Kritik, Selbst­er­mäch­ti­gung und Sprache

BDA-Preis für Archi­tek­tur­kritik 2015 an Niklas Maak

Erwi­de­rung des Preis­trä­gers

Ein Preis für Archi­tek­tur­kritik ist nichts Selbst­ver­ständ­li­ches, im Gegenteil: Wenn man zum Beispiel Romane liest und Filme anschaut, bekommt man dort ein derart unvor­teil­haftes Bild des Archi­tek­tur­kri­ti­kers vermit­telt, dass man froh sein kann, wenn die Bewertung im wirk­li­chen Leben freund­li­cher ausfällt. Das Bild einer Berufs­gruppe wird auch in den Künsten, in Literatur und Film geprägt, und wenn dort Archi­tek­tur­kri­tiker auftreten, sind es meist ausge­machte Unsym­pa­then. Der berühm­teste fiktive Archi­tek­tur­kri­tiker ist in Ayn Rands berühmtem Roman „The Foun­tain­head“ zu finden; er heißt Ellsworth Toohey und ist der Gegen­spieler ihres Helden, des Archi­tekten Howard Roark.

Besonders drama­tisch setzt die Verfil­mung des Romans mit Gary Cooper von 1949 den Gegensatz in Szene zwischen dem heroi­schen, unver­stan­denen Avant­garde-Archi­tekten Howard Roark und dem mittel­mä­ßigen, selbst­ver­liebten Archi­tek­tur­kri­tiker Toohey, der seine Aufgabe vor allem darin sieht, außer­or­dent­liche Beispiele des bauenden Geistes in den Brei des Mittel­maßes, aus dem er heraus­steht, zurück zu prügeln. Gary Cooper, der hier zum ersten Mal einen Archi­tekten darzu­stellen hat, macht auch aus dieser Figur das, was er aus allen Figuren macht: einen Cowboy. Sein Architekt ist ein Cowboy der Vertikale, der nicht mehr auf dem Pferd in den Sonnen­un­ter­gang, sondern auf dem Baustel­len­fahr­stuhl in den Himmel reitet. Nur der Archi­tek­tur­kri­tiker begreift diesen neuen Heroismus nicht: Er will, dass alles flach, ebenerdig und so bleibt, wie man es kennt. Er ist der große Verhin­derer, der die Massen gegen den Archi­tekten aufhetzt.

Es gibt nur einen positiven, versöhn­li­chen Auftritt des Jour­na­lismus in diesem Epos: Dominique Francon, eine Kolum­nistin, beschließt, mit dem heroi­schen Archi­tekten Howard Roark gemein­same Sache zu machen und zusammen mit ihm eine miss­ra­tene Sozi­al­bau­sied­lung kurzer­hand wegzu­sprengen, weswegen der Film auf Deutsch auch den schönen Titel „Ein Mann wie Spreng­stoff“ trägt. Man könnte mit Blick auf weitere Archi­tek­ten­ro­mane, etwa Susannah Lezards „Architekt der Begierde“, zusam­men­fassen, dass Archi­tek­tur­kri­tiker nur dann gut wegkommen, wenn sie Dynamit dabei haben.

