Der unter­ge­henden Sonne entgegen

Drei Wohn­pro­jekte für Geflüch­tete wieder­be­sucht

Vor rund zehn Jahren kamen hundert­tau­sende Geflüch­tete nach Deutsch­land – mit ihnen entstanden vieler­orts neue Wohn­pro­jekte, teils dauerhaft, teils als Über­gangs­lö­sungen konzi­piert. Einige der damals errich­teten Unter­künfte galten als vorbild­haft. Doch was ist aus diesen Orten geworden? David Kasparek hat drei unter­schied­liche Projekte in Bremen, Köln und Tübingen besucht und zieht Bilanz: Sind daraus Orte des Bleibens geworden oder doch nur Provi­so­rien auf Dauer?

Hier, wo das Einkaufs­zen­trum zwar nach dem Fluss benannt, der Rhein selbst aber gute neun Kilometer entfernt ist, hört Köln wirklich auf. In Weiden, wie der west­lichste Stadtteil der Domstadt heißt, kann man sehen, was Stadtrand bedeutet. Hoch­häuser stehen am Feldrand, stockender Verkehr auf der Autobahn 4 zieht zäh vor dem Gewer­be­ge­biet der Nach­bar­ge­meinde Frechen dahin. Hier steht eine von zwei soge­nannten Erst­auf­nah­me­ein­rich­tungen, die das damalige Büro pagel henn archi­tekten errichtet haben. Es ist viel Zeit vergangen seit der „Will­kom­mens­kultur“ oder dem „Wir schaffen das!“

Laut dem Bundesamt für Migration und Flücht­linge wurden für die Jahre 2015 und 2016 insgesamt 1.855.522 Erst­erfas­sungen bei EASY (Erst­ver­tei­lung der Asyl­be­geh­renden) und 1.222.194 Asyl­an­träge in Deutsch­land verzeichnet.1 Schon 2017 hatten die Zahlen der Asyl­su­chenden wieder den Stand von 2014 erreicht. Nämlich deutlich unter 250.000.2 Obwohl die Zahlen seither fast konti­nu­ier­lich sinken, hat sich ein neurechter Sound durch­ge­setzt: Aus Migra­ti­ons­be­we­gungen wurden erst „Wellen“, dann eine „Krise“. Unter­schieden wurde zwischen Geflüch­teten, die ein Krieg zwang, ihre Heimat zu verlassen, und „Wirt­schafts­flücht­lingen“. Der damalige Innen­mi­nister verstieg sich auf der immer verzwei­felter werdenden Suche nach Stimmen am rechten Rand in einem Interview mit der Rhei­ni­schen Post schließ­lich sogar zu der Aussage, Migration sei „die Mutter aller Probleme“3. Aus Zuzug wurde ein vermeint­lich kata­stro­phi­scher „Zustrom“ und aus im Schen­gen­raum rechts­si­cher passier­baren Grenzen wurden Barrieren, die die damalige Kanzlerin „geöffnet“ habe.Bundesamt für Migration und Flücht­linge: Das Bundesamt in Zahlen 2016. Asyl, Migration, Inte­gra­tion, Berlin 2017; online: https://​www​.bamf​.de/​S​h​a​r​e​d​D​o​c​s​/​A​n​l​a​g​e​n​/​D​E​/​S​t​a​t​i​s​t​i​k​/​B​u​n​d​e​s​a​m​t​i​n​Z​a​h​l​e​n​/​b​u​n​d​e​s​a​m​t​-​i​n​-​z​a​h​l​e​n​-​2​0​1​6​.​p​d​f​?​_​_​b​l​o​b​=​p​u​b​l​i​c​a​t​i​o​n​F​i​l​e​&​v​=16 (abgerufen am 13.05.25). ↩︎Siehe: Eurostat, u.a.: https://​ec​.europa​.eu/​e​u​r​o​s​t​a​t​/​s​t​a​t​i​s​t​i​c​s​-​e​x​p​l​a​i​n​e​d​/​i​n​d​e​x​.​php (abgerufen am 13.05.25). ↩︎Horst Seehofer im RP-Interview: „Migra­ti­ons­frage ist die Mutter aller Probleme“, Rhei­ni­sche Post, 06.09.2018, online: https://​rp​-online​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​/​h​o​r​s​t​-​s​e​e​h​o​f​e​r​-​l​e​h​n​t​-​s​t​i​c​h​t​a​g​s​r​e​g​e​l​u​n​g​-​f​u​e​r​-​f​l​u​e​c​h​t​l​i​n​g​e​-​a​l​s​-​f​a​c​h​k​r​a​e​f​t​e​-ab (abgerufen am 13.05.25). ↩︎

