Ein Berliner Versuch

Serieller und modularer Schulbau

Bruno Fioretti Marquez Archi­tekten, vier­zü­gige modulare Grund­schule, Berlin 2018 – 2023, Syste­matik, Varia­tionen des Programms, Abb.: BFM

„Man kann sich die Welt nicht so backen, wie man sie sich wünscht. Ich hätte es auch schöner gefunden, wenn wir schon vor zehn Jahren mit der Schul­bau­of­fen­sive begonnen hätten.“ Die Berliner Senats­bau­di­rek­torin Regula Lüscher sitzt im Café Einstein am momentan gar nicht so pracht­vollen Boulevard Unter den Linden. Eine U‑Bahn-Linie wird derzeit fertig gebaut. Endlich, muss man sagen, schließ­lich wurde die Fort­füh­rung der U5 vom Alex­an­der­platz bis zum Haupt­bahnhof bereits 1995 begonnen. Manche Dinge in Berlin dauern eben länger. U‑Bahnlinien, Flughäfen, Schul­bau­of­fen­siven glei­cher­maßen wie die Halb­wert­zeit der Witze über all das.

Bruno Fioretti Marquez Archi­tekten, vier­zü­gige modulare Grund­schule, Berlin 2018 – 2023, Syste­matik, Varia­tionen des Programms, Abb.: BFM

Dennoch: Berlin boomt, die Stadt wächst an allen Ecken und Enden. Das zwingt die Verwal­tung der Haupt­stadt nicht nur über bezahl­baren Wohnraum für alle nach­zu­denken, sondern auch über entspre­chende Schul­bauten – und am Ende dazu beides bauen zu müssen. „Man könnte auch sagen: bauen dürfen“, sagt Lüscher zwischen zwei Schlucken Latte Macchiato. Gut, dass Annegret Kramp-Karren­bauer das jetzt nicht gesehen hat. Die Heraus­for­de­rung, vor der Lüscher und ihre Abteilung stehen, ist gewaltig. „Wir müssen innerhalb kürzester Zeit sehr, sehr viele Schule bauen. Allein die Senats­ver­wal­tung für Stadt­ent­wick­lung – also unser Hoch­bau­be­reich – wird bis 2023 / 24 mit dem Bau von insgesamt 39 Schulen beginnen.“ Im Rahmen dieser Schul­bau­of­fen­sive über sechzig neue Schulen gebaut werden.

Bruno Fioretti Marquez Archi­tekten, vier­zü­gige modulare Grund­schule, Berlin 2018 – 2023, Syste­matik, Varia­tionen des Programms, Abb.: BFM

5,5 Milli­arden Euro stehen dafür zur Verfügung, die ersten zehn Schulen werden derzeit errichtet oder befinden sich in den finalen Zügen der Planung. Da der Senat zum Zeitpunkt der Geneh­mi­gungs­pla­nung das neue Muster­raum­pro­gramm noch nicht verab­schiedet hatte, mussten diese Schul­häuser dem neuen Ideal noch nicht entspre­chen – „in weiten Teilen entspre­chen sie diesem trotzdem“, wie Lüscher einwendet. Für jede dieser zehn Schulen gab es einen indi­vi­du­ellen Archi­tek­ten­wett­be­werb. Inzwi­schen aber ist das neue Muster­raum­pro­gramm beschlossen. Damit will sich die Stadt ebenfalls von den Flur­schulen im herkömm­li­chen Sinne verab­schiedet haben. Die Klassen arbeiten nun in einem Lernhaus in soge­nannten Compart­ments zusammen. In diesen Abtei­lungen soll ein freieres Lernen mit indi­vi­dua­li­sierten und unter­schied­li­chen Lern­formen möglich gemacht werden.

