Drei-Säulen-Modell

Elisabeth und Alexander Bartscher, Bartscher Archi­tekten BDA, Aachen

Auf den beiden alten Schul­bänken im Bespre­chungs­raum des Aachener Laden­lo­kals, in dem wir sitzen, liegt ein Karton mit Pizza vom Italiener gegenüber. An den Wänden hängt eine kleine Sammlung nicht ge-rahmter Fotos, ange­hef­teter Projekt­bilder und atmo­sphä­ri­scher Aufnahmen in einer Art Peters­burger Hängung. Die Räum­lich­keiten nördlich der Aachener Innen­stadt atmen noch den Charme eines studen­ti­schen Arbeits­raums, sind aber in Sachen tech­ni­scher Ausstat­tung, Bücher­sor­ti­ment – und auch hinsicht­lich der herr­schenden Ordnung – deutlich auf dem nächst höheren Level ange­kommen. Das ist insofern inter­es­sant, als diese räumliche Bedingt­heit ein gutes Bild für die beruf­liche Situation der jungen Archi­tektin Elisabeth Bartscher und ihres Mannes Alexander abgibt. Die beiden sind seit Anfang 2016 Mitglieder im Wahlbund des BDA sowie im AKJAA, dem Arbeits­kreis junger Archi­tek­tinnen und Archi­tekten – Zeit für eine erste Bestands­auf­nahme.

Kennen­ge­lernt haben sie sich während des gemein­samen Archi­tek­tur­stu­diums an der RWTH Aachen. Seit 2011 gibt es das gemein­same Archi­tek­tur­büro Bartscher Archi­tekten, bereits zwei Jahre zuvor gründeten die Bart­schers mit PONNIE Architecture/​Images das andere Standbein ihrer wirt­schaft­li­chen Existenz. „Ohne das wäre es schwierig zu bestehen“, gesteht Elisabeth Bartscher und fügt hinzu: „Für die einen sind es am Anfang der Büro­tä­tig­keit die Mitar­beiter-Stellen an den Hoch­schulen, für uns ist es das.“ „Wobei es die bei uns ja auch noch gab“, gibt ihr Mann und Büro­partner zu bedenken. Alexander Bartscher war von 2009 bis 2014 wissen­schaft­li­cher Mitar­beiter am Lehrstuhl für Wohnbau an der RWTH Aachen, es folgten verschie­dene Gast­do­zen­ten­stellen. Elisabeth Bartscher hatte von 2009 bis 2013 einen Lehr­auf­trag am Lehrstuhl für Baukon­struk­tion – ebenfalls an der RWTH in Aachen. Im Rahmen eines Promo­ti­ons­sti­pen­diums der Stiftung Deutscher Archi­tekten forscht Alexander Bartscher zudem seit 2014 zum gebauten Werk des 1926 in Mannheim geborenen Archi­tekten Carlfried Mutschler. Der Architekt der Multi­halle im Mann­heimer Herzo­gen­ried­park, des Gemein­de­zen­trums Mannheim-Vogel­stang, des Reiss-Engelhorn-Museums oder der Mann­heimer Pfingst­berg­kirche kommt nach Bart­schers Auffas­sung in der bishe­rigen Rezeption deutlich zu schlecht weg. Und so versucht Bartscher, der zum Zeitpunkt des Todes Mutsch­lers 1999 erst kurz vor seinem 16. Geburtstag stand, nun die wichtigen Bauten Carlfried Mutsch­lers zu doku­men­tieren und im archi­tek­tur­ge­schicht­li­chen Kontext einzu­ordnen.

Das Thema Archi­tek­tur­vi­sua­li­sie­rung beschäf­tigt Alexander Bartscher indes bereits seit seinem Studium. Auto­di­dak­tisch hatte er damit begonnen, sich der Materie zu nähern. „Wir haben ja in einer Art Über­gangs­zeit studiert, in der Computer zwar schon an den Hoch­schulen Einzug gehalten hatten, wir aber bis zum zweiten Semester alles von Hand zeichnen mussten und noch die volle Packung Darstel­lende Geometrie mit Bleistift und Lineal aus dem Lehrplan mitge­nommen haben.“ Ausschlag­ge­bend sei vor allem der quali­ta­tive Unter­schied in der Darstel­lung gewesen, die er nach seiner Rückkehr aus Zürich, wo beide an der ETH studierten, nach Aachen ausge­macht habe. Seit 2009 arbeiten die beiden mit einem seitdem langsam wach­senden Stab an Mitar­bei­tern für andere Archi­tek­tur­büros und entwi­ckeln mit diesen zusammen adäquate Formen der Darstel­lung. Unter den Kunden finden sich namhafte Büros wie Bruno Fioretti Marquez, Kuehn Malvezzi, Diener & Diener, Miller Maranta, EM2N, Hild und K, Ortner & Ortner Baukunst und einige mehr. Das und die seit 2002 zunächst in einem Praktikum, später von Aachen aus erle­digten Arbeiten für die Baseler Archi­tekten Herzog & de Meuron ermög­lichten den beiden jungen Planern 2009 – unmit­telbar nach dem Diplom – den Sprung in die Selbst­stän­dig­keit.

