Ein entschleu­nigtes Stück Stadt

TELEIN­TER­NET­CAFE im Gespräch mit David Kasparek

Das „Labor“ im Krea­tiv­quar­tier München

David Kasparek: Wir haben das Krea­tiv­quar­tier in München bereits in unserer Zeit­schrift vorge­stellt (der architekt 2/14) und nun wurde es auf dem Berliner Gespräch des BDA im Dezember letzten Jahres Thema. Ihr Entwurf, gemeinsam mit Treibhaus Land­schafts­ar­chi­tekten (Hamburg), gleicht eher einem stra­te­gi­schen Vorschlag denn einer städ­te­bau­li­chen Planung. Die Betei­ligten vor Ort – Stadt, Planer und lokale Akteure – müssen bei diesem Vorgehen viel Geduld mitbringen. Die Strategie sieht vor, dass die Teil­be­reiche des Gebiets in unter­schied­li­chen Geschwin­dig­keiten entwi­ckelt werden, nur zwei der vier Teil­be­reiche werden unmit­telbar bebaut. Wie ist der aktuelle Stand der Entwick­lung?
Verena Schmidt:
Basierend auf unserer Rahmen­pla­nung werden derzeit die Bebau­ungs­pläne für die ersten beiden Teil­be­reiche erstellt. Der Auftrag für die Bebaunngs­pla­nung wurde an ein Münchner Büro vergeben. Wir selber hatten uns nicht darauf beworben, weil das – bisher – schlicht nicht unsere Expertise ist.

Wie ist die Rolle von Telein­ter­net­cafe denn im Moment?
Verena Schmidt:
Die Planungen werden von einem Bera­ter­gre­mium begleitet, dem wir neben anderen Archi­tekten, Stadt­pla­nern und Vertre­tern aus der Verwal­tung und der Politik angehören. Über dieses Gremium haben wir Einblick in die aktuellen Gescheh­nisse und können unser Konzept weiterhin hoch­halten.

Besitzen Sie in diesem Gremium eine Art Veto-Recht?
Verena Schmidt:
Nein. Aber in diesem Gremium geht es darum, in der Summe der Teil­nehmer, die Idee des Konzepts zu vertreten.

Wer sind die anderen Bera­te­rinnen und Berater?
Verena Schmidt:
Unter anderem Klaus Overmeyer, Sophie Wolfrum und Thomas Jocher, der auch den Jury-Vorsitz für das Projekt innehatte.

Inter­es­san­testes Feld ist viel­leicht das von Ihnen als „Labor“ titu­lierte Gelände auf der Westecke des Areals. Sie hatten in Ihrem Vortrag im Rahmen des Berliner Gesprächs erwähnt, dass dafür eine koor­di­nie­rende Stelle – ähnlich der eines Quar­tiers­ma­na­gers – geschaffen werden solle, dass diese aber wahr­schein­lich nicht Instal­liert werden kann. Wie war die Position konzi­piert und wie ist der aktuelle Stand?
Verena Schmidt:
Schon im Wett­be­werb haben wir die Koor­di­nie­rung der prozes­sualen Entwick­lung als eine Art Mix aus Quar­tiers­ma­nage­ment, Haus­meister, Kurator für das Labor angedacht. Wichtig ist uns, dass eine Person vor Ort als Ansprech­partner und Schnitt­stelle zwischen allen Akteuren zur Verfügung steht. Ausge­schrieben wurde die Stelle auch…
Urs Kumberger:
…aller­dings mit einer Befris­tung bis Ende 2016.
Verena Schmidt: Auf die Person, die das hätte ausüben sollen, konnten sich die Verant­wort­li­chen der Stadt dann aber nicht einigen. Die Ausschrei­bung wurde aus verschie­denen Gründen zurück­ge­zogen. Weil wir nun schon Anfang 2016 haben, sieht es momentan so aus, als würde die Stelle nicht neu ausge­schrieben, sondern als Ganzes neu gedacht werden.