Bruno Fioretti Marquez Archi­tekten, vier­zü­gige modulare Grund­schule, Berlin 2018 – 2023, KOnstruk­tion, Abb.: BFM

Also hat Berlin im Sommer 2018 neben indi­vi­du­ellen Konkur­renzen auch zwei nicht­of­fene Reali­sie­rungs­wett­be­werbe ausgelobt, in denen die teil­neh­menden Büros Vorschläge für eine drei- und eine vier­zü­gige Grund­schule entwi­ckeln sollten – jeweils als modulare Typen­bauten mit seriell vorge­fer­tigten Bauteilen und ergänzt um eine Sport­halle in gleicher Bauweise. „Gerade in den neuen Stadt­vier­teln, die wir entwi­ckeln, sind Typen­ent­würfe möglich“, findet Senats­bau­di­rek­torin Lüscher. Dabei seien es weniger die allseits propa­gierten Spar­po­ten­tiale gewesen, die zu dieser Wett­be­werbs­grund­lage geführt hätten. „Es geht vor allem um den Faktor Zeit. Hinsicht­lich Planung und serieller Vorfer­ti­gung spricht aber auch der Kosten­faktor für dieses Vorgehen. Das wurde bereits bei den modularen Ergän­zungs­bauten für bestehende Schulen erkannt, die wir in jüngster Vergan­gen­heit reali­siert haben.“ Ein Mitglied der Jury, die Anfang Dezember über den Wett­be­werbs­ge­winn beschied, bezwei­felte dies jedoch schon in der Jury-Sitzung. Die Grund­stücke seien schlicht zu unter­schied­lich, als dass die Planung mit derart wenig auf den Ort ange­passter Indi­vi­dua­li­sie­rung auskäme. Die drei­zü­gige Schule soll schließ­lich fünf‑, die vier­zü­gige sechsmal gebaut werden – jeweils noch einmal so viele Reali­sie­rungen sind laut Senats­ver­wal­tung für Stadt­ent­wick­lung und Wohnen außerdem vorstellbar. Die Archi­tekten sind Gene­ral­planer, der Bau erfolgt in Amtshilfe durch die Senats­ver­wal­tung für Stadt­ent­wick­lung und Wohnen.

Als Sieger für die drei­zü­gige Schule ging das Büro h4a Gessert + Randecker (Düssel­dorf / Stuttgart) aus dem Wett­be­werb hervor, für die vier­zü­gige Bruno Fioretti Marquez Archi­tekten (Berlin). Derzeit läuft das ange­schlos­sene Verga­be­ver­fahren. Für Lüscher eine logische Folge: „Der Typen­ent­wurf hat den Vorteil, dass man nur einmal entwerfen muss, ein Verga­be­ver­fahren bietet gleich­zeitig aber die Möglich­keit, den Entwurf in einem gewissen Maße anzu­passen.“

Bruno Fioretti Marquez Archi­tekten, vier­zü­gige modulare Grund­schule, Berlin 2018 – 2023, Abb.: BFM

Der 2. Preis im Wett­be­werb um die drei­zü­gige Schule jeden­falls ging an Herbst Kunkler Archi­tekten und aim busse archi­tekten inge­nieure (Berlin), der 3. Preis an Bruno Fioretti Marquez Archi­tekten. Dazu wurden Aner­ken­nungen an erchinger wurfbaum archi­tektur Müntinga + Puy (Berlin) sowie an PPAG archi­tects (Wien) ausge­spro­chen. Im anderen Vergleich ging der 2. Preis an Ackermann + Raff Archi­tekten (Stuttgart), der 3. Preis an PPAG archi­tects und je eine Aner­ken­nung an AFF archi­tekten und huber staudt archi­tekten (beide Berlin). Im Vorfeld war Kritik am Verfahren aufge­kommen. Reiner Nagel, Vorstands­vor­sit­zender der Bundes­stif­tung Baukultur sprach davon, dass die „Archi­tekten hier von der Verwal­tung schlecht behandelt“ werden: „Wenn man so ein Thema wie ‚seriellen Schulbau‘ angeht, müsste man als Verwal­tung im Grunde auch bereit sein, die im Wett­be­werb gefundene Typen­lö­sung wegen der Schwie­rig­keit und der Krea­ti­vität nach Hono­rar­zone fünf – also besonders hohe Planungs­an­for­de­rungen – zu bezahlen, und alles weitere beispiels­weise mit Stun­den­ho­no­raren zu beglei­chen.“ Für Nagel eine Frage der Fairness: „Man kann nicht billig einkaufen, sich dann frei bewegen und behaupten, man bräuchte keine Archi­tekten mehr. Dann haben wir ein Problem. Das meine ich nicht berufs­stän­disch, sondern inhalt­lich und sachlich: Man kann die Leute nicht ohne Beglei­tung mit dem Produkt Schule laufen lassen, das ist immer ein plane­risch ‚bemanntes Produkt‘.“

