Das Müll­pa­ra­digma

…und die Abfäl­lig­keit des Menschen

Nur über das Verständnis des Mülls können wir die Ausschluss­lo­giken unserer Zeit verstehen. Denn Müll kommt in der indus­tria­li­sierten Moderne eine para­dig­ma­ti­sche Bedeutung zu. Müll als die „Kehrseite der Dinge“ ist überall und nimmt stetig zu.Zu Intro Fußnote fn‑1 Seine Entsor­gung erweist sich neben der Klima­krise und ihren Folgen als eines der größten Probleme der Zukunft. Die These, dass das Konzept des Mülls eine para­dig­ma­ti­sche Bedeutung einnimmt, geht über den Fakt einer welt­weiten Vermül­lung hinaus: Sie behauptet, dass unser gesamtes Denken und Handeln von einer Logik des Mülls beein­flusst wird. Doch was meint das? Inwiefern kann das Konzept des Mülls als ein Paradigma verstanden werden? Und welche konkreten Auswir­kungen ergeben sich daraus?

  1. Vgl. Windmüller, Sonja (2004).

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„Abfall ist eine Kultur­technik, eine meta­pho­ri­sche Super­kon­trolle, bereichs- und gegen­stands­un­spe­zi­fisch. Es ist ein Macht­dis­po­sitiv. Alles kann Abfall werden.“1Faßler, Manfred (1991): S. 198. ↩︎

Als Müll bezeichnen wir Dinge, denen wir keinen Wert mehr zuspre­chen. Seman­tisch wird er mit Schmutz und Krank­heiten konno­tiert. Dabei ist kein Gegen­stand an sich Müll. Wie die Ethno­login Mary Douglas zeigt, ist Müll das Ergebnis einer kultu­rellen Zuschrei­bung.2 Ein Objekt wird dann als Müll bezeichnet, wenn es sich am falschen Ort befindet. Müll, so Douglas, ist ein „matter out of place“. Dinge, die in dem einen Kontext als sehr wertvoll betrachtet werden, erweisen sich in einem anderen als wertlos. Nichts macht dies deut­li­cher als die Kunst. Die Frage, „Ist das Kunst oder kann das weg?“, steht beispiel­haft dafür. Sobald wir etwas als Kunst dekla­rieren, werden die Objekte zeitlos, egal, ob es sich wie bei Marcel Duchamp um ein Pissoir, oder wie bei Joseph Beuys um ein ranziges Stück Butter in der Ecke handelt. Ob etwas als Müll gilt oder nicht, hängt also wesent­lich von der sprach­li­chen und räum­li­chen Insze­nie­rung des Gegen­stands ab.
Vgl. Douglas, Mary (1966). ↩︎

Die Zuschrei­bung von Müll nimmt deswegen in unserer Gesell­schaft eine wichtige Funktion ein. „Abfall ist“, so Manfred Faßler, „ein inner­ge­sell­schaft­lich defi­niertes und Gesell­schaft defi­nie­rendes Ordnungs­muster hoher Beweg­lich­keit. Er gehört zu den Norma­li­täts­stan­dards, die sich in lang­fris­tigen Prozessen heraus­bilden, deren verhal­tens­bil­denden und ‑kontrol­lie­renden Auswir­kungen aller­dings nicht kausal geplant respek­tive beab­sich­tigt sind.“3 Das Konzept des Mülls ist in diesem Sinne ein konsti­tu­tives Außen oder Negativ, um das sich eine Ordnung etabliert. Die Dekla­ra­tion von Müll erweist sich als eine Grenz­zie­hung zwischen Ordnung, Sauber­keit, Wert, Kontrolle und Sicher­heit auf der einen Seite und Unordnung, Schmutz, Wert­lo­sig­keit, Kontroll­ver­lust und Gefahr auf der anderen. Wie die Geschichte zeigt, ist diese Grenze äußerst fragil und wird nicht nur konti­nu­ier­lich hinter­fragt, sondern auch immer wieder neu gezogen. Aufgrund dieser Fragi­lität, so die Kultur­wis­sen­schaft­lerin Laura Moisi, „gibt es immer wieder die Bemühungen, kultu­relle Unter­schei­dungen zu verankern, zu erneuern und zu bestärken. Die Kate­go­rien Schmutz und Abfall entstehen, so gesehen, aus einem Bedürfnis nach Kohärenz und Orien­tie­rung.“4 Müll, so die damit verbun­dene Impli­ka­tion, muss beseitigt werden.Faßler, Manfred (1991): S. 198. ↩︎Moisi, Laura (2020): S. 5 f. ↩︎

