Die Stadt und das Netz

Spazier­gänge mit Heiner Farwick

Dass die Bewegung den Fluss der Gedanken befeuert, ist die unaus­ge­spro­chene Prämisse dieser Serie. Dieses Mal findet das Gespräch zwischen Heiner Farwick, dem Präsi­denten des BDA, und dem Chef­re­dak­teur dieser Zeit­schrift, Andreas Denk, aller­dings nicht im Schritt­tempo statt, sondern bei 120 km/​h: Um die Strecke zwischen Hannover und Münster zu bewäl­tigen, setzten die beiden sich ins Auto, und aus dem gemein­samen Spazier­gang wurde eine gemein­same Spazier­fahrt. Der Beschleu­ni­gung der Körper durch Technik entspricht das Thema, das die beiden heute anschneiden: Es geht um die Verwand­lung von Gesell­schaft, Stadt und Archi­tektur durch die Digi­ta­li­sie­rung der Welt.

Andreas Denk: Wir beob­achten die immer weiter fort­schrei­tende Digi­ta­li­sie­rung unserer Welt. Ein Symptom dafür ist die zuneh­mende Abhän­gig­keit vieler Menschen von der Verfüg­bar­keit eines Mobil­te­le­fons oder Smart­phones, das nicht nur zur Kommu­ni­ka­tion, sondern auch zur ubiqui­tären Quelle der Infor­ma­tion, der Orien­tie­rung und des Zeit­ver­treibs geworden ist. Neben den nütz­li­chen Diensten des „Helfer­leins“ sendet es jedoch gleich­zeitig einen unab­läs­sigen Daten­strom an diverse Empfänger, die Kauf‑, Bewegungs- und andere Verbrau­cher­ver­hal­tens­muster nach­voll­ziehbar machen. Insofern wächst nicht nur die Mobilität des Users, sondern auch die Trans­pa­renz seiner Lebens­zu­sam­men­hänge, die meist zu merkan­tilen Zwecken ausge­nützt werden, inzwi­schen aber auch Kontroll­mög­lich­keiten erlaubt. Glauben Sie, dass diese Digi­ta­li­sie­rung des Alltags unmit­tel­bare Auswir­kungen auf unsere Vorstel­lung von Stadt und Archi­tektur hat oder haben kann?

Heiner Farwick: Selbst­ver­ständ­lich. Das entlastet uns von der großen Aufgabe, weiterhin über die Gestal­tung von Straßen, Plätzen und Fassaden nach­zu­denken. Denn wenn alle sowieso nur noch auf ihr „Handy“ schauen, können wir ihnen genauso gut und wunderbar über 3D-Brillen Bilder von histo­ri­schen Städten einspielen, in denen sie sich scheinbar bewegen (lacht). Aber im Ernst: Die Frage stellt sich natürlich vehement, ob die intensive Nutzung von solchen Geräten das visuelle und räumliche Erleben von Stadt beein­flusst. Es wird ja immer wieder, durchaus mit humo­ris­ti­schem Einschlag, kolpor­tiert, wie „Pokémon-Go“-Spieler öfters vor Autos oder Later­nen­masten laufen, weil sie völlig auf die Jagd der Taschen­monster in virtu­eller Umgebung konzen­triert sind.

Andreas Denk: Ande­rer­seits sieht Debra Lieberman von der Univer­sity of Cali­fornia in der augmented reality wie bei Pokémon Go das Potenzial, soziale Inter­ak­tion und Bewegung zu fördern, sofern der Spieler auch auf die Umgebung schaue…

Heiner Farwick: Wenn wir annehmen, dass sich jüngere Gene­ra­tionen, von denen wir glauben, dass sie dem Smart­phone noch mehr zuneigen als Ältere, nicht mehr auf Straßen und Plätzen, also im öffent­li­chen Raum träfen, stimmt das offenbar nicht. In Japan verzeichnet man inzwi­schen eine größere Gruppe von Menschen, die „hiki­ko­mori“, die sich aus eigenem Willen in ihre Wohnungen zurück­ziehen und soziale Kontakte weit­ge­hend abbrechen. Statt­dessen beschäf­tigen sie sich mit dem Computer oder dem TV. Solche Phänomene sind natürlich ein ernst­haftes Problem, haben aber keine unmit­tel­baren oder nur sehr bedingte Auswir­kungen auf das Aussehen und das Funk­tio­nieren unserer Städte.

