Çıkmacıs

Die Bauteil­ver­werter von Istanbul

Der Architekt und Stadt­for­scher E. Onur Ceritoglu beschreibt im Rahmen seiner ethno­gra­fi­schen Feld­for­schung, die er von 2015 bis 2019 für seine Disser­ta­tion an der BTU Cottbus-Senf­ten­berg mit dem Titel „Building Salvage: Reclai­ming a Liveli­hood from the Excesses of Istanbul’s Mass Urba­niza­tion“ durch­ge­führt hat, wie die çıkmacıs (Schrott­sammler oder Wieder­ver­werter) in Istanbul die Kreis­lauf­wirt­schaft mit Mate­ria­lien aus dem Abriss von Gebäuden zur Wieder­ver­wer­tung in Gang halten – im Sinne von: Nichts geht verloren.

Über­set­zung aus dem Engli­schen: Hella Beister

Als wir aus dem Trans­porter des Schrott­samm­lers stiegen, sah ich die zurück­ge­las­senen Möbel, die man vor dem Haus gestapelt hatte. „Die kommen auf den Flohmarkt“, sagte er und zeigte auf den Stapel: „Hier geht nichts verloren!“ Die ausge­bauten PVC-Rahmen, fügte er hinzu, habe er bereits an einen Groß­händler verkauft. Als wir in das Gebäude gingen, fiel mir auf, dass es ironi­scher­weise „Future Apart­ments“ hieß. Im Erdge­schoss sah ich, dass einige der zur Wieder­ver­wer­tung bestimmten Mate­ria­lien und Bauteile dort gelagert worden waren. An einem der gebor­genen Teile hing ein Zettel mit dem Namen des Käufers. Außerdem schien irgend­je­mand in diesem Raum zwischen all den Mate­ria­lien sein provi­so­ri­sches Lager aufge­schlagen zu haben. Vom Trep­pen­haus her hörte ich dumpfe Schläge. Aus dem Fahr­stuhl­schacht sprühten ab und zu Funken und ich konnte in ihn hinein­sehen, weil die Fahr­stuhltür nicht mehr da war. Ich folgte der Schlauch­lei­tung bis zu einer Wohnung im dritten Stock. Auch hier gab es keine Tür mehr. (Aus meinen Feld­no­tizen1)Die Disser­ta­tion wird im Oktober 2023 als Open-Access-Publi­ka­tion im Tran­script Verlag veröf­fent­licht. ↩︎

Schrott­sammler bergen Bauteile für die Wieder­ver­wer­tung, Istanbul 2019, Foto: E. Onur Ceritoglu

Während meiner fünf Jahre Feld­for­schung in der Türkei habe ich oft solche Szenen erlebt. Im Zuge der Stadt­er­neue­rung wurden in den letzten 20 Jahren immer mehr Gebäude abge­rissen. Was mit dem dabei anfal­lenden Abbruch­ma­te­rial geschah, kümmert den Staat nicht. In der Türkei gibt es annähernd 6,7 Millionen Gebäude, die nicht erdbe­ben­si­cher sind und deshalb zur erdbe­ben­si­cheren Nach­rüs­tung oder gleich für Abriss und Neubau frei­ge­geben werden. Aber wie wird eigent­lich die Entsor­gung des Baumisch­ab­falls gehand­habt? In der Türkei gibt es keinen staat­li­chen Rahmen­plan für eine effi­zi­ente Bewirt­schaf­tung des massen­haften Baumisch­ab­falls. Außerdem ist die Recycling-Infra­struktur unzu­rei­chend. In dieses, durch staat­liche Nach­läs­sig­keit entstan­dene Vakuum drangen verschie­dene infor­melle Gruppen von Menschen vor und machten die Wieder­ver­wer­tung von Bauteilen zu ihrer Exis­tenz­grund­lage. Diese Menschen werden çıkmacıs genannt (Singular çıkmacı, türkisch für Wieder­ver­werter). Im Allge­meinen sind das Abriss­ar­beiter und Schrott­sammler.

