für a.s.

Vor ziemlich genau 25 Jahren habe ich A.S. kennen­ge­lernt. Unsere erste „tropische“ Begegnung im Haus des BDA in der Ippen­dorfer Allee in Bonn allein ist denk­würdig genug, um immer wieder gemeinsam erinnert und belacht zu werden. Im Dezember geht A.S. in Rente, und damit endet ein Vier­tel­jahr­hun­dert gemein­samen Arbeitens an einem groß­ar­tigen Projekt. Wahr­schein­lich nicht enden wird eine genauso lange Freund­schaft.
Als ich damals als Teilzeit-Redakteur beim Archi­tekten in Bonn anfing, hatte ich natürlich keine Ahnung, was sich da entwi­ckeln würde. Es war eine andere Welt: Ich arbeitete damals an einem kleinen Schreib­tisch unter dem Dach neben der Redak­ti­ons­as­sis­tentin Kerstin Pfeifer, für die besonders im Zusam­men­sein mit A.S. die Grimmsche 1.000-Worte-Regel blanke Folter gewesen wäre. A.S. war damals die Titu­lar­se­kre­tärin der Archi­tektur-Päpstin Ingeborg Flagge. Eigent­lich waren es für mich als jungem „Schrift­steller“ para­die­si­sche Zeiten in einem fast perfekten Matri­ar­chat: Ich brauchte nur zu schreiben und fremde Texte zu verbes­sern. Flagge kontak­tierte und konzi­pierte, diktierte und redi­gierte, A.S. koor­di­nierte, orga­ni­sierte, tele­fo­nierte, bestä­tigte, schrieb ab, druckte aus, legte vor, las gegen, korri­gierte, stimmte ab. Sie war damals schon die unum­schränkte Herr­scherin im opera­tiven Geschäft und ist dies – nicht nur dort – bis heute geblieben.

Zeit­gleich mit Flagges Abgang 1998 verzog sich der BDA nach Berlin, die Redaktion zog nach Köln. A.S. und ich waren – trotz eines kurzen Inter­mezzos mit Wolfgang Jean Stock als Chef­re­dak­teur – zunächst als Interims-Redaktion tätig. Gott­sei­dank wussten wir, die ehemalige Emma-Mitar­bei­terin und der junge Archi­tek­tur­his­to­riker, sehr gut, wie „Blatt­ma­chen“ und wie Redak­ti­ons­ar­beit gehen. Ein neuer Beirat half nach Kräften bei der weiteren Arbeit. Die Heraus­for­de­rungen und die Verant­wor­tung für die gesamte Zeit­schrift, die sich mir seit 2000 als neuem Chef­re­dak­teur dieser Zeit­schrift und A.S. als Chefin vom Dienst stellten, ließen uns von einander wohl­ge­son­nenen Kollegen zum Team werden: Anders wäre das Steuern des Schiffes „Architekt“ bei den immer wieder mal herr­schenden Gegen­winden kaum möglich gewesen. Im Teamwork gelang es uns, das „Blatt“, das wir heimlich immer mit der Bäcker­blume als Vorbild einer Verbands­zeit­schrift vergli­chen, in ruhigere Gewässer zu steuern.

Doch die Fast-Pleite des BDA nach dem Kongress­de­bakel 2002 hätte der Zeit­schrift – und damit A.S. und mir – beinahe die wirt­schaft­liche Existenz gekostet. Mehrere Monate, in denen keine Gehälter gezahlt wurden, hielten wir uns irgendwie mit Wech­sel­bä­dern aus Mutreden, Fata­lismus, Erspartem und Erborgtem und immer neuen humo­ris­ti­schen Kapriolen bei Laune. Auch das ist – dank dem damaligen Präsi­denten Kaspar Kraemer – gut gegangen.

