Eine Zeiten­wende?

Möglich­keiten und Grenzen der Digi­ta­li­sie­rung

Ich beginne mit einer Defi­ni­tion. Digi­ta­li­sie­rung ist eine Über­set­zung analoger Vorgänge in digitale Daten, die es ermög­licht, Frequenzen von Ereig­nissen zu erfassen und das Wissen um diese Frequenzen in die Systeme zurück­zu­spielen, die die Ereig­nisse produ­zieren.

I.
Digi­ta­li­sie­rung ermög­licht somit das Regis­trieren, Proto­kol­lieren und die Kontrolle von Ereig­nissen in einem Modus, der mit dem Modus der Produk­tion der Ereig­nisse nicht identisch sein muss. Die Systeme werden „auf dem falschen Fuß erwischt“. Sie werden auf eine Weise reflek­tiert, die ihnen zunächst selbst nicht zur Verfügung steht. In tech­ni­schen Systemen bedeutet das einen Gewinn an Steuerung, in sozialen Systemen einen Über­schuss an Reflexion, in psychi­schen Systemen eine Faszi­na­tion, die nicht weiß, wie ihr geschieht.

II.
Das „digitale Zeitalter“ wird in der Literatur mit einer Reihe von Stich­worten beschrieben, die den Zusam­men­hang von Steuerung, Refle­xi­ons­über­schuss und Faszi­na­tion genauer zu umschreiben erlauben.

(1) Elek­tro­ni­sche Medien wie Telefon, Kino, Rundfunk, Fernsehen, Computer und das Internet ermög­li­chen eine instantane Kommu­ni­ka­tion in Licht­ge­schwin­dig­keit (McLuhan, 1964). Räumliche und zeitliche Abstände, die frühere Gesell­schaften gekenn­zeichnet haben, schwinden, ohne dass deswegen Raum und Zeit verschwinden.

Matthäus Merian, Der Markt­platz von Bremen, etwa 1630

(2) Struktur und Kultur der Gesell­schaft werden konnektiv im Sinne über­ra­schender Quer­ver­bin­dungen zwischen Feldern, Bereichen, Systemen, die in der modernen Gesell­schaft rational getrennt schienen (Schmidt / Cohen, 2013). Die Diffe­ren­zie­rung der modernen Gesell­schaft in Funk­ti­ons­sys­teme wie Politik, Wirt­schaft, Recht, Religion, Wissen­schaft, Kunst und Familie wird auf die Diffe­ren­zie­rung von Wert­sphären oder Urteils­kri­te­rien zurück­ge­nommen, deren Inter­de­pen­denz die Orien­tie­rung sowohl komplexer werden lässt als auch mit neuen Ressourcen versorgt. Es entwi­ckelt sich eine Netz­werk­ge­sell­schaft, in der jedes soziale System, dem es gelingt, sich auszu­dif­fe­ren­zieren und zu repro­du­zieren, Anschluss­fä­hig­keit in die Gesamt­ge­sell­schaft herstellen muss, sei es durch Konsens oder Dissens, durch Annahme oder Ablehnung, durch Koope­ra­tion oder Konflikt.

(3) Die Über­set­zung analoger Vorgänge in digitale Daten führt zu einer erheb­li­chen Auswei­tung der Tiefen­schärfe in der Erfassung von Ereig­nissen. Man spricht von einer Stei­ge­rung der Granu­la­rität (Kucklick, 2014), die die über­lie­ferten Formen der Kate­go­ri­sie­rung, Beschrei­bung und des Verste­hens dieser Ereig­nisse über­for­dert. Es offenbart sich nicht nur in der Quan­ten­welt, sondern auch in der sozialen Welt eine Mikro­logik der Ereig­nisse, einschließ­lich rätsel­hafter Phänomene der Über­la­ge­rung verschie­dener Zustände (Ambi­va­lenz) und Verschrän­kung ferner Ereig­nisse (Korre­spon­denz), mit der die moderne Rhetorik und Meta­phorik von „Natur“, „Kultur“ und „Gesell­schaft“ nicht gerechnet hat.

