Buch der Woche: Fragments of Metro­polis Rhein & Ruhr

Expres­sio­nismus in der Metro­po­lo­re­gion

Benedikt Hotze ließ in seiner Rezension zu dem Buch „Fragments of Metro­polis – Berlin“ kaum ein gutes Haar an dem ideo­lo­gi­schen Unterbau, mit dem der erste Band der  Reihe gefüttert war. Die laut Kollhoff verfein­deten Lager Moderne und Expres­sio­nismus lassen sich geschicht­lich nur schwer nach­voll­ziehen. Im jetzt erschie­nenen zweiten Band „Fragments of Metro­polis –  Rhein & Ruhr“ haben die Autoren die Theo­rie­keule zur Seite gelegt. Paul Kahl­feldts Vorwort gesteht dem Expres­sio­nismus lediglich eine Wirkung zu, die dem Rohrstock auf des unartigen Schülers Finger gleicht: „Ange­sichts des in dieser Zeit am archi­tek­to­ni­schen Horizont aufstei­genden ‚Neuen Stils‘ der abstra­hie­renden Verein­fa­chung ist die Besinnung und Konzen­tra­tion auf hand­werk­liche und baukünst­le­ri­sche Regeln nach­voll­ziehbar und dieses bis heute letzt­ma­lige gemein­schaft­liche Aufbäumen gegen die sich abzeich­nende Bana­li­sie­rung des Metiers ist bewun­derns­wert und vorbild­lich.“ Gleich dem ersten Band wird Expres­sio­nismus nicht als Stil­be­griff verstanden, sondern als „spürbarer Wille zum baukünst­le­ri­schen Ausdruck, der die Verbin­dung zwischen den Bauten herstellt.“

139 ausge­wählte Bauten werden anhand von aktuellen Foto­gra­fien und spora­disch durch Plan­zeich­nungen illus­triert. Es finden sich neben anonymer Archi­tektur auch einige heraus­ra­gende Fund­stücke der Region. Neben der Villa Fritz Steinert, Hans Poelzigs einziger Villa für eine Privat­person, werden etliche Kirchen von Josef Franke und Dominikus Böhm gezeigt. Auch die in ihrer Zeit viel disku­tierten Dauer­bauten für die Große Ausstel­lung Düssel­dorf 1926 für Gesund­heits­pflege, soziale Fürsorge und Leibes­übungen (GeSoLei) finden ihre Erwähnung.

So inter­es­sant das Blättern durch das Sammel­su­rium an Bauten auch ist, so wünscht man sich von den Autoren doch eine Entschei­dung, was das Buch vom Leser eigent­lich will. Die Ausdeh­nung der Betrach­tung auf eine ganze Region und die eher lose Verknüp­fung von Vorstel­lung der Bauten und deren gezeigten Standort lässt den Anspruch eines Archi­tek­tur­füh­rers kaum mehr zu. Um eine wirkliche Diskus­sion über das Erbe des Expres­sio­nismus zu starten, sind die wenigen Seiten des Vorworts jedoch ebenso unzu­rei­chend. Man möchte sich gern von der Leiden­schaft der beiden Autoren Christoph Rauhut und Niels Lehmann mitreißen lassen, mit der sie sich auf die Suche nach den verloren geglaubten Bauten begeben. In der Publi­ka­tion springt der entschei­dende Funke jedoch nicht unbedingt über.

Ein offen­sicht­li­ches Frage­zei­chen hinter­lässt, wie beim Vorgän­ger­band auch, die Prokla­ma­tion des Klap­pen­textes, „alle noch exis­tie­renden 140 Bauten“ der Metro­pol­re­gion Rhein-Ruhr, welche die Autoren dem Expres­sio­nismus zuschreiben, zu doku­men­tieren. Bei einem betrach­teten Gebiet, das ungleich größer ausfällt als jenes im ersten Band, jedoch mit einer fast gleichen Anzahl an Gebäuden aufwartet, ist dieser Anspruch mit höchster Vorsicht zu genießen. Zumal nur 139 Bauten gezeigt und weitere 16 genannt werden…

Robert Bauer

Niels Lehmann, Christoph Rauhut: Fragments of Metro­polis – Rhein & Ruhr256 S., 150 Abb. in Farbe, 30 Plan­zeich­nungen und Karten­ma­te­rial, gebunden, 29,90 Euro, Hirmer Verlag, München 2016, ISBN: 978–3‑7774–2567‑2

Fotos: Niels Lehmann