Die Form der Vielfalt

Super­di­ver­sität als räumliche Aufgabe für den Wohnungsbau

Die Human­geo­gra­phin Sakura Yamamura beschreibt in ihrem Beitrag, wie sich mit zuneh­mender Mobilität und Migration neue soziale und räumliche Gewohn­heiten heraus­bilden. Die soge­nannte Super­di­ver­sität verändert nicht nur Städte und Nach­bar­schaften, sondern auch die alltäg­li­chen Räume des Wohnens. Was bedeutet Zusam­men­leben in Vielfalt – und wie kann Archi­tektur darauf reagieren?

Zuhause im Zuhause der Anderen: „Ich arbeite hier, ich lebe hier, ich bin zuhause, aber es ist nicht mein Zuhause. Es ist ihres“, sagt Jenny, während sie das Frühstück der Kinder wegräumt, die gerade zur Schule gegangen sind. Seit einem Jahr wohnt sie im Haus der McAl­lis­ters in Tokyo, nachdem sie die Familie zuvor über vier Jahre von Singapur aus begleitet hatte. Als phil­ip­pi­ni­sche Haus­halts­hilfe durfte sie mitziehen, die Kinder wollten nicht auf sie verzichten. „Ich mache meine Arbeit gut, ich gehöre zur Familie“, erzählt sie stolz und beschreibt ihre unver­zicht­bare Rolle im Fami­li­en­alltag. Die McAl­lis­ters nennen es Glück, dass Japan kürzlich ein Programm einführte, das Jennys Mitumzug ermög­lichte.

So gewöhn­lich und alltäg­lich diese Szene auch gerade in einer Global City wie Singapur, Tokyo oder New York erscheint, verbergen sich mehrere Dimen­sionen sozi­al­räum­li­cher Span­nungen in ihr, die die Folgen der soge­nannten Super­di­ver­si­fi­zie­rung der gegen­wär­tigen Gesell­schaft abbilden und auch für die kontem­po­rären wohn­bau­li­chen Gewohn­heiten von hoher Relevanz sind. Die Human­geo­gra­phie beschäf­tigt sich – um die Begriff­lich­keit dieser Ausgabe aufzu­greifen – mit den sozi­al­räum­li­chen Gewohn­heiten und deren Trans­for­ma­tionen in Zeiten der Globa­li­sie­rung, Mobilität und der damit einher­ge­henden gesell­schaft­li­chen Diver­si­fi­zie­rung.

Super­di­ver­sität als gegen­wär­tiges Gesell­schafts­phä­nomen

Super­di­ver­sität bezeichnet die durch globale Migration hervor­ge­brachte Vielfalt urbaner Gesell­schaften. Gemeint ist damit nicht allein die Zunahme an Menschen in Bewegung und an Herkunfts­län­dern, sondern ebenso die Plura­lität indi­vi­du­eller Merkmale – wie Geschlecht, Religion, Alter, körper­liche oder psychi­sche Dispo­si­tionen – sowie migra­ti­ons­re­le­vante Dimen­sionen wie Aufent­halts­titel, recht­li­cher Status oder Migra­ti­ons­ka­näle (Vertovec, 2023). Waren es beispiels­weise in der deutschen Nach­kriegs­ge­schichte vor allem junge, gesunde Männer, die als Gast­ar­beiter in den 1960er- und 1970er-Jahren aus den Anwer­be­län­dern Südeu­ropas und der Türkei kamen, beob­achten wir heut­zu­tage eine vielfach hete­ro­ge­nere Gruppe. Es handelt sich bei den Migran­tinnen und Migranten um hoch­qua­li­fi­zierte IT-Blue-Card-Inhabende aus Südasien oder hoch­qua­li­fi­zierte Personen aus allen möglichen Ländern weltweit, trans­na­tio­nale Familien, inter­na­tio­nale Studie­rende, EU-Zuge­wan­derte aus Südost­eu­ropa, oder auch Geflüch­tete aus unter­schied­lichsten Ländern. Wird diese migra­ti­ons­be­zo­gene Diver­sität mit den indi­vi­du­ellen Merkmalen kombi­niert, die durch Indi­vi­dua­li­sie­rung und Plura­li­sie­rung der Gesell­schaft (Beck-Gernsheim, 1990) geprägt sind, entsteht Super­di­ver­sität, besonders im urbanen Raum.

