Ein Waterloo für jede Denk­mal­idee

Projekt und Theorie I: Dresdner Lektionen

Wie lange wird sich ein fachlich fundierter Denk­mal­be­griff in den alltäg­li­chen Konflikten zwischen „schön“ oder „wahr“ noch durch­setzen können, fragt der Berliner Archi­tek­tur­kri­tiker und Publizist Wolfgang Kil. Immer häufiger sähen sich Bauhis­to­riker als stil­kund­liche Berater in urbane Marke­ting­stra­te­gien verstrickt: Städte werden zu Themen­parks umge­rüstet, die „gute alte Zeit“ avanciert zum weichen Stand­ort­faktor. Dresden gilt dafür mitt­ler­weile als unschlag­bare Referenz. Das Erzeugen von Wohl­fühlstim­mungen, so der Autor, gehöre jedoch nicht zu den primären Aufgaben der Denk­mal­pflege, weshalb diese zu den Projekten des totalen Wieder­auf­baus bislang eher auf Distanz ging.

Seit langem gehört der Umbau Dresdens zu den gern obser­vierten Themen des deutschen Feuil­le­tons. Dabei liegt das Haupt­au­gen­merk bisher eher im histo­ri­schen Feld. Denn in den denk­mal­po­li­ti­schen Debatten Europas hat sich die Total­re­kon­struk­tion der Frau­en­kirche als genau das Signal erwiesen, das ihre Gegner von Beginn an befürch­teten: Weil die Kirchen­re­plik zur natio­nalen Erfolgs­ge­schichte wurde, streitet ein Bürger­verein erfolg­reich für die Wieder­kehr auch des baulichen Umfelds, und zwar ganz so, wie einst von Canaletto gemalt. Allein im stilis­tisch stimmigen Ambiente, so die mit allen Bandagen kämpfende Gesell­schaft Histo­ri­scher Neumarkt, käme das neu erstan­dene Gottes­haus ange­messen zur Wirkung. Mit immer radi­ka­leren Vorschlägen, gar einem Bürger­be­gehren, treibt der Verein seit Jahren die Verwal­tung vor sich her. Die hätte hier lieber zeit­ge­nös­si­sche Archi­tektur gesehen, inspi­riert und im Zaum gehalten durch etwa 15 „Leit­bauten“ – also Häuser von beson­derem baukünst­le­ri­schem Rang, die man nach Archiv­un­ter­lagen detailnah rekon­stru­ieren könnte. Doch so bescheiden war der Verein nie. Er forderte 30, besser 60 Häuser­re­pliken, am Ende ging es um alle 300 Parzellen des gesamten Neumarkt­areals – unge­achtet der Tatsache, dass davon allen­falls 170 überhaupt zur Verfügung stünden. Dann solle man eben die jüngst erst sanierten Wohn­zeilen der Wils­druffer Straße abreißen! Und der Kultur­pa­last müsse weg, die Ikone der Dresdner Nach­kriegs­mo­derne ist den Stadt­bild­nost­al­gi­kern ohnehin ein Hass­ob­jekt.

Natürlich hatte es auch Wider­spruch gegeben. An inter­na­tio­nalen Workshops, hoch­ka­rä­tigen Podien, promi­nenten Einwänden war kein Mangel. Aller­dings haben diese nie Meinungs­ho­heit erringen können. „Am Neumarkt haben die Dresdner ein seeli­sches Problem, das archi­tek­to­nisch gelöst werden soll“, erklärt Wolfgang Hänsch, der Architekt unter anderem des Kultur­pa­lastes, die schiere Unmög­lich­keit, den Konflikt rational beizu­legen. Ein halbes Jahr­hun­dert hat offenbar nicht gereicht, das Trauma des „Unter­gangs“ zu beschwich­tigen.

