Die Zukunft des Klimas

Andreas Denk und Matthias Böttger im Gespräch mit Friedrich-Wilhelm Gers­ten­garbe, Günter Pfeifer und Markus Pfeil

Pfeifer Kuhn Architekten BDA, St. Augustinus, Heilbronn 2004 – 2008; Foto: Ruedi Walti

Der Nutzen der Wissen­schaft I

Matthias Böttger: Wie funk­tio­niert die Zusam­men­ar­beit zwischen Architekt und Ingenieur? Welche Rolle spielen die Daten und Szenarien, die der Klima­fol­gen­for­scher Friedrich-Wilhelm Gers­ten­garbe genannt hat, bei Ihrer Zusam­men­ar­beit? Lassen sie sich nutzen, um ein Haus zukunfts­fähig zu machen?
Markus Pfeil: Es gibt unter­schied­liche Ansätze in der Diskus­sion um ener­gie­ef­fi­zi­ente Gebäude und Klima­schutz. Häufig werden dabei die Themen Ener­gie­ver­brauch und Ener­gie­kenn­zahlen erheblich über­be­wertet. Das lenkt von den eigent­li­chen Aufgaben und Problemen ab. Manchmal habe ich den Eindruck, die Gebäude werden nur gebaut um Energie einzu­sparen. Natürlich geht es im Sinne des Klima­schutzes auch darum, den Ener­gie­ver­brauch zu verrin­gern und CO2 zu mini­mieren. Aber genauso wichtig ist es, zu disku­tieren und nach­zu­for­schen, wie wir heute schon auf die bereits statt­fin­dende Klima­er­wär­mung reagieren. Es ist ja gut, zu wissen, dass Archi­tekten das Thema Ener­gie­ein­spa­rung wichtig ist. Aber ich meine, dass die Reduktion des Verbrauchs eben nicht die einzige  Haupt­rolle in diesem komplexen Gefüge spielt. Als Ingenieur übernehme ich auch die Ener­gie­kon­zep­tion bei der Planung.Wir sprechen über viel mehr Dinge, als über Ökologie: es geht um Nach­hal­tig­keit, um sozio­kul­tu­relle und ökono­mi­sche Aspekte und um die Betrach­tung von Lebens­zy­klus­kosten. All diese Kompo­nenten sind glei­cher­maßen sehr wichtig. Ich habe gute Erfah­rungen mit Archi­tekten gemacht, die alle diese unter­schied­li­chen Aspekte im Blick haben. In der Zusam­men­ar­beit mit dem Büro Pfeifer Kuhn findet – mit einem sehr starken Fokus auf Ökologie – genau dies statt. Aber es geht nicht nur darum, um jeden Preis Energie einzu­sparen.

Matthias Böttger: Folgt man den Szenarien des Klima­fol­gen­for­schers Gers­ten­garbe, so ist die Zunahme von Extrem­ereig­nissen auch regional gegeben. Sind Ihre Berech­nungs­mo­delle beispiels­weise bei der Kirche, die Sie vorge­stellt haben,  auch so genau?
Markus Pfeil: Nein, dieser sehr weit voraus­schau­ende Aspekt ist bei der Planung nicht bedacht worden. Wir haben bei dem Projekt auch keine Statistik der zukünf­tigen Erwärmung zugrunde gelegt. Aller­dings haben wir bei der Konzep­tion insbe­son­dere den Aspekt des sommer­li­chen Wärme­schutzes genau betrachtet, da es in dieser Region im Sommer sehr warm werden kann – das hatte aller­dings zunächst gar nichts mit dem Klima­schutz zu tun.
Es gibt jedoch andere Projekte, bei denen ich mich sehr intensiv mit dem Thema der Erwärmung ausein­an­der­ge­setzt habe – beispiels­weise im Kran­ken­hausbau: In diesem Sektor fehlt es mitunter am Bewusst­sein der Bauherren, bei der Planung von Pati­en­ten­zim­mern die zuneh­mende globale – und damit auch regionale – Erwärmung mit einzu­be­ziehen. Es wäre angeraten, mit den Aussagen des Klima­fol­gen­for­schers an die Bauherren heran­zu­gehen und im Sinne einer ganz­heit­li­chen Planung zu argu­men­tieren.