Abriss heißt, dass Gebäude voll­ständig und ohne irgend­einen Versuch zur Wieder­ver­wer­tung von Mate­ria­lien beseitigt werden. Sein Zweck ist die schnellst­mög­liche Besei­ti­gung von herun­ter­ge­kom­menen Gebäuden aus der Stadt­land­schaft. Beim Rückbau dagegen werden zunächst alle möglichen Bauele­mente sorg­fältig ausgebaut, Mate­ria­lien und Bauteile werden wie bei einem Tagebau geborgen und der Wieder­ver­wer­tung zugeführt. Der beim Abriss anfal­lende Baumisch­ab­fall besteht in der Regel aus klobigen und schweren Mate­ria­lien wie Beton, Holz, Asphalt, Gips, Metallen, Ziegel­steinen, Glas und Plastik. Zu diesem Baumisch­ab­fall gehören auch Bauteile wie Türen, Fenster und Sani­tär­technik, außerdem Mate­ria­lien wie Bäume, Baum­stümpfe, Erde und Gesteins­bro­cken, die bei der Gelän­de­räu­mung anfallen.

Blick durch die leeren Fenster- und Türöff­nungen eines Gebäudes im Bezirk Kadıköy, Istanbul 2016, Foto: E. Onur Ceritoglu

Wieder­ver­wen­dung in der Archi­tektur ist eine in der Geschichte der Mensch­heit weit zurück­rei­chende Praxis. Wenn Städte durch Natur­ka­ta­stro­phen oder sonstige Umstände zerstört wurden, wurde der Schutt – Steine, Marmor – oft wieder­ver­wertet und als Bauma­te­rial genutzt. Die Wieder­ver­wen­dung der Ruinen von Städten gibt nicht nur Einblick in den Lebens­zy­klus der Mate­ria­lien, sondern wirft auch ein Licht auf die Anpas­sungs­fä­hig­keit von Gemein­schaften in Bezug auf die optimale Nutzung der verfüg­baren Ressourcen. Heute hat sich ange­sichts der raschen Erschöp­fung der Ressourcen auf der ganzen Welt Rückbau zu einem entschei­denden Aspekt der ökolo­gi­schen Nach­hal­tig­keit entwi­ckelt. In der Türkei ist diese Praxis schon lange üblich. Seit den 1960er-Jahren wurden wieder­ver­wert­bare Mate­ria­lien genutzt, um die gece­kondus hoch­zu­ziehen, diese „über Nacht aus dem Boden gestampften“ Häuser für Migran­tinnen und Migranten, die vom Land in die Städte kamen und zu Haus­be­set­zern wurden, weil der Staat ihnen keine Unter­künfte bereit­stellen konnte.

Die Türkei hat eine rasante, von Profit­gier getrie­bene Urba­ni­sie­rung erlebt, die zahl­reiche negative Folgen hatte. Mehrere histo­ri­sche Erdbe­ben­ka­ta­stro­phen führten zur Zerstö­rung von Wohn­ge­bieten, zum Verlust von Menschen­leben, und offen­barten die inhä­renten Schwächen und Gefahren der gebauten Umwelt. Der Wohnungs­be­stand hatte das Ende seiner physi­schen und ökono­mi­schen Lebens­dauer erreicht. Diese Situation machte sich die Wirt­schaft zunutze, um die Bauin­dus­trie anzu­kur­beln und an die neoli­be­rale Dynamik anzu­passen. In den letzten zwanzig Jahren stand für die AKP-Regierung die Stadt­ent­wick­lung ganz oben auf der ökono­misch-poli­ti­schen Agenda. Doch das jüngste Erdbeben in der türkisch-syrischen Grenz­re­gion im Februar 2023 – bei dem im Südosten der Türkei über 50.000 Menschen umkamen und ein Gebiet von 350.000 Quadrat­ki­lo­me­tern verwüstet wurde – hat gezeigt, dass diese Bemü­hungen dank der korrupten AKP-Büro­kratie erfolglos waren.

