Die Urhütte hatte keine Türen

Vom binären zum mehr­wer­tigen Bauteil

Wenige Hand­lungen sind so selbst­ver­ständ­li­cher Teil des Alltags wie das Öffnen und Schließen einer Tür. Durch ihre Funk­ti­ons­weise prägt sie maßgeb­lich die kollek­tive Aushand­lung von Raum und dessen Zugäng­lich­keit. Doch ist die Tür in ihrer heutigen, binären Erschei­nungs­form tatsäch­lich alter­na­tivlos? Robert Saat unter­sucht in seinem Beitrag, inwieweit das gedank­liche Modell ihrer Funktion unter Einbe­zie­hung einer mehr­wer­tigen Logik, wie sie bereits von Doris und Ralph Thut in die Archi­tektur inte­griert wurde, erweitert werden kann.

Doppelte zwei­schlä­gige Tür – Prototyp IV einer mehr­wer­tigen Tür von Julian Hüther, Max Lesch, Tim Tauber, Studio Mehr­wer­tige Türen, RWTH Aachen, Fotos: Robert Saat

Vermut­lich begegnet jeder Mensch im Leben irgend­wann einer Tür, für gewöhn­lich sogar mehrmals am Tag. An Türen verhan­deln sich die Grenzen unseres alltäg­li­chen Zusam­men­le­bens. Sie bilden den Bruch innerhalb physi­scher Grenzen und vermit­teln zwischen dem Innen und Außen unter­schied­li­cher Sphären. Diese Eigen­schaft lässt darauf schließen, dass sie nicht nur rein funk­tio­nale Bauele­mente, sondern auch poli­ti­sche und kultu­relle Bedeu­tungs­trä­ge­rinnen – somit soziale Artefakte – sind. Demnach könnten sich in der Funk­tio­na­lität und archi­tek­to­ni­schen Ausbil­dung von Türen Wert­vor­stel­lungen und Macht­ge­füge über Raum mani­fes­tieren, so wie sich Archi­tektur als mate­ri­eller Ausdruck vorherr­schender Welt­bilder beschreiben lässt.1Vgl. Ditterich, J. / Thut, D. / Thut, R.: KAWASAKI, Concept-Design for an Intel­li­gent Plaza. Issue 1, SEC Series. Institut für poly­kon­tex­tu­rale Archi­tektur (I‑PCA), München 2007, S. 8. ↩︎

Spiegelt man zentrale Impe­ra­tive der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft – wie Sicher­heit, Eigentum und Effizienz – auf die zeit­ge­nös­si­sche Türpro­duk­tion, fällt, wenig verwun­der­lich, eine hohe Kompa­ti­bi­lität ihrer physi­schen Eigen­schaften mit diesen auf. In tech­ni­schen Appli­ka­tionen wie dem auto­ma­ti­schen Türschließer, Absenk­dich­tungen oder Fünf­fach­ver­rie­ge­lungen mate­ria­li­sieren sich derartige Ordnungen und verfes­tigen sich unscheinbar im Alltag ihrer Nutzenden. Sie repro­du­zieren sich damit als Habitus und werden inter­na­li­siert, wodurch sich die Form ihrer Funk­tio­na­lität in soziale Routinen einschreibt. Weite Felder der zeit­ge­nös­si­schen Forschung richten ihre Aufmerk­sam­keit auf etablierte Eigen­schaften dieses Bauteils, um eine effi­zi­en­tere oder intui­ti­vere Nutzung zu ermög­li­chen.2 Dies mag zuweilen nahezu in seiner physi­schen Auflösung münden – wie beispiels­weise bei auto­ma­ti­sierten Flug­ha­fen­türen, die den physi­schen Kontakt auskürzen – stellt jedoch das Konzept des binären Wech­sel­spiels zwischen räum­li­cher Inklusion und Exklusion nicht in Frage.3 Vielmehr scheinen bereits markierte Trenn­li­nien durch verbes­serten Schall­schutz, effi­zi­en­tere Kontrolle oder präzisere Durch­we­gung immer schärfer und weniger permeabel gezogen zu werden.Vgl. Son, JY / Bae, YH / Kim, YC / Oh, RS / Hong, WH / Choi, JH: Conside­ra­tion of the Door Opening Process in Pede­strian Flow, Expe­ri­ments on Door Opening Direction, Door Handle Type, and Limited Visi­bi­lity. Sustaina­bi­lity, 2020. doi: 12. 8453. 10.3390/su12208453; oder Chang SK / Drury CG: Task demands and human capa­bi­li­ties in door use. In: Appl Ergon 38(3), 2007, S. 325 – 335. doi: 10.1016/j.apergo.2006.04.023. PMID: 16765902. ↩︎Sie wirken eher wie das Epitom von Grenz­zie­hung. ↩︎

