Déjà-vu

Orte der Archi­tektur

Dass die gegen­wär­tige Archi­tektur zwar einer­seits zu immer neuen Orten, dabei aber ande­rer­seits zu immer gleichen Orten führt, ist nur vermeint­lich ein Wider­spruch. Überall entstehen Orte dieser Art, nicht nur in einer Stadt, sondern auch von Stadt zu Stadt, von Land zu Land. Diese Archi­tektur „konver­genter“ Orte lässt Häuser, Straßen, Plätze, Felder, Quartiere und ganze Städte zum Verwech­seln ähnlich und austauschbar erscheinen. Ist dafür – schluss­end­lich – ein abhanden gekom­menes Bewusst­sein für das Hier und Da verant­wort­lich, für die Eigen­tüm­lich­keit der Orte, die Entwurf und Bau immer schon voran­gehen? Die anstei­gende Aufmerk­sam­keit für diesen „Verlust des Ortes“ und mithin von Orten hat die dies­be­züg­liche Frage nach den Grund­lagen der Archi­tektur im gegen­wär­tigen Diskurs erneut aufge­worfen.1„Identität der Archi­tektur“, 1. Aachener Tagung mit dem Thema: „Ort – 32 Posi­tionen zum Ortsbezug in der Archi­tektur“, Foyer Reiff­mu­seum, Fakultät Archi­tektur, RWTH Aachen, 26. – 27. Januar 2017, http://​ida​.rwth​-aachen​.de/. ↩︎

Das beschrie­bene Phänomen ist hinläng­lich bekannt: Vor mehr als zwanzig Jahren hatte Rem Koolhaas in The Generic City eine, wenn­gleich rheto­risch aufge­la­dene, der Sache nach und im Kern so doch eher nüchterne Analyse der Zeit vorgelegt.2 Unter Rahmen­be­din­gungen bereits seit Jahr­zehnten laufender Globa­li­sie­rungs­pro­zesse seien die über­kom­menen Iden­ti­täten von Orten nurmehr Ballast und Wider­stand im Getriebe einer ohnehin weltweit rasch voran­schrei­tenden nivel­lie­renden Entwick­lung: „What are the disad­van­tages of identity, and conver­sely, what are the advan­tages of blankness? What if this seemingly acci­dental- and usually regretted-homo­ge­niza­tion were an inten­tional process, a conscious movement away from diffe­rence toward simi­la­rity? What if we are witnessing a global libe­ra­tion movement: ‘down with character!’ What is left after identity is stripped? The Generic?”3Koolhaas, Rem: The Generic City (1994), in: S,M,L,XL, Köln 1997 (dt. Über­set­zung in Arch+127); erstmals veröf­fent­lich aus Anlass der „Piet Mondriaan lecture“ die Rem Koolhaas am 25. November 1995 im „de Doelen“ in Rotterdam hielt. ↩︎Ebd. S. 3. ↩︎

Uwe Schröder, Deathless Mies (Kubrick I), ColIage, 2017
Uwe Schröder, Deathless Mies (Kubrick I), ColIage, 2017

Schein­kau­sa­li­täten lassen den Text zunächst plausibel ankommen. Aber geht die Erwartung einer humaneren Welt­ge­mein­schaft notwen­di­ger­weise mit der Erfahrung einer verall­ge­mei­nernden Anglei­chung all ihrer Erschei­nungs­formen Hand in Hand? Gleichen sich die Ungleich­heiten unter Anglei­chung von Orten aus? Ist das Konzept „Stadt“ gleich dem Bezugs­punkt „Ort“ für Archi­tektur damit überholt? Mitnichten. Identität ist keines­wegs ein starres Gerüst, das jeglicher Verän­de­rung Wider­stand leistet. Und so ist die Identität eines bestimmten Ortes – gleich der einer Person – schon deshalb auch nichts Abge­schlos­senes, weil sie etwas Zusam­men­ge­setztes, aus verschie­denen Iden­ti­täten Zusam­men­ge­setztes darstellt und von daher Verän­de­rung nicht nur einbe­zieht, sondern immer schon voraus­setzt. Wandel­bar­keit ist ein Merkmal von Identität, auch der Identität von Orten. Wert­schät­zung einer lokalen Veran­ke­rung („diffe­rence“) und Soli­da­rität in einer globalen Zuge­hö­rig­keit („simi­la­rity“) wider­spre­chen einander nicht und lassen sich unter dem Begriff der Identität problemlos zusam­men­führen.