Die Relevanz dieses Konzepts liegt nicht nur in seiner analy­ti­schen Schärfe, sondern im Forschungs­feld, das sich um die Frage des Zusam­men­le­bens in Differenz heraus­ge­bildet hat. Aus dem Scheitern staat­li­cher Multi­kul­tu­ra­lismus-Politiken und den Inte­gra­ti­ons­de­batten bis in die frühen 2000er-Jahre entwi­ckelte sich eine neue Perspek­tive: die der Konvi­via­lität (Gilroy, 2004). Damit verschob sich der Blick von makro­po­li­ti­schen Ausein­an­der­set­zungen hin zum Alltäg­li­chen, scheinbar Banalen, das in den Fokus wissen­schaft­li­cher Aufmerk­sam­keit rückte. Im Zentrum dieser Forschung stehen die neuen gesell­schaft­li­chen „Gewohn­heiten“ im Umgang mit sozialen Diffe­renzen. Vor allem in der Sozio­logie und der Ethno­logie wird unter­sucht, wie das Zusam­men­leben und auch die Orte der Begeg­nungen von Diffe­renzen – insbe­son­dere im öffent­li­chen Raum – gestaltet werden (Wessen­dorf, 2016). Während jedoch die Relevanz des Sozi­al­raums iden­ti­fi­ziert wurde, fanden weitere räumliche Perspek­tiven zunächst nur geringe Beachtung.

Human­geo­gra­phi­sche Perspek­tive auf räumliche Phänomene

Bis hierher wurde die Super­di­ver­sität vorwie­gend als urbanes Phänomen behandelt. Um die Folgen der Super­di­ver­sität für die räumliche Mikroebene der Konvi­via­lität zu verstehen – was dann direkt auch den Wohnbau betrifft –, soll die human­geo­gra­phi­sche Heran­ge­hens­weise an dieser Stelle kurz erläutert werden.

Die Beson­der­heit der human­geo­gra­phi­schen Perspek­tive auf urbane Diver­sität liegt in der Analyse des (sozial-)räumlichen Phänomens auf verschie­denen Maßstab­s­ebenen (Multis­ka­la­rität). Sie kontex­tua­li­siert globale Prozesse wie die allge­meine Globa­li­sie­rung und Plura­li­sie­rung der Gesell­schaft sowie deren Verflech­tungen mit inter­na­tio­naler Politik und Wirt­schafts­struk­turen. Auf natio­naler Ebene rücken migra­tions- und sozi­al­po­li­ti­sche Eigen­heiten in den Blick, während auf regio­naler Ebene Unter­schiede in Raum­pla­nung und Förder­pro­grammen unter­sucht werden. Schließ­lich analy­siert sie die lokale Ebene, in der sich gesell­schaft­liche Trans­for­ma­tionen im Stadtraum räumlich ausprägen. Diese gesamt­ge­sell­schaft­liche Gewohn­heits­än­de­rung zur Super­di­ver­sität wirkt sich nicht nur auf die Gestalt und Gestal­tung des Stadt­raums aus, sondern reicht bis in die kleinste Mikroebene – die des Wohnraums.

„Super­di­ver­sität meint nicht allein die Zunahme an Menschen in Bewegung und an Herkunfts­län­dern, sondern ebenso die Plura­lität indi­vi­du­eller Merkmale – wie Geschlecht, Religion, Alter, körper­liche oder psychi­sche Dispo­si­tionen – sowie migra­ti­ons­re­le­vante Dimen­sionen wie Aufent­halts­titel, recht­li­cher Status oder Migra­ti­ons­ka­näle.“ Brian Goggin, Samson (1998), Sacra­mento Inter­na­tional Airport, Kali­for­nien, Foto: Sacra­mento Inter­na­tional Airport