Das Labor heute, Foto: Simon Jüttner, Sebastian Schels
Das „Labor“ im Krea­tiv­quar­tier München heute, Foto: Simon Jüttner, Sebastian Schels

Ist die Idee eines kura­to­ri­schen Quar­tiers­ma­na­gers damit vom Tisch? Sind Sie von Seiten der Stadt infor­miert?
Urs Kumberger: Eigent­lich sollte die Stelle schon im Frühjahr 2015 vergeben werden – auch mit dem konkreten Auftrag ein tempo­räres Frei­flä­chen­kon­zept in die Wege zu leiten. Mitte September haben wir dann aus der Süddeut­schen Zeitung erfahren, dass es in der Stadt­rats­sit­zung nicht genauer defi­nierte Konflikte gab. Wir vermu­teten schon, dass die Stelle nicht wie geplant vergeben wird, was uns dann ja auch bestätigt wurde.
Verena Schmidt:
Wir sehen das nicht als allzu großes Problem. Die Miet­ver­träge der Nutzer für die Zwischen­nut­zung wurden verlän­gert und insgesamt ist damit Zeit gewonnen, so dass sie ihre Projekte vor Ort weiter anschieben können. Das ist erst einmal positiv.

Was passiert mit der Koor­di­nie­rung?
Verena Schmidt:
Die Stadt überlegt, ob sie die Aufgabe direkt an einen Krea­tiv­wirt­schafts­be­auf­tragten vergibt, der bereits an anderer Stelle für die Stadt tätig ist. Wir würden eher eine Neu-Ausschrei­bung der Stelle präfe­rieren. Darüber hinaus soll geprüft werden, mit welchen Verga­be­me­thoden und Orga­ni­sa­ti­ons­mo­dellen künftig konkret weiter gear­beitet wird. Beispiels­weise ob und wie lange das Areal im städ­ti­schen Eigentum verbleiben kann und ob dort Genos­sen­schaften zum Zuge kommen.

Inwieweit werden Sie über die aktuellen Sach­stände infor­miert oder direkt einge­bunden?
Verena Schmidt:
Wie erwähnt, sind wir über das Bera­ter­gre­mium weiterhin einge­bunden. Alle weiteren Schritte sind öffent­liche Prozesse, Studien zum Beispiel, oder Hoch­bau­wett­be­werbe, auf die wir uns als Büro dann – wie alle anderen – wieder bewerben können.
Urs Kumberger: Bei dem Symposium „Planvoll Planlos“ in Köln waren ein Vertreter der Stadt München, ein Künstler aus dem „Labor“ und wir einge­laden – wir haben dies als guten und inten­siven Austausch erlebt. Das hat bei uns die Erkenntnis reifen lassen, dass wir uns wieder stärker eigen­in­itiativ in das Projekt einbringen sollten. Außer dem Bera­tungs­gre­mium, das sich zwei bis drei Mal im Jahr trifft, haben wir derzeit keine Beauf­tra­gung in dieser Sache.

Teleinternetcafe und Treibhaus, Kreativquartier München, Prozessuale Entwicklungsstrategie, Abb.: Teleinternetcafe undTreibhaus
Telein­ter­net­cafe und Treibhaus, Krea­tiv­quar­tier München, Prozes­suale Entwick­lungs­stra­tegie, Abb.: Telein­ter­net­cafe undTreib­haus

Wie könnte diese Eigen­in­itia­tive aussehen?
Urs Kumberger:
Es gibt zum Beispiel regel­mäßig die soge­nannten „Labor-Gespräche“, die gut besucht und erfolg­reich zu sein scheinen. Dort wird gemeinsam mit dem Bezirk die Diskus­sion zwischen Nutzern, Nachbarn und Vertre­tern der Stadt gesucht. Hier wollen wir regel­mäßig teil­nehmen und unseren Beitrag einbringen. Das Interesse kommt von uns und hat keinen Auftrag im Hinter­grund.

