Freiheit des Wortes

avenidas
avenidas y flores
flores
flores y mujeres
avenidas
avenidas y mujeres
avenidas y flores y mujeres y
un admirador

Die Worte „Alleen“, „Blumen“, „Frauen“ und „ein Bewun­derer“ sind der Inhalt dieses in Spanisch verfassten „konkreten“ Gedichtes von Eugen Gomringer. Es steht an einer Giebel­wand der Alice-Salomon-Hoch­schule in Berlin-Hellers­dorf. Die Hoch­schule ist die Nach­fol­ge­insti­tu­tion der von der Sozi­al­po­li­ti­kerin Alice Salomon 1908 gegrün­deten „Sozialen Frau­en­schule“. Heute studieren hier 1900 Studie­rende Sozi­al­päd­agogik und Sozi­al­ar­beit. Nach einem Offenen Brief des dortigen AStA hat sich eine bis heute anhal­tende Diskus­sion um die poetische „Kunst am Bau“ entsponnen: Der AStA der Hoch­schule hatte 2016 moniert, dass Gomrin­gers Gedicht der„klassischen patri­ar­chalen Kunst­tra­di­tion“ zugehöre, in der Frauen nur „schöne Musen“ seien, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspi­rierten. Das Gedicht erinnere zudem „unan­ge­nehm an sexuelle Beläs­ti­gung“, der Frauen auch heute noch täglich ausge­setzt seien. Für eine Schule mit einer eman­zi­pa­to­ri­schen Ziel­set­zung sei es nicht ange­bracht, die „Degra­die­rung zu bewun­de­rungs­wür­digen Objekten im öffent­li­chen Raum, die uns Angst macht“, poetisch zu würdigen. Die Studen­tinnen forderten eine Senats­be­fas­sung mit dem Thema. Nach einem „parti­zi­pa­tiven“ Verfahren der Hoch­schul­lei­tung soll die Schrift nun im Herbst 2018 entfernt werden.

Foto: Andreas Denk

Seit 2006 vergibt die Hoch­schule den Alice-Salomon-Poetik-Preis. 2011 wurde der konkrete Dichter Eugen Gomringer damit ausge­zeichnet. Die Hoch­schul­lei­tung entschied damals, die Worte an ihrem Gebäude anbringen zu lassen. Für Gomringer ist der Fall nach dem Entfer­nungs-Beschluss klar. „Das ist ein Eingriff in die Freiheit von Kunst und Poesie“, äußerte der 93-jährige im September 2017. Seitdem sind die Wogen hoch geschlagen: Freiheit der Kunst versus Sexis­mus­ver­dacht lauten die jeweils vehement vorge­tra­genen Alter­na­tiven. Die Diskus­sion hat in Folge der „Me-Too“-Bewegung nochmals Fahrt aufge­nommen. Inzwi­schen liegen Stel­lung­nahmen und Inter­pre­ta­tionen von Wissen­schaft­lern, Künstlern, Dichtern, Poli­ti­kern und vom PEN-Zentrum vor, die sich zumeist, aber nicht immer, für den Verbleib von Gomrin­gers Gedicht ausspre­chen.

Was ist nun dran am Sexis­mus­vor­wurf? Gibt es ein „richtig“ oder „falsch“? Frauen verschie­denen Alters haben verschie­dene Auffas­sungen: Die 14-jährige Gymna­si­astin, die „irgendwas im Internet“ mitbe­kommen hat, kann „verstehen“, dass man das Gedicht sexis­tisch auffasst. „Die Frauen werden dadurch, dass sie sprach­lich auf der gleichen Ebene wie Alleen und Bäume betrachtet werden, gewis­ser­maßen zu Objekten.“ Außerdem sei es frag­würdig, dass man ausge­rechnet dieses Gedicht an der Wand der Hoch­schule ange­bracht habe, weil es nur sehr indirekt mit der Aufgabe der Schule zu tun habe.

Die 28-jährige politisch bewusste Archi­tek­tur­stu­dentin findet das Anliegen des AStA nach einigem Überlegen gerecht­fer­tigt. Auch sie verweist auf den Objekt­cha­rakter, mit dem das Wort „Frauen“ in Gomrin­gers Gedicht verwendet würde, auch wenn sie ande­rer­seits die Forderung nach einer größt­mög­li­chen Plura­lität im öffent­li­chen Raum nach­voll­ziehen kann.

Die 45-jährige Poli­tik­be­ra­terin, die sich intensiv mit Fragen der Eman­zi­pa­tion beschäf­tigt hat, sieht das Werk als poetische Formu­lie­rung eines männ­li­chen Blicks, der aus seiner Zeit heraus verstanden werden müsse. Es sei zwar gut, dass solche Sach­ver­halte auch auf einer poli­ti­schen Ebene disku­tiert würden. Die Kriti­ke­rinnen hätten indes nicht bedacht, welchen Verlust der Verzicht auf die lust­be­tonte und sogar erotische Dimension bedeute, die das Gedicht auch beinhalte. „Zuerst verbieten sie dir das Rauchen, dann kommt alles weitere nach“, zitiert sie in der Wortwahl entschärft Harvey Keitel im Film „Smoke“.

Die 64-jährige Jour­na­listin, nach eigenem Bekennen „Altfe­mi­nistin“, findet den Streit um „avenidas“ albern. Die Kunst sei frei, sie lebe von der Fülle der möglichen, auch konträren Inter­pre­ta­tionen. Das Argument der Studen­tinnen sei schlussend-lich reali­täts­fern, weil es eine repres­si­ons­freie Gesell­schaft nicht geben könne. Vielmehr gäbe es viele alltäg­liche Diskri­mi­nie­rungen, gegen die es sich mehr zu kämpfen lohne als gegen das „harmlose, doch sehr schöne Gedicht“ Gomrin­gers.

Der Konflikt um „avenidas“ wird eine Randnotiz zum Thema dieser Tage bleiben. Die Sexismus-Debatte ist nicht zu Ende: Wenn sie ein Beitrag ist, ewig­gest­rige Phänomene wie den Regisseur Dieter Wedel zu verhin­dern, hat sie sich gelohnt. Wenn sie aber ein weiterer Schritt zu einer Diktatur der „political correct­ness“ ist, an deren Ende ein puri­ta­ni­scher Funda­men­ta­lismus nach US-ameri­ka­ni­schem Vorbild steht, ist etwas schief­ge­gangen.

Andreas Denk

Autor*innen

Foto: Andreas Denk