brexit für archi­tekten

Der „Brexit“ hat viele Väter und Mütter: Die Über­re­gu­lie­rung durch EU-Gesetze, der nicht mehr vorhan­dene Glaube an eine gloriose wirt­schaft­liche Zukunft auf eigenen Füßen, die Angst vor Über­frem­dung und unge­nü­gender Assi­mi­la­tion von Zuwan­de­rern, die durch Immi­gra­tion bewirkte Verknap­pung des Wohnungs­markts und Einschrän­kungen beim Gesund­heits­wesen. Der Ruf „Take back control“, den die Befür­worter des briti­schen Austritts aus der EU erhoben haben, hat mannig­fal­tige Hinter­gründe. Viele davon sind irra­tional, manche sogar erlogen: Die völlig überhöhte Darstel­lung der Aufwen­dungen, die Groß­bri­tan­nien für die Mitglied­schaft in der EU aufbringen müsste, nahm einer der Brexe­teers, der inzwi­schen als Partei­chef der UKIP zurück­ge­tre­tene Nigel Farage, gleich am Tag nach dem Refe­rendum zurück.

Inzwi­schen ist nicht einmal mehr sicher, ob der „Brexit“ tatsäch­lich in aller Konse­quenz statt­finden wird. Im September wird das House of Commons eine Online-Petition disku­tieren, die ein neues Refe­rendum fordert. Denn vielen, gerade jüngeren Briten, die nicht abge­stimmt haben, ist bewusst geworden, dass sie eine Entschei­dung über ihre eigene Zukunft verpasst haben: Die „Bregret“-Bewegung in Groß­bri­tan­nien, die das negative Votum im Nach­hinein bedauert, wird stärker. Viele erhoffen eine Verhand­lungs­lö­sung, bei der möglichst viele der inzwi­schen gewohnten Erleich­te­rungen im euro­päi­schen Wirt­schafts­ver­kehr beibe­halten werden. Über die möglichen Folgen des Austritts herrscht bisher in der EU und in Groß­bri­tan­nien selbst völlige Unklar­heit. Kommt es tatsäch­lich zu einem stärkeren Anstieg des briti­schen Brut­to­so­zi­al­pro­dukts, wenn das Kingdom eine eigene Handels­po­litik betreiben kann? Im besten Fall könnten, so rechnet die liberale Agentur Open Europe vor, bis 2030 bis zu 1,6 Prozent jähr­li­ches Wachstum erwartet werden. Im schlech­testen Fall, so die Agentur, könnte das BSP jedoch um bis zu 2,2 Prozent p. a. sinken.

Wie so viele andere sind offenbar auch die briti­schen Archi­tekten mit der neuen Situation über­for­dert. Viele, vor allem jene, die enge Verbin­dungen zum Kontinent haben, sind eindeu­tige Befür­worter der EU-Mitglied­schaft. Nach einer Umfrage der engli­schen Zeit­schrift Building waren im Mai 2016 78 Prozent der befragten Archi­tekten Anhänger eines „Remain“. David Chip­per­field, David Adjaye, Louisa Hutton, Richard Rogers und Amanda Levete haben im Vorfeld einen offenen Brief von fast 300 Schau­spie­lern, Künstlern und Schrift­stel­lern zum Verbleib in der EU unter­zeichnet. Rem Koolhaas schrieb in einer nieder­län­di­schen Zeit­schrift gar einen „Love Letter to UK“ und sprach sich mehrfach ausdrück­lich für Groß­bri­tan­nien als selbst­ver­ständ­li­ches Mitglied der Gemein­schaft aus.

