Ein Haus mit Bezie­hungen

Der „Kö-Bogen“ von Daniel Libeskind, Düssel­dorf 2009–2015

Daniel Libeskind hatte in den 1980er Jahren regel­rechten Kult­status. Als einer der wenigen „Dekon­struk­ti­visten“ (wenn dieser Begriff jemals passte, dann auf Eisenman und ihn) hat er es damals verstanden, den gezackten und sprin­genden Formen seiner Gebäude eine Theorie zur Grundlage zu geben. Die Arbeit mit „Musen­li­nien“ machte die Form- und Raum­ge­bung seiner Bauten nach­voll­ziehbar: Darunter verstand Libeskind die Verbin­dungs­li­nien zwischen Bauten und Orten, die aus einem beson­deren kultu­rellen oder histo­ri­schen Segment der umge­benden Stadt resul­tierten. Vor allem inter­es­sierte sich Libeskind damals für die jüdische Geschichte, deren Schau­plätze er minutiös recher­chierte und so mit Linien verband, dass sie jeweils über den Bauplatz liefen.Aus den sich über­schnei­denden Linien konstru­ierte er Außen­wände und Raum­for­mate. Die Gestalt des Jüdischen Museums in Berlin oder des Felix-Nußbaum-Hauses in Osnabrück resul­tierten also mittelbar aus der Geschichte der Juden in den jewei­ligen Städten.

Später versagten die Bauauf­gaben der Theorie und dem Archi­tekten eine ähnliche Konse­quenz. Das Imperial War Museum, das Mili­tär­mu­seum in Dresden oder die Ersatz­bauten der Twin Towers in New York – obwohl nur noch partiell Libeskind zuzu­schreiben – zeigen eine weitaus banalere Symbolik als dessen frühe Bauten und Entwürfe. Der Gehalt der Gebäu­de­form scheint, zumindest bei ober­fläch­li­cher Betrach­tung, in den Hinter­grund zu treten. Statt geist­rei­cher Bezüge zur Orts­ge­schichte domi­nieren dort fetzige Formen, und an die Stelle histo­ri­scher Recherche sind anschei­nend Forma­li­täten als Parameter der Gestal­tung getreten.

So scheint es vorder­gründig nun auch in Düssel­dorf passiert zu sein. Hier hat Libeskind im Zusam­men­hang mit dem großen Umbau der inner­städ­ti­schen Verkehrs­wege der Landes­haupt­stadt nach allerlei Querelen den Schluss­stein der Königs­allee gesetzt. Direkt neben dem abge­ris­senen „Tausend­füßler“ der Stadt­au­to­bahn plante Libeskind den so genannten Kö-Bogen, der hier – zusammen mit weiteren Neubauten – als Promenade die Königs­straße verlän­gern und zum Abschluss bringen soll.

Das zwei­tei­lige und sechs­ge­schos­sige Gebäude dient einer­seits als Mode­kauf­haus, ande­rer­seits als Büro­ge­bäude mit Lokalen und Shops im Erdge­schoss. Die stadt­sei­tige Fassade stellt sich als Collage verschie­dener archi­tek­to­ni­scher Fragmente dar, die mit dem hohen Durch­bruch zwischen den Gebäu­de­teilen – der ab dem dritten Geschoss in fort­lau­fenden Formen über­brückt wird – einen spek­ta­kulär schwin­genden und spie­gelnden Höhepunkt erreicht. Diagonale Trenn­li­nien teilen Fassa­den­ab­schnitte, deren Fens­ter­bänder teils mit einer hori­zontal orien­tierten schwarz gestri­chenen Stahl­git­ter­kon­struk­tion, teils mit vorge­hängten Traver­tin­streifen umrahmt sind. Wie eine Analogie zu Skelett und Haut wirkt dieser Wechsel der Gestal­tung, ohne dass sich sofort ein Grund für das Schau­spiel erkennen lässt.

Die Rückseite zeigt eine durch schmale vertikale Streifen aus vorge­hängten Stein­platten und Glas­platten geschoss­weise zerlegte Fläche, die an mehreren Stellen durch diagonale band­för­mige Einschnitte mit schräg durch­schie­ßenden Beton­streben mit Bepflan­zungs­op­tion weiter aufgelöst wird. Die klein­tei­lige Frag­men­tie­rung der Wand lässt ein flir­rendes Bild entstehen, das eine Fokus­sie­rung des Details erschwert. Im Anschluss an das Gebäude liegt eine terras­sierte Promenade am Teich an der Lands­krone, der den Auftakt des anschlie­ßenden Hofgar­tens macht. Die Spie­ge­lung des Gebäudes im Wasser verstärkt den unwirk­li­chen Eindruck der bis ins Extrem ausge­reizten Fassa­den­kon­struk­tion.