Seit 1990 gilt sogar die modern inspi­rierte Wieder­auf­bau­pla­nung offiziös als „zweite Zerstö­rung“ der Stadt. Anstelle von Glas, Stahl und Beton wird nach Holz, Stuck und Stein gerufen, also nach Gemüt und Tradition. Aber das gilt ja nun nicht für Dresden allein. „Die Liebe zu verschwun­denen Denk­mä­lern hat überall unbe­greif­liche Ausmaße ange­nommen“, spottete Gottfried Kiesow einmal, „stünde die Garni­sons­kirche in Potsdam noch, würde für deren kaputtes Dach kaum jemand spenden.“ Schönheit an sich hat Konjunktur! Wem das Leben Angst macht, der schmiegt sich gern in vertraute Gefäl­lig­keit.

Doch das Erzeugen von Wohl­fühlstim­mungen gehört nicht zu den primären Aufgaben der Denk­mal­pflege, weshalb diese zu Projekten totalen Wieder­auf­baus bislang konse­quent auf Distanz ging. Mit Rettung und Pflege noch auffind­barer Origi­nal­sub­stanz ist sie über­for­dert genug: Politisch im Stich gelassen, musste sie am Neumarkt ohnmächtig zuschauen, wie die unterm Pflaster erhal­tenen Origi­nal­keller der 1945 verbrannten Häuser heraus­ge­rissen wurden, damit die frisch beto­nierten Baro­cki­mi­tate nicht auf Tief­ga­ragen verzichten müssen. Das defi­ni­tive Waterloo für jede Denk­mal­idee.

Wie lange wird sich ein fachlich fundierter Denk­mal­be­griff in den alltäg­li­chen Konflikten zwischen „schön“ oder „wahr“ noch durch­setzen können? Immer häufiger sehen Bauhis­to­riker sich als stil­kund­liche Berater in urbane Marke­ting­stra­te­gien verstrickt. Städte werden zu Themen­parks umge­rüstet, die „Gute alte Zeit“ avanciert zum weichen Stand­ort­faktor. Und Dresden gilt dafür mitt­ler­weile als unschlag­bare Referenz: Im ersten Jahr nach ihrer Wieder­eröff­nung haben andert­halb Millionen Menschen die neue Frau­en­kirche besucht. Um spürbare zwanzig Prozent war der Frem­den­ver­kehr der Elbme­tro­pole gestiegen, weshalb die FAZ den spek­ta­ku­lären Bau ein „Geschenk des Himmels“ nannte – nicht im Kultur- und nicht im Reise‑, sondern im Wirt­schafts­teil.

Quartier II am Dresdner Neumarkt; Foto: Wolfgang Kil
Quartier II am Dresdner Neumarkt
Foto: Wolfgang Kil

Grusel­ka­bi­nett städ­te­bau­li­cher Sünden
Im Vergleich zum umstrit­tenen Barock-Revival war über­ört­li­ches Interesse am Schicksal der Wieder­auf­bau­stadt eher gering. Viel­leicht, weil die hier infrage stehende Archi­tektur noch nicht ganz so viele Freunde zu mobi­li­sieren vermag? Die säch­si­sche Denk­mal­pflege hat in Sachen moderner DDR-Planungen durchaus Gespür und Steh­ver­mögen bewiesen … aber leider nur in Chemnitz, wo seit Anfang der neunziger Jahre die Straße der Nationen unter Ensem­ble­schutz steht. Im barock­se­ligen „Elbflo­renz“ war der Gegenwind allzeit stärker. Dabei hatte Dresden, vor allem mit der Prager Straße, zur Welt­kultur der Nach­kriegs­mo­derne genauso viel inter­na­tional Über­ra­gendes zu bieten wie mit Zwinger und Frau­en­kirche zur Welt­kultur des Barocks.