Dass sich dieser rechte Sound durch­setzen konnte, liegt offen­kundig auch darin begründet, dass man mit ihm vermeint­li­chen Taten­drang sugge­rieren kann. „Endlich im großen Stil abschieben“4 sagt sich eben leichter, als tatsäch­lich die voll­mundig ange­kün­digten „400.000 Wohnungen“5 zu bauen, die es bräuchte, damit die Miet­märkte der über­las­teten Städte und Gemeinden je­ne dringend benötigte Entlas­tung erführen, die sie brauchen. Statt aber den offen­kun­digen Wohn­raum­mangel zu beheben, stellt sich auch der neue Bundes­in­nen­mi­nister lieber medi­en­wirksam an die Grenz­kon­troll­posten auf der Autobahn, wo „innerhalb von sieben Tagen 729 Versuche der illegalen Einreise zurück­ge­wiesen worden seien, darunter 32 Asyl­be­werber“, wie der MDR berich­tete.6 Andreas Roßkopf von der Gewerk­schaft der Polizei sagte kürzlich der Funke-Medi­en­gruppe im Interview, die Bundes­po­lizei könne Kontrollen in dieser Inten­sität überhaupt nur noch „wenige Wochen durch­halten“.7Vergl.: https://​www​.spiegel​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​/​o​l​a​f​-​s​c​h​o​l​z​-​u​e​b​e​r​-​m​i​g​r​a​t​i​o​n​-​e​s​-​k​o​m​m​e​n​-​z​u​-​v​i​ele (abgerufen am 13.05.25). ↩︎Siehe: https://​www​.bundes​re​gie​rung​.de/​b​r​e​g​-​d​e​/​s​e​r​v​i​c​e​/​a​r​c​h​i​v​/​w​o​h​n​u​n​g​s​b​a​u​-​b​u​n​d​e​s​r​e​g​i​e​r​u​n​g​-​2​0​0​6​224 (abgerufen am 13.05.25). ↩︎https://​www​.mdr​.de/​n​a​c​h​r​i​c​h​t​e​n​/​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​/​p​o​l​i​t​i​k​/​g​r​e​n​z​k​o​n​t​r​o​l​l​e​n​-​z​u​r​u​e​c​k​w​e​i​s​u​n​g​e​n​-​p​o​l​i​z​e​i​-​u​e​b​e​r​l​a​s​t​u​n​g​-​f​a​q​-​1​0​2​.​h​tml (abgerufen am 20.05.25). ↩︎https://​www​.bz​-berlin​.de/​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​/​g​r​e​n​z​k​o​n​t​r​o​l​l​e​n​-​p​o​l​i​z​e​i​-​w​a​r​n​ung (abgerufen am 20.05.25). ↩︎

Doch wie steht es um jene, die seit 2015 nach Deutsch­land gekommen sind? Ist Deutsch­land ein „Arrival Country“ geworden, in dem „Making Heimat“ mehr als nur Slogan und Ausstel­lungs­bei­trag zur Archi­tek­tur­bi­en­nale werden konnte?8 Wie leben sie und hat der Sprung von vermeint­li­chen Erst­auf­nah­me­ein­rich­tungen in die jewei­ligen Gesell­schaften in den Städten und Gemeinden funk­tio­niert oder gilt auch hier das Diktum, nachdem nichts so langlebig sei wie Provi­so­rien. In Bremen, Köln und Tübingen finden sich drei unter­schied­liche Modelle zur Aufnahme von Geflüch­teten. Wo sich Bremen entschieden hatte, schnell Quartiere aus Contai­nern zu errichten, wurden in Köln dauer­hafte Häuser im Massivbau errichtet, in Tübingen fand sich eine Bauge­mein­schaft zusammen, deren Ziel es war, Eigentums- und Miet­woh­nungen mit Über­gangs­wohn­raum für Geflüch­tete zu kombi­nieren.Vgl.: Oliver Elser, Peter Cachola Schmal, Anna Scheu­er­mann (Hrsg.): Making Heimat. Germany, Arrival Country, Berlin 2016. ↩︎

Bewäh­rungs­probe I: Bremen

Feldschnieders+Kister, Über­gangs­wohn­heim für Geflüch­tete, Bremen-Heme­lingen 2014, Foto: Elp, 2025