Im Rückblick erscheint The Generic City – am Vorabend des Mill­en­niums – eher als ein von außen auf Archi­tektur und Stadt proji­ziertes, affir­ma­tives Erklä­rungs­mo­dell einer globalen Archi­tektur, die zumindest in Grund­zügen schon früher auch aus dem Inneren der Disziplin selbst – zum Beispiel als The Inter­na­tional Style4 – propa­giert worden war. Globa­li­sie­rungs­pro­zesse bieten keine erschöp­fenden Erklä­rungs­muster an, die das Phänomen „konver­genter“ Orte nach­voll­ziehbar machten, viel­leicht auch deswegen nicht, weil gleich­lau­fend vom scheinbar gegen­läu­figen Prozess der Indi­vi­dua­li­sie­rung die Rede ist, der mit dem gegen­wär­tigen Zustand von Archi­tektur und Stadt in Verbin­dung gebracht wird. Inhalt­lich beschreibt der aus der Sozio­logie kommende Begriff den im Rahmen gesell­schaft­li­cher Moder­ni­sie­rungs­pro­zesse sich voll­zie­henden Wechsel des Indi­vi­duums von einer Fremd- zur Selbst­be­stim­mung. Die Entlas­sung in die Selbst­be­stimmt­heit ist zugleich mit dem Übertrag der Verant­wor­tung für Identität und Sinn verbunden. Plura­li­sie­rung der Milieus und der Lebens­stile werden als Folge dieses sozialen Wand­lungs­pro­zesses angesehen.5Hitchcock, Henry-Russel / Johnson, Philip: Der Inter­na­tio­nale Stil 1932, Braun­schweig 1985. ↩︎Vgl. Müller, Hans-Peter: Die Plura­li­sie­rung sozialer Milieus und Lebens­stile (2012), in: http://​www​.bpb​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​g​r​u​n​d​f​r​a​g​e​n​/​d​e​u​t​s​c​h​e​-​v​e​r​h​a​e​l​t​n​i​s​s​e​-​e​i​n​e​-​s​o​z​i​a​l​k​u​n​d​e​/​1​3​8​4​5​5​/​d​i​e​-​p​l​u​r​a​l​i​s​i​e​r​u​n​g​-​s​o​z​i​a​l​e​r​-​m​i​l​i​e​u​s​-​u​n​d​-​l​e​b​e​n​s​s​t​i​l​e​?​p=0, abgerufen am: 15. März 2017. ↩︎

Häufig wird die Diver­sität der Lebens­formen mit der gegen­wär­tigen Vielfalt archi­tek­to­ni­scher Ausdrucks­formen in Verbin­dung gebracht, doch von einem kausalen Zusam­men­hang zwischen den beiden Phäno­menen kann in aller Regel nicht ausge­gangen werden. Archi­tektur selbst – als Disziplin – ist tief in kultu­relle Wand­lungs­pro­zesse der Moder­ni­sie­rung verstrickt. Zwar wollte die Archi­tektur – entgegen ihrer Anlagen – seit Beginn ihrer theo­re­ti­schen Aufzeich­nung immer schon eine „Andere“, wollte „Kunst“ sein, aber erst im Verlauf der archi­tek­to­ni­schen Moder­ni­sie­rung konnte das Auto­no­mie­be­streben radikal voran­ge­trieben und weit­ge­hend durch­ge­setzt werden: In der Moderne wählt die Archi­tektur den Übergang zur Selbst­be­stimmt­heit. Bindungen an Geschichte, an Ort, schluss­end­lich auch noch an Gesell­schaft, werden als „Fremd­be­stim­mungen“ sukzes­sive verworfen und getrennt. Aber die Fragen nach Identität und Sinn bleiben fortan offen.

Eine prägnante Analyse zur Archi­tektur in west­li­chen Gesell­schaften unmit­telbar nach dem Mill­en­nium stammt von Ullrich Schwarz6: Mit Über­tra­gung des Begriffs der „Refle­xi­vität“ hatte er der aufdring­li­chen Leere der Archi­tektur eine anfül­lende Begriff­lich­keit zur Seite gestellt. Doch mit der Zuschrei­bung von Gemein­plätzen wie „hoher Sensi­bi­lität“, „tech­no­lo­gi­scher Raffi­nesse“, „formaler Beschrän­kung“, „unspek­ta­ku­lärer Reflek­tiert­heit“, „bewusster Berück­sich­ti­gung der Wahr­neh­mungs­qua­li­täten“7 und forciert mit der Zuordnung zu „vier Para­digmen der Selbst­be­grün­dung und Iden­ti­täts- und Funk­ti­ons­ver­ge­wis­se­rung der Archi­tektur“ gerät der Essay zur (unab­sicht­li­chen) Grabrede einer durch­mo­der­ni­sierten Archi­tektur.8Schwarz, Ullrich: Neue Deutsche Archi­tektur – eine Ausstel­lung, u. Reflexive Moderne. Perspek­tiven der Archi­tektur am Beginn des 21. Jahr­hun­derts, in: Schwarz, Ullrich (Hrsg.): Neue Deutsche Archi­tektur. Eine Reflexive Moderne, Ostfil­dern 2002, S. 12–31. ↩︎Ebd. S. 16. ↩︎Ebd. S. 20–26. ↩︎

