Das Ende des Beton-Zeit­al­ters

Hans Joachim Schellnhuber im Gespräch

Klima­wandel und die Folgen für die Archi­tektur

Hans Joachim Schellnhuber (*1950) studierte an der Univer­sität Regens­burg Physik und Mathe­matik, promo­vierte 1980 in theo­re­ti­scher Physik und schloss 1985 seine Habi­li­ta­tion ab. Von 1989 bis 1993 war Schellnhuber Professor für Theo­re­ti­sche Physik am Institut für Chemie und Biologie des Meeres der Univer­sität Oldenburg, dessen geschäfts­füh­render Direktor er 1992 war. Im Anschluss übernahm er als Grün­dungs­di­rektor die Leitung des Potsdam-Instituts für Klima­fol­gen­for­schung (PIK), die er bis 2018 innehatte. Von 2009 bis 2016 war Schellnhuber Vorsit­zender des Wissen­schaft­li­chen Beirats der Bundes­re­gie­rung Globale Umwelt­ver­än­de­rungen (WBGU), zudem ist er lang­jäh­riges Mitglied des Welt­kli­ma­rats (IPCC). Er war Mitglied der soge­nannten „Kohle­kom­mis­sion“ und als Berater an der Enzyklika „Laudato Sí“ von Papst Fran­ziskus beteiligt. Mit Hans Joachim Schellnhuber sprach David Kasparek.

Herr Schellnhuber, bitte erläutern Sie uns, gerade vor dem Hinter­grund des letzt­jäh­rigen Hitze­som­mers, den Unter­schied zwischen Klima und Wetter.
Klima ist immer relativ groß­räumig und lang­fristig in den Mittel­werten definiert. Wenn man von hier aus über die Alpen reist – nach Mailand oder Rom beispiels­weise – kann einem das Wetter einen Strich durch die Rechnung machen. So wie mir vor kurzem: Ich war in Rom – es regnete in Strömen und es war richtig kalt. Nun kommen wir zum Klima: Ich wusste, dass es Ende April in Italien in der Regel schön und nach ein oder zwei regne­ri­schen Tagen warm werden würde. Und in der Tat: Der nächste Tag war strahlend blau bei 20 Grad. Mit anderen Worten: Das Klima bildet den Hinter­grund, das Wetter den Vorder­grund. Bezogen auf das Klima kann man sich also relativ sicher sein, dass es in der Sahara wärmer ist als in unseren Breiten. Das ist eine Selbst­ver­ständ­lich­keit, aber in der jüngeren Vergan­gen­heit gab es eben immer wieder Leute, die die Menschen verun­si­chert und die beiden Begriffe „Wetter“ und „Klima“ gegen­ein­ander ausge­spielt haben.

