Der Schlüssel

Schau­plätze der Obdach­lo­sig­keit: Ein Spazier­gang

von Elina Potratz

Ich treffe Cäsar bei der Elefan­ten­skulptur hinter dem Bremer Haupt­bahnhof. Cäsar – um die sechzig, kurzes graues Haar, freund­liche Augen – heißt eigent­lich Reinhard Spöring und arbeitet seit zehn Jahren ehren­amt­lich bei der Bremer „Zeit­schrift der Straße“. Wir haben uns für einen Spazier­gang verab­redet. Doch wir wollen heute weder durch Grün­an­lagen flanieren noch an der Weser entlang­spa­zieren – statt­dessen schauen wir uns Schau­plätze der Obdach­lo­sig­keit in Bremen an. Denn sie erzählen viel darüber, wie obdach­lose Menschen bundes­weit leben und wie Städte damit umgehen.

Es ist kein Zufall, dass wir uns am Haupt­bahnhof treffen. Laut Cäsar sind Bahnhöfe in allen Städten der Welt die zentralen Anlauf­stellen für Obdach­lose. Doch warum ist das eigent­lich so? „Es ist ein Orien­tie­rungs­punkt. Denn ich brauche keine Sprache zu verstehen und weiß dennoch immer: Am Bahnhof ist die Szene“, erklärt er. Zudem ist der Bahnhof Verkehrs­kno­ten­punkt, insbe­son­dere für dieje­nigen, die aus anderen Stadt­teilen kommen. Und nicht zuletzt ist hier der Ort der Drogen­be­schaf­fung, die für viele obdach­lose Menschen Teil des Alltags ist.

Im Nelson-Mandela-Park hinter dem Bremer Haupt­bahnhof schliefen bis vor einem Jahr bis zu hundert obdach­lose Menschen. Erst kurz vor ihrer Vertrei­bung war ein städ­ti­scher Trink­was­ser­brunnen für sie instal­liert worden.

Der Park hinter dem Bremer Bahnhof ist präde­sti­niert dafür, von Obdach­losen als Schlaf- und Aufent­haltsort genutzt zu werden. Über viele Jahre hinweg schlugen Dutzende obdach­lose Menschen zwischen den Gebüschen ihre Zelte auf, während man sich tagsüber bei den Park­bänken aufhielt. „Dieser Park hinter dem Bahnhof war das Wohn­zimmer der Obdach­losen“, berichtet Cäsar, „doch vor etwa einem Jahr hat der Bremer Senat im Rahmen des Konzepts ‚Befrie­dung der Bahn­hofs­vor­stadt‘ entschieden, das Gebiet um den gesamten Bremer Haupt­bahnhof von Obdach­losen zu befreien“. Im Rahmen dieser Maßnahmen mussten die Betrof­fenen ihre Sachen packen und den Park räumen. Cäsar erzählt, dass unter anderem der Bau des „City Gate“ von Max Dudler, ein Gebäu­de­kom­plex auf der Vorder­seite des Bahnhofs der Anlass war. Mit ihm sollte eine städ­te­bau­liche Lücke geschlossen und der Bahnhof mit der Innen­stadt verbunden werden. Auf der Website der Stadt Bremen wird das Projekt unter dem Motto „Der erste Eindruck zählt“ beworben – was für Cäsars Vermutung spricht, dass der Anblick von Obdach­losen das neue Stadt-Entrée nicht stören sollte.

Anlass war laut der Politik aber auch, dass Menschen sich dort bedroht fühlten. Cäsar kann das teilweise bestä­tigen: „Es wäre roman­ti­sie­rend, zu sagen, dass unsere Leute nur mit Watte­bäu­schen werfen.“ Dennoch kriti­siert er den Umgang der Stadt mit den Obdach­losen: „Man hätte alter­nativ entspre­chende Räum­lich­keiten schaffen können, um ein richtiges Angebot zu machen. Kiel zum Beispiel hat Trin­ker­räume, um dort Alkohol zu trinken. Mit einem Sozi­al­ar­beiter und mehreren Frei­wil­ligen – das läuft alles prima.“ Diese Räum­lich­keiten könnten auch Kontakt­punkte für Hilfs­an­ge­bote sein: „Man hätte die Leute von der Straße weg und könnte ihnen hier auf Augenhöhe begegnen“.

