Bilder, Fund­stücke, Tradi­tionen und Fiktionen

Die Archi­tektur von Terunobu Fujimori

Auf eine profunde und zugleich anregende Reise durch das Wirken, die gedank­liche Entwick­lung und die gebaute Archi­tektur des japa­ni­schen Archi­tekten Terunobu Fujimori führt uns die Archi­tektin Susanne Kohte. Fujimori greift in seinen Entwürfen Bilder und Versatz­stücke tradi­tio­neller japa­ni­scher Archi­tektur auf – ebenso wie Mythen und Fiktionen – und trans­for­miert sie in eigen­wil­ligen, teils neo-dada­is­tisch inspi­rierten Neukom­po­si­tionen. So berei­chert sein Werk seit Jahr­zehnten den japa­ni­schen wie inter­na­tio­nalen Archi­tek­tur­dis­kurs und fordert den euro­päi­schen Blick auf japa­ni­sche Baukunst und deren Klischees heraus.

Gebäude von Terunobu Fujimori fallen auf. Es sind einpräg­same Bilder seiner Teehäuser, Onsens, Museen und Wohn­häuser, die sie bekannt gemacht haben. Die Gebäude auf den Bildern wirken fremd und doch vertraut. In der Archi­tektur scheinen bekannte alte japa­ni­sche Tradi­tionen weiter­ge­führt worden zu sein. Auch alte verna­ku­läre Archi­tektur sowie Arche­typen scheinen auf. Die Gebäude wirken archaisch, fantasie- und humorvoll, mitunter erinnern sie an Bilder aus Mangas oder an Kinder­bilder. Die Archi­tektur scheint naiv und tradi­tio­nell zu sein, der Architekt außerhalb des Archi­tek­tur­dis­kurses zu stehen. Der Schein trügt auf viel­fäl­tige Weise.

Terunobu Fujimori, Lamune Onsen, Nagayu Naoiri-machi 2005, Foto: Dana Buntrock

Terunobu Fujimori steht keines­wegs außerhalb des Archi­tek­tur­dis­kurses. Bis zu seiner Emeri­tie­rung war er Professor für Archi­tek­tur­ge­schichte an der Univer­sity of Tokyo und ist seit 2016 Direktor des Edo-Tokyo Museums. Durch seine Publi­ka­tionen und Fern­seh­auf­tritte zu Archi­tektur und Kunst ist er in Japan bekannt und eine wichtige Stimme im Archi­tek­tur­dis­kurs. Erst 1991, mit 45 Jahren – er war als Archi­tek­tur­his­to­riker bereits bekannt – begann er Häuser zu reali­sieren. Inter­es­sant ist, dass gerade seine Beschäf­ti­gung mit Archi­tek­tur­ge­schichte, Kunst und Archi­tek­tur­dis­kurs hinter seiner Archi­tektur und seinem Umgang mit Bildern steht.

Archi­tek­tur­ge­schichte und Neodada: Suchen und Staunen

Terunobu Fujimori, Lamune Onsen, Nagayu Naoiri-machi 2005, Foto: Dana Buntrock

Terunobu Fujimori schloss 1971 sein Archi­tek­tur­stu­dium an der Tohoku Univer­sity ab, in einer Zeit des Umbruchs mit Studen­ten­pro­testen und Infra­ge­stel­lung von Auto­ri­täten. In der Kunst formierten sich Neodada-Gruppen wie das Hi-Red Center, das mit Happe­nings das Absurde und die Einheit von Kunst und Leben feierte. Auch in der Archi­tektur wurden Auto­ri­täten und Gewiss­heiten hinter­fragt. Studie­rende wandten sich von der Nach­kriegs­mo­derne und den Meta­bo­listen ab. Eine Vielzahl von Möglich­keiten schien offen und viele junge Archi­tekten begannen neu. Aus dem Bekann­ten­kreis von Fujimori gründeten sich Büros wie das Atelier Zō (später Team Zoo) oder der Dam-Dan Space Workshop (später Osamu Ishiyama Labo­ra­tory) und begannen zu expe­ri­men­tieren.