Das Büro, das die Contai­ner­dörfer in Bremen entwarf, heißt inzwi­schen FK Archi­tekten Feld­sch­nie­ders + Kamprolf. Stefan Feld­sch­nie­ders sagt rück­bli­ckend: „Auch nach zehn Jahren würde ich den Stand­punkt vertreten, dass das keine spezielle Typologie für ‚Geflüch­te­ten­wohnen‘ ist, sondern einfach eine bewährte Wohn­ty­po­logie, die einen Übergang zwischen Offenheit und Privat­heit möglich macht.“ In der Tat erinnern die Container-Anlagen in den Bremer Stadt­teilen Grohn, Heme­lingen und Finndorf eher an Quartiere im Kleinen. Ange­ordnet sind sie als konse­quente Abfolge von Räumen, die sich vom öffent­li­chen Quar­tiers­platz über die halb­öf­fent­li­chen Lauben­gänge hinein in die privaten Wohnungen staffeln und so eine der Grund­be­din­gungen archi­tek­to­ni­schen Raums zur Erfüllung bringen. Was hier entstand, würde auch als Single-Wohnen oder Wohnheim für Studie­rende funk­tio­nieren oder auch als grund­le­gend hete­ro­gener Wohnungsmix.

Auch in der Über­see­stadt gab es eine Anlage: „Das rote Dorf“ war Teil der Ausstel­lung, die das Team des Deutschen Archi­tek­tur­mu­seums um Peter Cachola Schmal, Oliver Elser und Anna Scheu­er­mann 2018 in Venedig auf der Archi­tek­tur­bi­en­nale zeigte. Als einziges Dorf steht es heute nicht mehr. Ein Schulbau ist auf dem Areal an der Nord­straße entstanden, die Container aber sind einge­la­gert. Feld­sch­nie­ders hatte sich damals dafür einge­setzt, dass die Stadt die Container sofort an einem anderen Standort wieder aufbaut. „Weil es wenig Sinn ergibt, die Container einzu­la­gern“, wie er sagt. „Es hat zwei­ein­halb Jahre gedauert, bis ein neues Grund­stück gefunden wurde. Dort fällt Pacht an und auch die Einla­ge­rung war kost­spielig.“ Der Wieder­aufbau wird sich auf rund 55 bis 60 Prozent der Neubau­kosten belaufen, schätzt der Architekt. Den entschei­denden Punkt sieht er dennoch an anderer Stelle. „Das Haupt­pro­blem besteht darin: Es fehlen Wohnungen!“ so Stefan Feld­sch­nie­ders. „Mit dem Geld, das seit zehn Jahren in Provi­so­rien geflossen ist, hätten etliche Wohnungen gebaut werden können.“ Hört man sich in den verant­wort­li­chen Stellen um, wird dies bestätigt.

Feldschnieders+Kister, Über­gangs­wohn­heim für Geflüch­tete, Bremen-Heme­lingen 2014, Foto: Elp, 2025

Das soge­nannte „Bremer Modell“ sah eigent­lich vor, die Geflüch­teten nur kurz in den Erst­auf­nah­me­ein­rich­tungen unter­zu­bringen und sie dann schnell in den „lokalen Mietmarkt zu inte­grieren“, wie es in schönstem Beam­ten­deutsch heißt. Wenn in diesem Mietmarkt aber zu wenige bezahl­bare Wohnungen zu finden sind, kann sich auch kaum jemand in diesen Markt inte­grieren. Statt­dessen wird durch den poli­ti­schen Popu­lismus rund um Bezahl­karten und Aufnah­me­stopps vom eigent­li­chen Problem abgelenkt: die Milieus mit den wenigsten finan­zi­ellen Mitteln konkur­rieren um das gleiche begrenzte Angebot. „Hätten wir einen ausrei­chend ausge­stat­teten Wohnungs­markt, könnten wir die Menschen einfacher inte­grieren. Die gesell­schaft­li­chen Probleme poten­zieren sich, weil Behörden den ohnehin schon über­buchten Markt noch einmal härter machen, da sie geflüch­tete Menschen in Wohnungen rein­mieten müssen. So entsteht Neid, mindes­tens bei denen, die leer ausgehen“, konsta­tiert auch Stefan Feld­sch­nie­ders.