Çıkmacıs trotzen der Schwer­kraft, Istanbul 2019, Foto: E. Onur Ceritoglu

Die Anpassung an die neoli­be­rale Dynamik gab in der Türkei den Anstoß zu einer Reihe von unge­rechten und profit­ori­en­tierten Entwick­lungen. Dazu gehören die Räumung der inner­städ­ti­schen Slums, die zur Vertrei­bung der Bewohner der gece­kondus führte, die Priva­ti­sie­rung von öffent­li­chen Räumen und andere Formen der Enteig­nung. Stadt­er­neue­rungs­pro­jekte „von oben“ gehen oft über die tatsäch­li­chen Bedürf­nisse der Anwoh­nenden hinweg, da sie vor allem auf groß­räu­mige Immo­bi­li­en­in­ves­ti­tionen setzen. Im türki­schen Kontext umfasst ein „Baupro­jekt“ sowohl den Abriss bestehender als auch den Bau neuer Gebäude. Die Folge: Abriss wird zur schnellen Lösung für die gänzliche Vernich­tung der bestehenden Umwelt. Bei diesen Abriss­ar­beiten fallen erheb­liche Mengen Schutt an, die von den städ­ti­schen Behörden nur unzu­rei­chend entsorgt werden. Das Konzept der Kreis­lauf­wirt­schaft steckt in diesem Land noch in den Kinder­schuhen. Abfall landet, wie in anderen, erst kürzlich indus­tria­li­sierten Ländern des globalen Südens, in einer Grauzone. So bieten Müll­ab­fuhr und Müll­tren­nung neu ange­kom­menen Migranten vom Land wie auch Geflüch­teten eine nicht zu unter­schät­zende Exis­tenz­grund­lage.

In der Türkei liegt das Manage­ment des Baupro­zesses in der Regel in der Hand von Gene­ral­un­ter­neh­mern. Diese verkaufen das Schutt­ma­te­rial an çıkmacıs (Schrott­sammler oder Wieder­ver­werter). Zur Aufgabe der çıkmacıs gehört das Abbauen, Sammeln, Klas­si­fi­zieren und Lagern dieser Mate­ria­lien. Wieder­ver­wert­bare Objekte werden zu Recy­cling­werken gebracht, Bauteile auf Gebraucht­wa­ren­märkten verkauft. Die çıkmacıs bauen wieder­ver­wert­bare Bauteile wie PVC-Fens­ter­rahmen, Türen, Heiz­körper, Küchen­theken und Sani­tär­ein­rich­tungen aus. Sie bergen Beleuch­tungs- und Sani­tär­an­lagen, kupfer­hal­tige Strom­kabel, Wasser­hähne und Metall­rohre. Sie zerlegen Fahr­stühle und Zentral­hei­zungen, um das Metall-Recycling zu erleich­tern. Und sie tragen Hausrat und Möbel zusammen, die von den früheren Bewohnern zurück­ge­lassen wurden und nun auf dem Flohmarkt verkauft werden. Hier geht wirklich nichts verloren.

Arbeiter wohnen vorüber­ge­hend in verlas­senen Wohnungen, Istanbul 2018, Foto: E. Onur Ceritoglu

In der flexiblen Erwerbs­struktur der çıkmacıs ist Mobilität ein entschei­dender Faktor. Çıkmacıs arbeiten oft außerhalb ihrer Heimat­re­gionen und erweitern ihre Trupps je nach der Zahl der (Abriss-)Baustellen und der ihnen zuge­wie­senen Jobs, indem sie Fami­li­en­mit­glieder oder Leute aus Nach­bar­dör­fern dazu holen. Sie beschäf­tigen auch Geflüch­tete, vor allem solche aus Afgha­ni­stan und Syrien. Geflüch­tete, die in die Städte kommen, finden rasch Beschäf­ti­gung in der infor­mellen Wirt­schaft, da es hier keine recht­li­chen oder büro­kra­ti­schen Hürden zu über­winden gilt. Sie nutzen bereits bestehende Netzwerke und treten in die Fußstapfen der vor ihnen Ange­kom­menen. Aller­dings sind sie auch kaum vor Ausbeu­tung geschützt.