Fujimori wandte sich zunächst von der Archi­tektur ab, beschäf­tigte sich mit Archi­tek­tur­ge­schichte und promo­vierte an der Tokyo Univer­sity zum Thema „Stadt­pla­nung in der Meijizeit“. Er inter­es­sierte sich für damals wenig geschätzte neue Ansätze, merk­wür­dige Misch­formen und Pastiches, die in der schnellen Moder­ni­sie­rung Japans nach dessen erzwun­genen Öffnung in der Meijizeit (1868 – 1912) entstanden waren. 1975 gründete er mit Takeyoshi Hon die „Tokyo Archi­tec­ture Detective Agency“. Sie durch­streiften die Straßen Tokios auf der Suche nach Gebäuden der Meijizeit, die von japa­ni­schen Archi­tekten oft im mehr oder weniger west­li­chen Stil gebaut wurden und zum Teil merk­würdig wirkten. „We found joy in disco­ve­ring the odd things scattered a­bout the streets, unnoticed by others“1. Die Funde doku­men­tierten sie mit Zeich­nungen, Fotos und humor­vollen Essays. Ihr Buch „Die Abenteuer der Archi­tek­tur­de­tek­tive: Region Tokio“ (Tokio 1986) wurde von Tetsuo Masuda heraus­ge­geben, der sie mit Genpei Akasegawa, Mitbe­gründer der Neodada-Gruppe Hi-Red Center, bekannt machte.Terunobu Fujimori: Nihon no kidai kenchiku, in: Igarashi Taro; Contem­po­rary Japanese Archi­tec­ture, Tokio 2018. ↩︎

Auch Akasegawa inter­es­sierte sich für das Merk­wür­dige, inspi­riert von der Moder­no­logio Wajiro Kons und Kenkichi Yoshidas aus den 1920er-Jahren, in der (fast) alles kartiert wurde: Wohn­häuser, Laden­fas­saden, schla­fende Menschen, zerbro­chene Fenster oder Amei­sen­straßen. Moder­no­logio verband die dada­is­ti­sche Lust am Absurden mit der Idee, dass Kunst und Leben untrennbar sind – dass alles Kunst ist. 1970 begann Akasegawa mit Masuda und Kunst­stu­denten der Bigakko-Schule, absurde und alltäg­liche Objekte in Tokio zu doku­men­tieren. In Anlehnung an Duchamps Ready­mades inter­es­sierten sie sich für Dinge ohne Funktion. 1972 entdeckten sie sinnlose Treppen, die Akasegawa zu einer neuen Kunst­gat­tung erklärte und 1982 „Thomasson“ nannte. Die Thomasson-Objekte wurden bald populär – mit Bustouren und TV-Berichten.

ROJO, „World’s Best Slippery Slide, Tokyo“, Foto: Terunobu Fujimori

In ihrem Interesse für Merk­wür­diges geeint, gründeten Fujimori und Akasegawa mit Masuda und weiteren 1986 die Rojo Kansatsu Kurabu, kurz ROJO (Street Obser­va­tion Society): Sie verbanden Moder­no­logio mit Neo-Dada. Im Fokus ihrer Unter­su­chungen standen Objekte ohne Intention: „The ‚things‘ the Society sought after exist in another realm that deviates from the boun­da­ries of intention – traces and (by)products of incidents or accidents that, instead of being produced, await to be disco­vered and docu­mented as incon­su­mable totems“2. Für ROJO waren diese Dinge mehr als Ready­mades. Sie sahen darin anar­chi­sche Abwei­chungen von der herr­schenden Ordnung mit Funktions‑, Harmonie- und Verwer­tung­druck – mit dem Potenzial, frisches Denken zu ermög­li­chen. Die Funde reichten von archi­tek­to­ni­schen Objekten bis zu Alltags­ge­gen­ständen, die sich neu deuten ließen. Mit Humor und Sinn für das Absurde und Über­se­hene forschte Fujimori über 20 Jahre mit ROJO. Sie publi­zierten ihre Entde­ckungen und wurden in Japan bekannt.Terunobu Fujimori (Über­set­zung Thomas Daniell), Under the Banner of Street Obser­va­tion, Fourty-Five, Vol. 2, Chicago 2016. ↩︎

Neben seiner Tätigkeit als Archi­tek­tur­his­to­riker und ROJO-Mitglied blieb Terunobu Fujimori als „Archi­tec­tural Detective“ auf der Suche nach Gebäuden, die ihn durch ihre Eigen­tüm­lich­keit inter­es­sieren, ihn staunen oder lachen ließen. Was während seiner Promotion zur Meiji-Zeit in Tokio begann, weitete er später weltweit aus, mit Reisen durch Japan, Asien und Europa – von Norwegen bis Südpor­tugal. Auf der Biennale 2006 zeigte er acht solcher Gebäude, die ihm auch als Inspi­ra­tion dienen. Seine Suche führte ihn nicht nur zu realen Bauten, sondern auch zu archi­tek­to­ni­schen Fantasien in Gemälden, etwa von Hiero­nymus Bosch, Pieter Bruegel oder Jan van Goyen.

