Geht’s noch? Geht doch!

Buch der Woche: Refugees Welcome

„Will­kommen! – Und jetzt?“ titelte jüngst die „Zeit“ über ihrem Aufmacher. Nach dem nach­drück­lich herz­li­chen Empfang von Geflüch­teten an verschie­denen Bahnhöfen der Republik, nach der Vertei­lung von Decken und Broten, nach Klatschen und Emotionen geht es um ganz Prag­ma­ti­sches: Wo sollen sie leben und vor allem: Wie? Dieses „Will­kommen! – Und jetzt?“ ist es auch, was Jörg Friedrich und seine Studenten der Leibniz Univer­sität Hannover umtreibt. Sie haben im Winter­se­mester 2014/2015 ein Seminar zum Thema gemacht und – ob der Aktua­lität sinni­ger­weise sehr schnell – in einem Buch zusam­men­ge­fasst und heraus­ge­bracht. Es trifft den Nerv der aktuellen Debatten und erscheint gerade zur richtigen Zeit, parallel zu den Bildern, die uns landauf landab begegnen – von trost­losen Contai­ner­dör­fern, von vollen Turn- und Messe­hallen, die zwar nur Über­gangs­sta­dium sein sollen, aber das oft schon recht lang. „Geht‘s noch?“ fragen sich da viele. Das Semes­ter­pro­jekt will all diesem andere Bilder entge­gen­setzen – von Entwürfen, die nicht immer ganz realis­tisch sind und durchaus auch Zweifel evozieren, die aber zeigen, wo die – räum­li­chen wie sozialen – Poten­tiale unserer Städte sind.

Das Buch wird einge­leitet von doppel­sei­tigen Fotos aus der Umgebung Hannovers, die die reale Wohn­si­tua­tion von Flücht­lingen wieder­geben – wobei man von „Wohnen“ in diesem Zusam­men­hang nicht immer sprechen kann: Ob Wellblech-Baracken oder in Contai­nern gesta­pelte Trost­lo­sig­keiten, gemeinsam ist ihnen Kargheit und Anony­mität, oder der Standort hinter Zuggleisen oder Fern­straßen. Am beleb­testen wirken tatsäch­lich noch die aus Planen und Gestänge impro­vi­sierten Zelte – die gleichsam grund­le­gende Anfor­de­rungen wie Wärme und Feuch­tig­keits­schutz kaum gewähr­leisten. Das letzte Bild der Strecke zeigt eine Kinder­zeich­nung mit Kreide auf Asphalt: Ein Haus ist dort zu sehen, mit Spitzdach, Schindeln und rauchendem Schorn­stein. Ein Sehn­suchtsort der Container-Bewohner?

Der einlei­tende Text von Jörg Friedrich umreißt das Anliegen des Buchs und stellt Thesen auf: die Angst vor einer neuen Völker­wan­de­rung werde politisch geschürt; Deutsch­land sei schon lange das Ziel von Geflüch­teten. Die wachsende euro­päi­sche Stadt funk­tio­nierte schon im Mittel­alter als Inte­gra­ti­ons­ma­schine, als Beispiele nennt er das Fran­zö­si­sche Quartier in Potsdam oder den Gendar­men­markt, der im 17. Jahr­hun­dert in kürzester Zeit und mitten im Zentrum Berlins für Huge­notten aus Frank­reich gebaut wurde. „Die Archi­tek­turen der Flücht­lings­un­ter­künfte von 2015 bis 2050 könnten sich von dieser Geschichte inspi­rieren lassen“, stellt er fest. „Wieso heut­zu­tage die Archi­tektur für Flücht­linge nur Schrott aus Blech sein muss, die die Umwelt verschan­deln und keine Zukunft haben soll, ist unver­ständ­lich.“ Weitere Text­bei­träge von Peter Haslinger, Simon Takasaki, Christoph Borchers, Oliver Thiedmann und Kay Wendel zeigen das Potential der Inte­gra­tion von Flücht­lingen und die Real­si­tua­tion der Unter­brin­gung von ihnen. Stefan Feld­sch­nie­ders berichtet aus der Praxis der Planung von Flücht­lings­un­ter­künften. Er hatte 2014 eigent­lich etwas Selbst­ver­ständ­li­ches gemacht (siehe der architekt 5–2014): Er stellte Container, die die Kommunen als Flücht­lings­un­ter­künfte geordert hatten, so auf, dass halb­pri­vate Höfe entstanden, intimere Wohn­si­tua­tionen eben. Eine kleine, unkom­pli­ziert zu bewerk­stel­li­gende Geste, die die Situation in der Unter­kunft ungeheuer entspannt hat. Abschlie­ßend berichtet Amelie Deuflhard über das Projekt der ecoFavela auf dem Hamburger Kamp­na­gel­ge­lände (siehe der architekt 2–2015) und es stellen Studie­rende der Uni Hannover in Graphen und Texten die harten Fakten und Zahlen der Flücht­lings­be­we­gungen vor.