Pfeifer Kuhn Architekten BDA, St. Augustinus, Heilbronn 2004 – 2008; Foto: Ruedi Walti
Pfeifer Kuhn Archi­tekten BDA, St. Augus­tinus, Heilbronn 2004 – 2008; Foto: Ruedi Walti

Matthias Böttger: Herr Gers­ten­garbe, Ihre Modelle sind Szenarien. Sie können aber nicht genau prognos­ti­zieren, wie die Zukunft sein wird. Halten Sie es für wesent­lich, dass Ihre Szenarien schon heute Einfluss auf das Bauen haben? Oder sollte man eher sagen: Wir machen einfach das Beste aus dem, was wir jetzt haben? Ist es sinnvoll, heute schon sehr geplant in die Zukunft zu denken?
Friedrich-Wilhelm Gers­ten­garbe: Es macht natürlich Sinn. Ganz so unsicher sind wir nicht im Wissen, was auf uns zukommt. Wir wissen, dass es wärmer wird und dass die Extrem­si­tua­tionen zunehmen werden. In den letzten Jahr­zehnten hat in Deutsch­land  die Jahres­mit­tel­tem­pe­ratur je nach Region bereits um ein bis zwei Grad zuge­nommen. Gerade bei den genannten Kran­ken­häu­sern gibt es heute schon Probleme im Sommer – und die Nach­rüs­tung mit Klima­an­lagen ist sehr teuer. Hier sollte man sich überlegen, ob man mit dem oberen oder dem mittleren Wert dessen arbeitet, was die Klima­for­scher als Tempe­ra­tur­an­stieg „prognos­ti­zieren“. So, wie es heute aussieht, wird man mit dem mittleren höchst­wahr­schein­lich hinkommen…

Andreas Denk: Der Klima­wandel hat Folgen für die Land­wirt­schaft wie auch für das Leben in den Städten. Können Sie bereits sagen, wie sich aus den meteo­ro­lo­gi­schen Szenarien auch Szenarien des mensch­li­chen Lebens in entweder stärker wärmeren, feuch­teren Gebieten oder kälteren Arealen ergeben? Können Sie an Ihr meteo­ro­lo­gisch-klima­ti­sches Szenario ein solches für verän­derte Lebens­füh­rung anschließen?
Friedrich-Wilhelm Gers­ten­garbe: Am Institut für Klima­fol­gen­for­schung Potsdam sind wir jetzt, nachdem wir die Grund­lagen geschaffen haben, mit einem Pilot­pro­jekt bis Ende 2013 dabei, zu überlegen, wie die Folgen des Klima­wan­dels aussehen. Wir haben auf unserer website www​.klima​folgen​.com zum ersten Mal für Deutsch­land bis auf die Land­kreis­ebene herunter darge­stellt, was die Folgen für die Gesund­heit der Menschen im Allge­meinen, für die Land­wirt­schaft, die Wasser­wirt­schaft und die Forst­wirt­schaft sein werden. Wenn wir von den Archi­tekten Anre­gungen, Antworten oder Rück­mel­dungen bekommen, würde uns das sehr inter­es­sieren. Dann sind wir auf dem richtigen Weg. Darüber hinaus sind wir in weiteren Planungen für Länder, die noch stärker als wir vom Klima­wandel betroffen sind.

Pfeifer Kuhn Architekten BDA, St. Augustinus, Heilbronn 2004 – 2008; Foto: Ruedi Walti
Pfeifer Kuhn Archi­tekten BDA, St. Augus­tinus, Heilbronn 2004 – 2008; Foto: Ruedi Walti

Andreas Denk: Herr Pfeifer, können Sie sich vorstellen, dass regionale und lokale Klima­sze­na­rien, wie von Friedrich-Wilhelm Gers­ten­garbe geschil­dert, Einfluss auf Ihr archi­tek­to­ni­sches Denken nehmen?
Günter Pfeifer: Ich fürchte, dass wir seit dem 19. Jahr­hun­dert unser archi­tek­to­ni­sches Denken teilweise aufge­geben haben. Archi­tektur war früher immer zunächst Klima, dann kam die sozio­kul­tu­relle Umgebung hinzu. Daraus folgend hat sich die Identität der Kultur entwi­ckelt. Irgend­wann aber hat man im Laufe der tech­ni­schen Entwick­lung aufge­geben, Archi­tektur auf ihre Klima­t­aug­lich­keit hin zu evalu­ieren. Und jeder neuen gesell­schaft­li­chen Entwick­lung wurde eine weitere neue tech­ni­sche Entwick­lung hinzu­ge­fügt. In den siebziger Jahren sind die Kosten schließ­lich explo­diert. Heute haben wir die Chance, dort wieder anzu­setzen und die klima­ti­schen Probleme mit archi­tek­to­ni­schen, nicht mit tech­ni­schen Mitteln zu lösen. Die Inte­gra­tion der Technik sollte in der Art von Zusam­men­ar­beit passieren, wie wir es in unserem Projekt ansatz­weise gemacht haben.