ROJO, „Fierce House, Saga“, Foto: Joji Hayashi

Was all diese Gebäude für Fujimori verbindet, sind ihre Eigen­heiten, ihre Nähe zur Natur und das Skurrile, Absurde oder Archai­sche, das ihn staunen lässt. Schönheit ist für ihn kein Kriterium: „Things, that are beautiful are no good“3. Ihn inter­es­siert das Unvoll­kom­mene, weniger im Sinne von Wabi-Sabi, eher im Geist von ROJO und Dada. Auch seine Faszi­na­tion für alltäg­liche, verna­ku­läre Archi­tektur und das Objekt an sich ist mit ROJO verbunden.Terunobu Fujimori: Showa Jutaku monogatar. Shin Kenchiku, 1990, In Igarashi Taro; Contem­po­rary Japanese Archi­tec­ture, Tokio 2018. ↩︎

Fujimori nimmt seine gesam­melten Gebäude als Inspi­ra­tion für seine eigene Archi­tektur, die er als „inter­na­tional verna­cular“4 bezeichnet, wohl wissend, dass er als Architekt keine verna­ku­läre Archi­tektur baut. Ihn inter­es­siert daran aber die Nähe zu hand­werk­lich und alltäg­lich geprägter Archi­tektur, die Arbeit mit Inspi­ra­tionen aus der ganzen Welt und die Posi­tio­nie­rung außerhalb des Archi­tek­tur­dis­kurses, der Stile und Konven­tionen. „Meine Entwürfe sollten weder einem bereits bestehenden Stil irgend­eines Landes noch dem Werk irgend­eines japa­ni­schen Archi­tekten ähneln.“5 Er möchte eine Archi­tektur, die eigen­ständig ist, außerhalb der allge­meinen Ordnung und Konven­tionen steht – und Freude macht. „My work is all about keeping the fun of childhood alive.“6https://qanda.salon/Panel‑7 ↩︎Terunobu Fujimori: Meine Archi­tektur, in: Terunobu Fujimori Architekt, Hrsg. Michael Buhrs, Hannes Rössler, München 2012, S. 41. ↩︎https://​www​.commu​n​ede​sign​.com/​p​o​s​t​/​t​e​r​u​n​o​b​u​-​f​u​j​i​m​o​r​i​s​-​p​o​e​sy/ (1.11.2018) ↩︎

„Stone House, Portugal“, Foto: Terunobu Fujimori

Diese Haltung spiegelt sich in vielen seiner Bauten. Beim Lamune Onsen (2005) in Nagayu Naoiri-machi etwa greift er das Motiv des Shibamune – gepflanzte Bäume auf Dächern – aus länd­li­chen Gegenden Japans und Frank­reichs auf und baut das Onsen mit einer eigenen, fast kindlich märchen­haften Form­ge­bung. Auch beim Takasugi-an (Zu hohes Teehaus, 2004) in Chino erkennt man Anklänge an seine gesam­melten Gebäude und Bilder, etwa an eine Archi­tek­tur­phan­tasie von van Goyen oder an ein Baumhaus in England, und seine Lust am Skurrilen und Rauen, nicht Eleganten oder Schönen. Er baut eine ganz eigene bildhafte Welt.