Globale und Makro-Dimen­sionen

Globale Migration ist längst kein Ausnah­me­phä­nomen mehr, sondern prägt als alltäg­liche Mobilität die sozialen, poli­ti­schen und räum­li­chen Struk­turen der Gegenwart. Trans­na­tio­nale Mobilität, also das Über­schreiten natio­nal­staat­li­cher Grenzen, verbunden mit Pendeln zwischen mehreren Orten, ist besonders durch die tech­ni­sche Entwick­lung der IT und Kommu­ni­ka­ti­ons­me­dien sowie des Trans­ports – von Billig­flie­gern bis zu Inter­kon­ti­nen­tal­flügen – längst zur Gewohn­heit der globa­li­sierten Gesell­schaft geworden. Hiermit einher geht die Zunahme an hoch­mo­bilen Indi­vi­duen, Familien und Commu­ni­ties, die in ihrem gewohnten Alltag in diversen sozi­al­räum­li­chen Konstel­la­tionen leben. Darunter fallen trans­na­tio­nale Familien, die alle paar Jahre inter­na­tional umziehen, die Freund­schaften durch soziale Medien und Besuche aufrecht­erhalten sowie ihren Sozi­al­raum mit immobilen Personen erweitern – wie etwa durch Gute­nacht­ge­schichten der Groß­el­tern per Video­anruf. Auch gehört zu solchen neuen Gewohn­heiten der Super­di­ver­sität die Zunahme an multi­lo­kalen Familien, bei denen beispiels­weise eine Mutter als Gast­ar­bei­terin in einem anderen Land lebt, oder auch ein Vater, der als Geschäfts­führer durch die Welt­ge­schichte jettet und seine Kinder ebenso nur selten sieht.

Während solche Konstel­la­tionen immer gewöhn­li­cher werden, sind dabei auch die Ungleich­heiten in der Ursache und Umsetzung solcher Mobi­li­täten nicht zu vernach­läs­sigen. Ungleich­heiten sind multi­di­men­sional: Faktoren wie Geschlecht, Klasse oder Herkunft machen Migration zur Notwen­dig­keit, zum Privileg oder sogar Lifestyle. Auch sind gerade die räum­li­chen Vertei­lungen von globaler Mobilität sehr unter­schied­lich. Die unglei­chen Macht­ver­hält­nisse zwischen sozialen Diffe­renzen, die sich auch räumlich nieder­schlagen, werden besonders von der femi­nis­ti­schen und kriti­schen Geogra­phie beleuchtet (Massey, 2013) und finden sich besonders in den letzten Jahren auch in der geogra­phi­schen Debatte um Inter­sek­tio­na­lität und Raum wieder (Valentine, 2007; Hopkins, 2019; Yamamura, 2025).

Nationale und regionale Dimen­sionen

Trotz des globalen Phänomens der Migration und der zuneh­menden grenz­über­schrei­tenden Mobilität sowie den damit verbun­denen gesell­schaft­li­chen Ungleich­heiten, bleibt der Kern der Steue­rungs­me­cha­nismen eine natio­nal­po­li­ti­sche Ange­le­gen­heit. Es sind die natio­nalen Migra­tions- und schließ­lich auch die Inte­gra­ti­ons­po­li­tiken, die Mobilität überhaupt zulassen, Gruppen über Asyl‑, Arbeits- oder Visa­po­litik selek­tieren, das Mitein­ander und die gesell­schaft­li­chen Debatten um Diver­sität prägen und Grenzen ziehen. Grenzen, die nicht nur politisch-admi­nis­tra­tive Länder­grenzen betreffen, sondern auch Grenzen und Spal­tungen in der Gesell­schaft. So werden auf natio­naler Ebene, wie es bei der EU-Erwei­te­rung geschah und unlängst wieder im Kontext des Ukrai­ne­kriegs als Debatte entfachte, trotz des trans­na­tio­nalen EU-Rahmens der Zugang zu Bildung, Gesund­heit und auch Wohnen reguliert.

Im deutschen Föde­ral­staat ist das Zusam­men­spiel von natio­nalen und regio­nalen Politiken besonders bedeutsam. Wohnungs­bau­po­li­tiken und Förde­rungen, die sich nach regio­nalen Vorgaben richten, sind aus der Praxis allgemein bekannt. Der zusätz­liche Aspekt jedoch, der aus der human­geo­gra­phi­schen Migra­tions- und Diver­si­täts­for­schung hinzu­ge­fügt werden kann und sollte, ist der besondere Zusam­men­hang zwischen den natio­nalen und regio­nalen Politiken, den Akteuren und Akteu­rinnen sowie die sozi­al­räum­liche Ausprä­gung der Diver­sität. Nationale Migra­ti­ons­po­li­tiken schaffen nicht nur abstrakte Rahmen­be­din­gungen, sondern greifen, oft in Verbin­dung mit regio­nalen Förder­pro­grammen, direkt in die sozi­al­räum­liche Realität ein (Yamamura, 2022b). Histo­risch lässt sich dies an den Arbei­ter­sied­lungen der 1960er-Jahre beob­achten, etwa in Wolfsburg, wo südita­lie­ni­sche Gast­ar­beiter und später ihre Familien das Stadtbild mitprägten. Vergleichbar führen heutige Politiken zur gezielten Ansied­lung von inter­na­tio­nalen Start-Up-Commu­ni­ties oder Wohn­heimen für Arbeiter und Arbei­te­rinnen, wodurch Archi­tektur und Stadt­pla­nung selbst zu Instru­menten migra­ti­ons­be­zo­gener Steuerung werden.