Bruno Fioretti Marquez Archi­tekten, vier­zü­gige modulare Grund­schule, Berlin 2018 – 2023, Syste­matik, Varia­tionen des Programms, Grundriss 1. OG, Abb.: BFM

Martin Gessert sieht das weniger kritisch, Verga­be­ver­fahren gehören für ihn zum täglich Brot: „Wir haben den Wett­be­werb für die drei­zü­gigen Grund­schulen gewonnen, das VgV-Verfahren ist aber noch nicht abge­schlossen. Wir wissen noch von keinem offi­zi­ellen Ergebnis. Wir hoffen, dass wir das machen dürfen und gehen, vorsichtig opti­mis­tisch, auch davon aus“, berichtet er am Telefon. Simone Jeska, verant­wort­lich für den Bereich „Commu­ni­ca­tions“ im Büro Bruno Fioretti Marquez Archi­tekten, erklärt auf Nachfrage: „Wir werden bis zur Leis­tungs­phase 4 beauf­tragt, sowie mit der Entwick­lung der Leit­de­tails und Teil­leis­tungen der Leis­tungs­phasen 5 bis 9.“ Martin Gessert führt aus: „Wir werden verschie­dene Varianten für unter­schied­liche Grund­stücke entwi­ckeln. Der Typen­ent­wurf bietet die Möglich­keit, eine Leit­de­tail­pla­nung vorzu­geben, die tief­ge­hend ist und die erfor­der­li­chen Quali­täten hinrei­chend beschreibt.“ Sein Büro h4a hat bereits andere Schulen im Bundes­ge­biet in ähnlichen Verfahren entwi­ckelt. Von der Detail­qua­lität, auch in der Ausfüh­rung, seien die Ergeb­nisse so, „dass man damit zufrieden sein kann.“

Bruno Fioretti Marquez Archi­tekten, vier­zü­gige modulare Grund­schule, Berlin 2018 – 2023, Syste­matik, Varia­tionen des Programms, Grundriss EG, Abb.: BFM

„Das von uns entwi­ckelte Entwurfs­kon­zept ist auf fünf bis maximal zehn Schul­stand­orte beschränkt. Die Schulen werden an die Standorte angepasst, die Frei­an­lagen beispiels­weise indi­vi­duell geplant. Auch damit modi­fi­zieren sich die Schulen je nach Grund­stück.“ Ein grund­le­gendes Problem mit dem Verfahren hat Gessert nicht. Für ihn über­wiegen die Chancen. Die modulare Bauweise hat für ihn den Vorteil, dass man sehr schnell bauen könne – „in der Theorie auch durchaus wirt­schaft­lich“, wie er einschiebt. Der Architekt erklärt: „Die Seria­lität bietet uns die Möglich­keit zu einer inten­siven und detail­scharfen Planung. Das betrifft die Module, die räumliche Konfi­gu­ra­tion sowie die Mate­ria­lien bis in die Details.“ Welche Quali­täten ähnlich gelagerte Projekte haben können, zeige sich, so Martin Gessert, auch an den modularen Schulen, die Wulf Archi­tekten zwischen 2011 und 2017 für München reali­sierten: „Innen­räum­lich sind das sehr schöne Schulen, die zudem gut funk­tio­nieren.“

Bruno Fioretti Marquez Archi­tekten, vier­zü­gige modulare Grund­schule, Berlin 2018 – 2023, Syste­matik, Varia­tionen des Programms, Konstruk­tion Fassade, Abb.: BFM