Derweil steht „das grüne Dorf“ in Heme­lingen in einem über­ra­schend guten Zu­stand da. „Den Contai­nern sieht man an, dass sie das Ende ihrer Lebens­dauer erreicht haben“, hatte mich der Architekt gewarnt, doch das ist nicht sofort augen­schein­lich. Auf dem Spiel­platz in der Mitte der Anlage spielen Kinder, einige Frauen sind zu sehen, hinter dem Dorf ist ein Gemein­schafts­garten entstanden, der auch bewirt­schaftet wird. Hier findet Leben statt, die Typologie funk­tio­niert. Hört man sich dann in den verant­wort­li­chen Ämtern und Gremien um, wollen die wenigsten überhaupt etwas sagen und wenn, dann nur hinter vorge­hal­tener Hand. Im Prinzip funk­tio­niere alles ganz gut, so ist zu hören, die Angst vor Neid in der Bevöl­ke­rung aber ist da. Ein Eindruck, den auch der Architekt teilt. „Es gibt von Seiten der Stadt, auch aus dem Beirat, wie hier die verant­wort­li­chen Gremien der Stadt­teile heißen, immer wieder große Sorge, dass es Vorbe­halte aus der umge­benden Bevöl­ke­rung geben könnte.“

Feldschnieders+Kister, Über­gangs­wohn­heim für Geflüch­tete, Bremen-Heme­lingen 2014, Foto: Elp, 2025

Auch das Baurecht ist ein Hemmschuh. Um die Metall­con­tainer damals überhaupt aufstellen zu können, wurden befris­tete Ausnah­me­ge­neh­mi­gungen erteilt. Die Zeit seitdem, sagt Stefan Feld­sch­nie­ders, hätte genutzt werden können, „um ein sicheres Planungs­recht zu erar­beiten. So hätte man nach Ablauf der Ausnah­me­ge­neh­mi­gung einen neuen Bebau­ungs­plan vorlegen können, der eine Weiter­nut­zung oder Verste­ti­gung in anderen Mate­ria­lien ermög­licht hätte.“ Von Beginn an hatten die Archi­tekten ihren Entwurf auch als modularen Holzbau gedacht – und an anderen Orten auch so ausge­führt. Passiert ist nichts, die Verant­wor­tung, das Baurecht zu ändern, wollte kaum jemand über­nehmen.

Bewäh­rungs­probe II: Köln

pagelhenn archi­tek­tin­nen­ar­chi­tekt, Über­gangs­woh­nungen für Flücht­linge, Köln 2016, Foto: David Kasparek, 2025

In Köln wurden von Beginn an auch massive Bauten errichtet, wie jenes am Stadtrand in Weiden. Auch hier konsta­tiert der Architekt, nicht gesondert „für Geflüch­tete“ gebaut zu haben. „Uns ging es nicht in erster Linie darum, uns politisch in irgend­einer Weise zu posi­tio­nieren, weil wir für Flücht­linge bauen, sondern einfach darum, unserer Verant­wor­tung als Archi­tekten nach­zu­kommen“, sagt Thomas Pagel von der Baum­schlager Eberle pagelhenn GmbH, wie das Büro heute heißt, und ergänzt: „Unsere Aufgabe ist es, Wohnraum von hoher Qualität zu schaffen, mit einem hohen Maß an Dauer­haf­tig­keit – egal, wer darin lebt.“ Dafür haben er und sein Büro­partner Marcus Henn ein Grund­raster entwi­ckelt, in dem abge­schlos­sene Wohn­ein­heiten mit jeweils zuge­ord­neten Nass­zellen und einem offenen Wohn­kü­chen­be­reich zu unter­schied­li­chen Größen kombi­niert werden können. „So konnten wir eine Art Mini­mal­wohnen anbieten und eine Struktur, in der unter Umständen auch mehrere kleine Einheiten zu größeren Wohnungen zusam­men­ge­schlossen werden konnten: Von zwei bis fünf Zimmern, wobei den fünf Zimmern zwei Nass­zellen zuge­ordnet werden, ist man dann relativ flexibel in der Auftei­lung der Wohnungen“, so Pagel. Gereiht, versetzt und unter­schied­lich hoch gestapelt hätte das ausge­führt werden können, mit dem Ziel, der Stadt­ver­wal­tung einen Baukasten an die Hand zu geben, der hier und an anderen Orten einfach zu adap­tieren und zu wieder­holen wäre. Zur Anwendung gekommen ist das System neben dem Standort in Weiden jedoch nur noch ein weiteres Mal: in Roden­kir­chen, im Süden der Stadt. Pagel wirkt ein wenig desil­lu­sio­niert: „Ich habe den Eindruck, dass die Themen ‚Wohnen für Flücht­linge‘ und ‚Wohnen als geför­derter Wohnungsbau‘ von Vielen immer noch als zwei völlig getrennte Paar Schuhe betrachtet werden. Da bringt man nicht zusammen, dass man mit dem einen Ansatz viel­leicht schon eine Lösung für die Probleme des vermeint­lich anderen Bereichs hätte.“

pagelhenn archi­tek­tin­nen­ar­chi­tekt, Über­gangs­woh­nungen für Flücht­linge, Köln 2016, Foto: David Kasparek, 2025