Urbane und lokale Dimen­sionen

„Globale Migration ist längst kein Ausnah­me­phä­nomen mehr, sondern prägt als alltäg­liche Mobilität die sozialen, poli­ti­schen und räum­li­chen Struk­turen der Gegenwart.“ Brian Goggin, Samson (1998), Sacra­mento Inter­na­tional Airport, Kali­for­nien, Foto: Sacra­mento Inter­na­tional Airport

Schließ­lich ist die lokale Ebene die wich­tigste Perspek­tive der Human­geo­gra­phie. Wie bereits oben erwähnt, ist Super­di­ver­sität ein beson­deres Phänomen gerade in Welt­me­tro­polen und Groß­städten. Auf dieser lokalen Ebene zeigt sich Super­di­ver­sität in der städ­te­bau­li­chen und sozi­al­räum­li­chen Realität durch die ungleiche Vertei­lung von migrie­renden Menschen über Stadt­teile, wodurch Span­nungen zwischen Segre­ga­tion und Inte­gra­tion entstehen. Hinzu kommt der oft einge­schränkte Zugang zum Wohnungs­markt mit stei­genden Preisen, Konkur­renz und Prozessen wie der Gentri­fi­zie­rung. Im Alltag prägt Diver­sität schließ­lich Nach­bar­schaften und gemein­schaft­liche und öffent­liche Räume ebenso wie die konvi­viale Nutzung von Parks, Straßen und Wohn­um­ge­bungen. Ände­rungen von „Gewohn­heiten“ im Mitein­ander sind gerade auf lokaler Ebene zentral – ein Schlüssel für Konvi­via­lität in urbaner Diver­sität.

Für Archi­tek­tinnen und Archi­tekten ist dies vertrautes Terrain, doch die human­geo­gra­phi­sche Perspek­tive verdeut­licht, wie stark lokale Dynamiken zugleich global verflochten sind. So wird Gentri­fi­zie­rung zunehmend als trans­na­tio­nales Phänomen verstanden: Aufwer­tungs­pro­zesse führen lokal zu Verdrän­gung, während inter­na­tio­nale Inves­toren ganze Quartiere prägen und eine „trans­na­tio­nale Gentri­fi­zie­rung“ erzeugen (Hayes & Zaban, 2020). Ein weiteres, mehrere Maßstab­s­ebenen umfas­sendes Phänomen betrifft die Umsetzung urbaner Diver­sität und die sozi­al­räum­liche Inte­gra­tion unter­schied­li­cher migran­ti­scher Gruppen durch nationale Politiken, die in Debatten um „diffe­ren­zi­elle Inklusion“ disku­tiert wird (Ye & Yeoh, 2022; Yamamura, 2022a). In Singapur etwa führt die Zwei­tei­lung der Migran­tinnen und Migranten in einer­seits hoch­qua­li­fi­zierte, erwünschte und ande­rer­seits nied­rig­qua­li­fi­zierte, nur temporär geduldete Arbeits­kräfte, zu klar getrennten Inte­gra­tionen im Stadtraum. Ähnliche klassen- oder skills-bezogene Diffe­ren­zie­rungen entstehen auch in west­eu­ro­päi­schen Städten – nicht nur durch den Staat, sondern auch durch Wohnungs­markt und Gesell­schaft. Räumliche Diffe­renzen, in denen einer­seits positiv bewertete trans­na­tio­nale Nach­bar­schaften hoch­qua­li­fi­zierter Zuge­wan­derter exis­tieren und ande­rer­seits stig­ma­ti­sierte, margi­na­li­sierte migran­ti­sche und migran­ti­sierte Gruppen verdrängt werden, sind nicht nur lokal, sondern auch global verankert (Yamamura, 2022a) und markieren die Kehr­seiten der häufig positiv konno­tierten Super­di­ver­sität. Zunehmend betont die Forschung daher eine kritische Perspek­tive auf das Sozi­al­räum­liche, die Ungleich­heiten und Diskri­mi­nie­rungen insbe­son­dere im Zusam­men­spiel von Migration, Klasse, Geschlecht und weiteren Dimen­sionen der Inter­sek­tio­na­lität in den Blick nimmt (Yamamura, 2025).