(4) Das digitale Zeitalter hat es mit zunehmend nicht-trivialen Maschinen zu tun (von Foerster, 1993), deren Trans­for­ma­tions- und Zustands­funk­tionen nicht per se inter­ope­rabel sind. Versteht man den Maschi­nen­be­griff als ein Modell, das nicht nur tech­ni­sche, sondern auch orga­ni­sche, neuronale, psychi­sche und soziale Systeme zu beschreiben erlaubt, bekommen wir es mit der Komple­xität nicht-trivialer Systeme zu tun, deren Synchro­ni­sa­tion ebenso unwahr­schein­lich wie voraus­set­zungs­reich ist. Die Einsicht in und der Umgang mit Komple­xität im Sinne der grund­sätz­lich tempo­rären Verschal­tung prin­zi­piell inkom­men­sura­bler Systeme wird daher zu einer Basis­kom­pe­tenz des digitalen Zeit­al­ters. Die Zeit wird zur entschei­denden Variablen dieser Verschal­tung, weil para­do­xer­weise nur der im Zeit­ver­lauf erzwun­gene Zerfall und Wieder­aufbau jedes Systems es erlaubt, deren Modus der Ausdif­fe­ren­zie­rung und Repro­duk­tion aufein­ander einzu­stellen.

(5) Konnte die Inklusion der Bevöl­ke­rung in die Gesell­schaft in der Moderne im Wesent­li­chen über Indi­vi­dua­li­sie­rung im Sinne der Heraus­lö­sung aus Geburt, Herkunft und Stand gemeis­tert werden, so bekommen wir es jetzt zusätz­lich mit Anfor­de­rungen der Perso­na­li­sie­rung zu tun (Lupton, 2016), die jedem Indi­vi­duum nicht mehr nur Undurch­schau­bar­keit und Adres­sier­bar­keit, sondern auch Wieder­erkenn­bar­keit und Selbst­bin­dung zumutet. Ein Indi­vi­duum ist, wer sich gemäß eigener Inter­essen an Politik, Wirt­schaft, Kunst, Religion, Wissen­schaft, Recht und Familie beteiligt. Eine Person ist, wer Bindungs­be­reit­schaften ausflaggt, die Netz­werk­kom­pa­ti­bi­li­täten zu kalku­lieren erlauben. Nur Personen eignen sich als Elemente jener hete­ro­genen Netzwerke, in denen Bezüge zwischen Orten, Praxen, Konven­tionen, Geschichten und Programmen zu idio­syn­kra­ti­schen Profilen gerinnen. Indi­vi­duen können jederzeit weglaufen (Lehmann, 2011).

(6) Orga­ni­sa­tionen stellen sich durch Agilität auf das digitale Zeitalter ein (Robertson, 2009). Agilität bedeutet, dass die hier­ar­chi­sche Ordnung der Orga­ni­sa­tion aus der Vertikale in die Hori­zon­tale gelegt wird. Man hat es nicht mehr primär mit der Rang­ord­nung von Oben und Unten zu tun, sondern mit der Rang­ord­nung von Vorher und Nachher, Innen und Außen. Der klas­si­schen Orga­ni­sa­tion fällt das außer­or­dent­lich schwer; Agilität ist hier ein Lippen­be­kenntnis. Doch in hoch­pro­fes­sio­na­li­sierten, inter­dis­zi­plinär aufge­stellten, technisch vernetzten Orga­ni­sa­tionen ist Agilität ein Synchro­ni­sa­ti­ons­modus mit komplexen Umwelten, der es erlaubt, Anfor­de­rungs- und Bedarfs­pro­file in eng getak­teten Arbeits­ab­läufen zu gene­rieren, zu erproben und auszu­tau­schen.

„Eine Art Dorf – einge­füllt mit gigan­ti­schen Baublö­cken“: Stadt­bau­meister Maarten Schmitt über die Generic City Den Haag, Foto: Rene Mensen (via flickr​.com / CC BY 2.0)