Der soge­nannte „Szene­treff am Haupt­bahnhof“ soll obdach­losen Menschen als Aufent­haltsort dienen und wird norma­ler­weise von Street­wor­kern betreut.

Dass die Stadt kein Alter­na­tiv­an­gebot bereit­ge­stellt hat, ist streng genommen nicht richtig: Wenige hundert Meter weiter, am Rande des Bahn­hofs­areals, direkt an einer viel­be­fah­renen Bahn­un­ter­füh­rung, hat man ein kleines Areal mit hohen Zäunen umgrenzt. Im hinteren Bereich finden sich Sitz­mög­lich­keiten, die teilweise von einer Fahr­rad­rampe überdacht sind. Neben dem Eingang steht eine neu gebaute öffent­liche Toilette. „Szene­treff am Haupt­bahnhof“ wird der Ort am Eingangstor genannt, doch Cäsar ist offen­sicht­lich nicht angetan: „Dieses ‚Ausweich­an­gebot‘ hat hier traurige Berühmt­heit erlangt. In der Szene wird es ‚der Käfig‘ genannt“. Den Reak­tionen zufolge führt das Angebot an den Bedürf­nissen vorbei, denn viele obdach­lose Menschen fühlten sich hier einge­sperrt und ausge­lie­fert. Zudem empfinde man die Umzäunung als zusätz­liche Stig­ma­ti­sie­rung: „Da sitzt du wie im Zoo. Wer das nicht glaubt, sollte selber mal hinein­gehen“, meint Cäsar.

Immer wieder spricht Cäsar von den Bremer Obdach­losen als der „Szene“. Ich will daher wissen, wie es um den Zusam­men­halt unter Obdach­losen bestellt ist. Laut Cäsar kann man nur einge­schränkt von einer Gemein­schaft sprechen: „Nach meiner Kenntnis gibt es nur wenige Freund­schaften unter Obdach­losen, in der Regel gibt es Zweck­ge­mein­schaften“. Die Verfüg­bar­keit und Qualität von Drogen sei ein zentrales Thema, über das man sich austau­sche, aber auch verbale und körper­liche Über­griffe, denen man immer wieder ausge­setzt sei. „Diese Begeg­nungen täuschen darüber hinweg, dass die Menschen kaum wirkliche soziale Anbindung haben“, meint Cäsar. Auch bei den Corona-Anste­ckungen zeige sich diese Isolation, denn bislang wiesen Obdach­lose statis­tisch wenige Anste­ckungen auf.

Dennoch trifft Corona die Obdach­losen hart. Nicht nur, dass sie durch Vorer­kran­kungen und geschwächte Immun­sys­teme meist zur Risi­ko­gruppe zählen und daher umso größere Sorge vor einer Anste­ckung haben. Auch ein Großteil der Hilfs­an­ge­bote ist wegge­bro­chen oder steht nur für wenige zur Verfügung. Die Bahn­hofs­mis­sion, der nächste Schau­platz, an dem wir vorbei­kommen, ist norma­ler­weise ein wichtiger Anlauf­punkt. Hier kann man sich aufhalten, einen Kaffee trinken und Zeitung lesen. Zurzeit ist für jede Person nur eine halbe Stunde Aufent­halt möglich. Da die meisten Ehren­amt­li­chen über 70 Jahre alt sind und zur Risi­ko­gruppe zählen, fallen sie als Stützen des Systems weg. Der „soziale Erst­kon­takt“, der hier zwischen Obdach­losen und Hilfs­an­ge­boten herge­stellt werden soll, bleibt dadurch meist aus. Zudem berichten Obdach­lose von zuneh­mender Gleich­gül­tig­keit der Mitmen­schen, so Cäsar: „Sie erleben, dass die Leute, die ohnehin schon distan­ziert sind, noch mehr auf Abstand gehen. Viele verkaufen die Obdach­lo­sen­zeit­schrift nicht mehr, weil die Kunden das Heft nicht mehr anfassen wollen. Dadurch gibt es natürlich Einnah­me­aus­fälle“.