Andreas Denk: Aber viel­leicht sind es – darüber wurde schon früher disku­tiert – die Erfah­rungen der augmented reality, die rech­ner­ge­stützte Erwei­te­rung unserer erlebten Welt, die die Raum­wahr­neh­mung allmäh­lich, aber konti­nu­ier­lich verändern. Die Möglich­keiten von Infor­ma­ti­ons­brillen oder Körper­im­plan­taten sind selbst in utopi­schen stadt­pla­ne­ri­schen Konzepten bisher kaum reflek­tiert.

Heiner Farwick: Ich glaube nicht, dass solche Möglich­keiten unsere Wahr­neh­mung grund­sätz­lich verändern. Es war auch vor der Entwick­lung von Smart­phones und 3D-Brillen durchaus nicht so, dass alle Stadt­be­wohner ihre Umgebung, die Archi­tektur und ihre Details bewusst wahr­ge­nommen hätten. Als Archi­tekten und Stadt­planer sehen wir solche Zusam­men­hänge natürlich aufmerk­samer und genauer. Aber das muss viel­leicht nicht immer so sein. Es geht nicht darum, dass jeder Mensch die Umgebung, in der er sich aufhält, ständig bewusst reflek­tiert. Vielmehr spürt er, ob der Stra­ßen­raum eine gute Qualität hat, ob die Häuser einen guten Zusam­men­hang bilden, ob eine Wohnung gut ausge­richtet ist oder ob ein Zimmer gute Dimen­sionen hat. Ich bin sicher, dass diese Art der unbe­wussten Wahr­neh­mung durch die Digi­ta­li­sie­rung nicht wesent­lich verändert wird.

Andreas Denk: In den 1990er Jahren gab es Archi­tekten, die die neuen Infor­ma­ti­ons­mengen und Daten­ströme unmit­telbar in archi­tek­to­ni­sche Formen, zumindest aber in die viel­be­schwo­renen Medi­en­fas­saden über­setzen wollten, mit denen die Mensch­heit immer neu infor­miert ist und mit ständig wech­selnden Bildern konfron­tiert wird. Wenn man daran glaubt, dass Stadt und Archi­tektur Ausdruck der Gesell­schaft sein sollen, müsste dann die Baukunst unserer Zeit Ausdruck der „Netz­ge­sell­schaft“ sein? Oder gilt hier sogar das Gegenteil?

Heiner Farwick: Von den Medi­en­fas­saden ist wenig übrig geblieben. Nicht nur die Archi­tekten haben gemerkt, dass durch die ständige Reiz­über­flu­tung durch wech­selnde Infor­ma­tionen, Formen und Farben die Aufmerk­sam­keit dafür überhaupt nicht mehr gegeben ist. Seitdem ist die Situation aber nicht besser geworden: Kaum jemand vermag die Infor­ma­ti­ons­flut, die die digitalen Medien anbieten, noch zu erfassen. Viel­leicht ist tatsäch­lich das Gegenteil der Fall, und wir brauchen eine ruhige, verläss­liche, feste, stabile und vertraute Umgebung, damit wir das Leben in diesem gewal­tigen Daten­aus­tausch überhaupt bewerk­stel­ligen können.

Foto: Andreas Denk
Foto: Andreas Denk

Andreas Denk: Verändern wir einmal den Fokus der Betrach­tung: Insbe­son­dere der große Erfolg von Amazon und anderen netz­ba­sierten Versand­dienst­leis­tern hat den statio­nären Einzel­handel in die Bredouille gebracht. Inzwi­schen werben beispiels­weise in Frank­reich große Lebens­mit­tel­ketten mit dem Angebot, Waren übers Internet zu bestellen und sie dann in beson­deren „Car“-Abteilungen, wie beim Take-Away ohne Wartezeit, abholen zu können. Und das Netzwerk „La Ruche qui dit Oui“ liefert regionale Lebens­mittel mit ökolo­gi­schem Anspruch auf Internet-Bestel­lung sogar frei Haus. In der Bundes­re­pu­blik erhalten gerade Restau­rant-Liefer­ser­vices mit hohem Quali­täts­an­spruch großen Zuspruch. Das alles deutet darauf hin, dass die auf Konsum und Konsump­tion konzen­trierten Citys und Stadtt­zeil­zen­tren sich in Zukunft heftiger Konkur­renz gegenüber sehen werden…