Arena-Gletscher, Antarktis, Foto: Andrew Shiva / CC BY-SA 4.0

In den letzten Jahren haben Sie, unter anderem auch auf einer Veran­stal­tung des BDA, immer wieder auf Wetter­ex­tr­em­phä­no­mene als Ergebnis des Klima­wan­dels hinge­wiesen. Wie lassen sich diese Wetter­ex­treme erklären?
Stark­regen, Gewitter, Über­flu­tungen, Hitze oder sogar Dürre haben unseren Forschungs­er­kennt­nissen nach etwas mit der Verän­de­rung des Jetstreams zu tun. Diese gigan­ti­schen Luft­strö­mungen, die in einer Höhe von zehn bis zwölf Kilo­me­tern mit einer Geschwin­dig­keit von 200 km / h oder mehr von West nach Ost ziehen, werden getrieben von der Tempe­ra­tur­dif­fe­renz zwischen der ziemlich kühlen arkti­schen und unseren milden gemä­ßigten Luft­tem­pe­ra­turen. Durch die Erder­wär­mung schmilzt in der Arktis immer mehr Eis, wodurch Flächen erscheinen, die bisher mit Schnee und Eis bedeckt waren. Diese jetzt dunkleren Flächen reflek­tieren das Sonnen­licht nicht mehr so wie die hellen Eisflä­chen – die Erdober­fläche heizt sich auf. Dadurch erwärmt sich die Arktis zwei bis dreimal so schnell wie der Rest des Planeten. Die Tempe­ra­tur­dif­fe­renz zwischen der Arktis und unseren Breiten wird somit geringer. Dadurch wiederum wird nun der Jetstream schlaffer. Dazu kommt, dass sich die Konti­nente schneller erwärmen als die Meere. Global gesehen sind die Konti­nen­tal­massen in Nord-Süd-Richtung ausge­richtet, der Jetstream aber in Ost-West-Richtung. Die Luft­massen bleiben an den Konti­nen­tal­grenzen hängen und es gibt soge­nannte Blocka­de­si­tua­tionen. Durch die Verän­de­rung des Klimas verändert also wohl auch der Jetstream seinen Charakter, und die Luft­massen bleiben oft über mehrere Wochen an einem Ort hängen. Es kommt zu wochen­langem Regen, langer Trocken­heit, sogar Dürre, oder starken Gewittern. Das sind Witte­rungs­er­schei­nungen, die durch die geänderte Klima­si­tua­tion hervor­ge­rufen werden. Dass der Klima­wandel von einer funda­men­talen Umstel­lung des Jetstreams begleitet sein könnte, wurde vor zwanzig Jahren noch nicht disku­tiert. Am PIK waren wir die ersten, die das debat­tiert haben. Wir müssen also damit rechnen, dass wir künftig wohl öfter extreme Wetter­si­tua­tionen erleben werden. Eben weil sich die Strö­mungs­muster in der Atmo­sphäre und in den Ozeanen, etwa im Golfstrom, unter Einfluss des Menschen verändern.

Woran lässt sich der menschen­ge­machte Klima­wandel noch fest­ma­chen?
Am offen­kun­digsten ist der Anstieg des Meeres­spie­gels, der inzwi­schen um mehr als drei Milli­meter im Jahr aufwächst. Das klingt nicht nach viel, ist aber länger­fristig gravie­rend. Die Erwärmung des Wassers führt zu dessen Ausdeh­nung. Außerdem kommt aus den Glet­schern von Grönland und Antarktis immer mehr Schmelz­wasser hinzu. Der Anstieg des Meeres­spie­gels ist global wohl der stärkste summa­ri­sche Effekt des Klima­wan­dels.

Sie haben in Bezug auf die Folgen des Klima­wan­dels den Vergleich mit dem Einschlag eines Aste­ro­iden auf der Erde gemacht. Bitte konkre­ti­sieren Sie dieses Bild noch einmal.
Ein Asteroid ist ein ziemlich großer Himmels­körper, der sich aus dem Aste­ro­iden­gürtel löst und schlimms­ten­falls auf der Erde einschlägt. Vor 65 Millionen Jahren ist genau das geschehen. Dadurch wurde damals das Imperium der Dino­sau­rier beendet. Dieses destruk­tive Ereignis verän­derte das gesamte Arten­spek­trum auf der Erde. Ein unge­bremster Klima­wandel könnte lang­fristig eine ähnliche Wirkung erzielen. Jüngst wurde eine Studie zur biolo­gi­schen Vielfalt veröf­fent­licht, die besagt, dass rund eine Million Tier- und Pflan­zen­arten dadurch gefährdet sind. Man spricht dabei von der „Sechsten Auslö­schung“ der Arten. Nur, dass sie dieses Mal durch einen mensch­li­chen Eingriff in die Atmo­sphäre hervor­ge­rufen wird. Das Ganze würde sich natürlich nicht so schnell abspielen wie ein Aste­ro­iden­ein­schlag, sondern vollzieht sich über mehrere Jahr­zehnte: ein „Aste­ro­iden­ein­schlag in Super­zeit­lupe“ quasi. Das ist das Hinter­häl­tige daran. Würde sich tatsäch­lich ein Asteroid der Erde nähern, könnten wir durch Früh­warn­sys­teme schnell Bescheid wissen und hand­lungs­fähig werden. Wir wüssten wahr­schein­lich rund zehn Jahre vor dem Einschlag Bescheid und würden womöglich irgend­welche Atom-Raketen bauen, die den Aste­ro­iden recht­zeitig im All zerstören. Der Klima­wandel aber vollzieht sich sehr, sehr langsam. Es geht zwei Schritte vor, und einen zurück: Mal gibt es ein Jahr mit Hitze­welle, dann wieder ein normales. Für unser Auge steigt etwa der Meeres­spiegel langsamer an, als das Gras wächst. Wir wissen zwar nach ein paar Tagen, dass das Gras im Garten gewachsen ist, können ihm beim Wachsen aber nicht zusehen. Insofern ist der Klima­wandel im Bewusst­sein des Menschen immer wieder ausge­blendet. Selbst wenn wir etwas dagegen tun, sehen wir den Effekt zunächst nicht. Wenn man eine Flugreise einspart oder sich fleischlos ernährt, sieht man von den Folgen für das Klima nichts. Diese kausale Distanz in Raum und Zeit macht es uns so schwer, den Klima­wandel zu begreifen und das Problem zu lösen. Wir haben als Homo Sapiens Eiszeiten über­standen und sind daher perfekte Oppor­tu­nisten. Wir sind unheim­lich anpas­sungs­fähig und können uns schnell in neue Situa­tionen einfinden. Aber wir können offenbar nicht gut lang­fristig denken.