Im Tivoli-
Hochhaus befindet
sich unter anderem
die „Fach­stelle Wohnen“, in der versucht wird, Obdach­lo­sig­keit zu verhin­dern.

Neben der Frage nach sozialen Kontakten führt die Beschäf­ti­gung mit Obdach­lo­sig­keit auch zu anderen elemen­taren Bedürf­nissen – also auch zum Thema Toiletten. Wir bleiben an einem Neben­flügel des Haupt­bahn­hofs stehen, den mir Cäsar als „eine der berühm­testen Stellen Bremens“ vorstellt: die Gebäu­de­front mit ihren Risaliten sei einer der meist frequen­tierten Orte zum Urinieren in der Umgebung. Einmal im Jahr werde die Fassade mit Wasser sauber­ge­spritzt. „Unser Problem ist, dass die Bahn­hofs­toi­lette einen Euro kostet. Nur um auf Toilette zu gehen, braucht man also sechs oder sieben Euro am Tag. Das kann sich ein Obdach­loser nicht leisten“, meint Cäsar. Seit Jahren setzt man sich daher dafür ein, dass es mindes­tens zwei oder drei kosten­lose öffent­liche Toiletten im Umfeld gibt. Die Toilette am „Szene­treff“ ist ein Schritt in diese Richtung, da sie – wenn nicht gerade Pandemie herrscht – tagsüber gratis benutzbar ist. Den Schlüssel verwahrt norma­ler­weise ein Street­worker, der den Ort betreut.

Mitt­ler­weile hat es zu regnen begonnen. Wir laufen einige Schritte und bleiben gegenüber dem Bahnhof vor dem Tivoli-Hochhaus stehen. Im Erdge­schoss des Baus aus den frühen 1960er Jahren finden sich ein Garten­ge­schäft, ein Erotik-Shop und ein Wettbüro. „In diesem Haus sind alle Hilfs­an­ge­bote unter­ge­bracht, unter anderem die ‚Fach­stelle Wohnen‘, in der man sich um Personen kümmert, die von einer Zwangs­räu­mung bedroht sind“, erklärt Cäsar – „Hier wird versucht, Obdach­lo­sig­keit zu verhin­dern“. Menschen, die ihre Wohnung verloren haben, wird an dieser Stelle etwa eine Schlaf­stelle zuge­wiesen. „Unter­ge­bracht wird man anschlie­ßend meist vorüber­ge­hend in einer Notun­ter­kunft oder Schlicht­pen­sion. Das sind im Grunde Hotels, die noch nicht einmal einen Stern haben“, so Cäsar. Theo­re­tisch suchen die Menschen sich von hier aus eine neue Wohnung.

Doch mit dem Verlust der Wohnung beginnt sogleich die Stig­ma­ti­sie­rung: „Versuch mal, eine Wohnung zu bekommen, wenn deine Adresse eine Notun­ter­kunft ist. Das kannst du knicken“, meint Cäsar. Zudem herrscht auch in Bremen, wie in den meisten deutschen Groß­städten, ein ange­spannter Wohnungs­markt. „Das heißt also, du bleibst in der Schlicht­pen­sion, bekommst viel­leicht eine Verlän­ge­rung für zwei Monate. Doch irgend­wann sagt das Amt: ‚Jetzt ist mal Schluss‘. Und dann ist man irgend­wann auf der Straße“, beschreibt Cäsar einen typischen Weg in die Obdach­lo­sig­keit.

Einige Schlicht­woh­nungen für Personen, die ihre Wohnung verloren haben, sind in diesem ehema­ligen Studie­ren­den­wohn­heim unter­ge­bracht.