Grundriss Prototyp IV – Doppelte zwei­schlä­gige Tür

Im Grunde könnte die Tür als Konzept zur Verhand­lung der Schwelle sogar obsolet sein: Die Urhütte hatte keine Türen – Archi­tektur käme, zumindest in ihrem Ursprung nach Laugier und Vitruv, wohl auch ohne sie aus.4 So haben beispiels­weise die Häuser im indischen Dorf Shani Shing­napur seit mehr als 300 Jahren keine Türen, was auf einer gemein­samen reli­giösen Erzählung beruht.5 Auch in einigen Lang­häu­sern Mela­ne­siens werden Türen als räum­li­ches Kontroll­in­stru­ment durch regu­lie­rende Mecha­nismen innerhalb sozialer Struk­turen oder auf Grundlage einer mytho­lo­gi­schen Erzählung und Gesell­schafts­ord­nung ersetzt.6 Tradi­tio­nelle Iglus der Inuit werden ohne Tür errichtet und halten dennoch ein hohes Tempe­ra­tur­ge­fälle zwischen Innen und Außen aufrecht.7Die vitru­via­ni­sche Urhütte auf Charles Eisens berühmten Fron­ti­spiz für Laugiers „Essai sur l’architecture“ (1755) besteht aus Stützen und einem Dach. ↩︎Vgl. Hajra, S.: The Indian town with no doors. BBC Travel, 2018. Online verfügbar: https://​www​.bbc​.com/​t​r​a​v​e​l​/​a​r​t​i​c​l​e​/​2​0​1​8​0​8​2​7​-​t​h​e​-​i​n​d​i​a​n​-​t​o​w​n​-​w​i​t​h​-​n​o​-​d​o​ors (15.10.2025). ↩︎Vgl. Kaitilla, S.: Privacy and Crowding Concepts in Melanesia, The Case of Papua New Guinea. Habitat Inter­na­tional, 21(3), 1997, S. 321 – 335; oder vgl. Hirsch­bichler, M.: Totale Archi­tektur – Oppo­si­tion und Inte­gra­tion im Langhaus der Gogodala. In: GROSS – Dinge, Deutungen, Dimen­sionen, 2025. Online verfügbar: https://​gross​.mkb​.ch/​g​r​o​s​s​/​d​e​/​t​o​t​a​l​e​-​a​r​c​h​i​t​e​k​t​u​r​.​h​tml (15.10.2025). ↩︎Vgl. Kershaw, G.P. et al.: The shelter charac­te­ristics of tradi­tional-styled Inuit snow houses. Arctic, 49(4), 1996, S. 328 – 338. Online verfügbar: http://​www​.jstor​.org/​s​t​a​b​l​e​/​4​0​5​1​2​018 (15.10.2025). ↩︎