(7) Und nicht zuletzt in dieser offenen Liste möglicher weiterer Punkte bekommt es das digitale Zeitalter mit einem neuen Verständnis von Gemein­schaft bezie­hungs­weise community zu tun. In der profes­sio­na­li­sierten Arbeit, in der Kunst und in sozialen Bewe­gungen entstehen Gemein­schaften, die sich nicht mehr auf eine wie immer erfundene gemein­same Vergan­gen­heit (Herkunft, Sprache, Religion) und ethnische Bindung, sondern auf eine gemein­same, aber ungewisse Zukunft beziehen (Agamben, 2003). Eignete der vergan­gen­heits­ori­en­tierten Gemein­schaft ein Hang zur Radi­ka­li­sie­rung, da die „Wurzeln der Existenz“ mit jedem neuen Tag neuerlich gefährdet sind und das Bewusst­sein laufend zu höchster Wach­sam­keit aufge­for­dert ist (Plessner, 2002), so ist die zukunfts­ori­en­tierte Gemein­schaft expe­ri­men­tell, behutsam und umsichtig. Sie pflegt nicht die Einheit, sondern die Differenz unter ihren Mitglie­dern, weil sie nicht divers genug aufge­stellt sein kann, um Gele­gen­heiten und Even­tua­li­täten nicht nur gewachsen zu sein, sondern sie aufgreifen und verar­beiten zu können. Die kommende Gemein­schaft ist kein Bund, der sich auf einen Mythos der Vergan­gen­heit beruft, sondern eine Heuristik, zu der man sich bekennt, weil sie zur Offenheit verpflichtet. Die Gemein­sam­keit entsteht aus der Verpflich­tung auf eine Praxis, die sich auf eine Gegenwart bezieht, in der gelingt oder misslingt, was man sich vornimmt. Sich in dieser Praxis zu bewegen und aus ihr eine situative, gegenüber jeder Gene­ra­li­sie­rung skep­ti­sche Intel­li­genz zu gewinnen, ist dieser Gemein­schaft Bund genug.

III.
Die Stadt ist eine Einma­ler­fin­dung der mensch­li­chen Gesell­schaft, die sich in jeder der vier bishe­rigen Medi­en­epo­chen der Gesell­schaft erneut bewähren muss, aber auch unver­zichtbar für die Suche nach einer neuen Struktur und Kultur der Gesell­schaft ist. Die Stadt ist einer der symbio­ti­schen Mecha­nismen der Gesell­schaft (Luhmann, 1997, S. 378 ff.), indem sie deren Kommu­ni­ka­tion durch Refe­renzen auf Räume, Orte, Wege, Gebäude und Bewegung auf Körper und Bewusst­sein der Menschen bezieht und so sowohl zählt (die Möglich­keit der Wieder­ho­lung) als auch ordnet (die Möglich­keit der Ein- und Abgren­zung).

Die soziale Funktion der Stadt ist für jede Gesell­schaft dadurch definiert, dass sie das Mitein­an­der­leben von Menschen regelt und ermög­licht, die sich unter­ein­ander nicht persön­lich kennen (Weber, 1990, S. 727). Stadt ermög­licht Anony­mität. Sie eman­zi­piert die Zivi­li­sa­tion aus den Bedin­gungen persön­li­cher Bekannt­schaft in der Stam­mes­ge­sell­schaft und ist so ein wesent­li­cher Mecha­nismus der weiteren Evolution der Struktur und Kultur der Gesell­schaft. Sie stellt neue Varia­ti­ons­spiel­räume von Verhalten, Handeln und Kommu­ni­ka­tion bereit und entwi­ckelt Selek­ti­ons­me­cha­nismen zu deren Bewäl­ti­gung. Sie ermög­licht es, sich dem Druck jeglicher Inter­ak­tion zu entziehen und struk­tu­riert sich durch die Kulti­vie­rung entspre­chender Nega­ti­ons­chancen gegenüber kommu­ni­ka­tiven Angeboten aller Art (Simmel, 1995). Ihre Ordnung ist eine strikt ökolo­gi­sche, insofern Nach­bar­schaften, Berufe, Märkte und das Nach­rich­ten­wesen eine Orien­tie­rung sicher­stellen, die ohne über­grei­fende Struk­turen und ohne eine mit sich iden­ti­sche Kultur auskommt (Park/​Burgess/​McKenzie, 1967). Und ihre wich­tigsten archi­tek­to­ni­schen Elemente sind die Abschir­mung und die Verbin­dung zwischen Orten, die sich isoto­pisch, hete­ro­to­pisch oder utopisch anziehen, abstoßen oder wech­sel­seitig voraus­setzen (Lefebvre, 1976; Feldt­keller, 1989).