Uwe Schröder, Hour of Birth (Kubrick IV), ColIage, 2017
Uwe Schröder, Hour of Birth (Kubrick IV), ColIage, 2017

Vor dem Hinter­grund verblas­sender Tradi­ti­ons­li­nien hat die diszi­pli­näre Orien­tie­rung eine Spie­ge­lung erfahren. An die Stelle gemein­samer und gemein­schaft­li­cher Vorstel­lungen von Archi­tektur und Stadt, von der Disziplin, sind verein­zelte und scheinbar rück­halt­lose Absichten getreten, die sich in der gegen­wär­tigen Vielfalt archi­tek­to­ni­scher Ausdrucks­formen darstellen. Aber sorgt diese Vielfalt nicht für eine Abwechs­lung vor Ort und wirkt insofern auch der Tendenz zu „konver­genten“ Orten entgegen? Keines­wegs. Denn die Vielfalt archi­tek­to­ni­scher Ausdrucks­formen geht weniger aus einer wirk­li­chen Bindung an den Ort hervor, als vielmehr aus den unter­schied­li­chen subjek­tiven Absichten ihrer Verfasser. Man begegnet ihr hier und da, aber die Orte gleichen sich: Déjà-vu.

Selbst­be­stimmt­heit: Eine Hybris der Archi­tektur? Gewiss. Augen­schein­lich ist Archi­tektur die Antworten auf die Fragen nach Identität und Sinn aus sich selbst heraus schuldig geblieben. Mühsam müssen die Bindungen an die iden­ti­täts- und sinn­stif­tenden äußeren Einflüsse aus dem Inneren der Archi­tektur wieder herge­stellt werden: zu Gesell­schaft? Ja, eine Archi­tektur der Gesell­schaft, die eine Verräum­li­chung plura­li­sie­render Lebens- und Gesell­schafts­formen übernimmt; zu Geschichte? Ja, eine Archi­tektur, die ihre Geschichte kennt, im Beson­deren die ihrer Moder­ni­sie­rung; zu Orten? Ja, eine Archi­tektur der Orte, die der jewei­ligen Eigen­tüm­lich­keit einer umfassend bedachten Räum­lich­keit mit Entwurf und Bau Rechnung trägt. Wir können daher nicht zurück, Gesell­schaft, Geschichte… und auch die Orte sind lange schon andere geworden.

Uwe Schröder

  1. „Identität der Archi­tektur“, 1. Aachener Tagung mit dem Thema: „Ort – 32 Posi­tionen zum Ortsbezug in der Archi­tektur“, Foyer Reiff­mu­seum, Fakultät Archi­tektur, RWTH Aachen, 26. – 27. Januar 2017, http://​ida​.rwth​-aachen​.de/. ↩︎
  2. Koolhaas, Rem: The Generic City (1994), in: S,M,L,XL, Köln 1997 (dt. Über­set­zung in Arch+127); erstmals veröf­fent­lich aus Anlass der „Piet Mondriaan lecture“ die Rem Koolhaas am 25. November 1995 im „de Doelen“ in Rotterdam hielt. ↩︎
  3. Ebd. S. 3. ↩︎
  4. Hitchcock, Henry-Russel / Johnson, Philip: Der Inter­na­tio­nale Stil 1932, Braun­schweig 1985. ↩︎
  5. Vgl. Müller, Hans-Peter: Die Plura­li­sie­rung sozialer Milieus und Lebens­stile (2012), in: http://​www​.bpb​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​g​r​u​n​d​f​r​a​g​e​n​/​d​e​u​t​s​c​h​e​-​v​e​r​h​a​e​l​t​n​i​s​s​e​-​e​i​n​e​-​s​o​z​i​a​l​k​u​n​d​e​/​1​3​8​4​5​5​/​d​i​e​-​p​l​u​r​a​l​i​s​i​e​r​u​n​g​-​s​o​z​i​a​l​e​r​-​m​i​l​i​e​u​s​-​u​n​d​-​l​e​b​e​n​s​s​t​i​l​e​?​p=0, abgerufen am: 15. März 2017. ↩︎
  6. Schwarz, Ullrich: Neue Deutsche Archi­tektur – eine Ausstel­lung, u. Reflexive Moderne. Perspek­tiven der Archi­tektur am Beginn des 21. Jahr­hun­derts, in: Schwarz, Ullrich (Hrsg.): Neue Deutsche Archi­tektur. Eine Reflexive Moderne, Ostfil­dern 2002, S. 12–31. ↩︎
  7. Ebd. S. 16. ↩︎
  8. Ebd. S. 20–26. ↩︎

Autor*innen

Uwe Schröder, Deathless Mies (Kubrick I), ColIage, 2017
Uwe Schröder, Deathless Mies (Kubrick I), ColIage, 2017
Uwe Schröder, Hour of Birth (Kubrick IV), ColIage, 2017
Uwe Schröder, Hour of Birth (Kubrick IV), ColIage, 2017