Immerhin war über die Jahre ein Meinungs­wandel zu beob­achten: Vom „Grusel­ka­bi­nett städ­te­bau­li­cher Sünden schlechthin“1 sprach Ingolf Roßberg, der erste Nachwende-Baubür­ger­meister. Die „solda­ti­sche Anein­an­der­rei­hung von Blöcken und Zeilen“2 beklagte dessen Nach­folger Gunter Just. „Eine der heraus­ra­gendsten Raum­schöp­fungen des 20. Jahr­hun­derts“ sahen zehn Jahre später zwei enorm rührige Bürger­initia­tiven zur Rettung von Rundkino und Warenhaus bedroht. In einer zorn­be­benden Phil­ip­pika schließ­lich vertei­digte Peter Richter „die ganze subtile Musi­ka­lität dieser Anlage“ gegen das, „was ihr an engstir­nigen, restau­ra­tiven und zynischen Nachwende-Archi­tek­turen so alles entge­gen­ge­setzt wurde.“3Ingolf Roßberg 1990 in der Bauwelt. ↩︎Gunter Just: Dresden, auf dem Weg zu einer neuen Schönheit. In: ders. (Hrsg.:) Bauplatz Dresden. 1990 bis heute. Dresden 2003, S. 9. ↩︎Peter Richter: Engländer über der Stadt. Ausge­rechnet die Pet Shop Boys zeigen, was in Dresden wirklich auf dem Spiel steht – die Ostmo­derne. In: FAZ vom 23. Juli 2006. ↩︎

Beim Image­ver­fall, den die DDR-Archi­tektur nach dem Bankrott des Staats­so­zia­lismus allerorts erlitt, liegt es nahe, die Über­sprungs­re­ak­tion eines über­for­derten Publikums zu vermuten. Dieses Publikum iden­ti­fi­ziert die Bauten der DDR-Moderne unmit­telbar mit dem poli­ti­schen System, weshalb ein Bilder­sturm eigent­lich zu erwarten war. Zuge­zo­gene Entschei­dungs­eliten aus dem Westen erhoben zudem ihre mitge­brachte Abneigung gegenüber „Bauwirt­schafts­funk­tio­na­lismus“ und „Gleich­ma­cherei“ zur kultu­rellen Norm, manch geradezu hyste­risch arti­ku­lierter Sinnes­wandel vorma­liger DDR-Bürger erhielt so auch einen Beigeschmack von kultu­rellem Seiten­wechsel.

Aber es gibt noch die ökono­mi­sche Analyse: Die nun herr­schende Stadt­po­litik, die Stadt vor allem als Bauflä­chen­markt begreift, steht ange­sichts des baulichen DDR-Erbes vor urbanen Struk­turen, in denen es eher um Sein denn um Haben ging. Ein solches Erbe muss heute als hoff­nungslos unprak­tisch, ja dysfunk­tional gelten und zur Gewinn­taug­lich­keit erst einmal gründlich umge­krem­pelt werden. In den ersten Jahren nach der Verei­ni­gung wurden die (zum Teil unvoll­endeten) Hinter­las­sen­schaften der DDR-Planer vor allem als „anmaßende Raum­ver­schwen­dung“ und „nutzlose, windige Brachen“ denun­ziert. Was an deren Stelle unter dem Slogan „Urbanität ist Dichte“ entstehen sollte, lässt sich nun heute rings um das Rundkino oder südlich des Altmarkts studieren. Dort hat ein absoluter Verkaufs­flä­chen-Overkill zu solch baulichem Gedränge geführt, als wäre aus dem „Dickicht der Städte“ nie der sehn­suchts­volle Ruf nach „Licht, Luft, Sonne“ ergangen.

Abriss des „Centrum“-Warenhauses an der Dresdner Prager Straße; Foto: Wolfgang Kil
Abriss des „Centrum“-Warenhauses an der Dresdner Prager Straße
Foto: Wolfgang Kil

Es muss zu denken geben, wie bei der rabiaten Umdeutung der Prager Straße vom klaren Raum­kunst­werk der Swinging Sixties hin zur laby­rin­thi­schen Konsum­meile ausge­rechnet das Ideelle an der „Euro­päi­schen Stadt“ auf der Strecke blieb. Deren entschei­dende Qualität liegt ja nicht in der Enge winkliger Straßen und Plätze, sondern in der Sorge und Sorgfalt für den öffent­li­chen Raum. Wobei Öffent­lich­keit hier ebenfalls auf Gleich­heit zielt – nicht im Sinne des bürger­li­chen Horror­bildes unifor­mierten Amei­sen­tums, sondern als Egalité: Bürger einer Stadt sein bedeutete danach nicht, sich als Bourgeois mit seinem Vermögen zu zeigen, sondern sich als Citoyen zu erfahren. Gleich­be­rech­tigt, auf jedermann zugäng­li­cher Bühne.