Zugegeben: Die Beispiele mögen in ihrem Maßstab vergleichs­weise kleine Gebilde innerhalb weitest­ge­hend geschlos­sener, homogener Gemein­schaften sein. Dies hält jedoch nicht von dem Schluss ab, dass die Tür per se nicht zur Notwen­dig­keit für das mensch­liche Zusam­men­leben erklärt werden kann. Auch die frühe Moderne versuchte sich bereits ausgiebig an ihrem Verzicht – wenn auch mögli­cher­weise nicht aus dem Wunsch kollek­tiver Durch­läs­sig­keit, sondern im Glauben an das autonome Indi­vi­duum. Die Tür kann also durchaus ihre Rolle als physi­scher Akteur verlieren, sei es durch soziale Konstruk­tionen oder alter­na­tive Tech­no­lo­gien8. Folglich ist auch das alltäg­liche Verhalten in Bezug auf sie nicht fest­ge­schrieben und damit wandelbar. Es scheint jedoch erst einmal leichter, sich ein Ende der Welt vorzu­stellen als ein Ende der Tür.9Vgl. Latour, B.: Where are the missing masses? The sociology of a few mundane artifacts. In: W.E. Bijker / J. Law, Hrsg.: Shaping Tech­no­logy / Building Society. Studies in Socio­tech­nical Change. Cambridge, MA 1992, S. 225 – 258. ↩︎In Memoriam Jameson, F.: The Seeds of Time. New York 1994; und Fisher, M.: Capi­ta­list Realism. Winchester 2009. ↩︎

Über die Perspek­tive

Drei­schlä­gige Tür – Prototyp I einer mehr­wer­tigen Tür von Lysanne Ohm und Sophia Scholz, Studio Mehr­wer­tige Türen, RWTH Aachen, Fotos: Robert Saat

Was aber lässt sich von dieser theo­re­ti­schen Übung zur Tür praktisch ableiten? Ausgehend von der Annahme, dass die Folgen begrenzter Ressourcen, des Klima­wan­dels und der Umwelt­zer­stö­rung eine Trans­for­ma­tion unseres Zusam­men­le­bens erfordern werden, lässt sich folgern, dass auch unser Verhalten gegenüber Türen — als poli­ti­sierte Objekte — einer Verän­de­rung unter­liegen müsste.10 Hierzu lassen sich vermut­lich nicht durch die bloße Abfrage einer Gewohn­heit oder die effektive Entwick­lung einge­übter Praktiken neue Umgangs- und Verhand­lungs­formen von Raum ableiten, da, wie zuvor fest­ge­stellt, in den Gepflo­gen­heiten um sie herum bereits gewisse Werte sedi­men­tiert sind. Diese sollen an dieser Stelle zumindest in Frage gestellt werden, da sie offen­sicht­lich nicht zu einer gesamt­ge­sell­schaft­lich trag­fä­higen Vertei­lung von Wohnraum führen.11Einord­nung: Dabei soll sich immer noch im Diskurs­raum des vorherr­schenden Wirt­schafts­sys­tems und grund­le­genden Formen des kapi­ta­lis­ti­schen Zusam­men­le­bens bewegt werden. Gleichsam wird sich aber die Freiheit genommen, sich gewisse Auswei­tungen an und Frei­heiten von etablierten Besitz­struk­turen zu erlauben. ↩︎Hier könnten diverse Beispiele genannt werden, siehe zum Beispiel den stei­genden Flächen­ver­brauch pro Kopf bei gleich­zei­tiger Wohn­raum­knapp­heit, vgl. Pres­se­mit­tei­lung Nr. 041 des statis­ti­schen Bundes­amts vom 29.6.2023. Online verfügbar: https://​www​.destatis​.de/​D​E​/​P​r​e​s​s​e​/​P​r​e​s​s​e​m​i​t​t​e​i​l​u​n​g​e​n​/​2​0​2​3​/​0​6​/​P​D​2​3​_​N​0​4​1​_​3​1​.​h​tml (15.10.2025). ↩︎