Ein verän­derter Blick auf den Müll

Es mag über­ra­schen, aber dieses Konzept von Müll im Sinne eines proble­ma­ti­schen Abfalls, den es zu besei­tigen gilt, ist noch relativ jung. Wie der Histo­riker Ludolf Kuchen­buch gezeigt hat, etablierte sich die heutige Semantik erst im Zuge der Hoch­in­dus­tria­li­sie­rung am Ende des 19. Jahr­hun­derts.5 Zwar gab es auch schon in der Antike und im Mittel­alter eine intensive Ausein­an­der­set­zung mit dem Phänomen des Abfalls und seiner Besei­ti­gung, aber aufgrund der biolo­gi­schen Beschaf­fen­heit und verhält­nis­mäßig geringen Mengen des anfal­lenden Abfalls wurde er als Teil eines biolo­gi­schen Kreis­laufs verstanden und weniger als Problem.Vgl. Kuchen­buch, Ludolf (1988). ↩︎

Elends­viertel in Jakarta, Indo­ne­sien, Foto: Jonathan McIntosh, CC BY 2.0

Die Gründe für die seman­ti­sche Verän­de­rung des Müll­kon­zepts sind viel­fältig und ergeben sich sowohl aus quali­ta­tiven als auch quan­ti­ta­tiven Verän­de­rungen des anfal­lenden Abfalls im Zuge der Indus­tria­li­sie­rung. Mindes­tens vier Entwick­lungen waren dabei ausschlag­ge­bend: Erstens entstanden mit der Erfindung neuer Mate­ria­lien auch neue Formen des Abfalls. Die Halb­wert­zeiten der künstlich herge­stellten Stoffe über­stiegen die der biolo­gisch-abbau­baren Produkte. Der anfal­lende Abfall konnte nicht wie zuvor in den natür­li­chen Zyklus einge­glie­dert, sondern musste gesondert verar­beitet werden. Zweitens begannen toxische Abfälle der Industrie nicht nur die Umwelt zu vergiften, sondern auch die Gesund­heit der Menschen zu gefährden. Drittens wurde die Bevöl­ke­rung durch die im Zuge der Indus­tria­li­sie­rung rapid wach­senden Städte mit einer zuvor nicht gekannten Masse an Fäkalien und Haus­halts­ab­fällen konfron­tiert, die aufgrund der Erfindung des Kunst­dün­gers nicht länger zur Weiter­ver­wen­dung gebraucht werden konnten. Und viertens nahm aufgrund der wach­senden Produk­ti­vität durch die maschi­nelle Produk­tion auch der Bedarf an neuen Absatz­mög­lich­keiten zu. Um die herge­stellten Produkte zu verkaufen, und damit die Industrie am Laufen zu halten, galt es, die Nachfrage zu steigern. Es entwi­ckelte sich ein neuer Konsum­e­thos, der das Ideal der Lang­le­big­keit, Pflege und Reparatur der Produkte hinter sich ließ und das Neue zum leitenden Maßstab aller Dinge machte. Die Kehrseite dieser Entwick­lung war ein wach­sender Berg an vermeint­lich wertlosem Müll.

Durch diese Faktoren rückte die Thematik des Abfalls als Problem immer mehr in den Fokus der gesell­schaft­li­chen Debatte. Es entstand ein neues Müll- und Hygie­ne­be­wusst­sein: Müll und Schmutz wurden zum Problem, das es zu besei­tigen galt. Dies führte zu einer Neustruk­tu­rie­rung der städ­ti­schen Infra­struktur und zu neuen Besei­ti­gungs­prak­tiken: Es entstanden moderne Kana­li­sa­ti­ons­sys­teme, Abfall­eimer wurden einge­führt und Müll­ab­fuhren einge­richtet. Zugleich wurden die Menschen für Müll und Schmutz als Ausgangs­punkt von Krank­heiten sensi­bi­li­siert. Para­do­xer­weise verschwand mit zuneh­mendem Erfolg dieser Maßnahmen jedoch nicht nur der Müll, sondern auch das gesell­schaft­liche Verant­wor­tungs­ge­fühl für dessen endgül­tige Besei­ti­gung. Ganz im Sinne des Sprich­worts „aus dem Auge aus dem Sinn“, war alles gut, solange der Müll weg war.