Bilder von Tradi­tionen und Diskurse: Erfin­dungen und Zitate

Fujimori arbeitet und spielt mit Bildern, auch mit Bildern von Tradi­tionen in Japan. In seinem ersten Gebäude, dem Jinchōkan Moriya Histo­rical Museum (1991) in seiner Heimat­stadt Chino, erfindet er sogar Bilder einer Archi­tek­tur­tra­di­tion, die es so nie gab. Chino ist seit der Jōmon-Zeit (circa 14.000 – 300 v. Chr.) besiedelt und reich an kultu­rellem Erbe. Funde wie die „Jōmon no Venus“ und der Suwa-Taisha, einer der ältesten Schreine Japans, zeugen davon. Die Geschichte des Suwa-Taishas reicht laut Legende bis in die Jōmon-Zeit zurück; belegt ist seine erste Erwähnung 712. Glaube und Riten des Schreins sind stark von der Natur geprägt, alle sechs Jahre wird das „Onbashira“-Fest gefeiert, bei dem Baum­stämme aus den Bergen geholt und aufge­richtet werden. Die Ausübung der Riten lag beim Jinchōkan, einem rituellen Amt, das vom 11. Jahr­hun­dert bis in die Meiji-Zeit von der Familie Moriya besetzt wurde. Die Familie Moriya bat Fujimori, ein Museum für ihre Sammlung zu entwerfen – von scha­ma­nisch geprägten bis zu schin­tois­ti­schen Ritu­al­ge­gen­ständen und Schriften.

Jan van Goyen, Bauern­ge­höfte am Fluss, 1636 (Detail), Foto: Bayrische Staats­ge­mäl­de­samm­lung, Alte Pina­ko­thek München (CC BY-SA 4.0)

Fujimori übernahm den Entwurf mit dem Ziel, ein Gebäude zu schaffen, das den Glauben der Familie mit der Verbin­dung zur Natur und zu alten Riten wider­spie­gelt. „Das Museum sollte die Glau­bens­riten der Zeit der Jäger und Sammler und der Steinzeit zum Ausdruck bringen“7. Ein „modernes“ Gebäude aus Sicht­beton, Stahl oder Glas kam für ihn ebenso wenig infrage wie ein Gebäude in einem histo­ri­schen Stil, da die tradi­tio­nellen Häuser der Region weit nach der Jōmonzeit entstanden waren und in dieser Epoche nur kleine Unter­künfte errichtet wurden. Fujimori entwarf daher eine Archi­tektur, die keiner realen Tradition entsprach, aber Bilder einer archai­schen Tradition evozierte.Terunobu Fujimori: Meine Archi­tektur, in: Terunobu Fujimori Architekt, Hrsg. Michael Buhrs, Hannes Rössler, München 2012, S. 39. ↩︎

Das Museum besteht aus einfachen Kubaturen, einem nied­ri­geren Baukörper, der an verna­ku­läre Archi­tektur erinnert, und einem höheren Turm. Geneigte Wände scheinen von Kräften und Lehmbau zu erzählen. Vor dem Eingang durch­stoßen vier Baum­stämme das Dach, eine Anspie­lung auf die „Onbashira“ der Schrein­feste. Fujimori wollte, dass die Mate­ria­lien natürlich und rau erscheinen, um an archai­sche Zeiten zu erinnern. Der Turm, errichtet aus Beton, sollte daher so wirken, als wäre er aus Lehm gebaut: Er verklei­dete die abge­schrägten Wände mit in Erdtönen gefärbtem und mit Stroh vermengtem Putz. Für die Holz­ver­klei­dung verwen­dete er gespal­tenes, statt gesägtes Holz. Auch innen domi­nieren rau und unbe­han­delt wirkende Mate­ria­lien: Holz, erdfar­bener Putz und geschmie­detes Eisen. Die Räume mit ihren extremen Propor­tionen insze­nieren einen Weg durch das Gebäude, der über eine Zugbrücke zu den oberen Ausstel­lungs­räumen führt und ihren Wert zu überhöhen scheint.

Terunobu Fujimori, Jinchōkan Moriya Histo­rical Museum, Chino 1991, Foto: Terunobu Fujimori

Fujimori spielt mit Bildern und Asso­zia­tionen: Mate­ri­al­wahl und Bauweise erinnern an alte hand­werk­lich geprägte Archi­tektur und evozieren eine archai­sche Welt. Er greift vertraute Motive auf und kombi­niert sie neu. Die einzigen Versatz­stücke mit Bezug zu Tradi­tionen aus der realen Geschichte sind die Zugbrücke, ein Zitat von Zugbrü­cken aus Burgen des euro­päi­schen Mittel­al­ters, und die Baum­stämme vor dem Eingang, die die Bäume des „Onbashira“-Festes zitieren.

