Bran­do­linis Design Poker

Buch der Woche

Lackierte Metall­rohre, schrille Farben, geome­tri­sche Grund­formen in extra­va­ganten Zusam­men­stel­lungen und kontras­tie­rende Mate­ri­al­kom­bi­na­tionen – das alles gehört zum Reper­toire des post­mo­dernen Produkt­de­signs. Auch Andreas Bran­do­lini begann seine Karriere in dieser gestal­te­ri­schen Atmo­sphäre des Anti­funk­tio­na­lismus, in der man den sauberen und emoti­ons­losen Erzeug­nissen der Moderne unge­bremste Krea­ti­vität und Humor entge­gen­setzen wollte. Eine Publi­ka­tion zu dem 1951 in Leipzig geborenen Gestalter zeigt seine Entwick­lung vom Gegner des Funk­tio­na­lismus über den Weg des „Regio­na­lismus“ hin zu einem „strengen Funk­tio­na­lismus ohne dogma­ti­sche Ansichten“ (François Burkhardt).

Auf einem Foto sehen wir Bran­do­lini aus der Vogel­per­spek­tive auf einem großen Teppich sitzend und ernst nach oben blickend. Der Teppich war Kernstück des „Deutschen Wohn­zim­mers“ auf der Kasseler documenta 8 von 1987 und zeigt eine wolken­för­mige Fläche mit Holz­bo­den­muster, im Zentrum eine abstra­hierte Feuer­stelle. Über dem „Lager­feuer“ posi­tio­nierte man in der Ausstel­lung einen brat­wurst­för­migen Marmor­tisch mit verchromten Stahl­rohr­füßen. Bran­do­linis ironi­scher Blick auf das zeit­ge­nös­si­sche Kultur­schaffen zeigt sich in jenen Jahren auch in flapsigen Texten, in denen er unter anderem dazu aufruft, den Eier­be­cher als kreative Heraus­for­de­rung zu sehen, oder ein „Design Poker“ erfindet, bei dem die Parameter eines zu gestal­tenden Gebrauchs­ge­gen­standes quasi gewürfelt werden. 

In den darauf­fol­genden 1990er Jahren chan­gieren seine Krea­tionen zwischen poppig-gegen­ständ­li­chen Motiven und Mini­ma­lismus. Letzteres mani­fes­tiert sich etwa in der „Bücher­treppe“ für Cappel­lini Progetto Oggetto von 1992, einer schlichten skulp­tu­ralen Tritt­stufe, zusam­men­ge­setzt aus hellen Multi­plex­platten. Das Holz wird schließ­lich zum bevor­zugten Material Bran­do­linis, das er beispiels­weise in groben Kuben zu Ausstel­lungs­so­ckeln für Glas­ob­jekte arran­giert (CIRVA Marseille) und in der Frauen- und Kinder­klinik Homburg zu abstrakten Tier­formen entwi­ckelt. 

In einem Inte­ri­eur­de­sign für das ökolo­gi­sche Schul­land­heim Gersheim von 2005 entstehen aus dem regio­nalen Material eines rotker­nigen Buchen­holzes Stühle, Schränke, Stock­betten und Bänke. Durch Anlehnung an regionale Form­tra­di­tionen und Zusam­men­ar­beit mit lokalen Tisch­le­reien kam dabei eine eigen­wil­lige Variante eines rusti­kalen Land­haus­stils mit markanten Rundungen heraus. Die nüchterne Aufsto­ckung eines Pavillons der Galerie der Hoch­schule der Bildenden Künste Saar von 2010 scheint dagegen fast dem einstigen Feindbild des Funk­tio­na­lismus zu entspringen: ein simpler Kubus mit über Eck laufender Glas­fläche. Die undog­ma­ti­sche Haltung zeigt sich auch in seinen Glas­ob­jekten, die er am CIAV in Meisen­heim seit 1996 bis 2017 entworfen hat. Bunte Farben, Spitzen und Ösen finden sich ebenso wie Varia­tionen eines klaren und redu­zierten Themas. Auch das Augen­zwin­kern hat er sich hierin bewahrt: Seine „Tauge­nichtse“ sind wunderbar verar­bei­tete kris­tal­line Glass­tempel, offenbar jedoch jeglicher Funktion enthoben. 

Elina Potratz

Andreas Bran­do­lini: Gestal­tung. Mit einem Text von François Burkhardt. 352 S., farbige Abb., gebunden, Martin Schmitz Verlag, Berlin 2018, 29,80 Euro, ISBN 978–3‑927795–83‑9