Wenn Türen in ihrer Rolle als Akteur durch soziale Struk­turen geformt werden, sollte es wiederum auch möglich sein, Türen physisch zu konstru­ieren, die in der Lage sind, komplexe Formen und paradoxe Anfor­de­rungen des Zusam­men­le­bens zu verhan­deln. Ziehen wir hinzu, dass die Tür als Bauteil, wie wir es heute verstehen, durch andere Agenten ersetzt werden könnte und sich in ihrem jetzigen Zustand ein binäres Verständnis von Raum mani­fes­tiert, werden für eine erste Annä­he­rung andere Erklä­rungs­mo­delle notwendig, um eine Skizze solcher (gege­be­nen­falls Nicht-)Türen zu umreißen. Im Folgenden sollen sich Wege der Herlei­tung aus einer von der Archi­tektur fremden Disziplin, der Logik, ange­eignet und nützlich gemacht werden.

Erste Über­set­zungs­ver­suche der Logik in die Archi­tektur, wenn auch nicht konkret am Bauteil der Tür, finden sich im Werk von Doris und Ralph Thut, die wiederum auf Gotthard Günther und dessen Über­le­gungen zu einer mehr­wer­tigen Logik rekur­rieren.12 Die Ausfüh­rungen hier bauen auf dieser bemer­kens­werten, wenn auch bisher in der Breite des Diskurses mögli­cher­weise unge­se­henen oder über­se­henen Vorarbeit auf. Zudem soll es sich vielmehr um einen struk­tu­rellen bezie­hungs­weise ideellen Transfer handeln als einer direkten Über­set­zung logischer Opera­tionen.13Vgl. Ditterich / Thut / Thut (s. Fn. 1), S. 8. ↩︎Anmerkung: Der Autor dieses Textes ist kein ausge­bil­deter Logiker. ↩︎

Grundriss Prototyp I – Drei­schlä­gige Tür

Eine erste Forma­li­sie­rung der Logik als Lehre des korrekten Folgerns und Schlie­ßens unternahm Aris­to­teles, der dafür logische Prin­zi­pien aufstellte. Zu diesen zählten unter anderem der Satz vom ausge­schlos­senen Wider­spruch – keine Aussage kann gleich­zeitig wahr oder falsch sein –, und der Satz des ausge­schlos­senen Dritten – eine Aussage ist entweder wahr oder falsch, ein Drittes ist nicht gegeben. Die Synthese dieser Prin­zi­pien ist ein zwei­wer­tiges Denken, also in wahr und falsch kate­go­ri­sie­rend, welches immer noch tief in unserer, jeden­falls west­li­chen, Betrach­tung der Welt verankert ist. Versuchen wir dieses Prinzip auf die Form einer gewöhn­li­chen Tür anzu­wenden, lässt sich fest­stellen, dass sich ihre maßge­benden Zustände, also offen oder geschlossen, sehr gut innerhalb dieser Zwei­wer­tig­keit darstellen lassen.14 Es ist nicht zu erkennen, dass die binäre Kontem­pla­tion künftig obsolet werden wird15 und so hat sie auch Gedan­ken­mo­delle bemer­kens­werter Komple­xität hervor gebracht. Gotthard Günther bewertete die zwei­wer­tige Logik nach Aris­to­teles jedoch als unzu­rei­chend und unternahm den Versuch, eine mehr­wer­tige Logik bezie­hungs­weise Poly­kon­tex­tu­ra­lität zu formu­lieren.Aufmerksam Lesende könnten nun einen Einwand haben: Zwischen­zu­stände von halb-offen. Einen-Spalt-geöffnet usw. oder eine halbierte Tür bilden im Grunde aber nicht mehrere Zustände zugleich ab. Sie sind zwar gewis­ser­maßen mehr­wertig (intra­klas­sisch), aber nicht unter dem Gesichts­punkt der mehr­wer­tigen Logik nach Günther (trans-klassisch), wie sie im Folgenden inter­pre­tiert und ange­wendet werden soll. Für eine genauere Erläu­te­rung: https://​wohnbau​.site/​m​a​n​y​-​v​a​l​u​e​d​-​d​o​ors (17.10.2025). ↩︎Folgt man Günther, dann werden wir gar bis „in alle Ewigkeit“ zwei­wertig denken, vgl. Günther, G.: Die Theorie der mehr­wer­tigen Logik. Berlin 1959, S. 15. ↩︎