Arena-Gletscher, Antarktis, Foto: Andrew Shiva / CC BY-SA 4.0

Der Klima­wandel lässt sich nicht revi­dieren, wir müssen uns als globale Gesell­schaft mit ihm und seinen Folgen arran­gieren. Wo sehen Sie anpas­sungs­fä­hige, resi­li­ente Systeme, die uns Hoffnung zum Fort­be­stand der Spezies Mensch geben?
Es besteht Hoffnung, dass wir den schlimmsten Teil der Klima­ver­än­de­rung noch abwenden können. Aber zwei Grad Erwärmung werden es wohl schon werden. Dann muss gefragt werden: Wie können die Systeme dieses Thema verar­beiten? Wir müssen zunächst einmal möglichst viele natür­liche Systeme bewahren. Diese sind evolu­tionär so entstanden, dass sie viel Fluk­tua­tion aushalten können. Ein reich­hal­tiges Ökosystem, das aus vielen, vielen Arten aufgebaut ist, kann extreme Ereig­nisse besser verkraften. Selbst wenn ein Teil abstirbt, gibt es einen anderen, der mit der neuen Situation ganz gut zurecht­kommt. Das ist kein Mythos, das haben wir in Arbeiten direkt nach­ge­wiesen: Ein voll entwi­ckelter tropi­scher Regenwald kann sich auch nach einem Klima­schock gut rege­ne­rieren, eine Mono­kultur eben nicht. Das erleben wir zum Beispiel gerade in Deutsch­land: Der Holzmarkt ist fast zusam­men­ge­bro­chen durch die Stürme und die Dürre im letzten Jahr sowie durch die Borken­kä­fer­plage. Die Forst­be­sitzer stehen vor großen Heraus­for­de­rungen, aber wenn sie nicht nur auf den „Brot- Baum“ Fichte gesetzt und einen gesunden Mischwald ange­pflanzt hätten, gäbe es jetzt viel­leicht eine andere Situation.

Welche Rolle spielt dabei das Erreichen des Zwei Grad-Ziels?
Ob es jetzt 1,89 oder 2,07 Grad sind: Es gibt keine scharfe Grenze. Aber wir stellen schon ein anderes Niveau der Bedrohung bei einer Erhöhung der Tempe­ratur von zwei Grad fest. Wenn man beispiels­weise die möglichen „Unfälle“ summiert, die durch den Klima­wandel ausgelöst werden, also die soge­nannten „Kipp­er­eig­nisse“, stellt man beim jetzigen Wissens­stand fest, dass schon bei 1,5 bis 2 Grad Erhöhung relativ Weit­rei­chendes passieren kann – dass mögli­cher­weise all die tropi­schen Koral­len­riffe verloren gehen. Jenseits der Zwei-Grad-Marke häufen sich diese großen Unfälle. Man kann sich das wie eine Brand­schutz­mauer vorstellen. Diese kann einen Brand nicht löschen, aber sie verhin­dert das Über­greifen von einem Haus auf das andere. Dort, wo der Brand begonnen hat, wird er natürlich Zerstö­rung anrichten. Ein Teil unserer Welt steht also gewis­ser­maßen bereits in Flammen, und diesen Brand werden wir wahr­schein­lich nicht mehr löschen können. Aber wir könnten verhin­dern, dass der Brand auf die ganze Erde über­greift. So gesehen ist das Klima­ab­kommen von Paris viel­leicht der wich­tigste Vertrag, der je in der Geschichte unserer Gesell­schaften unter­zeichnet wurde.