Der Bau in Weiden ist zwei­ge­schossig, die südliche Hälfte des langen Baukör­pers um etwa drei Viertel der Gebäu­de­tiefe nach Westen versetzt, sodass je zwei räumlich geschützte Bereiche entstehen. Obschon die Nach­bar­be­bauung zehn und mehr Stock­werke in den Kölner Himmel ragt, durften die Archi­tekten nur zwei­ge­schossig bauen. Thomas Pagel stößt ins gleiche Horn wie sein Bremer Kollege: „Ich glaube, dass auch die Angst vor Neid­dis­kus­sionen in der Bevöl­ke­rung und den umge­benden Nach­bar­schaften eine Rolle spielte. Da wollte man viel­leicht verhin­dern, dass es zu Fragen kommt, warum das denn ‚so schön‘ sein muss, oder dass es sogar zu Protest und Wider­stand von Seiten der Anwoh­ner­schaft kommt.“ Und in der Tat sahen die Bauten vor zehn Jahren zwischen all den Luft­trag­hallen, Contai­nern und Turn­hal­len­pro­vi­so­rien sehr solide ausge­führt, ange­messen propor­tio­niert und eben überhaupt wie Archi­tektur aus. Im Mai 2025 ist das Haus in Weiden einge­zäunt, es gibt Probleme mit den Gesims­pro­filen. Wohl wegen mangel­hafter Ausfüh­rung haben sich verein­zelt Elemente gelöst, sodass das Haus vorsorg­lich gesichert wurde.

Bewäh­rungs­probe III: Tübingen

Probleme, die in Tübingen bisher nicht aufge­treten sind. Hier hat eine Bauge­mein­schaft mit den Stutt­garter Büros Yonder und Somaa das „Haus am Park“ errichtet. „Von Anfang an ging es um mehr als nur darum, Container aufzu­stellen, sondern darum, einen in das Quar­tiers­kon­zept einge­bun­denen Baustein und eine lang­fris­tige Strategie zu entwi­ckeln“, so der Wohn­so­zio­loge und Stadt­for­scher Gerd Kuhn: „Für uns war es immer wichtig, ein Nach­bar­schafts­zen­trum zu etablieren, das allen hilft, sich zu verbinden, und das auch von anderen Akteuren in Gebrauch genommen werden kann. Dafür haben wir von Beginn an mit Akteuren jenseits von Archi­tektur oder Sozio­logie zusam­men­ge­ar­beitet wie den damaligen Martin-Bonhoeffer-Häusern – jetzt kit Jugend­hilfe –, um uns relativ breit aufzu­stellen und ein Konzept zu erar­beiten, das über die kurz­fris­tige Wohn­raum­ver­sor­gung hinaus­geht.“ Das Areal dafür liegt in bester Lage der Stadt zwischen Neckar im Süden und einem kleinen Park an der Garten­straße im Norden. Mit seiner Beton­teil­fas­sade sieht es recht robust und wenig anhei­melnd aus, wirkt im Kontext der umlie­genden Bauten aber nicht fehl am Platze.

Somaa / Yonder – Archi­tektur und Design, Haus am Park, Tübingen 2020, Foto: Cordula Jäger, 2021

Katja Knaus von Yonder betont die Wich­tig­keit der sozio­lo­gi­schen Expertise von Gerd Kuhn und den Willen der Baugruppe, diesen Weg überhaupt einzu­schlagen, unter­streicht aber auch die Rolle der Stadt, die hier „ein echtes Sahne­grund­stück zu vergleichbar günstigen Kondi­tionen“ abge­treten habe, sodass die Planungs­ge­mein­schaft mittels städ­te­bau­li­cher Setzung von zwei Baukör­pern „in dieser schönen grünen Umgebung Freiräume entstehen lassen konnte, die eben nicht alles dem Zufall über­lassen.“ Ihr Büro­partner Benedikt Bosch umreißt die archi­tek­to­ni­sche Ausgangs­lage: „Uns war wichtig, wertige Räume anzu­bieten, eine Erdge­schoss­zone, die Privat­sphäre schafft, weil es ein Hoch­par­terre gibt, Balkone, die einen gewissen Sicht­schutz haben, damit niemand das Gefühl hat, auf dem Präsen­tier­teller zu sitzen, ein Trep­pen­haus mit Tages­licht, das dadurch zu einem Kommu­ni­ka­ti­ons­raum wird, eine Haus­ein­gangstür, die eine gewisse Qualität ausstrahlt und eine Eingangs­zone, die durch die Raumhöhe anzeigt, dass man auch einmal kurz stehen bleiben kann, um mit den anderen Bewohnern zu reden.“ Das alles seien Punkte, so Bosch, „die wir im soge­nannten normalen Wohnbau beachten, die auch beim Wohnen für Geflüch­tete nicht ignoriert werden können.“