Nach seinem ersten Projekt baute Fujimori 1995 ein Haus für sich selbst: das Tanpopo House (Löwen­zahn­haus). Am Zusam­men­spiel von Natur und Archi­tektur inter­es­siert, entwarf er ein Haus, aus dessen Wänden sowie Dach Pflanzen wachsen und griff auf Bilder verna­ku­lärer und eigen­wil­liger Archi­tektur aus seiner Sammlung zurück. 1997 folgte das Nira-Haus (Schnitt­lauch­haus) für seinen Freund Genpei Akasegawa, ein Holzhaus mit Teeraum und Schnitt­lauch auf dem Dach. Auch bei diesem Gebäude arbeitet er mit Bildern verna­ku­lärer Archi­tektur, hier mit Bezug zu ameri­ka­ni­schen Saltbox-Häusern des 17. und 18. Jahr­hun­derts und ihrer Inter­pre­ta­tion durch Antonin Raymond. Eine Gruppe von Freunden, die er später Jōmon-Company nannte, führte Teile des Baus aus, von Fujimori ausdrück­lich zu rauer, ungenauer Arbeit ermutigt. Bei den beiden Gebäuden entsteht etwas Eigenes, eine eigen­wil­lige Formen­sprache und Archi­tektur, die Platz für Asso­zia­tionen lässt.

Für das Nira-Haus erhielt Fujimori 1997 den renom­mierten Japan Art Grand Prix und schaffte es damit, innerhalb kurzer Zeit in Japan als Architekt anerkannt zu werden. Mit neuen und eigen­stän­digen Ansätzen, die in Japan geschätzt wurden, war er nicht allein, auch Wegge­fährten wie Osamu Ishiyama, Atelier Zoo oder Ryoji Suzuki gingen ab den 1970er-Jahren ganz eigene Wege abseits von Konven­tionen und wurden in Japan bekannt. Doch nur Fujimori wurde auch inter­na­tional aner­kannter. Eine Rolle spielen dabei auch die Bilder und Versatz­stücke japa­ni­scher Tradi­tionen in seinem weiteren Werk.

2003 baute Fujimori für den ehema­ligen Premier­mi­nister Morihiro Toyotomi sein erstes frei­ste­hendes Teehaus, das Ishiya-tei (One-Night Teahouse). Es folgten 2004 das Takasugi-an („Zu hohes Teehaus“) in Chino und 2006 das Chachitsu Tetsu (Teehaus Tetsu). Fujimori sagt dazu: „Teeze­re­monie selbst inter­es­siert mich nicht. Über minimale Archi­tektur, für die ich die Bezeich­nung Teehaus benutze, habe ich nur gear­beitet, um nach der Essenz der Archi­tektur zu suchen“8. Aber er arbeitet mit klar erkenn­baren Versatz­stü­cken der Tradition japa­ni­scher Teehäuser: dem kleinen Eingang, bestimmten Fens­ter­formen, krummen, „unvoll­kom­menen“ Hölzern im Sinn des Wabi-Sabi und Mate­ria­lien mit rauer, einfacher Anmutung.Terunobu Fujimori: Meine Archi­tektur, in: Terunobu Fujimori Architekt, Hrsg. Michael Buhrs, Hannes Rössler, München 2012, S. 49. ↩︎