Schließ­lich werden die Studen­ten­pro­jekte in Wort und Bild doku­men­tiert. Darunter sind nahe­lie­gende Vorschläge wie Lücken­be­bau­ungen (die schmalste ist 2,50 Meter breit) oder die Über­bauung von Höfen. Aber auch neue Denk­rich­tungen werden gefordert: Warum nicht die Schre­ber­gärten dauerhaft bewohnbar machen? Warum nicht Flach­dä­cher mit Aufbauten versehen? Auch müssen große Hallen nicht – wie es derzeit in der Messe Leipzig geschieht – mit Vorhängen in notdürftig abge­trennte Kojen unter­teilt werden, sondern bieten Platz für schnell aufbau­bare Modul­sys­teme, die intime und private Räume schaffen. Nicht genutzte, schwimm­fä­hige Lastkähne werden zu „Floating Homes“ und Güter­bahn­höfe zu Unter­künften. Auf inner­städ­ti­schen Brachen entstehen Neubauten, die eine Misch­nut­zung zwischen Hanno­ve­ra­nern und Neuan­kömm­lingen vorsehen. Die Flücht­lings­woh­nungen sind im Haus verteilt, Raum und Möglich­keiten von Begeg­nungen werden mitge­plant.  Der Jour­na­list und Autor Doug Saunders legte es kürzlich in einem Vortrag erneut dar: „Without inter­ac­tion no inte­gra­tion.“ Wenn Migranten (und dasselbe gilt auch für Geflüch­tete) an den Stadtrand, in mono­funk­tio­nale Schlaf­städte verbannt werden, haben sie keine Chance, sich in irgend­einer Art in die Gesell­schaft einzu­bringen – dann können sie weder kleine Geschäfte eröffnen, noch funk­tio­nie­rende Netzwerke aufbauen.

Wer sich hier darauf beruft, dass man ja nicht weiß, wie lange die Geflüch­teten bleiben können, bedient sich einer faulen Ausrede: Erstens weiß niemand, ob es sich um ein Über­gangs­sta­dium von zwei Wochen oder gar um Jahre handelt. Zweitens: Jede Archi­tektur, die gebaut wird, kann auf lange Nutzung angelegt werden und wenn die derzei­tigen Bewohner ausziehen, durch neue bewohnt werden. Dass wir in einer Zeit wach­sender Städte leben, ist schließ­lich bekannt. Und drittens müssen wir uns die Frage stellen, welches Menschen­bild wir hier vertreten wollen: Unter­scheiden wir zwischen bloßen „Durch­läu­fern“, die bald wieder weg sind (und dementspre­chend nicht gut behandelt werden müssen?) und jenen mit einem büro­kra­tisch forma­li­siertem „Status“? Wer wollte denn so leben – in einem Land ohne Kontakt­mög­lich­keiten zu anderen, sei es verbal (da Sprach­kurse nur für Leute mit Aufent­halts­titel bezahlt werden), sei es räumlich? In einem TAZ-Interview hat es Jörg Friedrich noch einmal auf den Punkt gebracht: „Es gibt keine „Flücht­lings­ar­chi­tektur“, sondern nur eine Archi­tektur, die bestimmte ökono­mi­sche Forde­rungen archi­tek­to­nisch würdevoll umsetzt.“

Die „Flücht­lings­frage“ wird uns in den nächsten Jahr­zehnten begleiten. Das ist eine Tatsache, der wir uns stellen müssen und können – mit offenen Augen und Herzen und einem wachen Geist.

Juliane Richter

Friedrich, Jörg / Takasaki, Simon / Haslinger, Peter / Thie­de­mann, Oliver / Borchers, Christoph (Hrsg.): Refugees Welcome. Konzepte für eine menschen­wür­dige Archi­tektur,  Hardcover, 56 S., ca. 170 farb. Pläne und Abbil­dungen, Jovis Verlag, Berlin 2015, 28,- Euro, ISBN 978–3‑86859–378‑5