War Ihnen dieser Verlauf im Vorfeld klar, oder fühlt sich das so an, als würde Ihnen das Projekt entgleiten?
Verena Schmidt:
Nein, so fühlt es sich nicht an. Uns war klar, dass wir uns auf die neuen Beauf­tra­gungen bewerben müssen, wenn wir weiter aktiv dabei sein wollen. Bei der Bebau­ungs­pla­nung haben wir es nicht getan, bei den anderen Sachen wollen wir es machen. Auch weil wir glauben, dass wir auf der Ebene der Frage­stel­lung der Orga­ni­sa­tion vor Ort einiges beitragen können. Wir sind auch in einem prin­zi­piell guten Kontakt mit der Stadt München.
Urs Kumberger: Wir hatten im Vorfeld keine konkrete Erwar­tungs­hal­tung. Uns war klar, dass wir für die Rahmen­pla­nung beauf­tragt sind und wenn die damit einher­ge­henden Pakete abge­schlossen sind, ist unsere Arbeit erst einmal getan. Einen diffusen Wunsch, dabei zu bleiben, gab es natürlich trotzdem – aber nicht so, dass sich daran konkrete Erwar­tungen gekoppelt hätten.
Verena Schmidt: Wir sind seit über vier Jahren mit dem Projekt beschäf­tigt. Der Wett­be­werb war zwei­phasig und relativ lang, dann kam die Rahmen­pla­nung. Mit kürzeren und längeren Pausen wird uns das Projekt aber sicher noch lange beschäf­tigen. Noch gibt es kein Baurecht, verschie­dene Verfahren stehen an und je nachdem, welcher Schritt konkret wird, werden wir uns sicher­lich auch wieder bewerben.

Diese Lang­fris­tig­keit ist Teil Ihres Konzepts für das Krea­tiv­quar­tier gewesen. Ist es schwierig, dann zwischen­durch zum Nichtstun verdammt zu sein?
Verena Schmidt:
Ja, die vorge­schla­gene Strategie ist sehr lang­fristig angelegt. Natürlich würden wir gerne mehr machen, als dies zu manchen Phasen möglich ist. Ich glaube, dass es anderen Akteuren ähnlich geht. Klaus Overmeyer und sein Team haben zusammen mit der Stadt mehrere Werk­stätten durch­ge­führt. Dabei wurden mit Experten und Nutzern Szenarien erar­beitet, wie die Entwick­lung des Labors zukünftig orga­ni­siert werden könnte. Das waren sehr gute Veran­stal­tungen. Noch ist nicht klar, wie und wann dieses Format fort­ge­setzt wird. Städ­te­bau­liche Prozesse erfordern eben ein hohes Maß an Abstim­mung, sie dauern relativ lange. In der Zwischen­zeit entwi­ckeln sich die Ideen und auch das Quartier informell weiter.
Urs Kumberger: Das war schon immer Kern des Konzepts. Wir von planenden Seite wollten uns von Anfang an ein wenig zurück­nehmen – und dem ganzen damit Luft zur Entwick­lung geben. Das ist nicht immer leicht, auch wir müssen uns da selbst diszi­pli­nieren.

Teleinternetcafe und Treibhaus, Kreativquartier München, Zeitlicher Ablauf der Planung mit unterschiedlichen Entscheidungsmöglichkeiten, Abb.: Teleinternetcafe undTreibhaus
Telein­ter­net­cafe und Treibhaus, Krea­tiv­quar­tier München, Zeit­li­cher Ablauf der Planung mit unter­schied­li­chen Entschei­dungs­mög­lich­keiten, Abb.: Telein­ter­net­cafe undTreib­haus

Gibt es von Seiten der Stadt Verständnis für das Konzept und Ihre Heran­ge­hens­weisen?
Verena Schmidt:
Ja. Wir haben mit dem Planungs­team Mitte wirklich sehr gute Ansprech­partner auf der Gegen­seite. Sie sind hoch­mo­ti­viert – das hat nichts mit vermeint­li­chen Amts­kli­schees zu tun. Sie hatten von Beginn an Lust, dieses Vorgehen mitzu­ma­chen. Es war klar, dass hier beide Seiten – die Stadt und wir – im Laufe des Prozesses etwas dazu lernen werden. Aber es gab natürlich in den verschie­denen Referaten der Stadt schon immer auch unter­schied­liche Lesarten des Konzepts. Die für die finan­zi­ellen Fragen zustän­digen Stellen waren manchmal schwer zu über­zeugen. Grund­sätz­lich aber steht die Stadt hinter dem Konzept.