Konse­quenzen für den Wohnbau

Was sind nun die Konse­quenzen dieser neuen Formen der Vielfalt und der Super­di­ver­sität in der Gesell­schaft für den Wohnbau und worin liegt ihre Relevanz? Die konkrete Antwort um die Gestal­tung und Umge­stal­tung der baulichen Umwelt sollte zwar lieber den Fach­leuten der Archi­tektur über­lassen werden, aber aus human­geo­gra­phi­scher Migra­tions- und Diver­si­täts­for­schung können womöglich folgende drei Punkte einbe­zogen werden:

Zum einen ist mit der zuneh­menden Diver­sität der Migra­ti­ons­ge­schehen und der damit einher­ge­henden Super­di­ver­si­fi­zie­rung der Gesell­schaft auch eine Vielfalt an Wohn­formen zu beob­achten. Diese reicht vom Dauer­gast­status in Serviced Apart­ments oder bewachten Condo­mi­niums für Expats bis hin zu Quar­tieren für Arbeiter und Arbei­te­rinnen in Contai­nern oder über­be­legten Wohn­ge­mein­schaften. Die Formen des Wohnens spiegeln die soziale Stra­ti­fi­zie­rung wider und fordern mindes­tens ebenso viel­fäl­tige archi­tek­to­ni­sche Antworten.

Zum anderen entstehen mit der allge­meinen Plura­li­sie­rung der Gesell­schaft, ihren Lebens­stilen und Bezie­hungs­formen, neue Anfor­de­rungen an den Wohnungsbau. Es sind nicht nur klas­si­sche Kern­fa­mi­lien zu berück­sich­tigen, sondern auch der Einbezug von Haus­halts­hilfen, wie anfangs beschrieben, oder multi­lo­kale Familien, die mehrere Wohnorte zugleich bewohnen. Auch neue Haushalts- und Gemein­schafts­formen – vom Wohnheim bis zur WG – fordern Anpas­sungen archi­tek­to­ni­scher Gewohn­heiten.

Schließ­lich ist aus der kriti­schen inter­sek­tio­nalen Perspek­tive auf das Räumliche darauf hinzu­weisen, dass sich die inein­ander verwo­benen Ungleich­heiten und verräum­lichten Macht­ver­hält­nisse in der Super­di­ver­sität auch auf der wohn­bau­li­chen Ebene nieder­schlagen. Das Wie sei den Fach­leuten über­lassen, doch die Anpassung archi­tek­to­ni­scher Gewohn­heiten verlangt eine diver­si­täts­sen­sible, in vielerlei Hinsicht inklusive Heran­ge­hens­weise. Eine ausschließ­lich auf eine Diver­si­täts­di­men­sion – wie etwa physische Barrie­re­armut – fokus­sierte Bauweise ist für die zunehmend komplexe, super­di­verse und von räum­li­cher Inter­sek­tio­na­lität betrof­fene Gesell­schaft kaum von nach­hal­tigem Nutzen.

Archi­tektur kann Super­di­ver­sität nicht in einem einheit­li­chen Modell fassen. Aber sie kann Räume eröffnen, die Flexi­bi­lität, Vielfalt und ein Bewusst­sein für Macht­asym­me­trien in sich tragen. Die Heraus­for­de­rung liegt darin, Wohnbau nicht als starres Abbild zu verstehen, sondern als gestalt­baren Rahmen für viel­fäl­tige Formen der Konvi­via­lität. Besonders hier sind inter­dis­zi­pli­näre Dialoge entschei­dend – etwa mit der Human­geo­gra­phie, die als weitere raum­be­zo­gene Disziplin eine produk­tive Partnerin darstellt. In der Verbin­dung ihrer räum­li­chen und multis­ka­laren Analyse der Viel­schich­tig­keit von Diver­sität mit archi­tek­to­ni­scher Gestal­tung liegt das Potenzial, Super­di­ver­sität nicht nur zu beschreiben, sondern in der gebauten Umwelt konstruktiv zu verhan­deln.