Andreas Denk: Friedrich-Wilhelm Gers­ten­garbe, könnten Sie hierbei Günter Pfeifer und Markus Pfeil helfen?
Friedrich-Wilhelm Gers­ten­garbe: Im Prinzip ja. Wir können natürlich Angaben machen, mit denen auch Archi­tekten etwas anfangen könnten. Dass Archi­tektur sich nicht mehr nach dem Klima richtet, ist in der Tat bedau­er­lich, obwohl ich auch verstehe, dass Archi­tekten gerne tech­ni­sche Möglich­keiten ausnutzen, wenn sie vorhanden sind. Unser Institut in Potsdam bekommt gerade einen Neubau. Ich kann dabei nicht begreifen, wieso der Architekt die Heizung in die Decke gelegt hat – das ist für mich als Physiker eine Kata­strophe. Es sei technisch eben machbar, bekomme ich auf meine Nach­fragen zur Antwort. Aber ob diese Lösung ener­ge­tisch und klima­to­lo­gisch sinnvoll ist, bleibt unbe­ant­wortet. Wir müssen aber nicht nach dem technisch Machbaren suchen, sondern nach dem ener­ge­tisch Nötigen und ökolo­gisch Möglichen. Das ist eine große Aufgabe für uns.

Pfeifer Kuhn Architekten BDA, St. Augustinus, Heilbronn 2004 – 2008; Foto: Ruedi Walti
Pfeifer Kuhn Archi­tekten BDA, St. Augus­tinus, Heilbronn 2004 – 2008; Foto: Ruedi Walti

Andreas Denk: Würden Sie sich, Markus Pfeil und Günter Pfeifer, für ein Projekt vom Klima­fol­gen­in­stitut in Potsdam beraten lassen? Wäre ein bestimmtes Szenario für eine bestimmte Region für Ihre Planungen hilfreich?
Markus Pfeil: Ja, das kann ich mir gut vorstellen. Ich führe noch einmal das Beispiel Kran­ken­hausbau an. Wir haben innerhalb einer Arbeits­gruppe des Arbeits­kreises Kran­ken­hausbau im BDA einmal unter­sucht, wo genau die Probleme im Kran­ken­hausbau im Klima­kon­text sind. Hier wurde beispiels­weise durch eine Recherche in der Presse oder bei Kran­ken­kassen versucht zu erfahren, wie man im heißen Sommer 2003 mit den Folgen der Hitze umge­gangen ist. Bei solchen Über­le­gungen können die Szenarien und Infor­ma­tionen aus dem Klima­fol­gen­in­stitut sehr hilfreich sein. Das müsste auch die mit spitzem Bleistift kalku­lie­renden Menschen im Gesund­heits­wesen dazu anregen, Kran­ken­häuser heute anders denkend zu planen, denn diese müssen mindes­tens 50 Jahre funk­tio­nieren.

Matthias Böttger: Herr Gers­ten­garbe, können Sie uns noch eine Empfeh­lung für die Zukunft geben?
Friedrich-Wilhelm Gers­ten­garbe: Energie einsparen – das ist die eine – und CO2 einsparen – ist die andere. Wir werden sicher unsere Lebens­um­stände umstellen müssen. Ich möchte für ein Bewusst­sein werben, mit dem man sich genau überlegt, was man tut. Wenn alle so leben wollen wie wir – es gibt 600 Millionen Autos auf unserem Planeten – geht das einfach nicht. Irgend­wann sind wir am Ende. Mich enerviert, dass ständig von einem Wachstum die Rede ist – und zwar von mate­ri­ellem Wachstum. Das ist Unsinn. Hier muss dringend umgedacht werden, insbe­son­dere bei den Poli­ti­kern. Wir brauchen eine neue Qualität des Wachstums: Das „Wachstum“ kann in der besseren Qualität eines Produktes liegen oder in seiner Ener­gie­ef­fi­zienz, aber nicht darin, dass ich zwei oder drei Autos mehr herstelle.