Dafür hat die Planungs­ge­mein­schaft ein „egali­täres Gestal­tungs­prinzip entwi­ckelt“, wie Katja Knaus erklärt: „Die Wohnungen sind absolut identisch gestaltet, überall gibt es boden­tiefe Fenster und Indus­trie­par­kett, egal, wer dort wohnt.“ Einzige Ausnahmen sind die Penthouse-Wohnungen, die mit einer Dach­ter­rasse ausge­stattet wurden, „auch um durch deren Vermark­tung mehr Geld für gemein­nüt­zige Aspekte des Projekts gene­rieren zu können“.

Gerd Kuhn beschreibt diese Aspekte: „Für uns war elementar, dass es durch das Projekt einen Mehrwert für die Nach­bar­schaft geben muss. Wir haben an anderen Beispielen deutlich gesehen, dass sehr viel Missgunst aufkommen kann, wenn nur eine spezielle Gruppe – zum Beispiel Geflüch­tete – Privi­le­gien erhält.“ Das Areal war früher ein Gewer­be­ge­biet mit einem Lager der Stadt­werke. Durch den Neubau also sollte ein Bonus für das Quartier entstehen. „Wichtig war beispiels­weise, die Durch­läs­sig­keit und den Zugang zum Neckar für alle herzu­stellen“, so Kuhn. „Ein Mehrwert für alle erhöht deutlich die Akzeptanz.“ Und wenn es doch zu Konflikten komme, die es nach seiner Auskunft auch hier gab, „dann müssen Struk­turen geschaffen werden, um diese Vorbe­halte direkt konstruktiv aufzu­greifen und zu verar­beiten.“ Es scheint hier ein Baustein für ein ganz normales Wohn­ge­biet entstanden zu sein, „in dem nicht mehr oder weniger über Konflikte geredet wird, als anderswo“, so Kuhn.

Somaa / Yonder – Archi­tektur und Design, Haus am Park, Tübingen 2020, Foto: Yonder – Archi­tektur und Design, 2025

Entschei­dend dafür ist unter anderem der Gemein­schafts­raum des zweiten Baukör­pers, dem soge­nannten Brücken­haus. Tobias Bochmann, zu Planungs- und Bauzeit Teil des Büros Somaa, erklärt: „Vor allem im akade­mi­schen Diskurs reden wir viel über Gemein­schafts­räume, sehen dann aber oft Beispiele von Baugrup­pen­ge­bäuden, in denen es sie zwar gibt, sie aber gar nicht oder kaum genutzt werden.“ Für ihn sei es „ein elemen­tarer Lern­pro­zess“ gewesen, dass diese Räume immer dann besser funk­tio­nieren, wenn man schon von Beginn an eine Betreuung oder das Kura­tieren dieser Räume mitdenkt: „Dass die heutige kit Jugend­hilfe mit im Boot war, hat dazu geführt, dass die Gemein­schafts­räume hier wirklich mit Leben gefüllt sind.“ Und dies auch in gesell­schaft­lich kriti­schen Phasen. Katja Knaus schildert die Erfah­rungen aus der Zeit der Covid-Pandemie, als im „Wohn­zimmer für alle“, wie der Gemein­schafts­raum von den Planenden genannt wurde, die Möglich­keit für Haus­auf­ga­ben­hilfe bestand. „Auch für die Kinder und Jugend­li­chen der Umgebung, die sonst irgendwo im Corona-Sumpf verschwunden wären“, so Knaus. „Man hat also unmit­telbar gespürt, wie dieser Raum nicht nur für die beiden Häuser wirksam ist, sondern auch für das ganze Viertel.“