München unter­scheidet sich in mehrerer Hinsicht zu Städten wie etwa Berlin. Solche Freiräume, wie sie das „Labor“ darstellen, gibt es dort deutlich weniger als hier in Berlin. Woher kommt dennoch das Verständnis der Stadt, dieses Expe­ri­ment zu wagen?
Urs Kumberger:
Schon der Titel „Krea­tiv­quar­tier“ kam ja von der Stadt. Das impli­ziert, dass der Kommune klar war, dass es sich bei dem Areal nicht einfach um irgend­eine Brache handelt. Sogar in der Ausschrei­bung tauchte einmal das Wort „prozess­haft“ auf. Ich denke, es gab schon vorher eine Stimmung in der Stadt, einmal etwas anderes zu wagen – wir hatten Glück, dass unser Konzept genau dieses andere mitge­bracht hat. Viel­leicht war es für uns auch hilfreich, ein junges Büro zu sein und relativ mutig, etwas vorzu­schlagen, weil wir nichts zu verlieren hatten. Dass das Konzept dann so gut ankam und ernst genommen wurde, hat uns fast ein wenig über­rascht.
Verena Schmidt: Das liegt auch in der Gesamt­si­tua­tion Münchens begründet, wo in den letzten Jahren viele Kaser­nen­areale entwi­ckelt wurden. Auf dem Gelände der ehema­ligen Funk-Kaserne beispiels­weise gab es eine der größten Künst­ler­ko­lo­nien Deutsch­lands, die teilweise in Quasi-Haus­be­setzer-Zuständen dort waren und letztlich nahezu ersatzlos verdrängt wurden. Auch in München merkt man, dass es immer weniger solcher spezi­eller Orte gibt. Vor diesem Hinter­grund hat die Stadt womöglich den beson­deren Wert ihrer kommu­nalen Grund­stücke erkannt. München ist sich im Klaren darüber, dass sie etwas tun muss – zusätz­lich zu anderen Maßnahmen wie dem geför­derten Wohnungsbau, der auf den städ­ti­schen Grund­stü­cken schon lange einen verhält­nis­mäßig großen Anteil einnimmt. Und beim Krea­tiv­quar­tier war man dann nochmal einen Schritt mutiger…

Liegt das an den spezi­ellen Gege­ben­heiten dieses Quartiers, oder findet ein gene­relles Umdenken statt?
Urs Kumberger:
Das hat verschie­dene Ebenen. Unser Konzept kommt aus diesem Ort heraus und lässt sich nicht eins zu eins auf andere Orte über­tragen. Aber allein dadurch, dass über so etwas gespro­chen wird, kommen neue Diskus­sionen in Gang und damit viel­leicht auch etwas in Bewegung.
Verena Schmidt: Ich denke schon, dass sich etwas geändert hat. Anders als in Berlin, wo gefühlt immer alle „Recht auf Stadt!“ schreien, hatte ich lange den Eindruck, dass in München relativ wenig Diskurs über Stadt statt­findet. Aber das hat sich gewandelt. Da geht viel von den Münchner Archi­tekten aus, die Initia­tiven gründen – beispiels­weise zur koope­ra­tiven Stadt. Es wäre natürlich toll, wenn das Krea­tiv­quar­tier hier einen Impuls gibt, den man später als gelun­genes Beispiel anführen kann.

Teleinternetcafe und Treibhaus, Kreativquartier München, Labor, Grundriss, Abb.: Teleinternetcafe undTreibhaus
Telein­ter­net­cafe und Treibhaus, Krea­tiv­quar­tier München, Labor, Grundriss, Abb.: Telein­ter­net­cafe undTreib­haus

Nicht zuletzt hat sich die Stadt von Ihrem Konzept auch deshalb über­zeugen lassen, weil die Auflagen der Ausschrei­bung erfüllt wurden…
Urs Kumberger: … ja, wir haben die Ausschrei­bung gut erfüllt. Das hat uns viel Zeit und Arbeit gekostet. Aber so werden die Quadrat­me­ter­zahlen für Wohnungen und derglei­chen nach­ge­wiesen, die Stadt musste zugunsten des Konzepts keine Abstriche machen.
Verena Schmidt: Letztlich haben wir versucht, unsere Auffas­sung von Stadt so zu verpacken, dass die Stadt München das Konzept umsetzen kann. Die Bereit­schaft der Stadt München für dieses Vorgehen ist dennoch keine Selbst­ver­ständ­lich­keit.

