Archi­tek­tur­for­schung 2.0: Ein altneues Verständnis von Wissen­schaft­lich­keit

der erste stein

Der erste Stein kann gelegt oder geworfen werden. Unter unserer neuen Rubrik erscheinen Beiträge, die beides vermögen: Es sind theo­re­ti­sche Texte von Autoren mit provo­kanten Thesen zur archi­tek­to­ni­schen Praxis, die kontro­vers disku­tierbar sind. Marc Kirsch­baum und Kai Schuster bringen den Stein ins Rollen: Disku­tieren Sie mit – per Leser­brief und auf www​.archi​tektbda​.de/​d​e​r​-​e​r​s​t​e​-​s​t​ein!

Aufgrund heutiger profes­sio­neller Rahmen­be­din­gungen rückt die Forschung zunehmend in den Fokus der Archi­tektur. Dies betrifft einer­seits die Hoch­schulen, die sich aufgrund akade­mi­scher Maßgaben wie dem gewach­senen Forschungs­druck im Zusam­men­hang mit der Harmo­ni­sie­rung der Fach­hoch­schulen und Univer­si­täten, oder dem Druck zum Einwerben von Geld­mit­teln stärker forschungs­ori­en­tiert posi­tio­nieren müssen. Ohne eigene Forschungs­etats müssen ande­rer­seits die Büros auskommen, in denen Archi­tek­tur­for­schung eine wesent­liche Erkennt­nis­in­stanz und ‑bedingung für archi­tek­to­ni­sches Schaffen bildet: Büros wie beispiels­weise OMA/AMO, MVRDV oder Lacaton & Vassal, haben bereits seit langem erkannt, dass Archi­tektur heute nicht mit der engen Analyse der Bauauf­gabe selbst beginnen kann. Nötig ist vielmehr eine „Leis­tungs­phase Null“1, mit der komplexe Einfluss­be­din­gungen auf archi­tek­to­ni­sches Schaffen erkannt, syste­ma­ti­siert und umgesetzt werden können.vgl. Marc Kirsch­baum: Leis­tungs­phase Null. Gene­ra­lismus und Archi­tektur, in: Marc Kirsch­baum, Silvia Bartnik: architektur.generalistisch, Infor­ma­ti­ons­system Planung, Kassel 2008, S. 9–22. ↩︎

Damit wird auch deutlich, dass die Archi­tektur insgesamt mit neuen Ansprü­chen konfron­tiert wird, die bis dato weit im Hinter­grund standen. In der Archi­tektur gibt es vergli­chen zu anderen Diszi­plinen keine Forschungs­tra­di­tion, die in einem perma­nenten Prozess nach einem über­in­di­vi­du­ellen Mehr an „Wissen“ strebt. Geforscht wird tradi­tio­nell eher über bautech­ni­sche und ‑konstruk­tive Frage­stel­lungen, die aber nicht die Genese der Archi­tektur selbst betreffen: aber genau diese ist es, wo offen­sicht­lich Forschungs­not­wen­dig­keit und ‑nach­hol­be­darf besteht, um heutige Komple­xität und Anfor­de­rungen an Archi­tektur entwurf­lich zu inte­grieren und umzu­setzen.

Archi­tek­tur­for­schung 1.0: Der Architekt als Ein-Person-Empiriker
Nun ist Forschung aus archi­tek­to­ni­scher Perspek­tive ein unbe­schrie­benes Blatt – jeden­falls dann, wenn sie als wissen­schaft­lich-metho­di­sche Suche nach neuen Erkennt­nissen verstanden wird, so wie im Wissen­schafts­dis­kurs allgemein üblich. Archi­tekten wurden tradi­tio­nell weder in wissen­schaft­li­chem Arbeiten noch in deren unter­schied­li­chen Methoden ausge­bildet. Der Architekt ist kein klas­si­scher Wissen­schaftler, als solcher wird er weder allgemein iden­ti­fi­ziert, noch trifft dies das Selbst­ver­ständnis des Berufs.