Viele der Teehäuser Fujimoris wurden von der Jōmon-Company reali­siert. Mit dem Namen dieser Gruppe bezieht er sich auf die Zeit des Jōmon sowie auf lang­jäh­rige Debatten zur „japa­ni­schen Archi­tektur“ und ihren Bezügen zu weit zurück­lie­genden Tradi­ti­ons­li­nien: Die Debatte begann nach der Öffnung Japans in den 1860er-Jahren. Nach der Kapi­tu­la­tion im Zweiten Weltkrieg stellte sich erneut die Frage nach einer „japa­ni­schen“ Archi­tektur und ihren Bezügen zu alten Tradi­tionen. Im Zentrum der Debatten standen zwei frühe Kulturen: die als populär-volks­tüm­lich verstan­dene Jōmon-Kultur (ca. 14.000 – 300 v. Chr.) und die eleganter konno­tierte Yayoi-Kultur (ca. 300 v. Chr. – 300 n. Chr.). Letztere wurde mit der Ästhetik der Villa Katsura, modernen Bauten wie dem Japan-Pavillon der Pariser Welt­aus­stel­lung 1937 von Junzō Sakakura und später auch mit Bauten Mies van der Rohes asso­zi­iert. Die Jōmon-Kultur dagegen wurde mit dem Iseschrein, Bauten wie Maekawas Bunka Kaikan (1961) und später Le Corbusier in Verbin­dung gebracht. Diese Zuord­nungen sind Fiktionen, doch sie prägten den Diskurs. Fujimori verbindet Jōmon mit dem, was er als „rote“ Archi­tektur bezeichnet: „Für mich gibt es zwei Arten von Archi­tektur: ‚weiße‘ Archi­tektur, die glatt, geschmeidig und abstrakt ist. (…) Dann gibt es aber auch ‚rote‘ Archi­tektur, die rau, indi­vi­dua­lis­tisch und primitiv ist. Ich denke, dass wir rot werden müssen, um als Mensch­heit zu überleben. Mein Werk ist tiefstes Blutrot.“9Troja­ni­sches Teehaus to-go – im Gespräch mit Terunobu Fujimori. In: DETAIL. 7 + 8, 2012. ↩︎

Es mag irri­tie­rend erscheinen, wenn Fujimori in der Gestal­tung der Stein- und Bron­ze­zeit eine Zukunft für die Archi­tektur sieht und auf Versatz­stücke und Asso­zia­tionen lang vergan­gener Tradi­tionen zurück­greift. Doch in der modernen japa­ni­schen Archi­tektur ist das nicht unge­wöhn­lich: Kenzo Tange etwa bezog sich in seinen Schriften und Bauten auf Jōmon oder Yayoi und Sachio Otani etwa zitiert den Iseschrein im Kyoto Inter­na­tional Confe­rence Center 1964.

Terunobu Fujimori, Tanpopo House (Löwen­zahn­haus), Tokio 1995, Foto: Hubertus Adam

Zwar kriti­siert Fujimori das Arbeiten mit Versatz­stü­cken japa­ni­scher Tradition: „I don’t use shoji (paper screen) and bamboo because they evoke the ‚Ah, this is Japan!‘ kind of feeling.“10 Aber er bedient sich selbst an Bildern und Versatz­stü­cken japa­ni­scher Tradi­tionen in seinen Gebäuden mit Formen, Material oder auch durch die Insze­nie­rung seiner Gebäude auf Fotos, etwa eines Teehauses zwischen blühenden Kirsch­bäumen. In seinen späteren Gebäuden erhalten Bilder von japa­ni­schen Tradi­tionen sowie märchen­hafte und archai­sche anmutende Motive eine größere Präsenz als in seinen frühen Arbeiten – mit Folgen.https://​jp​.toto​.com/​p​u​b​l​i​s​h​i​n​g​/​p​a​v​_​t​o​k​y​o​2​0​2​0​/​p​t​1​9​0​9​1​2​/​i​n​d​e​x​_​e​.​htm  ↩︎

Rezep­tionen und Fragen

In Japan wurde Fujimoris Archi­tektur durch ihre auffal­lenden und eingän­gigen Bilder bekannt. Große Unter­nehmen wie die Taneya Group, einer der führenden Hersteller von Süßwaren und Kondi­to­ren­ge­bäck in Japan, nutzen sie als Corporate Archi­tec­ture. 2015 entstand der Flagship-Store La Collina in Ōmi-Hachiman11. Von der dada­is­ti­schen Freude an anar­chi­schen Abwei­chungen von der herr­schenden Ordnung, dem Funktions- und Verwer­tungs­druck früherer Arbeiten, scheint diese Archi­tektur weit entfernt.In Zusam­men­ar­beit mit Marco de Lucci. ↩︎

