Subver­sion gegen Konsu­mismus

Buch der Woche: Peri­pherie und Ungleich­zei­tig­keit

Wer kennt sie nicht, die Kritik an der homo­ge­ni­sie­renden, verein­heit­li­chenden Wirkung von Konsu­mismus und Wirt­schafts­li­be­ra­lismus? Die Kritik an den rendi­te­ori­en­tierten Leit­li­nien, die Politik bestimmen und andere gesell­schaft­liche Werte unter­mi­nieren, die Kritik an den Mecha­nismen, die Menschen dazu zwingen, sich anzu­passen, unter­zu­ordnen, einzu­fügen? In Essays und Alltags­ge­sprä­chen ist sie präsent und je nach Perspek­tive wird das zwanzig, dreißig oder vierzig Jahre Zurück­lie­gende als Zeit beschworen, in der es noch Indi­vi­dua­lität und Sonder­linge habe geben dürfen.

Der bekannte Sozi­al­for­scher Klaus Ronne­berger benennt in seinem neuesten Buch insbe­son­dere die Nach­kriegsära und die Durch­set­zung des Fordismus als den Epochen­wandel, der diese Entwick­lung grund­sätz­lich einleitet: „Tatsäch­lich ebnen sich mit der Durch­set­zung des Fordismus die Diffe­renzen zwischen einander über­la­gernden Zeit­räumen und Menta­li­täten allmäh­lich ein: Stadt­räume und Verkehrs­sys­teme, Umgangs­formen und Wahr­neh­mungs­weisen werden moder­ni­siert und homo­ge­ni­siert. Als Folge dieser staat­li­chen Normie­rungs­stra­tegie entsteht eine neue Form von „Norma­lität“, die das Parti­ku­lare, das Andere, das Vormo­derne als Abwei­chung regis­triert und gege­ben­falls auch verfolgt.“ Doch bei allem Bemühen von Zentral­staat und Wirt­schaft ließen sich, so Ronne­berger, die Entwick­lungs­ge­schwin­dig­keiten in unter­schied­li­chen Regionen nicht perfekt synchro­ni­sieren.

Das ist glück­li­cher­weise bis heute so geblieben – und dass gerade die Peri­pherie der Ort ist, an dem sich dies erleben lässt, weiß, wer etwa die Expe­di­tionen von Boris Sieverts kennt. Ronne­berger hat nun einen anderen Weg gewählt, den Blick auf mögliche und nötige Freiräume zu werfen. Er stellt drei Persön­lich­keiten vor, deren Wirken eben in jene Nach­kriegs­epoche fällt, in denen der Fordismus seine unüber­seh­bare Wirkung entfal­tete, und die auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam haben: der Regisseur und Autor Pier Paolo Pasolini, der Philosoph Henri Lefebvre und der Regisseur Jacques Tati. Alle drei freilich beklagen die Nivel­lie­rung durch den „American Way of Life“ als Verfla­chung und als Einebnung von Diffe­renzen und Unter­schieden, die noch gewähr­leistet hatten, dass sich Menschen trotz aller Schwie­rig­keiten, denen sie ausge­setzt waren, sich ihrer selbst versi­chern konnten. Begriff­lich geht wahr­schein­lich Pasolini am weitesten, der den neuen hedo­nis­ti­schen Konsu­mismus als neuen Faschismus begreift.

Doch alle suchen, an der Peri­pherie von Rom oder Paris, in Refugien der Unan­ge­passt­heit nach einer Form von Wahrheit, Ursprüng­lich­keit und Kultur, die durch die Konsum­ge­sell­schaft zerstört zu werden droht und inter­pre­tieren diese alter­na­tiven Lebens­prak­tiken im Sinne kultu­reller Subver­sion und des Wider­stands. Der homo­se­xu­elle Pasolini sucht sie bei den Armen und Rand­stän­digen der römischen Vorstädte, beob­achtet aber auch, wie Konfor­mismus auch sie erfasst und deren eigene Kultur zerstört. Ihre Armut entbehre nun der Reinheit, die sie zuvor noch gehabt habe, und konse­quen­ter­weise fordert er im Sinne von Gerech­tig­keit dann auch von der katho­li­schen Kirche, der Macht zu entsagen und um Armut als „post­christ­li­chen Wert neu zu begründen.“

Henri Lefebvre, der nicht nur marxis­ti­scher Philosoph, sondern auch bedeu­tender Agrar­so­zio­loge war, verbrachte seine Jugend in den Pyrenäen, dort faszi­nieren ihn noch die Spuren der eigen­stän­digen bäuer­li­chen Kultur, die sich zwischen den zentra­lis­ti­schen Mächten von Spanien und Frank­reich erhalten haben. Er sucht in den Orga­ni­sa­ti­ons­formen bäuer­li­cher Kultur wie in denen der medi­ter­ranen Stadt nach dem Rahmen, der Ungleich­zei­tiges, Heiliges und Profanes, Öffent­li­ches und Privates zusam­men­bindet, ohne es zu nivel­lieren. An die dort entdeckte Spon­ta­neität und Krea­ti­vität möchte er anknüpfen, um sie gegen den fordis­ti­schen Alltag zu mobi­li­sieren.

Tati schließ­lich aktiviert in seinen Filmen Witz, Humor und Ironie, um den Furor von Trans­pa­renz und Über­sicht­lich­keit der neuen Welt zu entzau­bern und auf der Qualität des vermeint­lich Rück­stän­digen zu bestehen, sei es in der Gegen­über­stel­lung von moderner Klein­bür­ger­villa und grotesk verschach­teltem Altbau, sei es in der Person des Fahrrad fahrenden Postboten, der versucht, die Post so schnell wie in Amerika üblich auszu­lie­fern.

Ronne­berger bezieht jeweils das Werk der drei Prot­ago­nisten in seine Analyse ein, stellt den zeit- und ideen­ge­schicht­li­chen wie den jeweils biogra­fi­schen Bezug her, das alles in einer erstaun­li­chen Prägnanz und Kompakt­heit – gerade einmal 130 Seiten ist das gut zu lesende Buch lang. Die Kürze entbehrt nicht einer gewissen Raffi­nesse: Der Verzicht auf ein zusam­men­füh­rendes Fazit stellt den Leser vor die Aufgabe, selbst die Aktua­lität der drei Perspek­tiven zu bestimmen und nach den Refugien des Wider­stands gegen den verein­heit­li­chenden Konsum zu suchen. Wir bedürfen ihrer sicher nicht weniger als in der Nach­kriegsära.

Christian Holl

Klaus Ronne­berger: Peri­pherie und Ungleich­zei­tig­keit. Pier Paolo Pasolini, Henri Lefebvre und Jacques Tati als Kritiker des fordis­ti­schen Alltags, Verlag adocs, Hamburg 2015. 15,90 Euro, ISBN 9783943253115

Klaus Ronne­berger: Peri­pherie und Ungleich­zei­tig­keit. Pier Paolo Pasolini, Henri Lefebvre und Jacques Tati als Kritiker des fordis­ti­schen Alltags, Verlag adocs, Hamburg 2015
Klaus Ronne­berger: Peri­pherie und Ungleich­zei­tig­keit. Pier Paolo Pasolini, Henri Lefebvre und Jacques Tati als Kritiker des fordis­ti­schen Alltags, Verlag adocs, Hamburg 2015