Aufgrund eines global agie­renden Marktes, und einer damit zusam­men­hän­genden welt­weiten Produk­tion, ist Müll inzwi­schen jedoch zu einem globalen Problem geworden. Es kommt zu einer regel­rechten Vermül­lung des Planeten. Obwohl das Problem bekannt ist, können es sich nur die ökono­misch reichen Nationen leisten, es nach­haltig anzugehen. Und auch das geschieht mehr schlecht als recht. Zwar recyceln diese Länder zunehmend Rohstoffe, trotzdem wird ein großer Teil ihres Abfalls einfach verbrannt oder in ökono­misch ärmere Länder verschifft. Was dort mit dem Müll passiert, spielt oft keine Rolle. Die Konse­quenz ist, dass die ökono­misch armen, häufig ehemals kolo­nia­li­sierten Länder mehr und mehr zur Müllhalde unseres Wohl­stands werden.

Eintei­lung in Wert und Wert­lo­sig­keit

Doch wenn davon gespro­chen wird, dass Müll das para­dig­ma­ti­sche Kultur­prinzip der Moderne geworden ist, meint das mehr als die Vermül­lung unseres Planeten. Die Eintei­lung der Welt in Müll und Nicht-Müll oder Wert und Wert­lo­sig­keit durch­zieht unser gesamtes gesell­schaft­li­ches und poli­ti­sches Denken. Müll ist, wie Moisi angelehnt an Jaques Rancière argu­men­tiert, para­dig­ma­tisch für die „Idee einer Auftei­lung des Sinn­li­chen“, die nicht nur die Hand­lungen, sondern die ganze Existenz von Menschen in achtens­wert oder nicht achtens­wert einteilt. Histo­risch gesehen ist die Degra­die­rung von Menschen über einen Verweis auf ihre Unrein­heit keines­wegs neu – man denke an den jahr­hun­der­te­lang vorherr­schenden, misogynen Topos von der „befleckten“ oder „unreinen“ Frau, oder die zutiefst rassis­ti­schen Äuße­rungen, die eine nicht-weiße Hautfarbe mit Schmutz in Verbin­dung brachten. Mit dem Müll­pa­ra­digma lässt sich jedoch eine neue Qualität in der Degra­die­rung von Menschen ausmachen. Sie werden nicht einfach nur als minder­wertig angesehen, sondern ihre Leben werden als über­flüssig darge­stellt. „Über­flüssig zu sein“, so der polnische Philosoph Zygmunt Bauman, „bedeute über­zählig und nutzlos zu sein, nicht gebraucht zu werden – wie auch immer der Nutz- und Gebrauchs­wert beschaffen sein mag, der den Standard für Nütz­lich­keit und Unent­behr­lich­keit liefert. Die anderen brauchen dich nicht; sie kommen ohne dich genauso gut zurecht, ja sogar besser. Es gibt keinen einleuch­tenden Grund für deine Anwe­sen­heit und keine nahe­lie­gende Recht­fer­ti­gung für deinen Anspruch, hier­bleiben zu dürfen. Für über­flüssig erklärt zu werden bedeutet, wegge­worfen zu werden, weil man ein Wegwerfar­tikel ist.“6 Die Entwer­tung der Menschen kann verschie­dene Facetten annehmen und unter­schied­lich stark ausfallen, je nachdem welcher Nutzen den Menschen zuge­spro­chen wird. Die Unter­schei­dung zwischen wert­vollen und nicht wert­vollen Menschen wird über­wie­gend entlang der histo­risch entstan­denen Trenn­li­nien von race, Klasse und Gender gezogen. Sie geht dabei nicht nur mit einer Archi­tektur der Abgren­zung, sondern auch mit einer Nähe zum Müll einher.Bauman, Zygmunt (2005): S. 20 f.
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Die Nähe zum Müll als Grad­messer