Als einer der koor­di­nie­renden Leit­au­toren haben Sie im IPCC-Bericht 2001 erstmals von diesen „Kipp­ele­menten“ gespro­chen. Es geht darum, dass sich Systeme wie unsere Atmo­sphäre und ihr Klima eben nicht zwangs­läufig linear verändern, sondern bestimmte Elemente bei zu großer Verän­de­rung plötzlich „kippen“. Im Rahmen eines Workshops wurden 2005 einige solcher Kipp­ele­mente benannt: das Abschmelzen des sommer­li­chen arkti­schen Eisschildes, das Erlahmen des Golf­stroms, aber auch der Rückgang borealer Wälder, also jener Wälder, die in Europa südlich des nörd­li­chen Wende­kreises wachsen. Welchem dieser Kipp-Ereig­nisse sind wir am nächsten und was lässt sich noch aufhalten?
Ich denke, das Great Barrier Reef wird nicht mehr zu retten sein. Teile des Eisschildes der West-Antarktis werden relativ sicher kolla­bieren. Wir haben dort schon Kipp-Vorgänger fest­stellen können. Bei Grönland sind wir uns noch nicht ganz sicher: Es könnte sein, dass eine Erder­wär­mung von zwei Grad auch hier zum lang­fris­tigen Abschmelzen führen würde. Die Ost-Antarktis ließe sich beim Einhalten dieser Grenze wohl bewahren. Dass aber der Jetstream so sensibel und nervös reagiert, hat einige Wissen­schaftler doch sehr über­rascht. Meine bisherige Erfahrung ist leider die, dass sich alle die von Ihnen ange­spro­chenen Elemente als insta­biler erweisen als erwartet.

Wie bewerten Sie die Bemü­hungen der Bundes­re­gie­rung, die in Paris genannten Ziele zu erreichen?
Das war bis vor kurzem wirklich ein Trau­er­spiel. Aber es hat sich in letzter Zeit einiges getan. Ich war Mitglied in der so genannten „Kohle­kom­mis­sion“, die einen Kompro­miss gefunden hat – zugegeben, einen sehr gequälten, aber immerhin. Es gibt jetzt einen Plan für den Ausstieg aus der Kohle in Deutsch­land. Das ist ein starkes Signal für Inves­toren. Ich gehe davon aus, dass die Bundes­re­gie­rung unsere Empfeh­lungen voll­um­fäng­lich umsetzen wird. Das hat die Bundes­kanz­lerin mir gegenüber mehrfach bekräf­tigt. Beim Peters­berger Dialog Mitte Mai in Berlin hat sie zudem bejaht, dass sich die Bundes­re­pu­blik der Initia­tive von acht Ländern rund um Frank­reich anschließen und bis 2050 klima­neu­tral werden wird. Das ist auch gegenüber dem Pariser Klima­ab­kommen noch einmal ein Fort­schritt, in dem nur steht, dass Klima­neu­tra­lität irgend­wann in der zweiten Hälfte des 21. Jahr­hun­derts ange­strebt wird – das könnte also auch erst 2099 der Fall sein. Dennoch muss man klar sagen, dass Deutsch­land den Klima­schutz bislang verschlafen hat. Wir haben viel wertvolle Zeit verloren. Das hat zum Still­stand der Klima­po­litik geführt. Aber die beiden Maßnahmen – Kohle­aus­stieg und Klima­neu­tra­lität bis spätes­tens 2050 – sind Grund zur Hoffnung. Ich habe in diesen Punkten immer auf Angela Merkel vertraut, und hoffe, dass sie auch in diesen Punkten noch einmal das Potential zur Beschleu­ni­gung sieht.