Gleich­zeitig war und ist er ein ziel­ori­en­tierter „Forscher“, der zumindest im Sinne einer „Ein-Person-Empirie“2 die erfahr­baren Umwelt­ge­ge­ben­heiten mit eigenen Erfah­rungs­be­ständen kombi­nieren muss und somit allein zur empi­ri­schen Stich­probe wird. Der Architekt nimmt unter­schied­liche Infor­ma­ti­ons­quellen, verar­beitet sie unter einer bestimmten Frage­stel­lung und kommt zu einer einzel­fall­be­zo­genen Lösung oder dekre­tiert einfach eine neue „Theorie“.3 Vergli­chen zum Wissen­schaftler legt er aller­dings nicht immer alle Kriterien offen – auch deshalb nicht, weil sie ihm selbst nicht immer benennbar sind.4 „Forschen“ schafft in diesem Sinne durch explo­ra­tives und künst­le­ri­sches Heran­gehen Kultur­güter bezie­hungs­weise Bauwerke, die sich im wissen­schaft­li­chen Krite­ri­en­raster der Validität, Objek­ti­vität und Relia­bi­lität zwar nicht begreifen lassen, aber dennoch zu anwen­dungs­ori­en­tierten Ergeb­nissen kommen. Ein Wider­spruch? Nein, denn die Ein-Person-Empirie von Archi­tekten hat keine allgemein gültigen Aussagen zum Ziel, sondern einen Entwurf, der als Einzel­fall auch reali­sierbar ist. Es handelt sich somit um „ange­wandte Archi­tek­tur­for­schung“, mit Einzel­fall-Analysen, die „einfach gemacht“ werden. So wird es in der Archi­tek­ten­aus­bil­dung „vermit­telt“ und später im Berufs­leben beibe­halten. Ange­wandte Archi­tek­tur­for­schung heißt vor allem, den „Forschungs­ge­gen­stand“ durch knappe und ziel­ge­rich­tete „Analyse“ in einen kreativen / intui­tiven Entwurf zu über­führen, der schließ­lich das eigent­liche Ziel ist – und zu dem die Analyse beitragen soll.Klaus Selle: Öffent­li­cher Raum – Terra incognita? Anmer­kungen zum Stand einer schwie­rigen Diskus­sion, in: Umwelt­psy­cho­logie, 7 (1), 2003, S. 70–79. ↩︎z. B. Le Corbusier: Ausblick auf eine Archi­tektur (1922), oder die „Charta von Athen“ (1933). ↩︎vgl. Walter Schön­wandt: Planung in der Krise? Theo­re­ti­sche Orien­tie­rungen für Archi­tektur, Stadt- und Raum­pla­nung, Kohl­hammer Verlag, Stuttgart 2002. ↩︎

Wenn nun im Kontext der Archi­tektur von Forschung die Rede ist, bedeutet dies auch, dass zwei Denk­tra­di­tionen aufein­an­der­treffen, die beinahe zwangs­läufig zu syste­mi­schen Schwie­rig­keiten führen müssen: Der kreative Prozess des Entwer­fens wird mit Forschung und ihren Methoden der Klarheit und Benenn­bar­keit ergänzt. Die allge­meine Skepsis von Archi­tekten gegenüber Forschung, Wissen­schaft und Theorie lässt sich wie folgt charak­te­ri­sieren: „Wissen schafft keine Kunst“5, oder anders gesagt, theo­re­ti­sche Reflexion führt nicht zum Entwurf. Diese profes­sio­nelle Grund­hal­tung aktiviert in der konkreten Aufgabe einen entwer­fe­ri­schen Habitus6, der sich in profes­sio­nellen Hand­lungen nieder­schlägt. Das vage Feld, das heute gern als Archi­tek­tur­for­schung beschrieben wird, ist meist dadurch gekenn­zeichnet, dass es einer­seits „forschungs­ori­en­tierte Projekte“ gibt, denen zumeist der inno­va­tive Gehalt fehlt und die kaum zum Entwurf führen oder „inno­va­ti­ons­ori­en­tierte Projekte“, denen die Grund­lagen fehlen und die auf der „Ein-Person-Empirie“ des Entwer­fers basieren. Daraus entsteht leicht ein defen­siver Gestus der wissen­schaft­li­chen Archi­tek­tur­for­schung mit folgender Dynamik: zuerst wird geforscht, dann – da nicht offen­sicht­lich anwendbar – alles vergessen und dann wie immer, auf die entwurf­liche Eingebung gewartet und sich damit wiederum von aller Forschung distan­ziert. Was fehlt, ist die Klammer zwischen Forschung und entwurf­li­cher Praxis und damit sei ebenso die Frage gestattet, ob Archi­tek­tur­for­schung überhaupt eine Wissen­schafts­dis­zi­plin im strengen Sinne sein kann – und will. Insofern konnte die Forschung in der Archi­tektur bislang kaum nennens­werte wissen­schaft­liche Ergeb­nisse liefern.Wolfgang Schulze: Erkenntnis durch Befragung, in: Kirsch­baum & Bartnik, 2008, S. 83. ↩︎Habitus im Sinne Bourdieus verstanden als normative Haltung (einer „Klasse“), aufbauend auf einem bestän­digen Werte­system, die zu einer bestimmten Praxis / Umsetzung führt; vgl. Pierre Bourdieu: Die feinen Unter­schiede. Kritik der gesell­schaft­li­chen Urteils­kraft, Suhrkamp, Frankfurt / Main 1982. ↩︎