Denkt man an die letzte Phase seriell und modular geplanter Typen­bauten, fällt der Blick fast auto­ma­tisch in die 1970er-Jahre. Etliche Bauten wurden damals unter fast iden­ti­schen Vorzei­chen geplant und reali­siert wie heute. Kosten- und Zeitdruck bildeten die Hinter­grund­folie, Archi­tek­tinnen und Archi­tekten dachten die Indus­tria­li­sie­rung des Baupro­zesses konse­quent weiter. Viele der damals entstan­denen Häuser erfreuten sich in der Bürger­schaft jedoch ebenso wenig eines guten Rufs wie ihre Halb­wert­zeit von großer Dauer war. Aus unter­schied­li­chen Gründen sind inzwi­schen viele Schul­häuser aus dieser Epoche abge­rissen und durch Neubauten ersetzt – anderen, wie der Lenau-Grund­schule in Berlin Kreuzberg, stehen aufwen­dige Abbruch­ar­beiten noch bevor.

Während etwa beim Bau der Ober­stu­fen­zen­tren – wie dem Neubau des Ober­stu­fen­zen­trums für Körper­pflege von farwick+grote archi­tekten BDA Stadt­planer in Berlin-Char­lot­ten­burg (2005 – 2008) – in den 2000er Jahren auch beschleu­nigte Prozesse auf Verwal­tungs­seite angelegt wurden, steht ähnliches für die aktuellen Verfahren nicht zur Diskus­sion. Für die Schü­le­rinnen und Schüler der Lenau-Schule sowie das Lehr­per­sonal hat das eine Umquar­tie­rung zur Folge, von der der Bezirks­stadtrat in der Abteilung für Wirt­schaft, Ordnung, Schule und Sport, Andy Hehmke, und Mark Rackles, Staats­se­kretär in der Senats­ver­wal­tung für Bildung, Jugend und Familie (beide SPD), lapidar von „Umla­ge­rung“ sprechen. Gerade so, als ginge es hier um einige Kartons voller Akten, die man nun für eine gewisse Zeit eben etwas enger zusam­men­rü­cken könne, weil man sie in den kommenden Jahren nicht dringlich braucht.

h4a Gessert + Randecker Archi­tekten, drei­zü­gige modulare Grund­schule, Syste­matik und Varia­tionen des Programms, Berlin 2018 – 2023, Abb.: h4a

Verkürzte Verfahren aber, wie sie bei den Ober­stu­fen­zen­tren in den 2000er Jahren durch­ge­führt wurden, können aus haus­halts­recht­li­chen Gründen nicht mehr vollzogen werden. Regula Lüscher erklärt: „Das Verfahren der teil­weisen Freigaben bietet Risiken. Der letzte Fall, bei dem wir das ange­wendet haben, war die Sanierung der Staats­oper Unter den Linden – dort waren wir sehr unter Zeitdruck. Zu was das geführt hat, ist bekannt.“ Statt im Herbst 2013 konnte das Ensemble die Oper erst gut vier Jahre später, im Dezember 2017, wieder im offi­zi­ellen Betrieb bespielen. Die ange­peilten Baukosten von 239 Millionen Euro stiegen auf rund 440 Millionen Euro an. Für die nun anste­henden Schulen müssen immerhin nicht mehr zwei Baupla­nungs­vor­lagen erstellt werden – also eine Vorpla­nung (VPU) und eine Baupla­nung (BPU) –, sondern nur noch eine, die soge­nannte „Erwei­terte Vorpla­nungs­un­ter­lage (EVU)“. „Dadurch verkürzen sich die Planungs­zeiten“, so Lüscher, und man könne „die Planenden ohne Unter­bre­chung weiter beauf­tragen, auch wenn die Planungs­un­ter­lagen noch nicht durch das Parlament genehmigt sind.“

h4a Gessert + Randecker Archi­tekten, drei­zü­gige modulare Grund­schule, Visua­li­sie­rung, Berlin 2018 – 2023, Abb.: h4a