„Jedes Einzel­sub­jekt begreift die Welt mit derselben klas­si­schen Logik, aber es begreift sie von einer anderen Stelle im Sein. Die Folge davon ist: insofern, dass alle Subjekte die gleiche Logik benutzen, sind ihre Resultate gleich, insofern aber, als die Anwendung von unter­schied­li­chen onto­lo­gi­schen Stellen geschieht, sind ihre Resultate verschieden. Dieses Zusam­men­spiel von Gleich­heit und Verschie­den­heit in logischen Opera­tionen wird durch die Stel­len­wert-Theorie der mehr­wer­tigen Logik beschrieben. Die zusätz­li­chen Werte sind hier überhaupt nicht mehr Werte im klas­si­schen Sinn (in diesem Sinn gibt es in der Tat nur zwei Werte), sie reprä­sen­tieren vielmehr die unter­schied­li­chen onto­lo­gi­schen Stellen, an denen zwei­wer­tige Bewusst­seins­ope­ra­tionen auftreten können.“16Günther, G.: Das Problem einer Trans-klas­si­schen Logik. In: J. Paul, Hrsg.: Vordenker​.de, 2005. Zuerst veröf­fent­licht in: Sprache im tech­ni­schen Zeitalter, Issue 16, 1965, S. 1287 – 1308. Online verfügbar: http://​www​.vordenker​.de (15.10.2025). ↩︎

Gedop­pelte Doppeltür – Prototyp VI einer mehr­wer­tigen Tür von Carina Hiob, Kürsat Gökdeniz, Agnes Møberg-Poulsen, Studio Mehr­wer­tige Türen, RWTH Aachen, Fotos: Robert Saat

Zusam­men­ge­fasst: In der Einord­nung von Phäno­menen ist immer der Kontext, in dem sich das betrach­tende Subjekt bezie­hungs­weise dessen Bewusst­seins­raum befindet, heran­zu­ziehen – oder anders ausge­drückt, der Ort, von dem aus diese Betrach­tung erfolgt. Das geschieht bereits im täglichen sozialen Zusam­men­leben, in dem zwei Subjekte über ein Objekt sprechen. Beide Subjekte können zu unter­schied­li­chen Refle­xionen über das Objekt gelangen und sich darüber austau­schen – der Wahr­heits­wert, den ihm das Subjekt A zuweist, gilt aber nicht zwingend für Subjekt B und anders­herum. Beide stehen für sich – wobei jedoch zu beachten ist, dass beide immer noch intra-kontex­tuell innerhalb einer zwei­wer­tigen Logik bewerten. Verkürzt lässt sich dies auch als „place-value-logic“17 umschreiben, in der die unter­schied­liche Perspek­tive auf einen Sach­ver­halt eine syste­mi­sche Darstel­lung findet.Lorenz, K. / Grube, G.: Interview mit Heinz von Foerster, 1997. Online verfügbar: https://​www​.vordenker​.de/​h​v​f​/​k​l​_​g​g​_​h​v​f​_​i​n​t​e​r​v​i​e​w​.​pdf (15.10.2025). ↩︎