Mit der Präsen­ta­tion der Archi­tektur Fujimoris 2006 im japa­ni­schen Pavillon auf der Archi­tek­tur­bi­en­nale in Venedig erlangte sie inter­na­tio­nale Bekannt­heit. Es folgten zahl­reiche Einla­dungen zu Teehaus­pro­jekten in Museen. Seine Bauten wurden in vielen Ausstel­lungen und Publi­ka­tionen gezeigt und oftmals mit Bezug zu japa­ni­scher Tradition rezipiert. Ein inter­es­santes Beispiel ist die Rezeption der Yagisuki-Technik der verkohlten Bretter, die Fujimori in einigen Gebäuden nutzt. Sie erfreut sich stei­gender Beliebt­heit bei Archi­tekten und wird in Zeitungen teils als sehr alte japa­ni­sche Tradition beschrieben, die schon im 15. Jahr­hun­dert in Nara verwendet wurde.12 Tatsäch­lich ist Yagisuki aber eine lokale Tradition in Teilen West­ja­pans, die erst zu Ende der Edope­riode aufkam, kurz vor der Öffnung und Moder­ni­sie­rung Japans. Dass es eine sehr alte Tradition in ganz Japan sei, hat Fujimori nie behauptet, diese Fiktion entstand erst mit der west­li­chen Rezeption.https://​www​.faz​.net/​a​k​t​u​e​l​l​/​w​i​r​t​s​c​h​a​f​t​/​i​m​m​o​b​i​l​i​e​n​w​o​h​n​e​n​/​j​a​p​a​n​i​s​c​h​e​-​h​o​l​z​f​a​s​s​a​d​e​n​-​s​c​h​w​a​r​z​-​e​n​t​f​l​a​m​m​t​-​1​7​1​5​6​0​0​7​.​h​tml ↩︎

Terunobu Fujimori mit Marco de Lucci, La Collina, Omiha­chiman 2015, Foto: yoko_​ken_​chan / Shut­ter­stock

Die Wahr­neh­mung der Archi­tektur Fujimoris im Westen ist eng verbunden mit dem hiesigen Bild japa­ni­scher Archi­tektur, weniger mit seinem neo-dada­is­ti­schen Hinter­grund. Bilder japa­ni­scher Archi­tektur im Westen haben eine lange Tradition: mit eleganten, hellen Holz­bauten, klarer Formen­sprache, kunst­vollen Teehäu­sern und feinen Details – je bezogen auf histo­ri­sche Tradi­tionen. Die Authen­ti­zität im Umgang mit Tradition wird in Europa als Wert geschätzt und zum Teil auch auf Japan proji­ziert. Vor diesem Hinter­grund irritiert Fujimoris Archi­tektur und wirkt fremd, wenn sie als Ausdruck „japa­ni­scher Tradition“ gelesen wird, da sie mit Bildern und Versatz­stü­cken von Tradi­tionen sehr spie­le­risch und fiktional umgeht.

Doch so wie in Japan gibt es auch in Europa die Aufnahme von Bildern lang vergan­gener Epochen in der Archi­tektur, ebenso wie erfundene Tradi­tionen und Bilder. Im Buch „The Invention of Tradition“ zeigen Hobsbawm und Ranger dazu auf, dass „Tradi­tions which appear or claim to be old are often quite recent in origin and sometimes invented.“13 Zugleich wandeln sich Tradi­tionen ständig und entwi­ckeln sich weiter, auch im Austausch zwischen Kulturen. Zitate von Tradi­tionen, auch fremder, sind auch in der modernen Archi­tektur präsent, so arbeitete etwa Alvar Aalto in der Villa Mairea 1938 mit japa­ni­schen Elementen. Heute werden in Deutsch­land oftmals Bilder scheinbar verna­ku­lärer Formen aufge­nommen.Eric Hobsbawm, Terence Ranger: The Invention of Tradition, Cambridge 1983, S. 1. ↩︎

Es ist inter­es­sant, sich auf Refle­xionen zu Tradi­tionen sowie den Umgang mit Bildern von ihnen einzu­lassen – auch im Hinblick auf zeit­ge­nös­si­sches Entwerfen und Bauen. Die Archi­tektur von Fujimori lädt ein, sich diesen Fragen zu stellen und zeigt zugleich eine Lust am Gestalten, Suchen und Staunen, die mit Bezug zu ROJO und ihren Anfängen, Möglich­keits­räume außerhalb der Konven­tionen eröffnen möchte. Es lohnt, sich darauf einzu­lassen.

