Chabos wissen, wer der Babo ist

Buch der Woche: Offenbach ist anders

Seit dem deutschen Beitrag zur Archi­tek­tur­bi­en­nale in Venedig 2016 wissen wir, „Offenbach is almost alright“. Offenbach ist ganz in Ordnung also. Ausgangs­punkt dieser zur These gemachten Aussage waren die Unter­su­chungen des Kura­to­ren­teams Anna Scheu­er­mann, Oliver Elser und Peter Cachola Schmal, die unter dem Eindruck der stei­genden Flücht­lings­zahlen das Potential Deutsch­lands als „Arrival Country“ zur Aufnahme all jener Vertrie­benen ebenso beleuch­teten wie die Chancen, die diese für unser Land darstellen. Neben verschie­denen Aussagen darüber, unter welchen Bedin­gungen ein Ankommen in einer neuen Umgebung für Migranten gelingen kann oder wie beispiel­hafte Unter­künfte aussehen können, war ein rele­vanter Teil der in Venedig gezeigten Schau mit eben jener Aussage über­schrieben, dass Offenbach eben ganz in Ordnung sei.

Grund für die Beson­der­heit der östlich von Frankfurt in der Rhein-Main-Metro­pol­re­gion gelegenen „kleinen Großstadt“ ist, dass sie der Ort ist, vor dem die AfDler dieses Landes ebenso große Angst haben wie die Granden von CSU und Co, die die rechts­na­tio­nalen Polemiken von einer Über­frem­dung Deutsch­lands will­fährig nach­plap­pern. In Offenbach leben Menschen aus über 150 Nationen zusammen: von den Ende 2015 gezählten 123.734 Einwoh­nern sind 36,8 Prozent Ausländer, die Zuwan­de­rung der nicht­deut­schen Bevöl­ke­rung hat in den letzten fünf Jahren um etwa zwanzig Prozent zuge­nommen – und wenn man alle Deutschen mit einrechnet, deren Fami­li­en­bio­grafie eine Migra­ti­ons­ge­schichte aufweist, stammen rund 60 Prozent der Offen­ba­cher „aus Zuwan­de­rer­fa­mi­lien und haben familiäre Bezie­hungen über Deutsch­land hinaus“. Und trotzdem ist die Stadt am Main eben „ganz okay“.

Warum das so ist, und was den Reiz und die Qualität der Stadt ausmacht, beschreibt der Stadt­for­scher und Publizist Kai Vöckler in seinem nun vorlie­genden Buch „Offenbach ist anders. Über die kleine globale Stadt, das Fremdsein und die Kunst“. Vöckler, als gebür­tiger Hanno­ve­raner bis 2010 in Berlin ansässig, ist an der HfG Offenbach Stif­tungs­pro­fessor für Krea­ti­vität im urbanen Kontext. Anders als viele Profes­so­ren­kol­legen hat er seinen Lebens­mit­tel­punkt infolge der Berufung komplett an den Main verlegt. Entspre­chend invol­viert ist er – als Autor und Privat­person. Das merkt man dem Buch an, und es tut ihm gut.

Wie weit die Spanne der Betrach­tungs­ebene seiner Wahl­heimat reicht, macht Vöckler gleich zu Beginn der Publi­ka­tion deutlich und stellt einem Zitat von Johann Gottfried Seume aus dem Jahr 1802 eines von Aykut Anhan  gegenüber. Wo Seume zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts schrieb: „Es ist überall Wohlstand und Vorrat; man bauet und bessert und erweitert von allen Seiten: und die ganze Gegend rund umher ist wie ein Paradies; besonders nach Offenbach hinüber“, rappt Anhan, besser bekannt unter seinem Künst­ler­namen „Haft­be­fehl“ 2014 in seinem Song „1999 Pt.1“: „Offenbach bleibt hart/​ Hermann-Stein­häuser-Straße, Mainpark, Chab/​ Forever Nordend, Goethe­platz, Büsing-Park/ Bruder dieser Ort brennt“.

In vier Kapitel gliedert der Autor das schön gesetzte und angenehm unauf­ge­regt gelay­outete Büchlein: „Warum Offenbach?“, „Die Stadt der Migranten (‚Arrival City‘)“, „Die Stadt der Kreativen (‚Creative City‘)“ und „Schau­platz der Künste, Ort des Fremd­seins, kleine Weltstadt“. Neben sozio­lo­gi­schen Über­le­gungen spielen dabei dankens­werter Weise auch popkul­tu­relle Analysen eine Rolle – etwa zu Haft­be­fehls  „Saudi Arabi Money Rich“. Diese phäno­me­no­lo­gi­schen Unter­su­chungen tages­ak­tu­eller Stra­ßen­raps werden souverän gekontert mit Betrach­tungen von künst­le­risch deutlich anders gela­gerten Arbeiten von HfG-Studie­renden, die sich dem gleichen Topos widmen – nämlich Offenbach am Main.

Vöckler beschreibt also nicht nur kennt­nis­reich, wie sich die Multi­na­tio­na­lität unserer Gesell­schaft im Kleinen abbildet, sondern auch, wie Kultur­trei­bende unter­schied­li­cher Couleur darauf reagieren. Nicht nur, aber auch als Ergänzung zu den im Rahmen des deutschen Biennale-Beitrags getä­tigten Aussagen ist das Buch somit  sehr lesens­wert. Schließ­lich legt es auch dar, warum sich niemand vor einer Gesell­schaft wie der in Offenbach fürchten müssen.

David Kasparek

Kai Vöckler: Offenbach ist anders. Über die kleine globale Stadt, das Fremdsein und die Kunst, 238 S., mit zahlr. Abb., Paperback, 18, Euro, Vice Versa Verlag, Berlin 2017, ISBN 978–3‑932809–84‑2