Das Spek­ta­ku­läre der Archi­tektur, das sich leicht mit dem Begriff der Inves­toren­ar­chi­tektur verbinden ließe, lenkt hier von der beson­deren Qualität des Gebäudes ab. Denn Libeskind gelingt ein städ­te­bau­li­ches Bravour­stück, das in Raffi­nesse und Gedan­ken­reichtum durchaus an die älteren Stücke des Meisters erinnert. Die Form des Gebäudes resul­tiert aus Bezügen zur unmit­tel­baren Umgebung, die im Zweiten Weltkrieg zerbombt wurde. Der raumlose Nahver­kehrs­kno­ten­punkt des Wieder­auf­baus ist nun verschwunden – und Libeskind versucht Heilung: Die Fassaden seines Doppel­bau­werks sind nach Süden und Osten konkav und konvex geschwungen und geben dem Schadow-Platz die bislang fehlende Nordwand, die damit auch dem „Kö“-Ende eine fehlende Fassung gibt. Die westliche Fassade nimmt ihrer­seits die Flucht­linie der Königs­allee auf und bildet mit dem Eckge­bäude an der Scha­dow­straße ein torar­tiges Entree zur neuen Flanier­meile. Zum Hofgarten zeichnet der Bogen des Gebäudes den Verlauf der früheren Hofgar­ten­straße nach.

Neben diesen Bezügen zu histo­ri­schen Zuständen, zu Nach­bar­ge­bäuden und heutigen städ­te­bau­li­chen Situa­tionen hat Libeskind eine weitaus weniger offen­sicht­liche, wenn­gleich umso inter­es­san­tere Parallele gesucht: Der Durchgang zwischen den beiden Bauteilen als hohe Öffnung zwischen abge­run­deten Ecken erweist sich als Remi­nis­zenz zu einer großen Archi­tektur, die nur wenige hundert Meter weiter nördlich liegt: Es geht um Bernhard Pfaus Schau­spiel­haus, bei dem die geschwun­genen Formen des Kleinen und des Großen Hauses auf die gleiche Weise in zwei, in den Ober­ge­schossen mitein­ander verbun­dene, Trakte geglie­dert, die – wenn­gleich in gerin­geren Dimen­sionen als der „Kö-Bogen“ – durch einen Durchlass getrennt und in den Ober­ge­schossen mitein­ander verbunden sind.

Genau wie beim Theater führt die Lücke zwischen Libes­kinds Bauteilen hinein in die histo­ri­sche Park­land­schaft des Düssel­dorfer Nordens. So wird das zwei­tei­lige Bauwerk wie schon Pfaus kluger Bau zu einer natürlich schwung­vollen Passe­relle zwischen Innen­stadt und Hofgarten, zwischen Stadt und Land­schaft – und die singuläre Lösung des Schau­spiel­hauses zum Typ, der genauso Stadt­mauer und Tor referiert wie er archi­tek­to­ni­sche Markie­rung des Übergangs zwischen Stadt und Land­schaft ist.
Auch die merk­wür­dige Fassa­den­ele­mentik des Bauwerks stellt sich als eindeu­tige histo­ri­sche Referenz heraus. Libeskind hat hier die wich­tigsten Fassa­den­mo­tive der Büro- und Kauf­haus­bauten Erich Mendels­ohns aus den 1920er Jahren mitein­ander verquickt. Am besten lässt sich das auf der Südseite des Doppel­baus erkennen, der den Schadow-Platz abschließt: Die Stahl­la­mellen im westlich gelegenen Büro­bau­teil entspre­chen dem stäh­lernen Eckmotiv des berühmten Berliner Mosse-Hauses, die Travertin-Bänder refe­rieren das Kaufhaus Schocken in Chemnitz, und der geschwun­gene, stahl­git­ter­ver­klei­dete Teil des Mode­kauf­hauses nimmt Bezug auf Mendels­ohns (abge­ris­senen) Stutt­garter Schocken-Bau.Sogar die etwas über­zo­gene Neo-Art-Deco-Stilistik der Kauf­haus­aus­stat­tung mit gold­far­benen Pilz­säulen, die der britische Design­be­rater HMKM beigesteuert hat, erinnert an die Zeit der späten 1920er Jahre.

Die formalen Brüche, die die Fassaden prägen, lassen sich schließ­lich leicht als zeichen­hafte Über­set­zung der jüngeren deutschen Archi­tek­tur­ge­schichte lesen. Sie zeigen an, dass eine Fort­set­zung des von jüdischen Archi­tekten – allen voran Erich Mendelsohn – maßgeb­lich mitge­prägten Typus von Geschäfts- und Kaufhaus nicht ohne weiteres möglich ist. Anstelle harmo­ni­sie­render Konti­nuität und formaler Konsis­tenz bringt Libeskind durch die Schnitte und die versetzten Fugen der Fassaden zum Ausdruck, dass ein nahtloses Anknüpfen an die vom Natio­nal­so­zia­lismus abge­schnit­tene jüdische Kultur nicht möglich ist. Diese Erneue­rung seines Bemühens um eine symbo­li­sche Form der Archi­tektur ist Libeskind hoch anzu­rechnen, auch wenn sie schluss­end­lich post­mo­dernen Collage-Stra­te­gien zuzu­rechnen sind. Der formale Über­schwang erscheint dabei fast verzeih­lich: Ohne ihn hätte in dieser High-End-Lage wohl kaum ein Investor Begeis­te­rung entwi­ckelt.

Andreas Denk

Fotos: Andreas Denk

Autor*innen