Was Sie für das Krea­tiv­quar­tier vorschlagen, gilt manchen als längst über­fällig, für viele aber ist es immer noch ein expe­ri­men­telles Beispiel. Die ange­wandten Stra­te­gien könnten ja auch scheitern. Woher kommt die Sicher­heit, dass es glücken kann?
Urs Kumberger:
Diese Sicher­heit hat man wohl nie. Wir haben uns schon lange mit dem Thema beschäf­tigt und als wir die Strategie entwi­ckelten, klang sie für uns zunächst sinnvoll, schlüssig und nicht extrem – auch weil sie so prag­ma­tisch ist. Die vier Teil­quar­tiere, die wir in dem Areal sehen, sind situativ vor Ort begründbar, weil sie vier unter­schied­liche Voraus­set­zungen mitbringen. Als weiteres sagen wir eigent­lich nur noch, dass der Faktor Zeit eine wichtige Rolle spielen sollte. In den zwei Quar­tieren im Norden und Süden kann man sehr schnell entwi­ckeln, in den zwischen­ge­nutzten Bereichen eher nicht. Das ist viel­leicht der einzige Punkt, der unge­wöhn­lich ist, dass wir hier auf die Bremse drücken wollen. Ich finde nicht, dass das nach den Sternen gegriffen ist, auch wenn es für München womöglich ein klein wenig revo­lu­tionär ist… Inwieweit das über­tragbar ist, weiß ich nicht. Der Faktor Zeit ist uns schon immer wichtig.
Verena Schmidt: Wir wenden letztlich zwei zeitliche Stra­te­gien an: Zum einen in Bezug auf das gesamte Quartier, zum anderen hinsicht­lich des Labors. Letztere ist speziell, weil das zu der Entschei­dung geführt hat, dass hier kein quali­fi­zierten Bebau­ungs­plan sondern nur ein Frei­raum­ge­rüst fest­ge­setzt wird. Die Bilder, die wir im Wett­be­werb gezeigt haben, sind für uns immer nur Moment­auf­nahmen einer möglichen Entwick­lung gewesen, die Planung lässt aber viel offen…

…aber eben auch, dass es eine mögliche andere Entwick­lung nimmt, als die von Ihnen im Rendering gezeigte.
Verena Schmidt:
Deswegen ist die enge Beglei­tung in den nächsten Schritten wichtig. Das von uns darge­stellte Gerüst mit Raum­kanten soll robust sein und gleich­zeitig Spiel­räume offen halten. Wenn das eine oder andere Gebäude im Einzel­fall nicht mehr zu nutzen sein sollte, kann es im Rahmen des Konzepts ersetzt werden. Wir geben dabei keinen Master­plan mit einzelnen Bauab­schnitten vor. Prozes­sual heißt für uns tatsäch­lich, dass kein Endzu­stand definiert wird.
Urs Kumberger: Die Stadt hatte in der Ausschrei­bung ein „Stufen­kon­zept“ und darin eine Entwick­lung in drei Schritten gefordert. Das war für uns ein Konflikt, weil das zu fixierten und Master­plan-ähnlichen Prozessen führt – nur eben in drei Schritten. Unsere Idee ist immer gewesen, einen Start­schuss zu geben, mit Impulsen, die sich zum Beginn des Projekts aus dem Ort entwi­ckeln – und dann zu schauen, was passiert. Uns war dabei wichtig zu zeigen, dass es immer nur ein möglicher Weg von vielen ist. Dass wir die drei gefor­derten Schritte schluss­end­lich doch gezeigt haben, ist vor allem dem geschuldet, dass man dem Auftrag­geber etwas zeigen muss, über das dann intern gespro­chen werden kann, um ein Projekt politisch weiter­tragen zu können.

Bilder sind wichtig. Wie sonst sollten sich teils fach­fremde Entschei­dungs­träger mögliche Szenarien vorstellen. Wie wichtig sind die Verga­be­ver­fahren?
Verena Schmidt:
Sehr wichtig. Wir plädieren dabei auch immer für Konzept­ver­gaben. Gerade hier bietet sich enormes Potential, weil viele Selbst­nutzer da sind, die Projekte mit einem ganz anderen Enga­ge­ment angehen als mögliche Inves­toren, die ein solches im schlimmsten Fall als Ware begreifen. Wenn man die richtigen Akteure zum Zuge kommen lässt, kann es sehr gut werden.