Die Entwürfe selbst machen sich dabei die Vorgaben hinsicht­lich Seria­lität und Modu­la­rität durchaus charmant zunutze. Bruno Fioretti Marquez schlagen einen Stahl­beton-Skelettbau aus Fertig­teil-Stützen und Halb­fer­tig­teil-Decken­ele­menten vor, die zur Ausstei­fung um massive beto­nierte Aufzugs- und Trep­pen­haus­kerne ergänzt werden. Auf zusätz­liche Beplan­kungen oder Beschich­tungen der Rohbau­teile wird verzichtet. Der Entwurf entwi­ckelt sich auf einem Konstruk­ti­ons­raster von 8,25 x 8,25 Metern, Stahl­ver­bund­stützen mit einem Quadrat­profil-Quer­schnitt von 30 x 30 Zenti­me­tern in den Ober­ge­schossen und Walz­profil-Quadrat­rohre HEB 300 im Erdge­schoss sorgen für gleich dimen­sio­nierte Quer­schnitte. Darauf werden Unterzug-freie Fertig­teil­de­cken­ele­mente aufgelegt, die mit Ortbeton ergänzt werden. Auch die Fassa­den­ele­mente werden als Sandwich-Bauteile vorge­fer­tigt, deren gedämmte Brüs­tungs­be­reiche mit verschie­denen Außen­ma­te­ria­lien belegt werden können. In den ersten Visua­li­sie­rungen waren das zum einen Holz, zum anderen klein­tei­lige Kera­mik­fliesen.

Das vorge­schla­gene Raster ermög­licht verschie­dene Varia­tionen der Module: gegen­ein­ander verschoben, gestapelt oder gespie­gelt. Ein Compart­ment setzt sich hier aus zwei Unter­richts­be­rei­chen zusammen, die jeweils aus drei Stamm­grup­pen­räumen, zwei unter­schied­lich großen Teilungs­räumen und einem zentralen Forum als pädago­gi­sche wie räumliche Mitte bestehen. Ergänzt wird das jeweils um WCs, Neben- und Teamräume und eine Flucht­treppe. Ein Trep­pen­modul verbindet die gesta­pelten oder in der Ebene zuein­ander gestellten Compart­ment-Module mitein­ander und mit dem Gemein­schafts­be­reich im Erdge­schoss. Er beher­bergt Mensa, einen ange­schlos­senen und zuschalt­baren Mehr­zweck­raum, Küche, Fundus und Möbel­lager. Ergän­zende Bausteine dieser Syste­matik sind Schul­ver­wal­tung, Sozial- und Inklu­si­ons­ar­beit, Fach­klassen- und Biblio­theks­räume, die sich sinn­fällig auf den Geschossen der Schul­häuser verteilen.

h4a Gessert + Randecker Archi­tekten, drei­zü­gige modulare Grund­schule, Grundriss EG, Berlin 2018 – 2023, Abb.: h4a

Das Team von h4a um Martin Gessert setzt auf eine tragende Fassade in Holz­rah­men­bau­weise. Voll­holz­stützen mit gedämmten Zwischen­räumen bilden die vorge­fer­tigten Fassa­den­ele­mente, die sowohl als Variante mit stehenden Öffnungs­ele­menten wie als Band­fas­sade ausfor­mu­liert werden können. Wie die Fassa­den­ele­mente sollen auch die Decken vorge­fer­tigt werden – hier jedoch als Holz­ver­bund­de­cken mit drei Metern Breite, die auf Holz­träger aufgelegt werden. Auch hier bilden zwei Unter­richts­be­reiche zu je 550 Quadrat­me­tern Grund­fläche ein Compart­ment. Drei Stamm­gruppen- und zwei Teilungs­räume reihen sich entlang eines L um ein Forum. An einer gemein­samen Mittel­achse aus Team‑, Ruhe- und Neben­räumen sowie einem verglasten Lichthof wird dieses Element schließ­lich gespie­gelt. Verbunden mit einem Erschlie­ßungs­ele­ment lassen sich die Regel­ge­schosse mit dem Gemein­schafts­be­reich im Erdge­schoss verbinden und ebenfalls unter­schied­lich mitein­ander kombi­nieren: gestapelt, gespie­gelt, versetzt, gereiht oder verdreht.