Entlang der Öffnungs­linie

Grundriss Prototyp VI – Gedop­pelte Doppeltür

Über­tragen auf Türen würde dies bedeuten, dass sie – je nach Punkt der Betrach­tung – unter­schied­liche Zustände annehmen können müssten, also von einer Seite als „offen“, von der anderen als „geschlossen“ bewertet werden könnten (wie beispiels­weise schon 1927 von Marcel Duchamp in der Rue Larrey und darauf aufbauend von Hermann Czech in seinem Wiener Atelier praktisch vorge­führt wurde). Dies steht zunächst in starkem Wider­spruch zu ihrer postu­lierten binären Erschei­nungs­form und den daraus resul­tie­renden Formen der kollek­tiven Raum­ver­hand­lung. Mehr­wer­tige Türen müssten entspre­chend auch eine andere Grammatik der Zugäng­lich­keit von Räumen und ihrer Konstel­la­tionen zur Folge haben. Sie würden schon rein rech­ne­risch eine deutlich höhere Kombi­na­torik von Stel­lungen und damit komple­xere Szenarien der Zugäng­lich­keit nach sich ziehen. Solche Türen mögen zu Beginn Verwir­rung oder gar Belus­ti­gung hervor­rufen – ähnlich wie einst Drehtüren, die zusätz­li­ches Personal benö­tigten18, um korrekt benutzt und in ihrer Funktion verstanden zu werden, heute aber selbst­ver­ständ­lich und ohne weitere Erklärung in den Alltag inte­griert sind. Wenn Theodor W. Adorno den Oben­tür­schließer kriti­siert, da er dazu führe, dass man verlerne, eine Tür behutsam zu schließen19, so müsste es ebenfalls möglich sein, anhand der Funk­ti­ons­weise einer Tür ein bestimmtes Verhalten zu erlernen. Die Inter­na­li­sie­rung in den Alltag macht die Tür also zu einem probaten Mittel, neue Verhand­lungs­arten von Raum einzuüben. Um den Kreis zu schließen: Man könnte nun bei genauerer Betrach­tung versucht sein zu behaupten, dass eine größere Zahl binärer Türen oder rein orga­ni­sa­to­ri­scher Maßnahmen abseits der Tür eine ähnliche Wirk­sam­keit entfalten würden wie ein solches aller Voraus­sicht nach hoch tech­no­lo­gi­siertes Bauteil. Der Punkt ist an dieser Stelle jedoch ein anderer: Durch die Fokus­sie­rung auf ein singu­läres, konkretes Objekt und seine selbst­ver­ständ­liche Alltags­prä­senz würde vermut­lich eine höhere Akzeptanz neuer Umgangs­formen entlang der Öffnungs­linie im Zusam­men­leben habi­tua­li­siert werden. Welche Geister jedoch mit dem Glauben an die tech­ni­sche Lösung eines genuin zwischen­mensch­li­chen Problems gerufen werden, bleibt in ihrer Entwick­lung stets abzuwägen.„Mercy me! What will I do?“, „Her First Revolving Door. A Mocking Messenger Boy Delights Himself at a Homespun Old Lady’s Expense.“, in: The New York Times, 12. Februar 1899. Online verfügbar: https://​nyti​.ms/​4​o​r​4​5vU (17.10.2025). ↩︎Adorno geht sogar so weit zu sagen, dass Türen, die zuge­stoßen werden müssen (Autotüren, Kühl­schrank usw.), Anzeiger eines faschis­ti­schen Wesens seien, s. Adorno, T.W.: Minima Moralia, Refle­xionen aus dem beschä­digten Leben. Frankfurt am Main 1973, S. 44. ↩︎

Robert Saat studierte Archi­tektur in Siegen, Brüssel und Weimar und ist seit 2022 wissen­schaft­li­cher Mitar­beiter am Lehrstuhl für Wohnbau und Grund­lagen des Entwer­fens an der RWTH Aachen. In seiner Disser­ta­tion erforscht er die Rolle von Innen­türen im Wohnungsbau unter Einbe­zie­hung einer poly­kon­tex­tu­ralen Logik. Seit 2021 führt er gemeinsam mit Felix Schaller das Büro SAATSCHALLER in Leipzig.