Haben szen­o­gra­fi­sche Ideen der Raum­auf­fas­sung bei der Entwick­lung der Ideen für das „Labor“ eine Rolle gespielt?
Urs Kumberger:
Ja. Viele unserer Vorstel­lungen für den Ort und seine Entwick­lung haben nicht primär etwas mit gebauter Archi­tektur zu tun, sondern mit dem Leben und den Akti­vi­täten. Die Atmo­sphäre des Orts war und ist uns wichtiger als das Aussehen der Häuser, die dort einmal entstehen.

Teleinternetcafe und Treibhaus, Kreativquartier München, Labor, Perspektive, Abb.: Teleinternetcafe undTreibhaus
Telein­ter­net­cafe und Treibhaus, Krea­tiv­quar­tier München, Labor, Perspek­tive, Abb.: Telein­ter­net­cafe undTreib­haus

Wie gelingt es, Menschen vor Ort mitzu­nehmen und beispiels­weise Werk­statt­ver­fahren nicht zu Mecker-Veran­stal­tungen verkommen zu lassen?
Urs Kumberger:
Es liegt in der Natur der Sache, dass auch viel gemeckert wird. In Bezug auf das „Labor“ kann ich das zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschätzen.
Verena Schmidt: Der Ausgangs­punkt war, dass die Nutzer vor Ort die Bestands­ge­bäude eigent­lich schon abge­schrieben hatten. Sie haben damit gerechnet, dass sie umziehen müssen, weil sie sich im Grunde sicher waren, dass außer den beiden denk­mal­ge­schützten Hallen keine Räume für Kreative erhalten werden. Deswegen war unser Beitrag für sie eine positive Über­ra­schung, die zu einer auf Konsens gerich­teten Grund­stim­mung geführt hat.

Gab es Probleme mit den jetzigen Nutzern?
Verena Schmidt:
Für die Nutzer, die voll von guten Ideen und offenen Fragen sind, ist es schwierig zu durch­schauen, was gerade ansteht und wie sie sich einbringen können. Nicht jeder durschaut die Planungs­pro­zesse und weiß, wie lang­wierig das sein kann. Dafür müsste noch mehr kommu­ni­ziert werden…
Urs Kumberger: …vor allem auch in den Phasen, in denen nichts passiert. Auch für uns war es merk­würdig, dass es Phasen gibt, in denen wir als Planer ein Jahr lang immer nur das gleiche erzählen können. Das kann frus­trie­rend sein – für alle, auch für uns.
Verena Schmidt: Wir haben immer kommu­ni­ziert, dass das „Labor“ kein Biotop ist, und dass hier auch neue Akteure dazu­kommen werden. Klaus Overmeyer (urban catalyst studio, Anm. d. Red.) hat mit seinen Werk­stätten viel erreicht, weil er die Leute gut moti­vieren kann.. Die Nutzer vor Ort sind eine hete­ro­gene Struktur aus Einzel­per­sonen, Vereinen und Gesell­schaften. Sie haben den Rat bekommen, sich zu orga­ni­sieren, um die Kommu­ni­ka­tion mit der Stadt zu erleich­tern. Ergeb­nisse sind ein Verein, der sich gegründet hat, und die schon genannten Labor­ge­spräche. Es ist nicht zu unter­schätzen, was die Kreativen vor Ort all die Jahre ohne Planungs­si­cher­heit auf die Beine gestellt haben. Nun ist es wichtig, dass der „Labor­ge­danke“ gemeinsam weiter­ent­wi­ckelt wird, ohne dass das Konzept in Einzel­in­ter­essen zerfällt.

Wie wichtig ist es, dass Sie das Projekt weiterhin begleiten?
Verena Schmidt:
Wichtig ist, dass es begleitet wird. Ob wir das sind, oder z.B. jemand von der Stadt, spielt eine unter­ge­ord­nete Rolle.