IV.
Im digitalen Zeitalter wird diese Stadt generisch (Koolhaas, 1996). Sie gibt ihre funk­tio­nale Ordnung auf und bean­sprucht statt­dessen, jeden funk­tio­nalen Bezug im Prinzip jederzeit an jedem denkbaren Ort aufrufen und reali­sieren zu können. An die Stelle einer funk­tio­nalen Ordnung, in der man jederzeit weiß, was man zu erwarten hat und was nicht, tritt ein Verständnis der Stadt als Protokoll ihrer selbst, in dem es nur vom mathe­ma­ti­schen und statis­ti­schen Geschick der regis­trie­renden Apparate abhängt, welche Reflexion denkbarer Möglich­keiten einem Ort aufge­spielt wird. Die „elek­tro­ni­sche Revo­lu­tion“ ermög­licht Rück­kopp­lungs­schleifen, die über­ra­schen­der­weise nicht zu Unfällen führen, wie William Burroughs noch annahm (und hoffte) (Burroughs, 1970), sondern zu neuen Profi­lie­rungs­chancen im Netzwerk komplexer Möglich­keiten.

Gegen­wärtig ist kaum absehbar, was das heißt. Digitale Archi­tek­tur­ent­würfe, Apps zur Unter­stüt­zung neuer Mobi­li­täts­chancen im Verkehr, autonome Fahrzeuge, Platt­formen zur Vermitt­lung von Arbeit, Konsum, Fitness, Gesund­heit und Unter­hal­tung vermit­teln eine Ahnung davon, wie tief­grei­fend die Digi­ta­li­sie­rung in die Reor­ga­ni­sa­tion von Raum und Zeit eingreift. Mit der Digi­ta­li­sie­rung wird ein neuer „Verwei­sungs­über­schuss von Sinn“ (Luhmann, 1997, S. 409) verfügbar, der die Vorstel­lungs­kraft heraus­for­dert und jeden bishe­rigen Sinn der Gesell­schaft unter einen Vergleichs­druck mit weit­ge­hend uner­probten Möglich­keiten setzt, seien dies neue Formen von Arbeit, von Demo­kratie und Verwal­tung, von Unter­hal­tung oder Erziehung, von Religion oder Kunst. Die einst kaum jemanden inter­es­sie­rende Kunst der Formu­lie­rung von Geschäfts­mo­dellen wird zum Element tenden­ziell disrup­tiver Analysen und Produkt- und Leis­tungs­ent­wick­lungen. Das Reizwort der „Echtzeit“ erschließt neue Märkte des Handels mit Kapital, Arbeit, Sexua­lität und Tourismus.

Der symbio­ti­sche Mecha­nismus der Stadt wird um senso­ri­sche und moto­ri­sche Schnitt­stellen zwischen Technik, Körper, Kommu­ni­ka­tion und Bewusst­sein erweitert. Jede Insti­tu­tion, jede Konven­tion, jeder Markt, jede Öffent­lich­keit stellt sich auf mehr oder minder „kata­stro­phale“ Verän­de­rungen ein, die ein mehr oder minder radikales Umdenken ausge­rechnet dort erfordern, wo man bisher mit Selbst­ver­ständ­lich­keiten rechnete, die keiner Aufmerk­sam­keit bedurften. Und doch scheint sich ein Muster heraus­zu­schälen, das die Verän­de­rungen zu beschreiben erlaubt. Digi­ta­li­sie­rung gelingt überall dort und ist überall dort tief­grei­fend und disruptiv, wo Kontrolle mit Kontrolle beant­wortet werden kann.
Die Stadt war immer schon ein Ort der Insze­nie­rung und Ausbeu­tung jener Komple­xität, die sich aus der Synchro­ni­sa­tion prin­zi­piell inkom­men­sura­bler System­re­fe­renzen ergibt.

Stadt als Medium ihrer selbst? New York, Foto: Jörg Schubert (via flickr​.com / CC BY 2.0)