RIBA, die BDA-ähnliche Archi­tek­ten­or­ga­ni­sa­tion Groß­bri­tan­niens, hat sich mehr oder weniger zum Brexit geäußert: Vor der Entschei­dung verlaut­barte eine Spre­cherin, dass die Verei­ni­gung das Votum als persön­liche Sache der Mitglieder ansehe. Die Vorsit­zende Jane Duncan veröf­fent­lichte wenige Tage nach dem Entscheid ein merk­wür­diges Kommu­niqué mit Durch­hal­te­pa­rolen: Der Tag nach dem Refe­rendum sei „Tag eins einer sehr langen Reise“. RIBA sei jedoch eine globale Insti­tu­tion, die ihre Mitglieder unter­stützt, Archi­tek­tur­schulen bewerte und die Bedeutung der Qualität der gebauten Umgebung betone. Die archi­tek­to­ni­sche Befä­hi­gung im UK sei „unglaub­lich wider­stands­fähig“, und RIBA werde „weiterhin sicher­stellen, dass unsere Profes­sion – und unsere Orga­ni­sa­tion – eine helle Zukunft haben wird.“

Poli­ti­scher wurde die ehemalige RIBA-Vorsit­zende Angela Brady, die nicht nur unmit­tel­bare Folgen für die Einheit des Kingdom und die Handels­be­zie­hung zwischen Irland und Nord-Irland befürchtet: „Wenn das König­reich austritt, befürchte ich die Rückkehr zu einer nach innen gerich­teten, rückwärts gewandten Ordnung einer vergan­genen Zeit.“ Dieser Auffas­sung scheinen sich viele Büros anzu­schließen, ohne jedoch einen tief­grei­fenden Plan für das weitere Vorgehen zu haben. Auf eine Befragung der Zeit­schrift Building Design gaben mehrere Büros an, nach dem Brexit zunächst einen Einstel­lungs­stopp zu verhängen. Büros wie Bennetts Asso­ciates sehen Aufträge in Höhe von 300 Millionen Pfund in Gefahr, die in den nächsten drei Monaten in die Reali­sie­rung gehen sollen. Für alle erscheint insbe­son­dere die Zeit der Unsi­cher­heit bis zur endgül­tigen Entschei­dung über die Umsetzung des Brexits und deren Folgen ein unkal­ku­lier­bares Risiko: Die meisten sehen das Zutrauen in die wirt­schaft­liche Gestal­tungs­fä­hig­keit briti­scher Büros in Gefahr. Manche hingegen sehen den euro­päi­schen Markt als verzichtbar, weil die Chancen briti­scher Archi­tekten sowieso in den Märkten Chinas und der USA lägen. Die Markt­si­tua­tion in London beur­teilen mehrere Analysten als unge­fährdet, der „Slowdown“ des Archi­tek­tur­marktes hingegen könnte Manchester und Birmingham sowie Schott­land treffen. Andere wiederum sehen gerade die Londoner Büros als besonders gefährdet an. Mitunter wird auch die Situation der Büro­an­ge­stellten aus anderen EU-Ländern reflek­tiert, die in manchen der großen Büros fast die Hälfte der Mitar­beiter ausmachen. Einer­seits könnte die Anstel­lung insbe­son­dere osteu­ro­päi­scher – bisher billig zu beschäf­ti­gender – Mitar­beiter schwierig werden, ande­rer­seits wird die Beschäf­ti­gungs­lage bishe­riger EU-Mitar­beiter unsi­cherer. Unter anderem würden mit einem Austritt wahr­schein­lich auch die arbeits­recht­li­chen EU-Rege­lungen über den Mindest­ur­laub hinfällig, die Unter­neh­mern – auch Archi­tekten –  in  Groß­bri­tan­nien bisher ein erheb­li­cher Dorn im Auge waren.

So bleibt alles offen: Selbst wenn das Verei­nigte König­reich Frei­han­dels­be­din­gungen wie das Nicht-EU-Mitglied Norwegen aushan­deln sollte, meint ein Büro­in­haber, sei man an die voll­stän­dige Erfüllung von EU-Normen gebunden, was die Situation letztlich nicht verbes­sere. Was passieren würde, wenn das euro­pa­treue Schott­land sich mit einem weiteren Refe­rendum aus dem United Kingdom verab­schiedet, wagt bisher kaum jemand zu denken…

Andreas Denk

Foto: Andreas Denk