Bauboom auf der grünen Wiese

Punkt­hoch­häuser mit Origi­nal­fas­sade, Berlin Marzahn, Foto: Nico Grunze

Es ist manchmal erstaun­lich, was aus den höchsten poli­ti­schen Kreisen zum Thema des Bauens zu vernehmen ist, so etwa kürzlich von Olaf Scholz, der auf einer Veran­stal­tung in Heilbronn von einem „Umdenken“ sprach, das hier statt­finden müsse. Auf den ersten Blick klingt dies viel­ver­spre­chend und entspricht im Grunde dem, was seit Jahren auf unzäh­ligen Archi­tek­tur­ver­an­stal­tungen disku­tiert wird. Scholz versteht jedoch unter ebenjenem „Umdenken“ vor allem, endlich die Vorbe­halte gegenüber dem Bauen auf der grünen Wiese hinter sich zu lassen und sich dort wieder der Errich­tung neuer Stadt­viertel zu widmen. Gefragt seien ange­sichts der großen Wohnungsnot rund „zwanzig neue Stadt­teile in den meist­ge­fragten Städten und Regionen“, sagte der Kanzler, „so wie in den 70er-Jahren“.

Man muss immerhin zuge­stehen: Besser als neue zerfa­serte Einfa­mi­li­en­haus­ge­biete an den Stadt­rän­dern wären verdich­tete Neubau­quar­tiere sicher­lich. Doch ist es realis­tisch, hierdurch wirklich die erhofften günstigen Wohnungen zu schaffen? Große Zweifel sind ange­bracht, denn selbst wenn die Bauland­kosten außerhalb der Stadt­zen­tren geringer sein könnten, exis­tieren weiterhin noch zahl­reiche andere Kosten­treiber. Hinzu kämen die gewal­tigen Kosten für neue Infra­struktur, denn neben Straßen, Kinder­gärten, Schulen et cetera wäre insbe­son­dere eine gute Nahver­kehrs­an­bin­dung entschei­dend, um keine abge­hängten Quartiere zu erzeugen.

Besonders bestür­zend ist jedoch, mit welcher Ignoranz hier alle Bestre­bungen, die sich auf ein natur- und klima­scho­nendes Bauen richten, komplett außer Acht gelassen wurden. Dass etwa 2022 eine Studie veröf­fent­licht wurde, die im baulichen Bestand – insbe­son­dere in Büro- und Verwal­tungs­ge­bäuden – das Potential von bis zu vier Millionen Wohnungen aufge­zeigt hat (siehe Die Architekt 3 / 2022, „Die Zukunft des Bestands“), ist hier offenbar nicht ange­kommen. Zudem will die Bundes­re­gie­rung eigent­lich bis zum Jahr 2030 den Flächen­ver­brauch auf unter 30 Hektar pro Tag verrin­gern, bis 2050 strebt sie sogar das Flächen­ver­brauchs­ziel Netto-Null an.

Was an Neubau­quar­tieren in den letzten Jahren entstanden ist, macht außerdem nicht unbedingt opti­mis­tisch, dass nicht wieder die gleiche Monotonie und Tristesse entstehen könnte wie in vielen Groß­wohn­sied­lungen der 1970er-Jahre. Und damit ist man schon bei einem weiteren großen Frage­zei­chen angelangt, das Scholz mit seinen Äuße­rungen hinter­lässt. Denn selbst wenn man davon ausgeht, dass er sich bei Wähle­rinnen und Wählern damit als „Anpacker“ beliebt machen wollte, ist vermut­lich auch dies miss­lungen. Mit dem Bezug auf die 1970er-Jahre hat er denkbar schlechte Asso­zia­tionen geweckt, und auch das „Bauen auf der grünen Wiese“ wird eigent­lich mehr­heit­lich als Negativ-Schlag­wort verwendet. Trau­ri­ger­weise traut man jemandem, der inhalt­lich und sprach­lich so herum­tram­pelt, auch kein Gespür für die komplexen sozialen, ökolo­gi­schen, städ­te­bau­li­chen und gestal­te­ri­schen Fragen zu, die mit der Erstel­lung neuer Quartiere verbunden sein müssten.

Glück­li­cher­weise geben die Äuße­rungen der Baumi­nis­terin Klara Geywitz wieder ein wenig Anlass zur Hoffnung. Beim „Zukunft Bau Kongress“ äußerte sie Ende November den Wunsch nach einem größeren Problem­be­wusst­sein für die Klima­folgen des Bauens in der Öffent­lich­keit und hob hervor, dass die Bewertung der Klima­freund­lich­keit nicht nur anhand der Ener­gie­ef­fi­zienz statt­finden sollte. Mit dem Ziel, inno­va­tive Lösungen für weltweit klima­neu­trales und ressour­cen­ef­fi­zi­entes Bauen zu entwi­ckeln, wurden nun Bundes­mittel für den Aufbau eines Bundes­for­schungs­zen­trums bereit­ge­stellt – viel­leicht könnten neue Quartiere zumindest als wirkliche Expe­ri­men­tier­felder hierfür dienen.

Punkt­hoch­häuser mit Origi­nal­fas­sade, Berlin Marzahn, Foto: Nico Grunze