Jede Mauer macht evident, wo es nicht weiter­geht, jede Fassade macht wahr­nehmbar, was und was man nicht zu erwarten hat. Jede Straße führt von einem Ort weg und auf einen anderen Ort zu. Plätze, Türme, Schilder, Lichter und Passanten struk­tu­rieren und kulti­vieren die Stadt als einen nicht nur symbio­ti­schen, sondern überdies semio­ti­schen Raum, in dem Zeichen zu Symbolen werden und Symbole physische Refe­renzen für Kommu­ni­ka­tion und Bewusst­sein adres­sierbar machen. Das Muster einer Digi­ta­li­sie­rung der Stadt, das allmäh­lich und viel­leicht trüge­risch sichtbar wird, besteht nicht darin, dass jede dieser Symbiosen und Semiosen technisch unter­laufen werden kann, sondern darin, dass Kommu­ni­ka­tion und Bewusst­sein im Hinblick auf tech­ni­sche Anschluss­be­din­gungen ihrer eigenen Opera­tionen im medialen Raum ihrer bisher kaum denkbaren Alter­na­tiven analy­siert, zerlegt und rekom­bi­niert werden. Das aber setzt voraus, dass jede Schnitt­stelle als Form einer wech­sel­sei­tigen Kontrolle ausgelegt wird. Diese wech­sel­sei­tige Kontrolle kann asym­me­trisch, zu unglei­chen terms of trade ausgelegt und mit einer erheb­li­chen Intrans­pa­renz ausge­stattet sein, aber sie kann nicht voll­kommen abwesend sein. Das digitale Zeitalter ist in der Hinsicht ein kyber­ne­ti­sches Zeitalter, als die Kyber­netik auf die Zirkel­struktur der Kontrolle als Grundlage der Kontrolle komplexer Systeme aufmerksam gemacht hat.

Wenn die Annahme stimmt, dass die Funk­ti­ons­sys­teme der modernen Gesell­schaft aufgelöst und als Urteils­kri­te­rien jedem sozialen System im Netzwerk gesell­schaft­li­cher Möglich­keiten zur Verfügung gestellt werden, und wenn überdies die Annahme stimmt, dass sich soziale Systeme in diesem Netzwerk nur dann ausdif­fe­ren­zieren und repro­du­zieren können, wenn sie in einer idio­syn­kra­ti­schen Art und Weise im Refe­renz­system der Netz­werk­ge­sell­schaft ihr entspre­chend „singu­läres“, aber in dieser Hinsicht selbst­ähn­li­ches (gesell­schaft­lich skalier­bares) Profil ausbilden, dann kann man den Flaschen­hals benennen, den die Digi­ta­li­sie­rung der Stadt bewäl­tigen muss: Man kann nur kontrol­lieren, wovon man sich kontrol­lieren lässt.

Was heißt das konkret? Wird man die digitale Stadt als ein rhizom­ar­tiges Geflecht selbst­ähn­li­cher Ansatz­punkte für eine in allen anderen Hinsichten nahezu beliebige Kombi­na­tion von Macht auf der Basis der Androhung von Gewalt, Geld auf der Basis der Durch­set­zung von Knappheit, Glauben auf der Basis des Verspre­chens von Gnade und Trost, Wahrheit auf der Basis von Evidenz­er­leb­nissen und Kunst auf der Basis einer ästhe­tisch über­ra­schenden Form­fin­dung verstehen müssen? Ist dies eine unter Umständen nicht voll­stän­dige Liste von Kriterien, denen poli­ti­sche Bewe­gungen, krimi­nelle Netzwerke, unter­neh­me­ri­sche Kampagnen, künst­le­ri­sche Possen, wissen­schaft­liche Projekte und Jugend­gangs glei­cher­maßen genügen müssen, die sich überdies unter­ein­ander nur durch die Nuancen unter­scheiden, in denen sie auf die einen Kriterien mehr, auf die anderen weniger Wert legen? Genügt es, auf den Zwang zur Mitfüh­rung einer tech­ni­schen Imple­men­ta­tion, einer digitalen Anschluss­stelle, einer elek­tro­ni­schen Kommu­ni­zier­bar­keit zu verweisen, um diese Form einer singu­lären Ausdif­fe­ren­zie­rung im selbst­ähn­li­chen Netzwerk gesell­schaft­li­cher Möglich­keiten zu erklären?

Als „edge city“, „city of bits“ und „smart city“ virtua­li­siert sich die digitale Stadt zu einem Medium ihrer selbst. Jedes Zimmer, jedes Gebäude, jede Straße wird infor­mativ. Luft, Wasser, Licht und Leute werden regis­triert, proto­kol­liert und reflek­tiert. Erst jetzt merken wir, wie sehr wir auf die Stadt und allen­falls noch auf den kaum mehr glaub­wür­digen Unter­schied von Stadt und Land ange­wiesen sind, um uns, unser Handeln und Denken in dieser Gesell­schaft zu orien­tieren. Wir miss­trauen den Pionieren, die sich an unsere Konven­tionen nicht gebunden fühlen. Aber wir sind auf sie ange­wiesen, um beob­achten zu können, wie sich die Stadt verändert. Man muss sich aus der Kontrolle lösen, um neue Kontroll­chancen zu finden. Die sozio­lo­gi­sche Theorie kann Hypo­thesen formu­lieren, aber verändern kann sich die Stadt nur anhand der Refle­xi­ons­chancen, die vor Ort, aus spezi­fi­schen Blick­win­keln, mit spezi­fi­schen Inter­essen und nicht zuletzt mithilfe eines mathe­ma­ti­schen Vorstel­lungs­ver­mö­gens der Rela­tio­nie­rung hete­ro­gener Elemente iden­ti­fi­ziert und ausge­beutet werden.

