Bewusst ins Ungewisse

Foto: mju-Foto­grafie, Marie Luisa Jünger

„Prognosen sind schwierig, besonders, wenn sie die Zukunft betreffen“. Woher dieses Zitat stammt, ist nicht bekannt, aber es bringt gut die Unsi­cher­heit und die Gefahr der Fehl­ein­schät­zungen auf den Punkt, die jede Debatte über die Zukunft begleitet. Auch in unseren Städten brechen momentan alte Gewiss­heiten weg und hinter­lassen im wört­li­chen wie im über­tra­genen Sinne leere Räume, die zur Speku­la­tion über Künftiges anregen: Geschäfte und Kauf­häuser in der Innen­stadt verwaisen, weil der statio­näre Handel schwindet, Kirchen fallen leer, weil die Zahl der Gläubigen sinkt, und Schwimm­bäder sind von Schlie­ßungen bedroht, weil Betrieb und Instand­hal­tung für viele Kommunen nicht mehr finan­zierbar sind.

Mit diesen Verän­de­rungen ist die Frage verbunden, welche Räume wir als Gesell­schaft heute und in Zukunft brauchen – und für wen. Und wie hier abgewogen werden kann zwischen öffent­li­chem Interesse und wirt­schaft­li­cher Verwert­bar­keit, zwischen kollek­tiven Bedürf­nissen und indi­vi­du­ellen Inves­ti­ti­ons­ent­schei­dungen.

Hinzu kommt besagte Unge­wiss­heit über die lang­fris­tige Entwick­lung: Welche Nutzungen sind zukunfts­fähig, welche unwie­der­bring­lich verloren? Wäre für manche Orte eine Trend­um­kehr denkbar – könnten etwa Schwimm­bäder in extremen Hitze­pe­ri­oden und durch güns­ti­gere Ener­gie­quellen wieder mehr Bedeutung erlangen? Oder haben sich bestimmte Konzepte, wie beispiels­weise der Einzel­handel in den Innen­städten, endgültig überlebt, weil sich Lebens­ge­wohn­heiten grund­le­gend verändert haben? Darüber hinaus besteht natürlich auch die Möglich­keit, dass sich die Dinge deutlich weniger eindeutig und gerad­linig entwi­ckeln. 

Und auch wenn für leer­ge­fal­lene Räume neue Misch‑, Hybrid- oder Umnut­zungen gefunden werden, heißt das nicht auto­ma­tisch, dass sie Bestand haben. Manche Expe­ri­mente werden scheitern, nicht jede leer­ste­hende Kirche wird eine kultu­relle oder soziale Nutzung finden, nicht jede Innen­stadt lässt sich in wenigen Jahren in einen viel­fäl­tigen Begeg­nungs­raum verwan­deln. In vielen Fällen wird sich erst mit der Zeit zeigen, welche Lösungen wirklich funk­tio­nieren.

Das beißt sich oft mit der Erwar­tungs­hal­tung, die von schnellen Lösungen träumt. Gerade in Zeiten des Umbruchs könnte es daher ratsam sein, nicht nur nach vorn zu blicken, sondern auch zu verstehen, was verschwindet. Denn ohne ein Bewusst­sein für den Wert dieser Räume bleibt ihre Trans­for­ma­tion beliebig. Und am Ende entscheidet weniger ein lang­fris­tiger Master­plan über die Zukunft der Städte als die Frage, welche Spiel­räume heute genutzt – oder eben verspielt – werden.

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Foto: mju-Foto­grafie, Marie Luisa Jünger