Prof. Dr. Sakura Yamamura studierte Geogra­phie, Sozio­logie und Ethno­logie an der Univer­sität Hamburg, der Univer­sité de Paris 1 Sorbonne und der Univer­sity of Cali­fornia Berkeley. Während ihrer Promotion in Human­geo­gra­phie arbeitete sie unter anderem bei der Orga­ni­sa­tion für wirt­schaft­liche Zusam­men­ar­beit und Entwick­lung und dem Bundesamt für Migration und Flücht­linge sowie als Lehrende an geogra­phi­schen Insti­tuten der Univer­si­täten Hamburg und Kiel. Im Anschluss war sie Post­dok­to­randin am Max Planck Institut zur Erfor­schung multi­re­li­giöser und multi­eth­ni­scher Gesell­schaften. Seit März 2022 ist Yamamura Profes­sorin für Human­geo­gra­phie an der RWTH Aachen. Mit Schwer­punkt auf kriti­scher Migra­tions- und Stadt­for­schung unter­sucht sie gesell­schaft­liche Trans­for­ma­tionen und sozi­al­räum­liche Praktiken im urbanen Kontext.

Literatur

Beck, Ulrich & Beck-Gernsheim, Elisabeth (1990). Das ganz normale Chaos der Liebe. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Hayes, M., & Zaban, H. (2020). Trans­na­tional gentri­fi­ca­tion: The cross­roads of trans­na­tional mobility and urban research. Urban Studies, 57(15), 3009 – 3024.

Hopkins, P. (2019). Social Geography I: Inter­sec­tion­a­lity. Progress in Human Geography 43 (5): 937 – 947.

Massey, D. (2013). Space, place and gender. John Wiley & Sons.

Valentine, G. (2007). Theo­ri­zing and Rese­ar­ching Inter­sec­tion­a­lity: A Challenge for Feminist Geography. The Profes­sional Geographer 59 (1): 10 – 21.

Vertovec, S. (2023). Super­di­ver­sity: Migration and social comple­xity (p. 251). Taylor & Francis.

Wessen­dorf, S. (2016). Common­place Diversity and the ‚Ethos of Mixing‘: Percep­tions of Diffe­rence in a London Neigh­bour­hood. Iden­ti­ties: Global Studies in Culture and Power 20 (4): 407 – 422.

Yamamura, S. (2022a). Trans­na­tional migrants and the socio-spatial super­di­ver­si­fi­ca­tion of the global city Tokyo. Urban Studies, 59(16), 3382 – 3403.

Yamamura, S. (2022b). From global city makers to global city-shapers: Migration indus­tries in the global city networks. Urban Studies, 59(11), 2234 – 2254.

Yamamura, S. (2025). From inter­sec­ting to inter­sec­tional spaces: critical appre­cia­tion of urban (super-) diversity. Ethnic and Racial Studies, 48(9), 1823 – 1840.

Ye, J., & Yeoh, B. S. (2022). Migrant-led diver­si­fi­ca­tion and diffe­ren­tial inclusion in arrival cities across Asia and the Pacific. Urban Studies, 59(16), 3243 – 3252.

„Super­di­ver­sität meint nicht allein die Zunahme an Menschen in Bewegung und an Herkunfts­län­dern, sondern ebenso die Plura­lität indi­vi­du­eller Merkmale – wie Geschlecht, Religion, Alter, körper­liche oder psychi­sche Dispo­si­tionen – sowie migra­ti­ons­re­le­vante Dimen­sionen wie Aufent­halts­titel, recht­li­cher Status oder Migra­ti­ons­ka­näle.“
Brian Goggin, Samson (1998), Sacra­mento Inter­na­tional Airport, Kali­for­nien, Foto: Sacra­mento Inter­na­tional Airport
„Globale Migration ist längst kein Ausnah­me­phä­nomen mehr, sondern prägt als alltäg­liche Mobilität die sozialen, poli­ti­schen und räum­li­chen Struk­turen der Gegenwart.“
Brian Goggin, Samson (1998), Sacra­mento Inter­na­tional Airport, Kali­for­nien, Foto: Sacra­mento Inter­na­tional Airport