Susanne Kohte studierte Archi­tektur an der TH Karlsruhe (heute KIT) und an der EPFL Lausanne. Sie arbeitete unter anderem bei Shigeru Ban und Balkrishna Doshi sowie in Archi­tek­tur­büros in Tsche­chien, Deutsch­land und der Schweiz. 2001 gründete sie das Büro SUKO. Lehr­tä­tig­keiten führten sie an die TH Karlsruhe, die TH Hamburg-Harburg (heute HCU), die Hoch­schule Luzern und als Profes­sorin in Vertre­tung an die TH Köln. In Studien und Publi­ka­tionen befasst sie sich mit Archi­tektur und Städtebau in Europa, Japan und Indien.

  1. Terunobu Fujimori: Nihon no kidai kenchiku, in: Igarashi Taro; Contem­po­rary Japanese Archi­tec­ture, Tokio 2018. ↩︎
  2. Terunobu Fujimori (Über­set­zung Thomas Daniell), Under the Banner of Street Obser­va­tion, Fourty-Five, Vol. 2, Chicago 2016. ↩︎
  3. Terunobu Fujimori: Showa Jutaku monogatar. Shin Kenchiku, 1990, In Igarashi Taro; Contem­po­rary Japanese Archi­tec­ture, Tokio 2018. ↩︎
  4. https://qanda.salon/Panel‑7 ↩︎
  5. Terunobu Fujimori: Meine Archi­tektur, in: Terunobu Fujimori Architekt, Hrsg. Michael Buhrs, Hannes Rössler, München 2012, S. 41. ↩︎
  6. https://​www​.commu​n​ede​sign​.com/​p​o​s​t​/​t​e​r​u​n​o​b​u​-​f​u​j​i​m​o​r​i​s​-​p​o​e​sy/ (1.11.2018) ↩︎
  7. Terunobu Fujimori: Meine Archi­tektur, in: Terunobu Fujimori Architekt, Hrsg. Michael Buhrs, Hannes Rössler, München 2012, S. 39. ↩︎
  8. Terunobu Fujimori: Meine Archi­tektur, in: Terunobu Fujimori Architekt, Hrsg. Michael Buhrs, Hannes Rössler, München 2012, S. 49. ↩︎
  9. Troja­ni­sches Teehaus to-go – im Gespräch mit Terunobu Fujimori. In: DETAIL. 7 + 8, 2012. ↩︎
  10. https://​jp​.toto​.com/​p​u​b​l​i​s​h​i​n​g​/​p​a​v​_​t​o​k​y​o​2​0​2​0​/​p​t​1​9​0​9​1​2​/​i​n​d​e​x​_​e​.​htm  ↩︎
  11. In Zusam­men­ar­beit mit Marco de Lucci. ↩︎
  12. https://​www​.faz​.net/​a​k​t​u​e​l​l​/​w​i​r​t​s​c​h​a​f​t​/​i​m​m​o​b​i​l​i​e​n​w​o​h​n​e​n​/​j​a​p​a​n​i​s​c​h​e​-​h​o​l​z​f​a​s​s​a​d​e​n​-​s​c​h​w​a​r​z​-​e​n​t​f​l​a​m​m​t​-​1​7​1​5​6​0​0​7​.​h​tml ↩︎
  13. Eric Hobsbawm, Terence Ranger: The Invention of Tradition, Cambridge 1983, S. 1. ↩︎
Terunobu Fujimori, Lamune Onsen, Nagayu Naoiri-machi 2005, Foto: Dana Buntrock
Terunobu Fujimori, Lamune Onsen, Nagayu Naoiri-machi 2005, Foto: Dana Buntrock
ROJO, „World’s Best Slippery Slide, Tokyo“, Foto: Terunobu Fujimori
ROJO, „Fierce House, Saga“, Foto: Joji Hayashi
„Stone House, Portugal“, Foto: Terunobu Fujimori
Jan van Goyen, Bauern­ge­höfte am Fluss, 1636 (Detail), Foto: Bayrische Staats­ge­mäl­de­samm­lung, Alte Pina­ko­thek München (CC BY-SA 4.0)
Terunobu Fujimori, Jinchōkan Moriya Histo­rical Museum, Chino 1991, Foto: Terunobu Fujimori
Terunobu Fujimori, Tanpopo House (Löwen­zahn­haus), Tokio 1995, Foto: Hubertus Adam
Terunobu Fujimori mit Marco de Lucci, La Collina, Omiha­chiman 2015, Foto: yoko_​ken_​chan / Shut­ter­stock