Das bringt uns zu den persön­li­chen Hinter­gründen, die dazu führen, dass jemand auf der Straße landet, und zu der Frage: Gibt es „typische“ Biogra­phien bei Obdach­losen? „Oft sind die fami­liären Verhält­nisse schwierig, eine proble­ma­ti­sche Kindheit ist häufig die Grund­vor­aus­set­zung“, entgegnet Cäsar. Auch Schick­sals­schläge seien vielfach Auslöser: „Meist ist da irgend­etwas zerbro­chen, irgend­eine Linie abge­knickt. Das kann eine Trennung sein, eine Krankheit, eine Sucht oder eine psychi­sche Erkran­kung.“ Dennoch findet er es proble­ma­tisch, sich auf solche Hinter­gründe zu fokus­sieren: „Es gibt tausende von Zugängen.“ Bestim­mend im Leben der Betrof­fenen sei aber oft das Gefühl der Scham und damit verbunden Verdrän­gungs­me­cha­nismen und die Schwie­rig­keit, die eigenen Probleme anzugehen.

Auch Cäsar befand sich vor Jahren in einer Lebens­si­tua­tion, in der ihm die Kontrolle entglitten war. „Ich habe früher in Bremen Strom und Wasser verkauft für die Industrie. Dann habe ich eine Sucht­pro­ble­matik entwi­ckelt.“ Dass er noch lebe, sei dem Zufall zu verdanken, dass er zum richtigen Zeitpunkt gefunden wurde: „Ich war im Delirium, weil ich einen kalten Entzug gemacht habe. ‚Beim nächsten Mal sehen wir uns in der Patho­logie wieder‘, hat der Arzt damals gesagt“. Doch Cäsar gelang der Absprung durch einen Entzug. Als er verrentet wurde, ließ er sich zum ehren­amt­li­chen Sucht­helfer ausbilden und engagiert sich seitdem in der Selbst­hilfe. Mit seiner Vergan­gen­heit gehe er offen um – „ich denke, das ist wichtig. Und wenn es um Sucht geht, weiß ich auch, worum es geht“.

Verdrän­gung von Obdach­losen ist für Nicht-Betrof­fene oftmals kaum sichtbar: Durch Gitter und Poller wird das Schlafen an diesem Ort verhin­dert.

Laut Cäsar ist Alkohol unter Obdach­losen „die Stan­dard­droge Nummer Eins“. Schät­zungen zufolge sind etwa 80 bis 90 Prozent alkohol- oder drogen­ab­hängig. Jedoch kommen einige erst durch die Obdach­lo­sig­keit zu Drogen. „Suchtstoffe – die nimmt eigent­lich jeder, wenn es geht. Damit man durch­kommt“, meint Cäsar. Viele, die im Bereich Obdach­lo­sig­keit aktiv sind, kämpfen daher dafür, dass die Drogen­ab­hän­gig­keit zunächst als Tatsache akzep­tiert wird und hierfür mehr geschützte Räume angeboten werden: Drogen­kon­sum­räume, in denen die Betrof­fenen unter kontrol­lierten und hygie­ni­schen Bedin­gungen Drogen nehmen können. Auch Hilfe und Beratung sind an solchen Orten nied­rig­schwellig möglich. In welcher städ­ti­schen Lage diese Druck­räume ange­sie­delt sind, ist Cäsars Einschät­zung nach entschei­dend: „Es gibt in Bremen zwar einen Druckraum, der ist aber viel zu weit entfernt vom Bahnhof und dem Ort der Drogen­be­schaf­fung“. Gerade Crack­süch­tige erreiche man so nicht: „Der Rausch­zu­stand bei Crack ist nur sehr kurz, danach kommt sofort wieder das starke Verlangen nach dem nächsten Rausch. Da bleibt keine Zeit, um zwei Kilometer zum Konsum­raum zu laufen.“

„Wo schlafe ich heute?“ ist eine weitere zentrale Frage, um die sich das Leben obdach­loser Menschen dreht. Urbane Verdrän­gung ist dabei nicht nur im Park hinter dem Haupt­bahnhof ein Problem, wie Cäsar mir an der nächsten Station zeigt. Wir stehen vor einem käfig­ar­tigen Raum, der unter dem Vorsprung eines Eckhauses eingebaut wurde. Im Gegensatz zum „Szene­treff“ soll der Zaun die Obdach­losen hier jedoch fern­halten. „Hier haben über längere Zeit hinweg drei oder vier Obdach­lose geschlafen, ohne dass es nach meinem Wissen Probleme gab. Auch Street­worker kamen hier regel­mäßig vorbei. Dann wurde eines Tages dieses Gitter davor gebaut, um hier das Schlafen zu verhin­dern.“ Cäsar zufolge liegt das Problem auch darin, dass sich die Verdrän­gungs­pro­zesse schlei­chend und unsichtbar voll­ziehen: „Die Obdach­losen sind dann einfach weg. In alle Winde zerstreut. Im öffent­li­chen Raum gibt es so viel Verdrän­gung, die wir gar nicht wahr­nehmen.“

