Die Gunst der Stunde 

Buch der Woche: Archi­tektur der Weimarer Republik in Frankfurt (Oder)

Polen ist 1795 von der Landkarte verschwunden. Nach der Wieder­grün­dung des polni­schen Staates im Zuge des Versailler Vertrages ist Frankfurt an der Oder in eine gefühlte Randlage geraten. Zwar war Frankfurt ab 1918 nicht direkt Grenz­stadt – wie tatsäch­lich dann seit 1945 –, aber die Stadt sah sich wirt­schaft­lich von ihrem Hinter­land im Osten abge­schnitten, auch wenn die eigent­liche Grenze damals 80 bis 100 Kilometer entfernt lag. Zur Kompen­sa­tion bekam die Stadt erheb­liche Inves­ti­ti­ons­mittel, insbe­son­dere wurde dort die Eisen­bahn­di­rek­tion Osten ange­sie­delt. In der Folge entstanden Behörden, Verwal­tungen, reform­ori­en­tierte Bildungs­ein­rich­tungen und nicht zuletzt Eisen­bah­ner­sied­lungen. Zwischen 1919 und 1929 wurden in der Stadt 3.000 Wohnungen neu gebaut.

Das Buch „Die Gunst der Stunde“ des Denk­mal­pfle­ge­pro­fes­sors Paul Zalewski, eines Kunst­his­to­ri­kers, der an der Viadrina in Frankfurt lehrt, ist 2018 im be.bra Verlag erschienen und kostet unglaub­li­cher­weise nur 16 Euro. Dafür bekommt man ein komplett zwei­spra­chiges Buch von 255 Seiten, das als Archi­tek­tur­führer klug aufbe­reitet und sauber recher­chiert ist.

Also auf nach „Ffo“. Ich habe selten so viele expres­sio­nis­tisch ange­hauchte, konser­vativ-origi­nelle Wohnungs­bauten der frühen bis mittleren 1920er Jahre wie in Frankfurt (Oder) gesehen. Auch scheint es in der Stadt eine fähige und durch­set­zungs­starke Denk­mal­pflege zu geben.

Wir starten mit der ehema­ligen Pädago­gi­schen Akademie, einer zeit­ty­pi­schen bildungs­re­for­me­ri­schen Einrich­tung der Weimarer Republik (heute Carl-Friedrich-Gauss-Gymnasium, 1930 – 35 von Regie­rungs­baurat Hans Petersen). Zalewski zitiert die Denk­mal­to­po­gra­phie: „Einer der wich­tigsten und quali­tät­vollsten Groß­bauten der Klas­si­schen Moderne im Land Bran­den­burg“.

In unmit­tel­barer Nähe dann leider ein „Lost Place“: Der Architekt Otto Bartning hatte 1927–29 das ehemalige Musikheim als moderne Inter­pre­ta­tion einer histo­ri­schen Klos­ter­an­lage entworfen – auch dies eine reform­päd­ago­gi­sche Bauidee. In Zalewskis Buch finden sich fast nur histo­ri­sche Fotos, denn das Musikheim wurde nach dem Zweiten Weltkrieg als Kleist-Theater genutzt, dazu wurden 1956 entstel­lende Umbauten durch­ge­führt. Alles das ist heute ungenutzt und verram­melt, da das Kleist-Theater im Jahr 2000 aufgeben musste. Die entschei­dende, von Otto Bartning groß­flä­chig verglaste Fassade der „Musik­scheune“ ist heute für Zaungäste nicht erlebbar, da das Gelände über­wu­chert und unzu­gäng­lich ist.

Bleiben wir bei reform­päd­ago­gi­schen Bauten. Die Mädchen­be­rufs­schule, 1930 – 32 von Regie­rungs­baurat Josef Gesing erbaut, dient heute als Bildungs­zen­trum Ostbran­den­burg. Die nüch­ternen back­stein­sich­tigen Fassaden im Sinne der Neuen Sach­lich­keit bekommen einen ratio­na­lis­tisch-monu­men­talen Touch durch den einge­zo­genen Säulen­por­tikus des Haupt­ein­gangs. Diese Archi­tektur wirkt durch das redu­zierte Detail im Zusam­men­spiel mit der diffe­ren­zierten Volu­metrie der Baukörper.