  1. Vgl. Ditterich, J. / Thut, D. / Thut, R.: KAWASAKI, Concept-Design for an Intel­li­gent Plaza. Issue 1, SEC Series. Institut für poly­kon­tex­tu­rale Archi­tektur (I‑PCA), München 2007, S. 8. ↩︎
  2. Vgl. Son, JY / Bae, YH / Kim, YC / Oh, RS / Hong, WH / Choi, JH: Conside­ra­tion of the Door Opening Process in Pede­strian Flow, Expe­ri­ments on Door Opening Direction, Door Handle Type, and Limited Visi­bi­lity. Sustaina­bi­lity, 2020. doi: 12. 8453. 10.3390/su12208453; oder Chang SK / Drury CG: Task demands and human capa­bi­li­ties in door use. In: Appl Ergon 38(3), 2007, S. 325 – 335. doi: 10.1016/j.apergo.2006.04.023. PMID: 16765902. ↩︎
  3. Sie wirken eher wie das Epitom von Grenz­zie­hung. ↩︎
  4. Die vitru­via­ni­sche Urhütte auf Charles Eisens berühmten Fron­ti­spiz für Laugiers „Essai sur l’architecture“ (1755) besteht aus Stützen und einem Dach. ↩︎
  5. Vgl. Hajra, S.: The Indian town with no doors. BBC Travel, 2018. Online verfügbar: https://​www​.bbc​.com/​t​r​a​v​e​l​/​a​r​t​i​c​l​e​/​2​0​1​8​0​8​2​7​-​t​h​e​-​i​n​d​i​a​n​-​t​o​w​n​-​w​i​t​h​-​n​o​-​d​o​ors (15.10.2025). ↩︎
  6. Vgl. Kaitilla, S.: Privacy and Crowding Concepts in Melanesia, The Case of Papua New Guinea. Habitat Inter­na­tional, 21(3), 1997, S. 321 – 335; oder vgl. Hirsch­bichler, M.: Totale Archi­tektur – Oppo­si­tion und Inte­gra­tion im Langhaus der Gogodala. In: GROSS – Dinge, Deutungen, Dimen­sionen, 2025. Online verfügbar: https://​gross​.mkb​.ch/​g​r​o​s​s​/​d​e​/​t​o​t​a​l​e​-​a​r​c​h​i​t​e​k​t​u​r​.​h​tml (15.10.2025). ↩︎
  7. Vgl. Kershaw, G.P. et al.: The shelter charac­te­ristics of tradi­tional-styled Inuit snow houses. Arctic, 49(4), 1996, S. 328 – 338. Online verfügbar: http://​www​.jstor​.org/​s​t​a​b​l​e​/​4​0​5​1​2​018 (15.10.2025). ↩︎
  8. Vgl. Latour, B.: Where are the missing masses? The sociology of a few mundane artifacts. In: W.E. Bijker / J. Law, Hrsg.: Shaping Tech­no­logy / Building Society. Studies in Socio­tech­nical Change. Cambridge, MA 1992, S. 225 – 258. ↩︎
  9. In Memoriam Jameson, F.: The Seeds of Time. New York 1994; und Fisher, M.: Capi­ta­list Realism. Winchester 2009. ↩︎
  10. Einord­nung: Dabei soll sich immer noch im Diskurs­raum des vorherr­schenden Wirt­schafts­sys­tems und grund­le­genden Formen des kapi­ta­lis­ti­schen Zusam­men­le­bens bewegt werden. Gleichsam wird sich aber die Freiheit genommen, sich gewisse Auswei­tungen an und Frei­heiten von etablierten Besitz­struk­turen zu erlauben. ↩︎