Einige Obdach­lose kommen nachts in Not­unterkünften unter. Doch diese Unter­künfte, die meist mit Mehr­bett­zim­mern ausge­stattet sind, bringen ihre eigenen Probleme mit sich. „Einige haben Sorge, dass sie hier beklaut und bedroht werden.“ Und tatsäch­lich, meint Cäsar, sei die Stimmung nicht unbedingt friedlich: „Die Zusam­men­bal­lung von Menschen, die zu einem großen Teil Sucht­er­kran­kungen und psycho­so­ziale Probleme haben, ergibt ein großes Aggres­si­ons­po­ten­tial. Und deswegen haben einige Leute Angst, dort hinein­zu­gehen“. Auch das Verbot von Alkohol und Drogen halte einige Obdach­lose davon ab, eine Notun­ter­kunft aufzu­su­chen, da man sich bevor­mundet fühle. Hin und wieder, insbe­son­dere, wenn Menschen lange auf der Straße gelebt haben, falle auch die Umstel­lung auf einen geschlos­senen Raum schwer: „Einige können sich nicht mehr dran gewöhnen, dass es eine Zimmer­decke gibt. Die werden klaus­tro­pho­bisch“.

Eine der Notun­ter­künfte Bremens für wohnungs- und obdach­lose Männer

In vielen Städten gibt es, wie auch in Bremen, eigene Notun­ter­künfte für obdach­lose Frauen. Nach Schät­zungen machen Frauen etwa 25 Prozent der Obdach­losen aus. Ihre Lebens­weise unter­scheidet sich oftmals von der obdach­loser Männer, dabei ist ihre Scham, als obdachlos erkannt zu werden, ungleich größer: „Sie halten sich, wenn nicht gerade Corona ist, vor allem in Kauf­häu­sern und Stadt­bi­blio­theken auf, also in öffent­li­chen Räumen, wo sie nicht erkannt werden. Außerdem legen viele Frauen großen Wert auf ihr Äußeres, schminken sich und kleiden sich über die Klei­der­kam­mern ein. Der Hinter­grund ist: Sie wollen unauf­fällig sein, in der Menge mitschwimmen“, erläutert Cäsar. Weit proble­ma­ti­scher sind die Gefahren, denen Frauen auf der Straße ausge­setzt sind. Denn neben den „normalen“ Gewalt­er­fah­rungen sind Frauen in beson­derem Maße von sexuellen Miss­bräu­chen bedroht. „Viele Frauen prosti­tu­ieren sich in der Obdach­lo­sig­keit, damit sie Schlaf­plätze bekommen. Es gibt einige Männer, die sogar behaupten, es sei eine soziale Aufgabe, Frauen von der Straße zu holen. Diese Frauen sind dann oft Tage oder Wochen bei so einem Mann und versuchen, so der Straße zu entgehen.“

Wir kommen zu dem letzten Ort unseres Stadt­spa­zier­gangs. Mitt­ler­weile ist der Regen heftiger geworden. Unter Regen­schirmen stehend blicken wir auf das Gebäude, in dem die Redaktion des Bremer Stra­ßen­ma­ga­zins sitzt. Hier erhalten die wohnungs­losen Verkäufer die Hefte der „Zeit­schrift der Straße“ zum Weiter­ver­kauf, zudem gibt es weitere Angebote wie kosten­lose medi­zi­ni­sche Versor­gung. Im dane­ben­lie­genden „Café Papagei“ werden Getränke und Mahl­zeiten zu günstigen Preisen sowie Dusch- und Wasch­mög­lich­keiten angeboten. Entschei­dend sei jedoch die Post­stelle, betont Cäsar: „Obdach­lose bekommen ihr Geld in der Regel per Barscheck, der wird per Post zuge­stellt. Und da sie keine Adresse haben, können sie sich hier eine Bezugs­adresse einrichten lassen.“ Anhand dieser Adressen weiß man auch, dass es etwa 600 Obdach­lose in Bremen gibt.