Doch das Zeit­fenster, um die Topoi „archi­tek­to­ni­sche Moderne“ und „unde­mo­kra­ti­sches Regime“ umstandslos mitein­ander verkop­peln zu können, schließt sich auch wieder. In den zähen Ausein­an­der­set­zungen um den Erhalt von Warenhaus (vergeb­lich), Rundkino (erfolg­reich) und Kultur­pa­last (noch offen) deutet sich die nächste Umwertung an: Die jetzt antre­tende Gene­ra­tion verteilt gerade die ästhe­ti­schen Bonus­punkte neu. Werden also, wie man uns heute stets Walter Ulbricht als den „großen Übeltäter“ nennt, auf künftigen Schand­listen der Stadt­zer­stö­rung Namen wie Stimmann und Boddien, Busmann, Roßberg, Just oder Langner v. Hatzfeld auftau­chen?

Das soll keine Drohung sein. Es will nur Adolf Loos in Erin­ne­rung rufen und seine sicher am meisten miss­ach­tete Empfeh­lung: „Einschnei­dende ände­rungen des alten stadt­bildes dürfen nur aus prak­ti­schen, niemals aber aus ästhe­ti­schen gründen erfolgen. Denn ästhe­ti­sche gründe unter­liegen der wandlung, und da wir bisher immer unrecht gehabt haben, werden wir in alle zukunft unrecht haben.“ In der Logik dieses Zitats ist es nur ein ganz kurzer Schritt von „ästhe­tisch“ zu „ideo­lo­gisch“. Die mehrfache Erfahrung schroffer Leit­bild­wechsel im zurück­lie­genden 20. Jahr­hun­dert sollte jeglicher Gesell­schaft den Mut allzu hoch­fah­render Selbst­dar­stel­lung abkühlen. Sind es doch gerade die stolzen Fanale einer jeden Zeit, die von der nächst­fol­genden mit beson­derer Hingabe geschleift werden. Im Getümmel stürzen sich alle auf die Monumente zuerst.

Dipl.-Ing. Wolfgang Kil (*1948) studierte von 1967 bis 1972 Archi­tektur an der Hoch­schule für Archi­tektur und Bauwesen Weimar und arbeitet bis 1978 als Architekt im Wohnungs­bau­kom­binat Berlin. Kil war Verant­wort­li­cher Redakteur der Fach­zeit­schrift „Farbe und Raum“ und Redakteur bei der „Bauwelt“. Seit 1994 ist er als frei­be­ruf­li­cher Kritiker und Publizist tätig. Wolfgang Kil wurde mit dem Jour­na­lis­ten­preis der Bundes­ar­chi­tek­ten­kammer und dem Kriti­ker­preis des Bundes Deutscher Archi­tekten BDA ausge­zeichnet, er lebt und arbeitet in Berlin.

  1. Ingolf Roßberg 1990 in der Bauwelt. ↩︎
  2. Gunter Just: Dresden, auf dem Weg zu einer neuen Schönheit. In: ders. (Hrsg.:) Bauplatz Dresden. 1990 bis heute. Dresden 2003, S. 9. ↩︎
  3. Peter Richter: Engländer über der Stadt. Ausge­rechnet die Pet Shop Boys zeigen, was in Dresden wirklich auf dem Spiel steht – die Ostmo­derne. In: FAZ vom 23. Juli 2006. ↩︎
Quartier II am Dresdner Neumarkt; Foto: Wolfgang Kil
Quartier II am Dresdner Neumarkt
Foto: Wolfgang Kil
Abriss des „Centrum“-Warenhauses an der Dresdner Prager Straße; Foto: Wolfgang Kil
Abriss des „Centrum“-Warenhauses an der Dresdner Prager Straße
Foto: Wolfgang Kil