Prof. Dr. Friedrich-Wilhelm Gers­ten­garbe, (*1948), schloss sein Meteo­ro­lo­gie­stu­dium 1973 an der HU Berlin mit dem Diplom ab. Nach Mitarbeit in der Abteilung Forschung des Meteo­ro­lo­gi­schen Dienstes der DDR und im Hauptamt für Klima­to­logie folgte 1984 die Promotion. Er arbeitete für den Deutschen Wetter­dienst und seit 1992 in der Abteilung Klima­system des Potsdam-Instituts für Klima­fol­gen­for­schung. Nach der Habi­li­ta­tion an der Freien Univer­sität Berlin mit einer Arbeit über das Thema „Defi­ni­tion und Beschrei­bung klima­to­lo­gi­scher Extreme“ war er zunächst Dozent an der FU Berlin, seit 2004 ist Friedrich-Wilhelm Gers­ten­garbe Professor am Geogra­phi­schen Institut der Humboldt-Univer­sität zu Berlin.

Prof. Dipl.-Ing. Günter Pfeifer (*1943) ist freier Architekt BDA mit Büro in Freiburg. Bis zu seiner Emeri­tie­rung im Sommer 2012 hatte er an der TU Darmstadt den Lehrstuhl für Entwerfen und Wohnungsbau inne. Seit dem Sommer 2011 betreibt Günter Pfeifer mit Prof. Dr. Annette Rudolph-Cleff die Fondation Kyber­netik – ein Praxis­labor der TU Darmstadt und Pool für Nach­hal­tig­keits­for­schung. Günter Pfeifer ist Mitglied des Redak­ti­ons­bei­rats dieser Zeit­schrift.

Prof. Dipl.-Ing. Markus Pfeil (*1967), Bera­tender Ingenieur VBI, studierte von 1987 bis 1995 Maschi­nenbau. 1997 gründete er gemeinsam mit Holger Koch das Inge­nieur­büro Pfeil&Koch inge­nieur­ge­sell­schaft in Stuttgart und Köln. Nach verschie­denen Lehr­auf­trägen ist Markus Pfeil seit 2011 Professor für „Ganz­heit­liche Tech­ni­sche Gebäu­de­aus­rüs­tung“ an der msa | münster school of archi­tec­ture im Fach­be­reich Archi­tektur.

Matthias Böttger (*1974) ist Architekt und seit 2011 Kurator des DAZ. Nach Lehr­auf­trägen an der Uni Stuttgart und der ETH Zürich ist er seit 2012 Professor im Fach­be­reich Sustainable Archi­tec­ture an der Kunst­hoch­schule Linz. 2008 war er mit Friedrich von Borries Gene­ral­kom­missar des deutschen Beitrags „Updating Germany“ auf der Archi­tektur-Biennale in Venedig. Mit seinem Büro raum­taktik – office from a better future – arbeitet er seit 2003 in Berlin an räum­li­cher Aufklä­rung und Inter­ven­tion.

Prof. i. V. Andreas Denk (*1959) ist Archi­tek­tur­his­to­riker und Chef­re­dak­teur dieser Zeit­schrift. Er lehrt Archi­tek­tur­theorie an der Fach­hoch­schule Köln, lebt und arbeitet in Bonn und Berlin. Zahl­reiche Veröf­fent­li­chungen, Vorträge, Mode­ra­tionen und Veran­stal­tungs­kon­zepte.

Pfeifer Kuhn Architekten BDA, St. Augustinus, Heilbronn 2004 – 2008; Foto: Ruedi Walti
Pfeifer Kuhn Archi­tekten BDA, St. Augus­tinus, Heilbronn 2004 – 2008; Foto: Ruedi Walti
Pfeifer Kuhn Architekten BDA, St. Augustinus, Heilbronn 2004 – 2008; Foto: Ruedi Walti
Pfeifer Kuhn Archi­tekten BDA, St. Augus­tinus, Heilbronn 2004 – 2008; Foto: Ruedi Walti
Pfeifer Kuhn Architekten BDA, St. Augustinus, Heilbronn 2004 – 2008; Foto: Ruedi Walti
Pfeifer Kuhn Archi­tekten BDA, St. Augus­tinus, Heilbronn 2004 – 2008; Foto: Ruedi Walti