Diese von sozio­lo­gi­scher Seite von Beginn an mitge­dachte Kompo­nente scheint aufzu­gehen. Nach­bar­schafts­feste finden hier statt, an denen sich tatsäch­lich Menschen aus dem ganzen Quartier betei­ligen. Gerd Kuhn unter­streicht: „Im Mittel­punkt standen die Fragen: Wenn fremde Menschen kommen, wie können sie behei­matet werden, und wie können Konflikte, die immer entstehen, gelöst werden?“ Diese Reibungen aber, so der Soziologe, können sehr wohl auch konstruktiv gelöst werden. „Die Begeg­nungen haben wir als Chance gesehen, nicht als Problem. Deshalb waren für uns Begeg­nungen ein wichtiger Schlüssel.“ Um sie zu ermög­li­chen, spielen auch Archi­tektur und Städtebau eine Rolle, aber eben auch Orga­ni­sa­ti­ons­formen und die lang­fris­tige Beglei­tung der sozialen Prozesse. Wenn das zusam­men­kommt, so Kuhn, „können wir ein Gebiet entwi­ckeln, das eine große Chance für eine Stadt­ge­sell­schaft darstellen kann.“ Dafür wurden zwei halbe Stellen geschaffen, mit denen die kit Jugend­hilfe seit Fertig­stel­lung des Projekts den Gemein­schafts­raum betreiben kann und damit von Anfang an präventiv Ansprech­part­ne­rinnen präsent waren. „Allein im letzten Jahr konnten so 300 Bera­tungs­an­ge­bote gemacht werden“, so Kuhn. Tobias Bochmann blickt zurück: „In der Konstel­la­tion dieser privaten Baugruppe wurden Argumente für bestimmte Gestal­tungs­mittel wie Boden­be­läge oder Balkon­ge­länder gesehen und verstanden. Das kenne ich von klas­si­schen Projekt­ent­wick­lern im Wohnungsbau anders, wo primär Vermark­tungs­aspekte und die reinen Kosten zählen.“ Und Benedikt Bosch ergänzt: „Bei diesem Projekt stand ein Werte­system im Vorder­grund und nicht das Rendi­te­denken der Bauträger.“

Dabei sei klar, stellen Katja Knaus und Gerd Kuhn unisono klar, dass es auch hier zu Reibe­reien komme. „Man muss nichts schön­reden, natürlich kommt es auch immer mal wieder zu Konflikten unter den Bewoh­ne­rinnen und Bewohnern, aber das passiert anderswo ja auch, gehört zum Leben dazu und war ein Stück weit auch so erwartbar“, so Knaus: „Trau­ma­ti­sierte Menschen aus unter­schied­li­chen Kultur­kreisen kommen hier zusammen. Warum sollten ausge­rechnet da keine Strei­te­reien entstehen?“ Für Gerd Kuhn ist genau das ein Anzeichen für das Gelingen des Projekts: „Das ist keine Insel der Seligen, sondern ein normaler Ort. Aber genau das war ja das Ziel: einen normalen Ort zu schaffen. An einem normalen Ort kannst du auch Konflikte haben, aber die werden halt fried­fertig und vernünftig gelöst.“

Bei all den topo­lo­gi­schen, typo­lo­gi­schen und forma­l­äs­the­ti­schen Unter­schieden zwischen den drei Projekten scheint genau das der sprin­gende Punkt zu sein: An allen drei Orten ist Wohnbau als Wohnbau gedacht und gebaut worden, in Tübingen konnte er von Beginn an auch sozio­lo­gisch begleitet werden. Ruft man sich das Leben im und um das Haus unweit des Neckars vor Augen, wirkt das Bild beim Verlassen des Kölner Westens um so frap­pie­render. Während die Abend­sonne die für Mai zu trockenen Felder in male­ri­sches Licht taucht, steht auf einem Eckbalkon des einge­zäunten Hauses ein junger Mann. Leicht nach vorne gebeugt, stützt er sich auf die Brüstung. Er trägt ein Trikot der deutschen Fußball­na­tio­nal­mann­schaft. Da steht er, den Blick in Richtung des Gewer­be­ge­biets jenseits der Autobahn gerichtet. Ange­kommen, und doch zu untätigem Warten verdammt.

David Kasparek studierte Archi­tektur in Köln und war zwischen 2006 und 2019 in unter­schied­li­chen Funk­tionen Mitglied der Redaktion dieser Zeit­schrift in Bonn und Berlin. Der sozia­li­sierte Hesse mit hansea­ti­schem Migra­ti­ons­hin­ter­grund gründete 2020 das inter­dis­zi­pli­näre „studio kasparek“, das sich im weitesten Wortsinn mit Gestal­tung und ihrer Vermitt­lung beschäf­tigt. Mit Fokus auf Archi­tektur und Indus­trie­de­sign schreibt und moderiert David Kasparek, ist als Berater und Grafiker tätig sowie als davidkaspar3k in den Sozialen Netz­werken umtriebig. Darüber hinaus ist er Mitglied im Beirat des DAM Preises für Archi­tektur in Deutsch­land und regel­mäßig Mitglied verschie­dener Archi­tek­tur­preis-Jurys.