Beide Entwürfe werden dem aktuellen pädago­gi­schen Konzept auf angenehm unprä­ten­tiöse Weise gerecht. Die Maßgaben aus dem Wett­be­werb, einen Typenbau mit seriell vorge­fer­tigten Bauele­menten zu konzi­pieren, finden ihre Entspre­chung in Konstruk­tion und Mate­ri­al­wahl. Angst, wieder die gleichen Fehler wie in den 1970er Jahren zu machen, haben weder Martin Gessert noch Regula Lüscher. Gessert etwa erläutert: „Viele Schulen aus den 1970er Jahren, die modular entworfen und gefertigt sind, haben immer noch eine hohe räumliche Qualität. Vor allem die aktuellen pädago­gi­schen Konzepte aber lassen diese Häuser als Flur­schulen überholt wirken.“ Wenn diese Schulen als System nicht flexibel genug seien, werde es schwer, sie aktuellen Bedürf­nissen anzu­passen. Das gelte aber genauso für Schulen aus den 1950er- und 1960er-Jahren sowie aus anderen Epochen, so Gessert. Er führt aus: „Ich glaube nicht, dass wir es nur mit einem Problem der 1970er-Jahre zu tun haben. Das Problem dieser Schulen ist die Detail­aus­bil­dung, die verwen­deten Baustoffe – und dass an diesen Schul­bauten syste­ma­tisch keine Instand­hal­tung betrieben wurde.“ Die Berliner Senats­bau­di­rek­torin stößt ins gleiche Horn: „Das Problem vieler Bauten aus den 1970er Jahren sind nicht die Details und der Grad der Ausfüh­rung, sondern die verbauten Baustoffe wie Asbest oder Mängel bei der Lüftungs­technik. Heute hat man ganz andere Standards. Wir leben in einer anderen Zeit, mit einer anderen Sensi­bi­lität als noch in den 1970er Jahren.“

h4a Gessert + Randecker Archi­tekten, drei­zü­gige modulare Grund­schule, Grundriss 1. OG, Berlin 2018 – 2023, Abb.: h4a

So möchte man meinen, dass die betei­ligten Archi­tek­tinnen und Archi­tekten eher dem Verfahren zum Trotz gute Entwürfe abge­lie­fert haben. Martin Gesserts Meinung dazu ist klar: „Entschei­dend bei diesem Verfahren ist, dass eine Stadt wie Berlin ihrer riesigen Aufgabe gerecht wird, innerhalb kurzer Zeit gut zu bauen. Die Bauver­wal­tungen haben natürlich das gleiche Problem wie alle Archi­tek­tur­büros: Gutes Personal ist einfach unglaub­lich knapp. Die Chance, vor diesem Hinter­grund quali­tativ gut zu bauen, ist durch das Verfahren und die Modu­la­rität des Entwurfs gegeben.“ Regula Lüscher unter­mauert diesen Anspruch: „Die Archi­tekten werden im ganzen Prozess eine Art von baukünst­le­ri­scher Ober­lei­tung innehaben. Sie sind bis zum Schluss einge­bunden. Das ist ein Teil der Quali­täts­kon­trolle, die auch für uns sehr wichtig ist.“