Archi­tek­tur­for­schung 2.0
Beginnen wir mit dem, was da ist: es ist nun nicht so, dass Archi­tekten grund­sätz­lich kein Interesse an Forschung und syste­ma­ti­schem Erkennt­nis­ge­winn hätten, es ist für sie vor allem ein fremdes Terrain, auf dem sie nicht ausge­bildet und sozia­li­siert wurden. Auf der anderen Seite greifen sie nahezu auto­ma­tisch zum genannten Instru­ment der Analyse, um sich zu verorten. Diese ist auch nicht schlecht, sie ist eher etwas einge­schränkt und könnte durch metho­di­sche Ansätze anderer Diszi­plinen sinnvoll ergänzt werden, gerade deshalb, weil Archi­tekten „gene­ra­lis­ti­sche Forscher“ sind und ihr Weitblick im Denken auch eine breite metho­di­sche Grundlage bekommen würde.

Archi­tek­tur­for­schung 2.0 bedeutet indes nicht, eine Verwis­sen­schaft­li­chung der Archi­tektur einführen zu wollen. Diese Spät-68er-Logik, alles erst verstehen zu wollen und wissen­schaft­lich zu durch­dringen, um dann in der Folge zu entwerfen, ist heute mehr denn je ein Unter­fangen, das zum Scheitern verur­teilt ist. Gerade weil unsere Kultur von Komple­xität und Dynamik gekenn­zeichnet ist, zielt Archi­tek­tur­for­schung 2.0 vielmehr auf die Erwei­te­rung des kreativen, intui­tiven und speku­la­tiven Poten­tials des archi­tek­to­ni­schen Expe­ri­ments ab: Expe­ri­mente, die eine komplexe Analyse (Leis­tungs­phase Null) mit dem Entwurf verbinden und zwischen beiden keine (anachro­nis­ti­sche) Trennung mehr sehen. Archi­tek­tur­for­schung kann nur tragfähig sein, wenn sie als eine „archi­tek­to­ni­sche Wissen­schaft“ begriffen wird; eine Wissen­schaft, die sich einer allzu rigiden Objek­ti­vität entledigt und mehrere „Objek­ti­vi­täten“ zulässt. Archi­tek­tur­for­schung 2.0 als „archi­tek­to­ni­sche Wissen­schaft“ folgt eher dem Ideal des syste­ma­ti­schen Entde­ckens, einem Wissen­schafts­ver­ständnis Alexander von Humboldts7, das die Objek­ti­vität nicht über die Entde­ckung stellt.vgl. Alexander von Humboldt: Kosmos. Entwurf einer physi­schen Welt­be­schrei­bung, Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2004. ↩︎

Unser Verständnis von Archi­tek­tur­for­schung haben wir in mehreren inter­dis­zi­pli­nären Entwurfs­stu­dios auspro­biert und zusammen mit den Studie­renden sprich­wört­lich Archi­tek­tur­for­schung prak­ti­ziert (zum Beispiel „Lifestyle und Archi­tektur“8). In solchen Entwurfs­stu­dios geht es darum, die zahl­rei­chen wissen­schaft­li­chen Erkennt­nisse archi­tek­to­nisch zu verstehen und den Prozess nicht mit dem eigent­li­chen Forschungs­er­gebnis zu beenden, so wie es der Wissen­schaftler kann. Für den Archi­tekten fängt der wesent­liche Prozess hier erst an – und damit wird für den inter­es­sierten Wissen­schaftler auch deutlich, welch schwie­rige Aufgabe und hohe Erwartung an Archi­tekten heute gestellt werden: die Fülle kultu­reller und gesell­schaft­li­cher Entwick­lung selbst zu erkennen, sie metho­disch zu fassen und dann im Entwurf umzu­setzen.siehe ausführ­li­cher: Marc Kirsch­baum, Kai Schuster: Wie es Euch gefällt, in: Kay von Keitz & Sabine Voggen­reiter: plan06 – wohnen3, plan project, Köln 2007, S. 78–85. ↩︎