Können uns Tech­no­lo­gien bei der Bewäl­ti­gung dieser Probleme helfen?
Als Physiker und jemand, der schon früh mit Digi­ta­li­sie­rung zu tun hatte, glaube ich an die enormen Poten­tiale von Tech­no­lo­gien. Aber ich glaube nicht an Wunder­waffen. Leider vertrauen gerade die Leute darauf, die keine Ahnung von Technik haben, dass Physiker und Inge­nieure uns den Klima­wandel schon früher oder später „weg erfinden“ werden. Das Problem aber ist von so einer Wucht und einer solchen Dimension, dass uns Tech­no­logie alleine nicht helfen wird. Ein Beispiel ist die Photo­vol­taik. Die Technik ist seit den fünfziger Jahren bekannt, nur hat sich nie jemand dafür inter­es­siert. Mit der deutschen Einspei­se­ver­gü­tung war es letztlich eine poli­ti­sche Entschei­dung, diese Technik zu fördern. Das löste eine weltweite Dynamik aus. Hier geht im wahrsten Sinne des Wortes alle Macht vom Volke aus. Wenn man als Indi­vi­duum etwas ändern und eine bestimmte Tech­no­logie nutzen möchte, muss man sein Verhalten ändern, und durch neuen Konsum den Wandel herbei­führen.

Wie wichtig ist eine CO2-Steuer bei alldem?
Ich bin unbedingt dafür, diese Steuer einzu­führen, aber sie wird nur eine Maßnahme von mehreren sein. Manchmal kann eine direkte Förderung von Inno­va­tion, wie das bei der Einspei­se­ver­gü­tung der Fall war, oder das direkte Finan­zieren einer Startup-Kultur deutlich effek­tiver sein. Wir benötigen ein Portfolio von Lösungs­an­sätzen. Das beginnt bei persön­li­chen Konsum­entschei­dungen, wie zum Beispiel einer Ernährung, die stärker auf Gemüse setzt und Fleisch eher im Sinne des Sonn­tags­bra­tens auf den Tisch bringt, und endet mögli­cher­weise bei poli­ti­schen Maßnahmen wie zum Beispiel einer Fiskal­re­form, bei der die Ener­gie­steuer neu berechnet und auch die CO2-Entste­hung bepreist wird. Aber der Asteroid hat sich uns eben soweit genähert, dass wir jetzt alle Karten, die wir auf der Hand haben, ins Spiel bringen müssen. Hoffent­lich sind ein paar Joker dabei. Die Idee, CO2-haltige Biomasse, die mittels Pyrolyse – eine Art sauer­stoff­freiem Ofen – und einem Binder zu festen Formen verbacken wurde, vor der CO2-Seques­trie­rung als Fassa­den­ma­te­rial zu verwenden, könnte ein solcher Joker sein.

Kann die Verwen­dung von Mate­ria­lien, die seques­tiertes Kohlen­di­oxid beinhalten, lang­fristig einen positiven Aspekt auf die Atmo­sphäre haben?
Das ist sicher inter­es­sant, aber zu inef­fi­zient. Der Königsweg findet sich meiner Meinung nach schon im Bereich der Mate­ri­al­fragen, dort aber in der Rück­be­sin­nung auf den Holzbau. Der beste Kohlen­stoff­binder auf der Welt ist nun einmal die Photo­syn­these. Wenn wir also mit Holz bauen, das viele Tonnen Kohlen­stoff gebunden hat und dafür sorgen, dass das Gebäude einige hundert Jahre hält, und das Bauholz danach viel­leicht sogar wieder­ver­wendet wird, hätten wir eine riesige Kohlen­stoff­senke geschaffen. Natürlich könnte man an den Schorn­steinen der Kraft­werke den Kohlen­stoff aus dem Rauchgas abfangen und durch chemische Reak­tionen mit bestimmten anderen Stoffen verbinden, und daraus wieder Baustoff machen – aber die natür­liche, gerade beschrie­bene Weise, ist die sehr viel einfa­chere. Holz ist ja nicht nur schön, es hat auch sehr gute Wärme­dämm­ei­gen­schaften, man kann es erdbe­ben­si­cher und sogar brand­schutz­si­cher machen. Wir leben derzeit den perversen Effekt, dass wir Kohlen­di­oxid in die Atmo­sphäre blasen, weil wir fossilen Kohlen­stoff oxidieren und mobi­li­sieren, und damit einen Extra­dün­gungs­ef­fekt für die Wälder herbei­führen. Würden wir also verstärkt auf Holz als Bauma­te­rial setzen, könnten wir diese Extra­dün­gung in Form von extra­ge­bun­denem Kohlen­stoff im Baum mit abschöpfen und daraus einen Vorteil ziehen – um das einmal stark zu verkürzen.

