Entschei­dungs­ar­chi­tektur

Das Thema der Gewohn­heit wurde in den letzten Jahren in zahl­rei­chen popu­lär­wis­sen­schaft­li­chen Publi­ka­tionen rauf und runter gejagt: Titel wie „The Power of Habit“ (Charles Duhigg), „Tiny Habits“ (B. J. Fogg) oder „Atomic Habits“ (James Clear) gehören zu den erfolg­reichsten. Wie die meisten Ratgeber zielen sie jedoch vor allem auf das Indi­vi­duum ab, also darauf, wie jeder Mensch für sich persön­lich Gewohn­heiten ablegen oder neu etablieren kann. Doch jenseits von „zu viel Scho­ko­lade essen“ oder „zu wenig Sport treiben“ stehen durch die Klima­krise noch ganz andere Gewohn­heiten zur Debatte, deren Folgen deutlich gravie­render sind: etwa unsere Mobilität, unser Flächen­ver­brauch, unser Konsum. Solche gesell­schaft­li­chen Gewohn­heiten mani­fes­tieren sich räumlich – und können dementspre­chend auch räumlich beein­flusst werden. Etwa ganz banal durch die Plat­zie­rung nach­hal­tiger Produkte im Laden. Für solche Voraus­set­zungen im Design, physisch wie auch digital, prägten der Verhal­tens­ökonom und Nobel­preis­träger Richard Thaler sowie der Rechts­wis­sen­schaftler Cass Sunstein den Begriff der „Choice Archi­tec­ture“. Er beschreibt, dass Entschei­dungen – wie auch Gewohn­heiten – nie im luft­leeren Raum entstehen, sondern immer innerhalb eines struk­tu­rellen und gestal­te­ri­schen Rahmens.

Über­zeu­gung und Willens­kraft spielen in der Regel eine unter­ge­ord­nete Rolle bei lang­fris­tigen Gewohn­heits­än­de­rungen. Waschsaal im Studie­ren­den­wohn­heim ROM.HOF, Uwe Schröder Architekt, Foto: Achim Kukulies

Eine etwas enttäu­schende, aber womöglich auch entlas­tende Erkenntnis aus der Verhal­tens­psy­cho­logie ist, dass Über­zeu­gung und Willens­kraft in der Regel eine unter­ge­ord­nete Rolle spielen, um lang­fris­tige Verhal­tens­än­de­rungen einzu­leiten (bei einma­ligen Entschei­dungen funk­tio­niert Über­zeu­gung deutlich besser). Ausschlag­ge­bend sind meist andere Faktoren, etwa die Energie oder Mühe, die es erfordert, eine Sache zu tun – in der Psycho­logie spricht man von „Friktion“: je weniger Friktion, desto größer die Wahr­schein­lich­keit, dass sich eine Verhal­tens­weise zur Gewohn­heit entwi­ckelt. Umgekehrt kann man unge­wünschten Verhal­tens­weisen Friktion hinzu­fügen, um sie sich abzu­ge­wöhnen.

Eine weitere wichtige Rolle bei der Ausbil­dung neuer Routinen spielt Belohnung: Die Ausschüt­tung von Dopamin signa­li­siert dem Gehirn, dass eine Handlung zu einem positiven Ergebnis geführt hat, oder führen könnte. Dadurch wird sie eher wieder­holt. Aller­dings reagiert das Beloh­nungs­system stärker auf unmit­tel­bare Reize als auf lang­fris­tige Erfah­rungen. Ein unge­wohntes Verhalten muss also möglichst zeitnah positive Reize auslösen – sich jetzt gut anfühlen –, damit sich das alte nicht wieder durch­setzt.

Diese wissen­schaft­li­chen Erkennt­nisse zur Etablie­rung von Gewohn­heiten lassen sich in gewisser Weise auch auf Archi­tektur über­tragen. Für Plane­rinnen und Planer könnte das heißen: Es reicht nicht, rationale Argumente zu liefern. Das Neue muss – und zwar in Konkur­renz zur alten Gewohn­heit – unmit­telbar angenehme Gefühle auslösen und sinnlich über­zeugen. Das gilt beispiels­weise für Trep­pen­steigen genauso wie für das Teilen von Räumen, die Verwen­dung von Regen­wasser oder die saisonale Nutzung unbe­heizter Raumzonen. Viel­leicht liegt darin eine zentrale Aufgabe einer Archi­tektur der verän­derten Gewohn­heiten: Räume zu schaffen, die neue Dinge schöner, näher oder bequemer machen und damit ganz beiläufig andere Routinen entstehen lassen.

Über­zeu­gung und Willens­kraft spielen in der Regel eine unter­ge­ord­nete Rolle bei lang­fris­tigen Gewohn­heits­än­de­rungen. Waschsaal im Studie­ren­den­wohn­heim ROM.HOF, Uwe Schröder Architekt, Foto: Achim Kukulies