Die çıkmacıs leben abwech­selnd in Istanbul und in ihren Heimat­dör­fern. Dabei ziehen Mitglieder einer Familie oder Männer aus demselben Dorf vorüber­ge­hend als Saison­ar­beiter in die Stadt. In der Stadt gelten sie „amtlich“ als unge­lernte Arbeits­kräfte, aber tatsäch­lich verfügen sie dank ihrer Herkunft vom Land über land­wirt­schaft­liche und sonstige Kennt­nisse und Fähig­keiten. Häufig pendeln diese Menschen zwischen Stadt und Land. Im Gegensatz zum Leben in der Stadt, wo die ökono­mi­schen und sozialen Bedin­gungen unvor­her­sehbar sind, haben sie mit ihren Äckern auf dem Land eine stabile Grundlage. Da unter­schied­liche Vege­ta­ti­ons­typen zu unter­schied­li­chen Zeiten des Jahres ihre Aufmerk­sam­keit erfordern, hat dieses Ackerland außerdem erheb­liche sozio-ökolo­gi­sche Auswir­kungen. Das Ackerland verkör­pert zahl­reiche, das Handeln beein­flus­sende Faktoren. Es symbo­li­siert die Wech­sel­be­zie­hung zwischen mensch­li­chen und nicht-mensch­li­chen Akteuren.

Lager für gebrauchte Bauteile aus Istanbul, Tiflis, Georgien 2018, Foto: E. Onur Ceritoglu

Der Ort dieser Symbiose sind die Mate­ri­al­lager in der Stadt, die nicht nur als funk­ti­ons­fä­hige Wirt­schafts­räume dienen, sondern auch als zeit­wei­lige Lebens­räume für die Arbeiter. Diese Mate­ri­al­lager sind wie Gehäuse, die sich jeden Tag doppelt füllen: mit den beim Abriss oder Rückbau gewon­nenen und dort gela­gerten Mate­ria­lien und mit den vorüber­ge­hend dort lebenden Menschen. Die Grenzen zwischen dem Sozialen und dem Mate­ri­ellen verschwimmen auf diesen Lager­plätzen so sehr, dass die Menschen von dem Material, das sie geborgen haben, kaum mehr zu trennen sind. Zum besseren Verständnis dieser Koexis­tenz muss man sich die sozialen Inter­ak­tionen mit anderen Akteuren ansehen, die die Wieder­ver­wen­dung ermög­li­chen, etwa Kunden, die erschwing­liche Repa­ra­turen durch­führen oder Zweit­woh­nungen bauen (Sommer- oder Feri­en­häuser, Schuppen).

Bauteil­ex­port nach Georgien

Doch seit dem Abriss der gece­kondus, die die Nachfrage nach wieder­ver­wert­baren Mate­ria­lien zuvor ange­kur­belt hatten, begannen die çıkmacıs, die von ihnen gebor­genen Bauteile auch außerhalb von Istanbul zu verkaufen. Das Netzwerk des Handels mit gebrauchten Bauteilen hat sich auf das benach­barte Georgien ausge­dehnt. Hier kommt die Nachfrage vor allem von Haus­halten von Gering­ver­die­nern auf dem Land und in kleinen Städten. Wie bei den gece­kondus werden auch diese Unter­künfte oft unter Umgehung der Bauvor­schriften errichtet. Dadurch lassen sich die Bauar­beiten flexibel gestalten. An solchen Orten wird in Etappen gebaut; wieder­ver­wert­bare Mate­ria­lien werden genutzt, um in langsam voran­schrei­tenden Baupro­jekten Häuser zu moder­ni­sieren, zu erweitern oder zu repa­rieren. Die bei Abriss oder Rückbau gewon­nenen Mate­ria­lien haben erheb­li­chen Einfluss auf die Gestal­tung der Wohn­häuser auf dem Land.