Prof. Dr. Dirk Baecker studierte Sozio­logie und Natio­nal­öko­nomie in Köln und Paris, promo­vierte und habi­li­tierte in Sozio­logie bei Niklas Luhmann an der Univer­sität Bielefeld und forschte an der Stanford Univer­sity, der John Hopkins Univer­sity und an der London School of Economics, er lehrte unter anderem an der Univer­sität Witten / Herdecke und der Zeppelin Univer­sität Bodensee, bevor er 2015 den Ruf an den Lehrstuhl für Kultur­theorie und Manage­ment an der Univer­sität Witten /​Herdecke erhielt. Seine Arbeits­ge­biete sind sozio­lo­gi­sche Theorie, Kultur­theorie, Wirt­schafts­so­zio­logie, Orga­ni­sa­ti­ons­for­schung und Manage­ment­lehre. Jüngste Veröf­fent­li­chung: 4.0 oder Die Lücke die der Rechner lässt (Merve, 2018).

Literatur

Agamben, Giorgio: Die kommende Gemein­schaft, dt. Merve, Berlin 2003.

Burroughs, William: Elec­tronic Revo­lu­tion, Expanded Media, Bonn 1970.

Feldt­keller, Christoph: Der archi­tek­to­ni­sche Raum – eine Fiktion: Annä­he­rungen an eine funk­tio­nale Betrach­tung, Vieweg, Braun­schweig 1989.

Foerster, Heinz von: Prin­zi­pien der Selbst­or­ga­ni­sa­tion im sozialen und betriebs­wirt­schaft­li­chen Bereich, in: ders.: Wissen und Gewissen: Versuch einer Brücke, Suhrkamp, S. 233–268, Frankfurt am Main 1993.

Koolhaas, Rem: Die Stadt ohne Eigen­schaften, in: arch+ 132, S. 21–27, 1996.

Kucklick, Christoph: Die granulare Gesell­schaft: Wie das Digitale unsere Wirk­lich­keit auflöst, Ullstein, Berlin 2014.

Lefebvre, Henri: Die Revo­lu­tion der Städte, Syndikat, Frankfurt am Main 1976.

Lehmann, Maren: Theorie in Skizzen, Merve, Berlin 2011

Luhmann, Niklas: Die Gesell­schaft der Gesell­schaft, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997.

Lupton, Deborah: The Quan­ti­fied Self: A Sociology of Self-Tracking, Cambridge / USA 2016.

Park, Robert E. / Burgess, Ernest W. /  McKenzie, Roderick D.: The City. Reprint Chicago, IL: Univer­sity Press, Chicago / USA1967.

Plessner, Helmuth: Grenzen der Gemein­schaft: Eine Kritik des sozialen Radi­ka­lismus, Nachdruck, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2002.

Robertson, Brian J.: Holacracy: The New Manage­ment System for a Rapidly Changing World, Macmillan, New York / USA 2015.

Schmidt, Eric / Cohen, Jared: The New Digital Age: Reshaping the Future of People, Nations and Busi­nesses, John Murray, London/​ GB 2013.

Simmel, Georg: Die Groß­städte und das Geis­tes­leben, in: Gesamt­aus­gabe, Bd. 7: Aufsätze und Abhand­lungen 1901 – 1908, Bd. I, S. 116–131, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995.

Weber, Max: Wirt­schaft und Gesell­schaft: Grundriß der verste­henden Sozio­logie, Studi­en­aus­gabe, Mohr, Tübingen 1990.

Matthäus Merian, Der Markt­platz von Bremen, etwa 1630
„Eine Art Dorf – einge­füllt mit gigan­ti­schen Baublö­cken“: Stadt­bau­meister Maarten Schmitt über die Generic City Den Haag, Foto: Rene Mensen (via flickr​.com / CC BY 2.0)
Stadt als Medium ihrer selbst? New York, Foto: Jörg Schubert (via flickr​.com / CC BY 2.0)