Müll­sor­tie­rung in Bangla­desch, Foto: Maruf Rahman

Auf natio­naler Ebene wird dies besonders bei der Einhegung der Armut deutlich. Wie die Philo­so­phin Eva von Redecker richtig fest­stellt, bemisst sich die Frage, wer zum Prole­ta­riat gehört, an der Nähe zum Müll.7 An die Ränder der Städte verbannt, leben ökono­misch arme Menschen nicht selten in separaten Stadt­teilen, die unter Bezeich­nungen wie Banlieu, Ghetto oder Slum bekannt sind und von der übrigen Gesell­schaft als soge­nannte No-go-Areas ausge­wiesen werden. Als abfällig betrachtet, wendet sich die Fürsorge der öffent­li­chen Hand von diesen Lebens­räumen ab, weswegen sie geprägt sind von Müll und Zerfall. Noch deut­li­cher wird eine solche inner­staat­liche Entwer­tung bei dem Schicksal von Obdach­losen. Im Sinne von Mary Douglas’ Defi­ni­tion von Müll als „matter out of place“ sind Obdach­lose Menschen, deren Anwe­sen­heit, egal wo, immer als störend empfunden wird. Als absolut wertloser Teil der Gemein­schaft wird ihnen kein Platz in der Gesell­schaft einge­räumt. Quasi sympto­ma­tisch leben sie nicht nur neben dem Müll, sondern auch – in Form von Pfand­fla­schen – von ihm. Wie sehr der Wert ihrer Leben als verfallen gilt, zeigen die tagtäg­lich statt­fin­denden verbalen und physi­schen Über­griffe gegen sie, die über­wie­gend ungesühnt bleiben.Vgl. Redecker, Eva (2023). ↩︎

Logik der Entwer­tung

Doch das schreck­lichste Extrem einer solchen Logik der Entwer­tung mensch­li­chen Lebens offenbart die Geschichte des Natio­nal­so­zia­lismus. Im Wahn einer reinen Rasse wurden vor allem Juden als zu berei­ni­gender Abfall der Gesell­schaft stili­siert. Der Vergleich mit einer im Dreck lebenden und Krank­heiten über­tra­genden Ratte, wie sie beispiel­haft in Fritz Hipplers Film Der ewige Jude zur Schau gestellt wurde, veran­schau­licht diese grausame Form der Entmensch­li­chung. Die maschi­nelle und hoch­bü­ro­kra­ti­sierte Besei­ti­gung des Abfalls in soge­nannten „Säube­rungs­ak­tionen“ war die Konse­quenz dieser „Über­flüs­sig­ma­chung“, wie schon Hannah Arendt sagte. Wie Müll wurden die Menschen einge­sam­melt, aus den Städten trans­por­tiert, in die extra dafür gebauten Vernich­tungs­lager überführt, getötet – und ihre Leichen letztlich in den Öfen der Konzen­tra­ti­ons­lager verbrannt. Diese syste­ma­ti­sche Ähnlich­keit mit einer gewöhn­li­chen Müll­ent­sor­gung ist sicher ein wichtiger Punkt, der dieses Geschehen in seiner Form histo­risch einzig­artig macht.

Die Ausschlüsse, die auf natio­naler Ebene im Kleinen vollzogen werden, wieder­holen sich auf inter­na­tio­naler Ebene im Großen. Dabei spielen die Grenzen eine tragende Rolle. Sie sind, wie es der Soziologe Steffen Mau formu­liert, „Sortier­ma­schinen“8, die Länder trennen, Rechts‑, Sozial- und Poli­tik­räume eingrenzen, Markt­ströme regu­lieren und lenken und die Bewe­gungen der Erdbe­völ­ke­rung kontrol­lieren. Dabei teilen sie nicht nur die Welt in mehr oder weniger wertvolle Regionen ein, sondern auch die Menschen, die dort leben. Je nachdem, wo man geboren wird, bestimmt diese Eintei­lung, ob dein Leben tenden­ziell einen Wert zuge­spro­chen bekommt oder nicht. Wie nicht zuletzt die Debatte um die Fach­kräf­te­ein­wan­de­rung verdeut­licht, wird der Wert eines Menschen dabei wesent­lich daran gemessen, ob er einen Nutzen für die Wirt­schaft bringt oder nicht. „Die Produk­tion mensch­li­chen Abfalls“, so analy­siert deswegen Zygmunt Bauman, „ist nur eine Neben­hand­lung des wirt­schaft­li­chen Fort­schritts und trägt alle Kenn­zei­chen eines unver­söhn­li­chen, rein tech­ni­schen Gesche­hens.“9Vgl. Mau, Steffen (2021). ↩︎Bauman, Zygmunt (2005): S 59. ↩︎

Das eigene Schicksal durch Auswan­de­rung zu verändern, ist nahezu aussichtslos. Denn während für die Bürge­rinnen und Bürger ökono­misch reicher Nationen die Grenzen durch­lässig sind, erweisen sie sich für Menschen aus ökono­misch armen Ländern als unüber­wind­bare Hinder­nisse. Gefangen in ihren Geburts­län­dern sind sie gezwungen, mit den häufig post­ko­lo­nialen Ausbeu­tungs- und Herr­schafts­struk­turen zu leben. Ganze Nationen werden zu regel­rechten Müll­halden, auf denen sowohl die mate­ri­ellen als auch mensch­li­chen Abfälle der globalen Produk­tion deponiert werden.