Mate­ri­al­lager eines Abriss­un­ter­neh­mers, Istanbul 2018, Foto: E. Onur Ceritoglu

Obwohl die çıkmacıs die „Drecks­ar­beit“ der Kreis­lauf­wirt­schaft und des Bausek­tors machen, bleiben sie unerkannt und unsichtbar. Çıkmacı ist kein staatlich aner­kannter Beruf, was mangelnde staat­liche Aufsicht und mangelnde Unter­stüt­zung für die Bedürf­nisse derer zur Folge hat, die ihn ausüben. In anderen türki­schen Groß­städten haben sich einige çıkmacıs zu Genos­sen­schaften zusam­men­ge­schlossen. Trotzdem haben sie unter den Einzel­händ­lern auf dem Baumarkt nur eine Rand­stel­lung.

Aufgrund der mangelnden staat­li­chen Aufsicht sind die çıkmacıs über Arbeits­si­cher­heit und Gesund­heits­schutz schlecht infor­miert. Leider werden in diesem Mate­ri­al­kreis­lauf auch Gefah­ren­stoffe frei­ge­setzt, die Menschen und Umwelt belasten. Nach Schät­zungen des Stadt­ak­ti­visten Aslı Odman wird bei ungefähr einem Viertel der in Istanbul abge­ris­senen Gebäude Asbest frei­ge­setzt.2 Die Luft rund um die Abriss­ge­lände ist konta­mi­niert und stellt eine Gefahr für die çıkmacıs wie für die Nachbarn und die übrigen Lebewesen dar. Während die Behörden und auch die Abriss­ar­beiter über die mit Asbest verbun­denen Umwelt- und Gesund­heits­ri­siken gerne hinweg­sehen, warnen lokale NGOs aktiv vor den gesund­heit­li­chen Spät­folgen und machen sich für vorbeu­gende Maßnahmen stark. Durch diese wirkungs­ak­tiven Stoffe hat der Bauschutt erheb­li­chen Einfluss auf den Lebens­un­ter­halt der çıkmacıs, auf die Umwelt­ver­schmut­zung und auf den Wohnungsbau auf dem Land.Odman, Aslı. 2019, „Asbest Tehlike Haritası: Ortalık Toz Duman. (Asbestos Hazard Map: Dust and Dust)“ Beyond​.Istanbul, no. 4: S. 70 – 77. ↩︎

Die Front dieses Hauses auf dem Land besteht aus recy­celten PVC-Rahmen aus Istanbul, Kayseri, Türkei 2018, Foto: E. Onur Ceritoglu

Die Recycling-Industrie

Das Konzept des Design for Decon­s­truc­tion and Disas­sembly (DfD), also die Entwick­lung von Lösungen für nach­hal­tiges Planen, Bauen und Nutzen von Bauwerken, findet in der Archi­tektur immer mehr Zuspruch. Archi­tekten und Inge­nieure können zu dieser Bewegung beitragen, indem sie Wohn­häuser unter Einbe­zie­hung von flexibel (wieder)verwend- und verwert­baren Mate­ria­lien und Bauteilen entwi­ckeln. Eine weitere Möglich­keit, diese Initia­tive zu unter­stützen, wäre die bautech­ni­sche Redu­zie­rung von Kleb­stoffen wie Leim oder Dich­tungs­schaum, da diese Substanzen den Rückbau von Gebäuden erschweren. Außerdem können solche profes­sio­nellen Praktiken die baupo­li­ti­schen Entschei­dungen der Städte beein­flussen und zur Entwick­lung von Richt­li­nien und Sicher­heits­pro­to­kollen für den Rück­bau­pro­zess führen.