Wir müssen aus der Kohle­ver­stro­mung aussteigen und Verbren­nungs­mo­toren einmotten. Darüber herrscht halbwegs Einigkeit. Müssen Archi­tekten verant­wor­tungs­voll handeln, sprich andere Mate­ria­lien verwenden, auch wenn das im Hinblick auf den Beton oft schwer fällt?
Ja, Beton ist eines der schlimmsten Mate­ria­lien überhaupt, wenn es um Umwelt- und Klima­folgen geht. Drei Gründe: Zur Herstel­lung benötigt man zunächst jede Menge fossile Energien, beispiels­weise beim Kalk­brennen. Außerdem gibt es eine chemische Reaktion des Betons, die CO2 freisetzt. Man produ­ziert also gleich auf zweifache Weise CO2. Drittens benötigt man für Beton Sand, der inzwi­schen ein knappes Gut ist. Wüsten­sand eignet sich für Beton nicht, sondern man braucht Flusssand oder Sand von Stränden. Wir plündern so eine knappe plane­ta­ri­sche Ressource.

Gibt es eine mora­li­sche Pflicht für Archi­tekten, die eigenen Fähig­keiten auf diesem Gebiet zum Wohle aller besser einzu­bringen?
Die gibt es genauso wie in jedem anderen Beruf auch. Wir sind Doppel­wesen: Tags-über gehen wir einer Erwerbs­ar­beit nach, aber grund­sätz­lich sind wir auch Teil eines Gesell­schafts­kör­pers. Das können wir nicht abstreifen. Wir können nicht innerhalb unseres Berufes an der Zerstö­rung dieser Welt arbeiten und nach Feier­abend beklagen, was wir ange­richtet haben. Warum versuchen wir also nicht, in Einklang zu bringen, was wir profes­sio­nell tun und was unserem Werte­system entspricht? Ich bin mir sicher, dass man klima­neu­tral genauso spannend bauen kann wie mit Stahl und Beton. Wir haben in den letzten Jahren eine Art Perver­sion von Städtebau erlebt, die weitest­ge­hend markt­ge­trieben war. Das hat uns dazu gebracht, dass wir über Alter­na­tiven gar nicht mehr nach­denken. Wenn es nun aber Archi­tekten gibt, die den Verzicht auf Beton sehr betrauern würden, müssen sie das viel­leicht in anderen, kleineren Expe­ri­men­tier­fel­dern ausleben. Zum Beispiel in einer Kunst­halle.…