Die Wert­lo­sig­keit dieser Menschen zeigt sich, wenn sie trotz der Hinder­nisse versuchen, den für sie vorge­se­henen Platz zu verlassen. Wie Müll, so gelten sie dann als ein „matter out of place“ und werden dementspre­chend behandelt. Zu Tausenden sterben sie unter den Augen der ökono­misch reichen Länder bei dem Versuch, dem Schicksal ihrer Geburt zu entkommen. Die Gleich­gül­tig­keit, mit der die täglichen Toten in Kauf genommen werden, verdeut­licht die Bedeutung ihrer Leben. Diese gelten, wie es die Philo­so­phin Judith Butler formu­liert, als „nicht der Trauer wert oder als nicht betrau­erbar“.10 Mitte Juni 2023 wurden wir Zeugen dieser unter­schied­li­chen Wert­schät­zung von Leben und ihrer Betrau­er­bar­keit: Innerhalb einer Woche sanken sowohl ein Boot mit 750 Migran­tinnen und Migranten als auch ein Boot mit fünf reichen Geschäfts­män­nern. Während es für die Migranten nicht nur nahezu keine Hilfe gab, sondern auch der Verdacht im Raum steht, dass der Grund für das Unglück ein staat­li­cher Pushback war, bemühten sich Dutzende von Rettungs­ein­rich­tungen der US-ameri­ka­ni­schen und kana­di­schen Navy, das gesunkene U‑Boot zu retten.Butler, Judith (2020): S: 42.
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Obdach­lo­sig­keit, Los Angeles, Foto: Nathan Dumlao, Unsplash

Aber auch denen, die nicht unmit­telbar beim Versuch der Flucht sterben, geht es nicht besser. Faktisch entrechtet, werden sie von zusehends über­for­derten Staaten in Flücht­lings­lager gesperrt, die mit ihren meter­hohen Zäunen, Stachel­draht und einem strengen Über­wa­chungs­system mehr an Gefäng­nisse als an Flucht­stätten erinnern. Ohne Aussicht auf eine Zukunft müssen die Flücht­linge mitunter mehrere Jahre in diesen, von Dreck geprägten, Lagern leben. Einmal deponiert, werden sie vergessen und trachten ein Leben in einem quasi für sie recht­losen Raum ohne jegliche Form der Selbst­be­stim­mung. „Absolute Recht­lo­sig­keit“, so Hannah Arendt über das Schicksal der Flücht­linge, „hat sich in unserer Zeit als die Strafe erwiesen, die auf absolute Unschuld steht.“11 Es passt in das Narrativ eines Müll­pa­ra­digmas, wenn der Philosoph Giorgio Agamben deswegen das Lager als das „biopo­li­ti­sche Paradigma der Moderne“ bezeichnet.12 Als Kehrseite einer ordnenden Grenz­logik natio­nal­staat­li­cher Souve­rä­nität erweist es sich als die Deponie der über­flüs­sigen Menschen.Arendt, Hannah (1951): S. 607. ↩︎Vgl. Agamben, Giorgio (2002): S. 126 ff.
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„Die anfal­lende Menge mensch­li­chen Abfalls“, so prognos­ti­ziert Baumann, „über­steigt die vorhan­denen Verwal­tungs­ka­pa­zi­täten, und es ist gut möglich, dass die heute weltweit präsente Moderne an ihren eigenen Abfällen erstickt, die sie weder reas­si­mi­lieren noch vernichten kann.“13 Doch was tun? Um diesem Schicksal zu entgehen, bedarf es eines kompletten Umdenkens. Auf mate­ri­eller Ebene heißt das, die weltweite Produk­tion zurück­zu­fahren und mehr auf Repa­rieren und Recycling zu setzen, um weniger Müll zu produ­zieren, Ressourcen zu schonen und Menschen nicht länger zu unserem Wohl auszu­beuten. Auf ideeller Ebene heißt es, sich von dem Imperativ des ewig Neuen zu befreien und ein neues Verständnis von Abfall zu entwi­ckeln, das diesen nicht länger mit Wert­lo­sig­keit, die implizit seine Zerstö­rung legi­ti­miert, gleich­setzt, sondern statt­dessen den Wert eines jeden Dings wert­schätzt. Auf Menschen über­tragen heißt das, die Betrau­er­bar­keit eines jeden Menschen anzu­er­kennen und sie zum Maßstab des poli­ti­schen Handelns zu machen. Denn Nichts, und vor allem Niemand, ist auf dieser Erde per se am falschen Ort.Bauman, Zygmunt (2005): S. 100. ↩︎