Heiner Farwick: Diese Verän­de­rung sehe ich sehr wohl, über ihr Ausmaß bin ich mir noch im Unklaren. Sicher ist – und das ist ja schon seit vielen Jahren spürbar –, dass sich die Zunahme von Liefer­ser­vices förder­lich auf den Trend zum Rückzug ins Private auswirkt. Die Gast­stätte oder der Metz­ger­laden im länd­li­chen Raum, die Eckkneipe und der kleine Bäcker in der Stadt werden zur bedrohten Spezies. Diese Entwick­lung zeichnete sich natürlich auch schon vor dem Siegeszug des Internets ab, als immer mehr Ketten anstatt der fami­li­en­ge­führten Einzel­han­dels­be­triebe die Versor­gung der Bevöl­ke­rung über­nommen haben. Dazu gehören also auch andere gesell­schaft­liche Verän­de­rungen jenseits der Digi­ta­li­sie­rung, die hierzu geführt haben, dass die tradierten Formen der Begegnung nicht mehr gepflegt werden. Und diese Tendenz, die auch den Fach­ein­zel­handel bedroht, wird tatsäch­lich die Struktur – und viel­leicht auch das Bild – unserer Städte beein­flussen.

Andreas Denk: Ein Beispiel für eine gelungene Lösung dieses Spagats zwischen Renta­bi­lität und Sozia­lität ist die Kette „MPreis“ der Tiroler Familie Mölk in Öster­reich, die als Ersatz für die verschwun­denen Dorf­bä­cke­reien archi­tek­to­nisch ambi­tio­nierte Super­märkte in zentrale Lagen setzt, die mit kleinen inte­grierten Cafés nach wie vor die Funktion eines Treff­punkts haben…

Heiner Farwick: …das ist die andere Seite des Problems: die zuneh­mende Indi­vi­dua­li­sie­rung. Das Digitale macht eine unmit­tel­bare soziale Kommu­ni­ka­tion nicht mehr ohne weiteres erfor­der­lich. Ich kann mich zurück­ziehen, wenn mir danach ist, und ohne jeden persön­li­chen Kontakt meine Bank­ge­schäfte erledigen, meine Lebens­mittel bestellen, einen Wein aussuchen, Kleidung bestellen. Das alltäg­liche Mitein­ander wird im ungüns­tigen Fall bis auf weniges reduziert. Wie diese Entwick­lung Menschen verändert, ist natürlich zunächst eine sozio­lo­gi­sche und eine psycho­lo­gi­sche und dann erst eine städ­te­bau­liche Frage.

Andreas Denk: Das sollte dennoch Anlass sein, sehr gründlich darüber nach­zu­denken, wie die Räume der Stadt und ihrer Häuser mitein­ander in Kontakt gebracht werden können. Im städ­ti­schen Quartier lässt sich erleben, was Kontakte, Bekannt­schaften und Freund­schaften bewirken, was das Mitein­ander innerhalb der Nach­bar­schaften bedeuten kann, was es heißt, „um die Ecke“ einkaufen zu können oder die Stimmung einer Gast­wirt­schaft um sich zu haben – und schließ­lich sogar, wie es gelingen kann, Verant­wor­tung für den Zustand des Gemein­we­sens zu über­nehmen. Funk­tio­nie­rende Nach­bar­schaften könnten ein probates Mittel sein, sich nicht in den Weiten des Internets oder in der Konzen­tra­tion auf sich selber zu verlieren. In Nordrhein-Westfalen hat die Landes­re­gie­rung sogar eine Quartiers-Akademie ins Leben gerufen. Das Thema wird viel disku­tiert. Haben Sie den Eindruck, dass solche Ideen in den Kommunen konse­quent verfolgt werden?

Heiner Farwick: Viel zu wenig. Es gibt in einigen Kommunen enga­gierte Menschen, die erkannt haben, dass das direkte Lebens-umfeld von größter Bedeutung ist. Diese Erkenntnis ist aber in sehr vielen Kommunen noch nicht ange­kommen. Dort wird weiterhin nach herkömm­li­chen Muster gear­beitet, was auch damit zu tun hat, dass man der örtlichen Politik erst einmal diese Bedeutung verdeut­li­chen muss. Aber das ist viel­leicht schon unser nächstes Thema…

Foto: Andreas Denk
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