Zwar teilen sich die beiden Partner, die neben dem Beruf zwei gemein­same Kinder verbindet, die Arbeit auf, doch sei es ihnen wichtig, dass die – mit zwei Free­lan­cern – inzwi­schen sechs Mitar­beiter in beiden Diszi­plinen geschult sind: „Wir haben Mitte Januar einen Wett­be­werb abgegeben. Da ist es enorm wichtig, dass alle an einem Strang ziehen und dann eben auch mal zehn Tage lang alle nur an Archi­tektur sitzen“, erklären die beiden. Der Zugang zum Markt aber sei schwierig. Vier bis fünf Wett­be­werbe macht das Team inzwi­schen pro Jahr – dazu kommen kleinere Bauauf­gaben aus Direkt­auf­trägen: hier eine Sicht­beton-Garage, dort eine Sanierung eines Einfa­mi­li­en­hauses oder die Ertüch­ti­gung und der Umbau eines Bungalows aus den 1960er Jahren. „Der Markt an baubaren Aufgaben in Aachen ist besetzt“, sagt Elisabeth Bartscher. „Als Nicht-Aachener fehlen uns die von Geburt an gewach­senen Verbin­dungen, hier auch baulich Fuß zu fassen.“ Resi­gna­tion ist dennoch bei keinem der beiden zu spüren. „Jeder Wett­be­werb ist eine gute Übung – lehrreich für einen selbst. Auch wenn am Ende nicht gebaut wird“, führt Elisabeth Bartscher zwischen zwei Bissen Pizza aus. Und so werden die Wett­be­werbe nach Interesse ausge­sucht, nach dem Span­nungs­grad der Bauauf­gabe.

Auch dank der Zusam­men­ar­beit mit bereits etablierten Büros nimmt die Teil­nah­me­fä­hig­keit an Wett­be­werben konti­nu­ier­lich zu. So haben Bartscher Archi­tekten bereits mehrere Projekte mit dem Kölner Büro Lorber Paul Archi­tekten entworfen. „Das Vertrauen, das uns Annette Paul und Gert Lorber entge­gen­ge­bracht haben, war von Anfang an sehr groß. Das hat uns sehr geholfen“, meint Elisabeth Bartscher. Die Zusam­men­ar­beit ist über Jahre gewachsen: Man war gemeinsam in der Lehre an der RWTH tätig, Alexander Bartscher hat zudem als Mitar­beiter im Büro Lorber Paul während des Studiums prak­ti­sche Erfahrung gesammelt. Darüber hinaus stellen sich inzwi­schen auch Einla­dungen zu Wett­be­werben ein. „Wobei mir immer noch nicht richtig klar ist, wie wir dazu gekommen sind.“ Wieder lacht Alexander Bartscher. Grund­op­ti­mis­tisch schauen die zwei Archi­tekten so auf die Zukunft des Büros und die damit einher­ge­henden Poten­tiale. „Sowas muss ja auch wachsen“, sagt Bartscher und deutet grinsend auf seinen dunklen Locken­kopf: „Viel­leicht sind da einfach noch zu viele Haare – oder zu wenig graue. Ich gebe uns da noch Zeit. In zehn Jahren sieht das bestimmt anders aus.“

Und so wächst das Œuvre des Büros nach und nach – verteilt auf die drei Säulen Lehre und Forschung, Archi­tektur sowie Visua­li­sie­rung. Neben bemer­kens­werten Wett­be­werbs­bei­trägen für studen­ti­sches Wohnen in Rostock, das Kreis­mu­seum im nieder­säch­si­schen Syke oder das Kölner Dom-Hotel finden sich hier inzwi­schen einige gebaute Projekte. Das eigene Haus am Rand von Aachen beispiels­weise. Hier haben Bartscher Archi­tekten den einge­schos­sigen Bestandsbau sensibel aufge­räumt und durch punk­tu­elle Akzen­tu­ie­rungen ein subtiles Neben­ein­ander aktueller Archi­tektur und entste­hungs­zeit­li­cher Formen­sprache entwi­ckelt.

Ein weiteres Beispiel für diese sorgsame und gleichsam selbst­si­chere Unauf­ge­regt­heit der Archi­tektur der beiden Gestalter ist die 2016 abge­schlos­sene Sanierung eines Einfa­mi­li­en­hauses in der soge­nannten Broicher Siedlung im nördlich von Aachen gelegenen Alsdorf. „Eigent­lich haben wir hier nur die ‚Basics‘ gemacht“, erklärt Elisabeth Bartscher. Was wie Under­state­ment wirkt, zeigt sich bei genauerer Betrach­tung als ebenso richtige wie unzu­rei­chende Umschrei­bung der vorge­nommen Eingriffe. Aus einem dunklen und biederen Vorstadt­haus ist durch wenige, kennt­nis­reich getrof­fene Entschei­dungen, einige souveräne Setzungen im Detail und eine Art innen­räum­li­ches Groß­rei­ne­ma­chen ein licht­durch­flu­tetes Haus für eine junge Familie geworden. Neben den Wett­be­werbs­bei­trägen sind es auch diese beiden Projekte, die davon zeugen, dass es sich um ein Büro handelt, das bei weitem mehr zu bieten hat, als schöne Bilder und ambi­tio­nierte Forschung.

David Kasparek

www​.bartscher​-archi​tekten​.de
www​.ponnie​.net

neu im club im DAZ-Glashaus
Talk mit Bartscher Archi­tekten: 7. März, 19.00 Uhr
Werk­schau­pro­jek­tion: 8. März – 23. April
Deutsches Archi­tektur Zentrum DAZ
Köpe­ni­cker Straße 48/49
10179 Berlin

www​.daz​.de
www​.neuimclub​.de
www​.derar​chi​tektbda​.de

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