Um die Ecke dann noch eine Bildungs­ein­rich­tung: Die Bauge­werk­schule (heute Konrad-Wachsmann-Ober­stu­fen­zen­trum) wurde 1929 – 30 vonJo­hannes Müller errichtet. Der Bau besticht durch eine reduziert gestal­tete lange Front mit ange­deu­teten Fens­ter­bän­dern.

Eine expres­sio­nis­ti­sche Burg stellt die ehemalige Hinden­burg­schule (heute: Erich-Kästner-Grund­schule) dar, 1925 – 27 von Josef Gesing errichtet. Diese Straße bildet die Haupt­achse der damaligen wichtigen Stadt­er­wei­te­rung Nuhnen­vor­stadt.

Zur Nuhnen­vor­stadt zählt auch die male­ri­sche Garten­stadt Pauli­nenhof, 1923 – 25 von Martin Kießling unter der Bezeich­nung Ostmark­sied­lung errichtet. Der heute perfekt sanierte Pauli­nenhof ist auch aufgrund seiner wirkungs­vollen städ­te­bau­li­chen Anlage Frank­furts beste Siedlung im Sinne einer konser­va­tiven Moderne, die zwischen neoba­ro­ckem und expres­sio­nis­ti­schem Baudekor changiert.

Ganz ähnlich arti­ku­lieren sich die Wohn­bauten auf dem Kili­ans­berg direkt am neuge­stal­teten „Heimat­bahnhof“, zusammen mit diesem 1922 – 24 durch Wilhelm Beringer gestaltet. Die Siedlung für die Beamten der Eisen­bahn­di­rek­tion Osten ist mit einer Arkatur mit dem Bahn­hofs­vor­platz verbunden. Ebenfalls von Wilhelm Beringer stammt das Denkmal aus drei Stelen mit geflü­geltem Rad, das an die im ersten Weltkrieg gefal­lenen Eisen­bahner gemahnen soll. Laut Zalewski strahlt das vom Bildhauer Georg Fürs­ten­berg ausge­führte Denkmal „Askese und Strenge“ aus.

Kommen wir in die Innen­stadt, die durch starke Kriegs­zer­stö­rung nicht einheit­lich erlebt werden kann. In der Bachgasse findet sich mit dem Amts­ge­richt (heute Staats­an­walt­schaft) ein Highlight der Neuen Sach­lich­keit in Frankfurt/​Oder, errichtet 1931–33 von den Regie­rungs­bau­räten Tetanen und Kuner. Zalewski sieht einen Bezug zur Strom­li­nien-Archi­tektur und zu Erich Mendelsohn. Histo­ri­sche Fotos zeigen über dem Haupt­ein­gang den Schriftzug „Amts­ge­richt“, heute steht dort in gleicher Typo­gra­phie „Staats­an­walt­schaft“.

Auf dem Rückweg kommen wir noch am Haupt­friedhof vorbei. Trau­er­halle und Krema­to­rium, 1929 – 30 von Josef Gesing, sind ein archi­tek­to­ni­scher Höhepunkt zwischen Expres­sio­nismus und Monu­men­ta­lität. Aller­dings irrt Zalewski, wenn er hier einen Bezug zu Gottfried Böhm herstellt: Gemeint ist natürlich Dominikus Böhm, Gott­frieds Vater.

Unge­achtet solcher Klei­nig­keiten ist dies ein hervor­ra­gendes Buch, das uns für einen anre­genden Sonn­tags­aus­flug in Frankfurt (Oder) bestens begleitet.

Benedikt Hotze

Paul Zalewski: Die Gunst der Stunde / Wielka szansa. Archi­tektur der Weimarer Republik in Frankfurt (Oder) / Archi­tek­tura w czasach Republiki Weimar­skiej we Frank­furcie nad Odra. 256 S., 169 Abb., Klap­pen­bro­schur, Be.bra Verlag, Berlin 2018, 16,90 Euro, ISBN 978–3‑86124–719‑7

Fotos: Benedikt Hotze