So konzen­triert sich zum Beispiel Rotor, ein Unter­nehmen und Online-Plattform mit Sitz in Belgien, auf die Gewinnung von Mate­ria­lien durch den Rückbau von Gebäuden. Rotor geht es vor allem darum, Lösungen für das Problem der Wieder­ver­wen­dung von Mate­ria­lien im Bauwesen zu entwi­ckeln. Dieses Vorhaben wird jedoch durch strenge Vorschriften erschwert. Wenn während des Baupro­zesses zahl­reiche Subun­ter­nehmer zwischen­ge­schaltet werden oder wichtige beruf­liche Verant­wort­lich­keiten ins Spiel kommen, wird Wieder­ver­wen­dung nahezu unmöglich. Um diese Heraus­for­de­rung zu bewäl­tigen, arbeitet Rotor mit öffent­li­chen Verwal­tungen, Behörden und Bran­chen­ver­bänden zusammen, um Regeln und Vorschriften so zu gestalten, dass die Wieder­ver­wen­dung von Mate­ria­lien erleich­tert wird.

Abbruch­reife Immobilie, Istanbul 2018, Foto: E. Onur Ceritoglu

Kenn­zeich­nend für die Abfall­be­wirt­schaf­tung im globalen Norden sind syste­ma­ti­sche und streng formale Verfahren. Dem ist entge­gen­zu­halten, dass die Wirk­sam­keit von Wieder­ver­wen­dungs- und Recy­cling­ver­fahren nicht allein am Grad der Forma­li­sie­rung zu messen ist. Wollte man in anderen Welt­ge­genden, vor allem in Regionen, in denen die kreative Wieder­ver­wen­dung floriert, die Wirk­sam­keit solcher Verfahren nur anhand von Kriterien aus den west­li­chen Über­le­gungen zur Kreis­lauf­wirt­schaft beur­teilen, würde das die Diskus­sion in viel zu enge Bahnen lenken. In der Türkei zum Beispiel arbeitet die Recycling-Industrie mit einer Kombi­na­tion aus formalen und infor­mellen Akteuren und unter­streicht damit die Notwen­dig­keit, unter­schied­liche Ansätze jenseits einer westlich zentrierten Perspek­tive in Betracht zu ziehen.

Çıkmacıs profi­tieren in ihrem Streben, möglichst viel Gewinn heraus­zu­holen, von den Rege­lungs­lü­cken der Abfall­be­wirt­schaf­tung. Für sie sind diese Lücken Chancen, die sie stra­te­gisch nutzen. Sie passen sich aber auch den sich verän­dernden Verhält­nissen in den Städten an und fördern zugleich die nach­hal­tige Wieder­ver­wer­tung von Bauschutt. Die Archi­tektur kann aus diesen ad-hoc-Wieder­ver­wen­dungs­prak­tiken wertvolle Erkennt­nisse für ihr eigenes Gebiet gewinnen und sich verstärkt auf die sozio-mate­ri­elle Natur von Bauma­te­ria­lien besinnen. Zugleich wäre es für die Behörden eine Gele­gen­heit, die sozialen und tech­ni­schen Bedin­gungen der çıkmacıs zu verbes­sern, statt zu versuchen, sie durch eine formal geregelte Abfall­be­wirt­schaf­tung zu verdrängen oder ihren Sektor behörd­li­cher Kontrolle zu unter­stellen. Dadurch könnte eine alter­na­tive Entwick­lung in Gang kommen, bei der der Bauschutt zu einer Art städ­ti­schem Gemeingut wird, zu einem auf die Bewirt­schaf­tung der Ressourcen ausge­rich­teten Kollek­tiv­ei­gentum. Die Hand­lungs­mög­lich­keiten und die Rolle der çıkmacıs sind jedoch ungewiss, vor allem im Hinblick darauf, ob und wie sie sich etwaigen Forma­li­sie­rungs- und Priva­ti­sie­rungs­pro­zessen in ihrem Sektor anpassen können.