  11. Hier könnten diverse Beispiele genannt werden, siehe zum Beispiel den stei­genden Flächen­ver­brauch pro Kopf bei gleich­zei­tiger Wohn­raum­knapp­heit, vgl. Pres­se­mit­tei­lung Nr. 041 des statis­ti­schen Bundes­amts vom 29.6.2023. Online verfügbar: https://​www​.destatis​.de/​D​E​/​P​r​e​s​s​e​/​P​r​e​s​s​e​m​i​t​t​e​i​l​u​n​g​e​n​/​2​0​2​3​/​0​6​/​P​D​2​3​_​N​0​4​1​_​3​1​.​h​tml (15.10.2025). ↩︎
  12. Vgl. Ditterich / Thut / Thut (s. Fn. 1), S. 8. ↩︎
  13. Anmerkung: Der Autor dieses Textes ist kein ausge­bil­deter Logiker. ↩︎
  14. Aufmerksam Lesende könnten nun einen Einwand haben: Zwischen­zu­stände von halb-offen. Einen-Spalt-geöffnet usw. oder eine halbierte Tür bilden im Grunde aber nicht mehrere Zustände zugleich ab. Sie sind zwar gewis­ser­maßen mehr­wertig (intra­klas­sisch), aber nicht unter dem Gesichts­punkt der mehr­wer­tigen Logik nach Günther (trans-klassisch), wie sie im Folgenden inter­pre­tiert und ange­wendet werden soll. Für eine genauere Erläu­te­rung: https://​wohnbau​.site/​m​a​n​y​-​v​a​l​u​e​d​-​d​o​ors (17.10.2025). ↩︎
  15. Folgt man Günther, dann werden wir gar bis „in alle Ewigkeit“ zwei­wertig denken, vgl. Günther, G.: Die Theorie der mehr­wer­tigen Logik. Berlin 1959, S. 15. ↩︎
  16. Günther, G.: Das Problem einer Trans-klas­si­schen Logik. In: J. Paul, Hrsg.: Vordenker​.de, 2005. Zuerst veröf­fent­licht in: Sprache im tech­ni­schen Zeitalter, Issue 16, 1965, S. 1287 – 1308. Online verfügbar: http://​www​.vordenker​.de (15.10.2025). ↩︎
  17. Lorenz, K. / Grube, G.: Interview mit Heinz von Foerster, 1997. Online verfügbar: https://​www​.vordenker​.de/​h​v​f​/​k​l​_​g​g​_​h​v​f​_​i​n​t​e​r​v​i​e​w​.​pdf (15.10.2025). ↩︎
  18. „Mercy me! What will I do?“, „Her First Revolving Door. A Mocking Messenger Boy Delights Himself at a Homespun Old Lady’s Expense.“, in: The New York Times, 12. Februar 1899. Online verfügbar: https://​nyti​.ms/​4​o​r​4​5vU (17.10.2025). ↩︎
  19. Adorno geht sogar so weit zu sagen, dass Türen, die zuge­stoßen werden müssen (Autotüren, Kühl­schrank usw.), Anzeiger eines faschis­ti­schen Wesens seien, s. Adorno, T.W.: Minima Moralia, Refle­xionen aus dem beschä­digten Leben. Frankfurt am Main 1973, S. 44. ↩︎
Doppelte zwei­schlä­gige Tür – Prototyp IV einer mehr­wer­tigen Tür von Julian Hüther, Max Lesch, Tim Tauber, Studio Mehr­wer­tige Türen, RWTH Aachen, Fotos: Robert Saat
Grundriss Prototyp IV – Doppelte zwei­schlä­gige Tür
Drei­schlä­gige Tür – Prototyp I einer mehr­wer­tigen Tür von Lysanne Ohm und Sophia Scholz, Studio Mehr­wer­tige Türen, RWTH Aachen, Fotos: Robert Saat
Grundriss Prototyp I – Drei­schlä­gige Tür
Gedop­pelte Doppeltür – Prototyp VI einer mehr­wer­tigen Tür von Carina Hiob, Kürsat Gökdeniz, Agnes Møberg-Poulsen, Studio Mehr­wer­tige Türen, RWTH Aachen, Fotos: Robert Saat
Grundriss Prototyp VI – Gedop­pelte Doppeltür