Zuletzt die Frage, wo Cäsar für Bremen akuten Hand­lungs­be­darf sieht. „Wir brauchen geschützte Räume – insofern geschützt, als man sich dort unbe­hel­ligt aufhalten darf, sein Leben leben darf, ohne von der Gesell­schaft diskre­di­tiert zu werden. Die Aufent­halts­mög­lich­keiten kann man mit Hilfs­an­ge­boten verbinden. Damit die Menschen zumindest die Chance haben, etwas zu ändern.“ Auch Ansätze wie Housing First, also die stufen­lose Unter­brin­gung von Wohnungs­losen in unbe­fris­teten Wohn­ver­hält­nissen (siehe S. 33–39) oder inte­gra­tive Projekte (siehe Seite 40–45) hält er für ziel­füh­rend: „Die unter­schied­li­chen Projekte und Ansätze, die es schon gibt, müssen verviel­fäl­tigt werden. Ich glaube, dass dieses gesell­schaft­liche Problem ansonsten lang­fristig nur schwer in den Griff zu bekommen ist.“

Inzwi­schen ist es dämmerig geworden, es regnet in Strömen. Nach unserer Verab­schie­dung laufen wir jeweils unseres Weges. Wir beide wissen, dass wir gleich im Warmen und Trockenen unter­kommen werden. Viele Obdach­lose haben diese Gewiss­heit nicht. Doch auch in dieser Hinsicht hat mir Cäsar eine treffende Geschichte mitge­geben, die mir nun wieder durch den Kopf geht: Vor einiger Zeit habe man Obdach­lose, die in Hotel­zim­mern unter­ge­bracht wurden, gefragt, was für sie das wich­tigste sei an diesem Raum. Entgegen aller Erwar­tungen war es weder die Heizung noch das Bett oder das Bade­zimmer. Statt­dessen war für viele der Zimmer­schlüssel entschei­dend: Nicht mehr als ein Raum, der Rückzug, Schutz und Selbst­be­stim­mung bietet.

Elina Potratz, M. A., studierte Kunst- und Bild­ge­schichte in Leipzig und Berlin mit beson­derem Schwer­punkt auf Archi­tektur des 20. Jahr­hun­derts und Denk­mal­pflege. Von 2016 bis 2018 absol­vierte sie ein Volon­ta­riat in der Redaktion von der architekt, für die sie seit 2018 als Redak­teurin tätig ist.

Dieser Text erschien in unserer Ausgabe 2/2021 mitten­drin außen vor. obdach­lo­sig­keit in der stadt.

Im Nelson-Mandela-Park hinter dem Bremer Haupt­bahnhof schliefen bis vor einem Jahr bis zu hundert obdach­lose Menschen. Erst kurz vor ihrer Vertrei­bung war ein städ­ti­scher Trink­was­ser­brunnen für sie instal­liert worden.
Der soge­nannte „Szene­treff am Haupt­bahnhof“ soll obdach­losen Menschen als Aufent­haltsort dienen und wird norma­ler­weise von Street­wor­kern betreut.
Im Tivoli-
Hochhaus befindet
sich unter anderem
die „Fach­stelle Wohnen“, in der versucht wird, Obdach­lo­sig­keit zu verhin­dern.
Einige Schlicht­woh­nungen für Personen, die ihre Wohnung verloren haben, sind in diesem ehema­ligen Studie­ren­den­wohn­heim unter­ge­bracht.
Verdrän­gung von Obdach­losen ist für Nicht-Betrof­fene oftmals kaum sichtbar: Durch Gitter und Poller wird das Schlafen an diesem Ort verhin­dert.
Eine der Notun­ter­künfte Bremens für wohnungs- und obdach­lose Männer