Damnatio Memoriae

Die imma­te­ri­elle Bedeutung der Archi­tektur

Entsetzen und Fassungs­lo­sig­keit überkommt den Betrachter ange­sichts der Zerstö­rung jahr­tau­sen­de­alter Kultur­güter im Irak und in Syrien durch fana­ti­sierte Kämpfer des soge­nannten „Isla­mi­schen Staats“. Die Zerstö­rungswut gipfelte (vorerst) in der Sprengung archäo­lo­gi­scher Stätten von Palmyra im Jahr 2015.

Unmiss­ver­ständ­lich haben die Kämpfer des „IS“ vor Augen geführt, dass hier mate­ri­elle Zeugnisse der gemein­samen kultu­rellen Wurzeln von Chris­tentum und Islam ausge­löscht werden sollen. Doch jenseits der Erschüt­te­rung, jenseits des Gefühls von Ohnmacht und Hilf­lo­sig­keit ange­sichts des unwie­der­bring­li­chen Verlustes eines authen­ti­schen Welt­kul­tur­erbes stellt sich die Frage, warum die Zerstö­rungswut sich ausge­rechnet gegen solche baulichen Relikte richtet. Welche Kräfte sind es, die von Bauwerken ausgehen, so dass sie solchen Ingrimm mobi­li­sieren? Welche Werte symbo­li­sieren der Tempel des Baal, das Hadri­anstor oder die Grabtürme vor der Stadt, welche Botschaft der Geschichte wohnt ihnen inne, die es zu vernichten gilt? Diese Bauwerke sind Symbole unserer gemein­samen kultu­rellen Geschichte, und ihre Archi­tektur ist als Zeugnis dieser gemein­samen Vergan­gen­heit offenbar so bedeutsam, dass sie zerstört werden muss, um ihren inneren Gehalt auszu­lö­schen.

Ausgehend vom Beispiel der Vernich­tung Palmyras will diese Ausgabe unserer Zeit­schrift in einem weit gespannten Bogen die mentalen, poli­ti­schen, psycho­lo­gi­schen und kultu­rellen Hinter­gründe des gewalt­vollen Handelns gegenüber Archi­tektur beleuchten. Denn nicht nur fana­ti­scher Furor führt zur Zerstö­rung. Die bewusste Vernich­tung von Bauwerken – und damit ihrer symbo­li­schen Kraft – zieht sich durch die Geschichte der Mensch­heit: Die „damnatio memoriae“, die „Verdam­mung des Andenkens“ wandten schon die Ägypter an, als die Namen Echnatons und Hatschep­suts durch ihre Nach­folger von den Wänden ihrer Tempel getilgt wurden. Im antiken Rom fielen der „abolitio nominis“, der Vermei­dung des Namens, eine ganze Kette von Kaisern zum Opfer: Münzen, Büsten, Inschriften und Gebäude von Caligula, Nero, Domitian, Commodus, Geta, Elagabal und Maximinus Thrax wurden entfernt, zerstört, umge­ar­beitet, abge­rissen oder umgebaut.

Dass sich diese Praxis bis heute erhalten hat, erscheint aus anthro­po­lo­gisch-gesell­schaft­li­cher Sicht bemer­kens­wert. Das trifft auch auf unser eigenes Land zu: Inten­dierte der Abriss des „Palasts der Republik“ nicht die gleiche, geschichts­aus­lö­schende Absicht wie die Sprengung des Berliner Stadt­schlosses? Und sollte die Zerstö­rung von Gottes­häu­sern und Schlös­sern auf dem Gebiet der DDR nicht auch die staatlich gewollte Abkehr von einer kirchlich und feudal geprägten Vergan­gen­heit markieren?

Ein zeit­li­ches und räum­li­ches Kontinuum, das sich auch und besonders in der Archi­tektur mani­fes­tiert, hat eine hohe iden­ti­täts­stif­tende Kraft, die die Selbst­ver­ge­wis­se­rung von gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Gruppen, Nationen und Reli­gionen, ja ganzer Kultur­kreise ermög­licht. Dabei sind gerade Bauwerke wie die Hagia Sophia in Istanbul, die Alhambra in Granada, die Städte Damaskus und Aleppo und auch die geschän­deten Stätten in Palmyra Zeichen einer über Reli­gionen, Gesell­schaften und Kulturen hinweg grei­fenden Offenheit, Aner­ken­nung und Akzeptanz des Anderen.

Ange­sichts der seit Jahren zuneh­menden Reduktion des Gebauten auf seinen ökono­mi­schen Wert und die Degra­die­rung des Entwer­fens auf die Gestal­tung des Fassa­den­bildes führt uns die Erkenntnis der Bedeutung solcher Verluste auf die imma­te­ri­elle Bedeutung von Archi­tektur zurück.

Dipl. Ing. Heiner Farwick (*1961) studierte Archi­tektur und Städtebau an der Univer­sität Dortmund. Von 1990 bis 1991 arbeitete er im Archi­tek­tur­büro Hans Busso von Busse (München). 1992 erfolgte die Gründung des Büros farwick + grote archi­tekten und stadt­planer, Ahaus / Dortmund. 1996 wurde Heiner Farwick in den BDA berufen. Von 2007 bis 2013 war er Mitglied im BDA-Präsidium und seit Dezember 2013 Präsident des BDA.