Hilfs­kon­struk­tion für Abbruch­ar­beiten, zusam­men­ge­setzt aus alten Dach­latten, Istanbul 2018, Foto: E. Onur Ceritoglu

Auch wenn für die Tätig­keiten und Rhythmen der çıkmacıs derzeit die kapi­ta­lis­ti­schen Rahmen­be­din­gungen bestim­mend sind, stellen sie doch eine besondere Gruppe dar, die über einmalige Ressourcen verfügt und das Potenzial hat, Bauschutt in städ­ti­sches Gemeingut zu verwan­deln: Hier könnten sie Mate­ria­lien aller Art, Bauteil­lager und einschlä­gige Fach­kennt­nisse einbringen. Eine neue staat­liche Baupo­litik könnte bei diesem Potenzial ansetzen und festlegen, dass ein bestimmter Anteil des bei jedem Abriss oder Rückbau gewon­nenen Schutts dem Gemein­wohl zugu­te­kommen muss. Vorstellbar wäre auch, dass die Bauun­ter­nehmen einen Beitrag zu dieser Initia­tive leisten, indem sie eine bestimmte Menge unge­nutztes Material zur Verfügung stellen. In dieser Hinsicht sind die bestehenden çıkmacıs-Kollek­tive schon jetzt ein Präze­denz­fall. Mit einer Auswei­tung ihrer Akti­vi­täten im oben beschrie­benen Sinne könnten sie zur tragenden Säule der Sicherung des Rechts auf bezahl­bares Wohnen werden. Eine entspre­chende soziale Infra­struktur könnte durch Spenden, kollek­tives Enga­ge­ment und gemein­same Nutzung von Ressourcen aufgebaut und aufrecht­erhalten werden – kurz: durch Wieder­ver­wen­dung und Wieder­ver­wer­tung.

E. Onur Ceritoglu, geboren 1983, ist Architekt, Künstler und Stadt­for­scher. In seinen Kunst­werken stellt er das städ­ti­sche Leben in den Kontext einer am Material und der Praxis des sozialen Enga­ge­ments orien­tierten Erfahrung. Er war mehrfach Artist in Residence und hat an inter­na­tio­nalen Ausstel­lungen teil­ge­nommen. Seine Forschungs­ar­beit gilt der infor­mellen Arbeit, der Mate­ria­lität von Abfall und der Wieder­ver­wen­dung dieses Abfalls in der Archi­tektur.

  1. Die Disser­ta­tion wird im Oktober 2023 als Open-Access-Publi­ka­tion im Tran­script Verlag veröf­fent­licht. ↩︎
  2. Odman, Aslı. 2019, „Asbest Tehlike Haritası: Ortalık Toz Duman. (Asbestos Hazard Map: Dust and Dust)“ Beyond​.Istanbul, no. 4: S. 70 – 77. ↩︎
Schrott­sammler bergen Bauteile für die Wieder­ver­wer­tung, Istanbul 2019, Foto: E. Onur Ceritoglu
Blick durch die leeren Fenster- und Türöff­nungen eines Gebäudes im Bezirk Kadıköy, Istanbul 2016, Foto: E. Onur Ceritoglu
Çıkmacıs trotzen der Schwer­kraft, Istanbul 2019, Foto: E. Onur Ceritoglu
Arbeiter wohnen vorüber­ge­hend in verlas­senen Wohnungen, Istanbul 2018, Foto: E. Onur Ceritoglu
Lager für gebrauchte Bauteile aus Istanbul, Tiflis, Georgien 2018, Foto: E. Onur Ceritoglu
Mate­ri­al­lager eines Abriss­un­ter­neh­mers, Istanbul 2018, Foto: E. Onur Ceritoglu
Die Front dieses Hauses auf dem Land besteht aus recy­celten PVC-Rahmen aus Istanbul, Kayseri, Türkei 2018, Foto: E. Onur Ceritoglu
Abbruch­reife Immobilie, Istanbul 2018, Foto: E. Onur Ceritoglu
Hilfs­kon­struk­tion für Abbruch­ar­beiten, zusam­men­ge­setzt aus alten Dach­latten, Istanbul 2018, Foto: E. Onur Ceritoglu