Chro­nistin der Nach­kriegs­mo­derne

Buch der Woche: Sigrid Neubert

„Die Archi­tektur habe ich am liebsten im Licht des Schwarz-Weiß gesehen“ schrieb die Foto­grafin Sigrid Neubert in einer ihrer Selbst­re­fle­xionen. Eine Mono­gra­phie von Frank Seehausen liefert nun ein Panorama über Neuberts Archi­tek­tur­fo­to­grafie und eröffnet damit nebenbei einen Einblick in die bundes­re­pu­bli­ka­ni­sche Archi­tektur der 1950er bis 1980er Jahre.

Sigrid Neubert, geboren 1927 in Tübingen, hatte nach ihrem Studium der Foto­grafie in München zunächst als Werbe­fo­to­grafin ange­fangen und beispiels­weise weiße Kera­mik­kannen in aufwen­digen Mehr­fach­be­lich­tungen vor schwarzem Grund in Szene gesetzt. Die best­mög­liche Insze­nie­rung eines Gegen­stands war somit der Ausgangs­punkt, von dem aus sie sich Mitte der 1950er Jahre der Archi­tek­tur­fo­to­grafie zuwandte. Jedoch merkt man schon in ihren frühen Aufnahmen, dass es ihr weniger um das Bild als autonomes künst­le­ri­sches Medium und nicht nur um aufre­gende, spek­ta­ku­läre Ausschnitte und Bild­kom­po­si­tionen ging. Vielmehr stand für sie die technisch präzise und gegen­stands­ge­treue Wieder­gabe im Vorder­grund, die dem Betrachter eine genaue Vorstel­lung des Bauwerks vermit­telt. „Ich möchte mit meinen Archi­tek­tur­fotos infor­mieren“ sagte Sigrid Neubert – eine eher unge­wöhn­liche Maxime, wo doch Foto­grafen wie die Ameri­kaner Julius Shulman und Ezra Stoller durchaus als eigen­stän­dige Künstler verstanden wurden.

Hans Maurer, Erdfunk­stelle, Raisting 2, um 1971, Foto: Sigrid Neubert, © Staat­liche Museen zu Berlin,
Kunst-biblio­thek

Um die „Infor­ma­tionen“ eines Gebäudes im Bild zu bannen, war es für Neubert uner­läss­lich, sich mit dem Entwurf und der Idee zu beschäf­tigen: „Voraus­set­zung für ein gutes Archi­tek­tur­foto ist das Gespräch mit dem Archi­tekten“, meinte sie. Zu ihren Auftrag­ge­bern gehörten dabei zum Beispiel Gerd Wiegand, Walther und Bea Betz, Hans-Busso von Busse und viele weitere, vor allem im süddeut­schen Raum ansässige Archi­tekten. Für einige arbeitete sie über viele Jahre hinweg und pflegte engen persön­li­chen Kontakt. Während die Foto­gra­fien der Anfangs­zeit noch recht nüchtern und zurück­hal­tend anmuten, sich vor allem auf das archi­tek­to­ni­sche Ganze konzen­trieren, werden sie im Laufe der 1960er Jahre deutlich freier und ausdrucks­stärker und nähern sich der Dramatik der ameri­ka­ni­schen Kollegen an. Einige von diesen Bildern sind geradezu ikonisch geworden, etwa die schräge Ansicht auf das Mies-inspi­rierte Verlags­ge­bäude der Süddeut­schen Zeitung oder der Blick über das Sicht­beton-Dach des BMW-Olympia-Parkhaus auf den BMW-Vier­zy­linder in München.

Walther und Bea Betz, Haus Ziegler-Gahm, Würzburg 1958, Foto: Sigrid Neubert, © Staat­liche Museen zu Berlin, Kunst­bi­blio­thek

Dennoch bewahrte sich Neubert ihre Treue zum Gegen­stand, was in der Publi­ka­tion deutlich zum Ausdruck kommt. In einer chro­no­lo­gisch geord­neten Auswahl an Bauwerken, die durch Texte von Frank Seehausen begleitet werden, wird Neuberts foto­gra­fi­sches Werk in Breite vorge­führt und gleich­zeitig ihr Ansatz in Buchform übersetzt: Die Bauwerke werden hierbei in gleichem Maße wie die Foto­gra­fien unter­sucht. Das Buch ist hierdurch nicht nur als eine Werk­mo­no­gra­phie, sondern auch als eine spannende Entwick­lungs­ge­schichte der Nach­kriegs­ar­chi­tektur zu lesen. Wenn­gleich die Foto­gra­fien durch eine beschränk­tere Auswahl und größer skaliert bestimmt aufre­gender hätten insze­niert werden können, bewirkt die Fülle an Bildern ein besseres Verständnis der Baukörper und Räume, zusätz­lich unter­stützt durch beigefügte Grund­risse und Zeich­nungen.

Elina Potratz

Frank Seehausen: Sigrid Neubert – Archi­tek­tur­fo­to­grafie der Nach­kriegs­mo­derne, 336 S., 570 Foto­gra­fien, Pläne u. Grund­risse, 45,– Euro, Hirmer Verlag, München 2018, ISBN: 978–3‑7774–3036‑2

Hans Maurer, Erdfunk­stelle, Raisting 2, um 1971, Foto: Sigrid Neubert, © Staat­liche Museen zu Berlin,
Kunst-biblio­thek
Walther und Bea Betz, Haus Ziegler-Gahm, Würzburg 1958, Foto: Sigrid Neubert, © Staat­liche Museen zu Berlin, Kunst­bi­blio­thek