schweiz. 2001 gründete sie das Büro SUKO. Lehrtätigkeiten führten sie an die TH Karlsruhe, die TH Hamburg-Harburg (heute HCU), die Hochschule Luzern und als Professorin in Vertretung an die TH Köln. In Studien und Publikationen befasst sie sich mit Architektur und Städtebau in Europa, Japan und Indien.
- Terunobu Fujimori: Nihon no kidai kenchiku, in: Igarashi Taro; Contemporary Japanese Architecture, Tokio 2018. ↩︎
- Terunobu Fujimori (Übersetzung Thomas Daniell), Under the Banner of Street Observation, Fourty-Five, Vol. 2, Chicago 2016. ↩︎
- Terunobu Fujimori: Showa Jutaku monogatar. Shin Kenchiku, 1990, In Igarashi Taro; Contemporary Japanese Architecture, Tokio 2018. ↩︎
- https://qanda.salon/Panel‑7 ↩︎
- Terunobu Fujimori: Meine Architektur, in: Terunobu Fujimori Architekt, Hrsg. Michael Buhrs, Hannes Rössler, München 2012, S. 41. ↩︎
- https://www.communedesign.com/post/terunobu-fujimoris-poesy/ (1.11.2018) ↩︎
- Terunobu Fujimori: Meine Architektur, in: Terunobu Fujimori Architekt, Hrsg. Michael Buhrs, Hannes Rössler, München 2012, S. 39. ↩︎
- Terunobu Fujimori: Meine Architektur, in: Terunobu Fujimori Architekt, Hrsg. Michael Buhrs, Hannes Rössler, München 2012, S. 49. ↩︎
- Trojanisches Teehaus to-go – im Gespräch mit Terunobu Fujimori. In: DETAIL. 7 + 8, 2012. ↩︎
- https://jp.toto.com/publishing/pav_tokyo2020/pt190912/index_e.htm ↩︎
- In Zusammenarbeit mit Marco de Lucci. ↩︎
- https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/immobilienwohnen/japanische-holzfassaden-schwarz-entflammt-17156007.html ↩︎
- Eric Hobsbawm, Terence Ranger: The Invention of Tradition, Cambridge 1983, S. 1. ↩︎