Friedrich Weißbach studierte Philo­so­phie und Musik­wis­sen­schaft an der Humboldt-Univer­sität zu Berlin, der Sapienza Univer­sitá di Roma sowie der Univer­sité Lumière Lyon 2. Von 2020 bis 2023 lehrte er am Institut für Sozi­al­wis­sen­schaften der Humboldt-Univer­sität zu Berlin. Seit 2023 ist er wissen­schaft­li­cher Mitar­beiter am philo­so­phi­schen Institut der Univer­sität Münster. Als freier Jour­na­list schreibt er für Zeit Online, den Freitag, die monopol und das Philo­so­phie Magazin, bei dem er als fester freier Autor auch in die Redak­ti­ons­ar­beit einge­bunden ist. Er ist Gründer und Leiter des Instituts für Chaos.

Literatur

Agamben, Giorgio: Homo Sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002 (1995).

Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herr­schaft, Pieper Verlag, München 1951 (1949).

Bauman, Zygmunt: Verwor­fenes Leben. Die Ausge­grenzten der Moderne, Hamburger Edition, Hamburg 2005 (2004).

Butler, Judith: Die Macht der Gewalt­lo­sig­keit. Über das Ethische im Poli­ti­schen, Suhrkamp Verlag, Berlin 2020 (2020).

Douglas, Mary: Reinheit und Gefähr­dung, Reimer, Berlin 1985 (1966).

Faßler, Manfred: Abfall, Moderne, Gegenwart. Beiträge zum evolu­tio­nären Eigen­recht der Gegenwart, Focus Verlag, Gießen 1991.

Kuchen­buch, Ludolf. Abfall. Eine Stich­wort­ge­schichte, in: Soeffner, Hans-Georg (Hrsg.). Kultur und Alltag. Soziale Welt – Sonder­band 6, Göttingen 1988, S. 155 – 170.

Mau, Steffen: Sortier­ma­schinen. Die Neuerfin­dung der Grenze im 21. Jahr­hun­dert, C.H. Beck, München 2021.

Von Redecker, Eva: Arbeit im Anthro­pozän, Philo­so­phie Magazin Nr. 4 / 2023.

Windmüller, Sonja: Die Kehrseite der Dinge. Müll, Abfall, Wegwerfen als kultur­wis­sen­schaft­li­ches Problem. Lit Verlag, Münster 2004.

  1. Faßler, Manfred (1991): S. 198. ↩︎
  2. Vgl. Douglas, Mary (1966). ↩︎
  3. Faßler, Manfred (1991): S. 198. ↩︎
  4. Moisi, Laura (2020): S. 5 f. ↩︎
  5. Vgl. Kuchen­buch, Ludolf (1988). ↩︎
  6. Bauman, Zygmunt (2005): S. 20 f.
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  7. Vgl. Redecker, Eva (2023). ↩︎
  8. Vgl. Mau, Steffen (2021). ↩︎
  9. Bauman, Zygmunt (2005): S 59. ↩︎
  10. Butler, Judith (2020): S: 42.
    ↩︎
  11. Arendt, Hannah (1951): S. 607. ↩︎
  12. Vgl. Agamben, Giorgio (2002): S. 126 ff.
    ↩︎
  13. Bauman, Zygmunt (2005): S. 100. ↩︎
Elends­viertel in Jakarta, Indo­ne­sien, Foto: Jonathan McIntosh, CC BY 2.0
Müll­sor­tie­rung in Bangla­desch, Foto: Maruf Rahman
Obdach­lo­sig­keit, Los Angeles, Foto: Nathan Dumlao, Unsplash