Sie haben sicher Wünsche oder Vorstel­lungen, wie es mit dem Krea­tiv­quar­tier und dem „Labor“ weiter­geht. Wie sehen die aus?
Urs Kumberger:
Eine Vorstel­lung haben wir mit unserem Wett­be­werbs­bei­trag schon einmal formu­liert. An diese glauben wir auch nach wie vor (lacht). Die von uns ange­dachte Offenheit ist insofern schon Realität geworden, als dass Orte im „Labor“, die vorher nicht zugäng­lich waren, inzwi­schen sehr wichtig geworden sind. Das ist für mich eine gute Entwick­lung.
Verena Schmidt: Wir hatten in einem internen Workshop verschie­dene Szenarien durch­ge­spielt: von der Version, in der die Stadt alles parzel­liert und an Einzel­ei­gen­tümer verkauft, bis zu der, in der die Nutzer das Areal komplett selbst verant­worten. An beide glaube ich nicht unbedingt. Es wäre eher im Sinne des Konzeptes, wenn eine Art „Dach-Genos­sen­schaft“ die Verant­wor­tung über­nehmen würde. Diese könnte zum Beispiel leisten, dass die von uns aufge­stellten Regeln für eine gute Durch­mi­schung des Quartiers einge­halten werden. Eine solche Stelle, die die Entwick­lung weiter begleitet und im Gleich­ge­wicht hält, finde ich wünschens­wert.

TELEIN­TER­NET­CAFE wurde 2011 von Manfred Eccli (Bozen, Italien *1981), Marius Gantert (Heidel­berg, *1984), Andreas Krauth (München,*1983), Urs Kumberger (Straubing, *1983) und Verena Schmidt (Freising, *1986) in Berlin gegründet. Als Gruppe von fünf Archi­tekten beschäf­tigt sich TELEIN­TER­NET­CAFE mit den Themen­fel­dern Archi­tektur und Urba­nismus. Bei der Zusam­men­ar­beit in wech­selnden Konstel­la­tionen und im Austausch mit Experten verschie­dener Diszi­plinen werden indi­vi­du­elle Kompe­tenzen projekt­be­zogen gebündelt. Die Ausein­an­der­set­zung mit dem Ort und dem Situa­tiven bildet jeweils den Ausgangs­punkt für die Suche nach neuen, offenen Formen von Stadt.

Dipl.-Ing. David Kasparek (*1981) studierte Archi­tektur in Köln. Er war Mitar­beiter an der Kölner Kunst­hoch­schule für Medien und als Grün­dungs­partner des Gestal­tungs­büros friedwurm: Gestal­tung und Kommu­ni­ka­tion als freier Autor, Grafiker und Jour­na­list tätig. Nach einem Volon­ta­riat in der Redaktion von der architekt ist er dort seit 2008 als Redakteur beschäf­tigt. David Kasparek lebt und arbeitet in Berlin.

Fotos: Simon Jüttner, Sebastian Schels / Abb.:Teleinternetcafe, Treibhaus

 

 

Das Labor heute, Foto: Simon Jüttner, Sebastian Schels
Das „Labor“ im Krea­tiv­quar­tier München heute, Foto: Simon Jüttner, Sebastian Schels
Teleinternetcafe und Treibhaus, Kreativquartier München, Prozessuale Entwicklungsstrategie, Abb.: Teleinternetcafe undTreibhaus
Telein­ter­net­cafe und Treibhaus, Krea­tiv­quar­tier München, Prozes­suale Entwick­lungs­stra­tegie, Abb.: Telein­ter­net­cafe undTreib­haus
Teleinternetcafe und Treibhaus, Kreativquartier München, Zeitlicher Ablauf der Planung mit unterschiedlichen Entscheidungsmöglichkeiten, Abb.: Teleinternetcafe undTreibhaus
Telein­ter­net­cafe und Treibhaus, Krea­tiv­quar­tier München, Zeit­li­cher Ablauf der Planung mit unter­schied­li­chen Entschei­dungs­mög­lich­keiten, Abb.: Telein­ter­net­cafe undTreib­haus
Teleinternetcafe und Treibhaus, Kreativquartier München, Labor, Grundriss, Abb.: Teleinternetcafe undTreibhaus
Telein­ter­net­cafe und Treibhaus, Krea­tiv­quar­tier München, Labor, Grundriss, Abb.: Telein­ter­net­cafe undTreib­haus
Teleinternetcafe und Treibhaus, Kreativquartier München, Labor, Perspektive, Abb.: Teleinternetcafe undTreibhaus
Telein­ter­net­cafe und Treibhaus, Krea­tiv­quar­tier München, Labor, Perspek­tive, Abb.: Telein­ter­net­cafe undTreib­haus