Der BDA hat mit dem Diskus­si­ons­pa­pier „Das Haus der Erde“ Posi­tionen für eine klima­ge­rechte Archi­tektur in Stadt und Land veröf­fent­licht und auf dem BDA-Tag in Halle an der Saale disku­tiert. Zehn Postulate, von „poli­ti­schem Denken“ über „voll­stän­dige Entkar­bo­ni­sie­rung“ und „Stärkung der Poly­zen­tra­lität“ reichen bis hin zu einer „Kultur des Expe­ri­men­tie­rens“.
Ich möchte dieses Posi­ti­ons­pa­pier, das eigent­lich ein Manifest ist, ausdrück­lich loben. Es ist ein großer Wurf. Auch von der Symbolik her: Der Titel „Das Haus der Erde“ erinnert mich stark an die Enzyklika Latudato Si von Papst Fran­ziskus, die sich auf „La Casa Comune“, „das gemein­same Haus“ bezieht, und an der ich in verschie­dener Weise beteiligt war. Dass Archi­tektur und Stadt­pla­nung sich radikal ändern müssen und dass die Kreativen, die diese Disziplin betreuen, zu denen gehören, die diesen Planeten retten wollen, erscheint mir eine absolute Selbst­ver­ständ­lich­keit. Es ist aber auch eine absolute Notwen­dig­keit. Das Papier enthält sehr ehrgei­zige Ansprüche, ist frisch und ambi­tio­niert.
Spannend für Archi­tekten und Stadt­planer wird sein, ob wir resi­li­ente Struk­turen finden können. Ich habe mich in meinem wissen­schaft­li­chen Leben vor allem mit komplexen Systemen ausein­an­der­ge­setzt. Poly­zen­tri­sche oder sogar fraktale Systeme, also solche, die auch auf jeder Skala Struktur aufweisen, sind oft wesent­lich resi­li­enter, als wenn alles konzen­trisch um einen großen Schwer­punkt herum orga­ni­siert ist. Das gilt für die land­wirt­schaft­liche Produk­tion, die Wasser­ver­sor­gung und letztlich auch für Logistik und Versor­gung von Städten. Mit poly­zen­tri­schen Struk­turen würden wir mit deutlich weniger Energie auskommen. In einer solchen Struktur könnten sich auch kleine Teile von zentra­li­sierten Mate­ri­al­strömen, etwa der globalen Nahrungs­mit­tel­ver­sor­gung, abkoppeln, und damit zur Vermei­dung von CO2 beitragen. Je mehr Baustoffe, Wasser oder Nahrungs­mittel aus dem unmit­tel­baren Umfeld kommen, desto größer die Einspa­rung. Poly­zen­trik ist eine Trumpf­karte, wenn es darum geht, sich relativ gut durch chao­ti­sche Zeiten durch­zu­mo­geln. Und diese chao­ti­schen Zeiten stehen uns bei unge­bremstem Klima­wandel wirklich bevor.

Was macht Ihnen Mut?
Das Thema Holz­bau­weise etwa. Noch vor zehn Jahren hätte man darüber gelacht, dass so etwas, global gesehen, eine Rolle spielt. Aber auch die jungen Leute, die jetzt auf die Straße gehen, und die uner­war­teten Allianzen, die sich dabei ergeben haben: Die konser­va­tivste Insti­tu­tion der Welt, die katho­li­sche Kirche, setzt sich im Moment vehement nicht nur für Klima­schutz, sondern auch für Migration in Würde ein. Das alte System der poli­ti­schen Willens­bil­dung stagniert tatsäch­lich und steht unter gehörigem Druck. Ich habe das Gefühl, dass derzeit eine Art Erneue­rung statt­findet. Das Wich­tigste scheint mir zu sein, dass die jungen Menschen wieder Lust auf Politik bekommen, statt lethar­gisch darauf zu warten, dass die Welt untergeht. Die jungen Menschen nehmen uns Ältere in die Pflicht – ich freue mich darauf, in die Pflicht genommen zu werden.

Dipl.-Ing. David Kasparek (*1981) studierte Archi­tektur in Köln. Er war als Grün­dungs­partner des Gestal­tungs­büros friedwurm: Gestal­tung und Kommu­ni­ka­tion als freier Autor, Grafiker und Jour­na­list tätig. Nach einem Volon­ta­riat und freier Mitarbeit bei der architekt ist er seit 2008 Redakteur dieser Zeit­schrift, seit Anfang 2019 als Chef vom Dienst. David Kasparek moderiert mit wech­selnden Gästen die Gesprächs­reihe „neu im club im DAZ-Glashaus“, die neu in den BDA berufene Mitglieder vorstellt. Er lebt und arbeitet in Berlin.

Arena-Gletscher, Antarktis, Foto: Andrew Shiva / CC BY-SA 4.0
Arena-Gletscher, Antarktis, Foto: Andrew Shiva / CC BY-SA 4.0