Archi­tek­tur­for­schung 2.0 ist dadurch gekenn­zeichnet, dass sich die Disziplin Archi­tektur nicht als minder­wertig im Wissen­schafts­kon­text empfindet, sondern sich in ihm durch die aller­dings noch zu latent benannten Quali­täten behauptet. Erst in der Verbin­dung von Krea­ti­vität und Struk­tu­riert­heit, an jeder Stelle im Entwurfs­pro­zess, liegt das wirkliche Potential. In diesem Sinne braucht eine wissen­schaft­liche Archi­tek­tur­for­schung notwen­di­ger­weise entwer­fe­ri­sche Motive und Kompetenz, da nur ein „Entwerfer“ beur­teilen kann, welche Dimen­sionen des Erforschten tatsäch­lich entwurf­lich inte­grierbar sind – hierin liegt der Kern der Forschung in Archi­tektur, alles andere ist Forschung über Archi­tektur und damit nicht mehr als ein wissen­schaft­li­cher Blick von außen.

Insofern bedeutet Archi­tek­tur­for­schung 2.0 im Ideal nicht ein zufäl­liges und persön­lich inter­es­sen­ge­lei­tetes Handeln, sondern ist mit der Vorstel­lung eines neuen profes­sio­nellen Gestus der Archi­tektur verbunden, den es an Hoch­schulen zu sozia­li­sieren gilt.

Marc Kirsch­baum ist Professor für Archi­tek­tur­theorie und Entwerfen an der SRH Hoch­schule Heidel­berg. Kai Schuster ist Professor für Sozio­logie und Sozi­al­psy­cho­logie mit Schwer­punkt Archi­tek­tur­psy­cho­logie an der Hoch­schule Darmstadt. Beide Autoren sind Gründer und Partner des Büros prag­ma­topia – architektur.stadt.leben in Kassel.

Eine Replik auf den ersten stein von Werner Oechslin (der architekt 1/13, S. 10–11), einen „zweiten Stein“ von Hans Albes­hausen, Architekt BDA aus Frankfurt / Oder finden Sie auch in Heft 2/13 auf S. 6.

  1. vgl. Marc Kirsch­baum: Leis­tungs­phase Null. Gene­ra­lismus und Archi­tektur, in: Marc Kirsch­baum, Silvia Bartnik: architektur.generalistisch, Infor­ma­ti­ons­system Planung, Kassel 2008, S. 9–22. ↩︎
  2. Klaus Selle: Öffent­li­cher Raum – Terra incognita? Anmer­kungen zum Stand einer schwie­rigen Diskus­sion, in: Umwelt­psy­cho­logie, 7 (1), 2003, S. 70–79. ↩︎
  3. z. B. Le Corbusier: Ausblick auf eine Archi­tektur (1922), oder die „Charta von Athen“ (1933). ↩︎
  4. vgl. Walter Schön­wandt: Planung in der Krise? Theo­re­ti­sche Orien­tie­rungen für Archi­tektur, Stadt- und Raum­pla­nung, Kohl­hammer Verlag, Stuttgart 2002. ↩︎
  5. Wolfgang Schulze: Erkenntnis durch Befragung, in: Kirsch­baum & Bartnik, 2008, S. 83. ↩︎
  6. Habitus im Sinne Bourdieus verstanden als normative Haltung (einer „Klasse“), aufbauend auf einem bestän­digen Werte­system, die zu einer bestimmten Praxis / Umsetzung führt; vgl. Pierre Bourdieu: Die feinen Unter­schiede. Kritik der gesell­schaft­li­chen Urteils­kraft, Suhrkamp, Frankfurt / Main 1982. ↩︎
  7. vgl. Alexander von Humboldt: Kosmos. Entwurf einer physi­schen Welt­be­schrei­bung, Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2004. ↩︎
  8. siehe ausführ­li­cher: Marc Kirsch­baum, Kai Schuster: Wie es Euch gefällt, in: Kay von Keitz & Sabine Voggen­reiter: plan06 – wohnen3, plan project, Köln 2007, S. 78–85. ↩︎