Für Martin Gessert findet sich dieser Quali­täts­an­spruch genau in der Seria­lität des Entwurfs: „Man kann ein Modul, eine Schule opti­mieren. Und das in einer hohen Qualität, die bei fünf gleich­zeitig ablau­fenden Verfahren nicht in der Form gewähr­leistet wäre. Da kämen dann womöglich zwei gute und drei weniger gute Entwürfe heraus. So aber kann man fünf Mal zu gleicher Qualität bauen.“ Dieses Argument freilich lässt sich ebenso gut umkehren. Schließ­lich bleiben Risiken. Lassen sich bei der aktuellen konjunk­tu­rellen Lage überhaupt ausfüh­rende Baufirmen finden, die glei­cher­maßen die nötige hand­werk­liche Qualität wie Sicher­heit hinsicht­lich der ambi­tio­nierten Zeit­pla­nung gewähr­leisten oder bleiben die Hoff­nungen am Ende doch auf der Strecke und alle Äuße­rungen nur Lippen­be­kennt­nisse? Ergebnis könnten also abseits der Qualität des Entwurfs dennoch fünf schlechte Schulen sein, die eben zur gleichen (minderen) Qualität ausge­führt wurden. Noch lässt sich das nicht bewerten, der Wille, es dieses Mal besser zu machen als in der Vergan­gen­heit, scheint gegeben. So schließt Regula Lüscher im Café Einstein: „Risikolos bin ich nur, wenn ich gar nicht plane und baue.“

Dipl.-Ing. David Kasparek (*1981) studierte Archi­tektur in Köln. Er war als Grün­dungs­partner des Gestal­tungs­büros friedwurm: Gestal­tung und Kommu­ni­ka­tion als freier Autor, Grafiker und Jour­na­list tätig. Nach einem Volon­ta­riat und freier Mitarbeit bei der architekt ist er seit 2008 Redakteur dieser Zeit­schrift, seit Anfang 2019 als Chef vom Dienst. David Kasparek moderiert mit wech­selnden Gästen die Gesprächs­reihe „neu im club im DAZ-Glashaus“, die neu in den BDA berufene Mitglieder vorstellt. Er lebt und arbeitet in Berlin.

 

Bruno Fioretti Marquez Archi­tekten, vier­zü­gige modulare Grund­schule, Berlin 2018 – 2023, Syste­matik, Varia­tionen des Programms, Abb.: BFM
Bruno Fioretti Marquez Archi­tekten, vier­zü­gige modulare Grund­schule, Berlin 2018 – 2023, Syste­matik, Varia­tionen des Programms, Abb.: BFM
Bruno Fioretti Marquez Archi­tekten, vier­zü­gige modulare Grund­schule, Berlin 2018 – 2023, Syste­matik, Varia­tionen des Programms, Abb.: BFM
Bruno Fioretti Marquez Archi­tekten, vier­zü­gige modulare Grund­schule, Berlin 2018 – 2023, KOnstruk­tion, Abb.: BFM
Bruno Fioretti Marquez Archi­tekten, vier­zü­gige modulare Grund­schule, Berlin 2018 – 2023, Abb.: BFM
Bruno Fioretti Marquez Archi­tekten, vier­zü­gige modulare Grund­schule, Berlin 2018 – 2023, Syste­matik, Varia­tionen des Programms, Grundriss 1. OG, Abb.: BFM
Bruno Fioretti Marquez Archi­tekten, vier­zü­gige modulare Grund­schule, Berlin 2018 – 2023, Syste­matik, Varia­tionen des Programms, Grundriss EG, Abb.: BFM
Bruno Fioretti Marquez Archi­tekten, vier­zü­gige modulare Grund­schule, Berlin 2018 – 2023, Syste­matik, Varia­tionen des Programms, Konstruk­tion Fassade, Abb.: BFM
h4a Gessert + Randecker Archi­tekten, drei­zü­gige modulare Grund­schule, Syste­matik und Varia­tionen des Programms, Berlin 2018 – 2023, Abb.: h4a
h4a Gessert + Randecker Archi­tekten, drei­zü­gige modulare Grund­schule, Visua­li­sie­rung, Berlin 2018 – 2023, Abb.: h4a
h4a Gessert + Randecker Archi­tekten, drei­zü­gige modulare Grund­schule, Grundriss EG, Berlin 2018 – 2023, Abb.: h4a
h4a Gessert + Randecker Archi­tekten, drei­zü­gige modulare Grund­schule, Grundriss 1. OG, Berlin 2018 – 2023, Abb.: h4a