  1. Bundesamt für Migration und Flücht­linge: Das Bundesamt in Zahlen 2016. Asyl, Migration, Inte­gra­tion, Berlin 2017; online: https://​www​.bamf​.de/​S​h​a​r​e​d​D​o​c​s​/​A​n​l​a​g​e​n​/​D​E​/​S​t​a​t​i​s​t​i​k​/​B​u​n​d​e​s​a​m​t​i​n​Z​a​h​l​e​n​/​b​u​n​d​e​s​a​m​t​-​i​n​-​z​a​h​l​e​n​-​2​0​1​6​.​p​d​f​?​_​_​b​l​o​b​=​p​u​b​l​i​c​a​t​i​o​n​F​i​l​e​&​v​=16 (abgerufen am 13.05.25). ↩︎
  2. Siehe: Eurostat, u.a.: https://​ec​.europa​.eu/​e​u​r​o​s​t​a​t​/​s​t​a​t​i​s​t​i​c​s​-​e​x​p​l​a​i​n​e​d​/​i​n​d​e​x​.​php (abgerufen am 13.05.25). ↩︎
  3. Horst Seehofer im RP-Interview: „Migra­ti­ons­frage ist die Mutter aller Probleme“, Rhei­ni­sche Post, 06.09.2018, online: https://​rp​-online​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​/​h​o​r​s​t​-​s​e​e​h​o​f​e​r​-​l​e​h​n​t​-​s​t​i​c​h​t​a​g​s​r​e​g​e​l​u​n​g​-​f​u​e​r​-​f​l​u​e​c​h​t​l​i​n​g​e​-​a​l​s​-​f​a​c​h​k​r​a​e​f​t​e​-ab (abgerufen am 13.05.25). ↩︎
  4. Vergl.: https://​www​.spiegel​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​/​o​l​a​f​-​s​c​h​o​l​z​-​u​e​b​e​r​-​m​i​g​r​a​t​i​o​n​-​e​s​-​k​o​m​m​e​n​-​z​u​-​v​i​ele (abgerufen am 13.05.25). ↩︎
  5. Siehe: https://​www​.bundes​re​gie​rung​.de/​b​r​e​g​-​d​e​/​s​e​r​v​i​c​e​/​a​r​c​h​i​v​/​w​o​h​n​u​n​g​s​b​a​u​-​b​u​n​d​e​s​r​e​g​i​e​r​u​n​g​-​2​0​0​6​224 (abgerufen am 13.05.25). ↩︎
  6. https://​www​.mdr​.de/​n​a​c​h​r​i​c​h​t​e​n​/​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​/​p​o​l​i​t​i​k​/​g​r​e​n​z​k​o​n​t​r​o​l​l​e​n​-​z​u​r​u​e​c​k​w​e​i​s​u​n​g​e​n​-​p​o​l​i​z​e​i​-​u​e​b​e​r​l​a​s​t​u​n​g​-​f​a​q​-​1​0​2​.​h​tml (abgerufen am 20.05.25). ↩︎
  7. https://​www​.bz​-berlin​.de/​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​/​g​r​e​n​z​k​o​n​t​r​o​l​l​e​n​-​p​o​l​i​z​e​i​-​w​a​r​n​ung (abgerufen am 20.05.25). ↩︎
  8. Vgl.: Oliver Elser, Peter Cachola Schmal, Anna Scheu­er­mann (Hrsg.): Making Heimat. Germany, Arrival Country, Berlin 2016. ↩︎
Feldschnieders+Kister, Über­gangs­wohn­heim für Geflüch­tete, Bremen-Heme­lingen 2014, Foto: Elp, 2025
Feldschnieders+Kister, Über­gangs­wohn­heim für Geflüch­tete, Bremen-Heme­lingen 2014, Foto: Elp, 2025
Feldschnieders+Kister, Über­gangs­wohn­heim für Geflüch­tete, Bremen-Heme­lingen 2014, Foto: Elp, 2025
pagelhenn archi­tek­tin­nen­ar­chi­tekt, Über­gangs­woh­nungen für Flücht­linge, Köln 2016, Foto: David Kasparek, 2025
pagelhenn archi­tek­tin­nen­ar­chi­tekt, Über­gangs­woh­nungen für Flücht­linge, Köln 2016, Foto: David Kasparek, 2025
Somaa / Yonder – Archi­tektur und Design, Haus am Park, Tübingen 2020, Foto: Cordula Jäger, 2021
Somaa / Yonder – Archi­tektur und Design, Haus am Park, Tübingen 2020, Foto: Yonder – Archi­tektur und Design, 2025