Foto: Andreas Denk

Ungezählt sind die Fahrten, die A.S. und ich damals machten: von kurzen Ausflügen in die Eifel, um den Kopf an anstren­genden Arbeits­tagen frei­zu­be­kommen, bis hin zu den Reisen zu Bundes­vor­stands- und Präsi­di­ums­sit­zungen, zu BDA-Tagen, Beirats­sit­zungen, zu den Berliner Gesprä­chen und in die Landes­ver­bände. Vieles erle­digten wir im Duett: Reisen waren immer die Möglich­keit, Meinungen auszu­tau­schen, Einver­ständnis über Geschmacks­ur­teile zu treffen, Moti­va­tion zu finden, Konzepte und Stra­te­gien zu bespre­chen. Oft genug gab es schwere und anstren­gende Sitzungen, aber wir waren als Team da, und A.S.’ kommu­ni­ka­tive Fähig­keiten haben viel dazu beigetragen, die Autonomie der Redaktion zu schützen und die Qualität der Zeit­schrift zu bewahren. Unzählige anek­do­ten­reife Begeg­nungen füllen unseren gemein­samen Erfah­rungs­schatz, und zugleich die Erin­ne­rung an viele Begeg­nungen mit Menschen, die mitunter zu Freunden geworden sind. Wir, die Redaktion, wurden so mehr und mehr selbst­ver­ständ­li­cher Teil des BDA: der architekt ist heute kaum mehr aus dem Bund, aus der deutsch­spra­chigen Zeit­schrif­ten­welt und aus dem ganzen Feld der Baukultur wegzu­denken.

Nach dem Umzug der Redaktion nach Berlin spielte sich ein Großteil des Lebens von A.S. entlang der Achse Bonn-Berlin ab. Was sie in den ersten Jahren unter­haltsam fand, ist ihr in den mehr als zehn Jahren zunehmend anstren­gender geworden. Die längst erworbene Routine bei der täglichen Redak­ti­ons­ar­beit, groß­ar­tige Mitar­beiter wie Martin Seidel, Rainer Schüt­zei­chel, Silke Johannes, David Kasparek, Daniel Hubert und Juliane Richter und viele Freunde und Förderer im BDA haben uns das Leben leichter gemacht. Die Umgangs­formen, die wir uns in der Redaktion leisteten („Ihr Hasen“ und „Schatzerl“ sind übliche Anreden unter uns, Prak­ti­kanten und Volontäre wurden solange als „Knechte“ angeredet, bis sie sich selbst so bezeich­neten) dürfen unge­wöhn­lich genannt werden. Sie sind jedoch Ausdruck einer persön­li­chen Verbun­den­heit, mit der wir die Zeit­schrift damals gemacht haben und heute noch machen: So nämlich, als wäre sie unser eigenes Projekt.

Das Kommu­ni­ka­ti­ons­ta­lent A.S. funk­tio­niert übrigens bis heute. Über viele Jahre hat sie sich liebevoll, aber rigoros um Volontäre und Prak­ti­kan­tinnen gekümmert. Den Mitar­bei­te­rinnen und Mitar­bei­tern des Bundes­se­kre­ta­riats hat sie als Vertrau­ens­person mit Rat und Tat zur Seite gestanden – und so mancher kann sich noch nicht vorstellen, wie es ohne „Ali“ weiter­gehen soll. Ihre Nachfolge hat sie selbst geregelt: David Kasparek rückt an ihre Stelle, und ab dem nächsten Jahr wird unsere Volon­tärin Elina Potratz die Redak­teurs­stelle ausfüllen. Und zum Glück geht A.S. nicht ganz. Sie wird uns bei der Text­re­dak­tion von Bonn aus erhalten bleiben.

Alice Sárosi – natürlich ist sie A.S. – hat diese Zeit­schrift mit der ihr eigenen Soli­da­rität, mit poli­ti­schem Bewusst­sein und mit kritisch-konstruk­tivem Scharf­blick unendlich berei­chert. Sie hat mir in den vielen Jahren sehr oft den Rücken frei­ge­halten, und hat sogar – wenn­gleich nicht ohne Klage – meine unge­wöhn­li­chen Arbeits­weisen ertragen. Dabei hat sie durch ihr Tun nie einen Zweifel daran gelassen, dass das, wofür wir uns gemeinsam hier einsetzen, am Ende gut und sinnvoll ist. Dafür und für vieles mehr danke ich Dir herzlich, Alice.

Andreas Denk

Foto: Andreas Denk