BDA-Tag 2015, Preis­ver­lei­hung, Foto: Till Budde

Doch auch das Bild der Archi­tek­tur­kritik im wirk­li­chen Leben ist nicht unpro­ble­ma­tisch. Leider wird die Inter­net­platt­form Wikipedia ja von immer mehr Benutzern als Lexi­ko­n­er­satz benutzt, was man nicht tun sollte, wie sich schon am Stichwort „Archi­tek­tur­kritik“ zeigt. Denn wer es dort eingibt, bekommt allen Ernstes folgendes zu lesen: „Philo­so­phisch gesehen erfolgt die Kritik: 1. subjektiv, nach persön­li­chem Geschmack und Empfinden und wird 2. objektiv begründet durch Anwendung gesi­cherter, messbarer Prin­zi­pien, um den Wert (oder Unwert) einer Bauform zu erkennen.“ Weiter heißt es: „(…) Die zeit­ge­nös­si­sche Archi­tek­tur­kritik ist meist dogma­tisch und belehrend, da der Kritiker durch seine Stel­lung­nahme immer Partei ergreift. Der Archi­tek­tur­kri­tiker exponiert sich, indem er zwischen Bauwerk und Betrachter steht und glaubt‚ es besser zu wissen als andere. Die Kritik ist auch Kritik an der Person des Archi­tekten, wenn er mit seinem Werk scho­ckiert und provo­ziert oder langweilt.“ Ich zitiere das, weil man gar nicht besser zusam­men­fassen kann, was Archi­tek­tur­kritik nicht sein sollte, was Kritik nicht ist.

Mit einer erstaun­li­chen Hart­nä­ckig­keit hält sich die Vorstel­lung, der Kritiker verhalte sich zum Künstler wie ein Lehrer zum Schüler, oder schlimmer, er sei eine Art Verwal­tungs­be­amter, der einen Antrag auf Aner­ken­nung als Kunstwerk zu geneh­migen hat. Leider herrscht diese Vorstel­lung auch bei einigen Kritikern selbst vor. Sehr oft steht über Buch­re­zen­sionen der verrä­te­ri­sche Satz „Schrift­steller soundso legt seinen ersten Roman vor“. Was soll das heißen: legt vor? Und wem – der Prüfungs­be­hörde für Kultur­er­zeug­nisse?

Die Aufgabe des Kritikers ist sicher nicht die, „subjektiv, nach persön­li­chem Geschmack und Empfinden“ ein Geschmacks­ur­teil über den Archi­tekten abzugeben, und erst recht nicht die, „durch Anwendung gesi­cherter, messbarer Prin­zi­pien den Wert (oder Unwert) einer Bauform zu erkennen“. Denn was sollen diese messbaren Prin­zi­pien sein? Immer, wenn einer kommt und ruft: Eure Städte sind eine Kata­strophe, eure Plätze unwirt­lich, kommt ein anderer und sagt: Das ist eure Sicht, wir finden es schön – und so fährt sich die Diskus­sion über Jahr­zehnte im Sumpf schwer objek­ti­vier­barer Geschmacks­ur­teile fest. Ich meine, eine Archi­tek­tur­kritik, die nicht in diesen Schüt­zen­gräben der Archi­tek­tur­ideo­lo­gien stecken­bleiben will, muss etwas anderes sein – nämlich eine poli­ti­sche Ökonomie der Archi­tektur.

BDA-Tag 2015, Foto: Till Budde

Sicher: Man kann und muss sich streiten über Gebäude und Archi­tektur, darüber, in was für einer Stadt wir leben, auf welchen Plätzen wir uns treffen wollen, und dieser Streit ist wichtig und wird, wie ich finde, zur Zeit nicht energisch genug geführt. Aber bevor ein solcher Streit  – an dem sich in Zukunft die Archi­tekten mit ihren Ideen und ihrer Wut hoffent­lich noch ener­gi­scher betei­ligen – überhaupt statt­finden kann, müssen andere Fragen gestellt und beant­wortet werden. Fragen nach den struk­tu­rellen, ökono­mi­schen Bedin­gungen des Bauens: welche Macht­struk­turen, welche Rege­lungen prägen das Bauen, was ermög­li­chen, was verhin­dern sie? Dies heraus­zu­finden, wäre die erste und wich­tigste Aufgabe der Kritik, die ja, wie wir wissen, Bedin­gungen der Möglich­keit von Erkenntnis schaffen soll.

Archi­tek­tur­kritik, verstanden als eine poli­ti­sche Ökonomie der Archi­tektur, muss zunächst einmal den Inter­essen nach­spüren, die sich in den Neubauten und Master­plänen abbilden oder hinter ihnen verbergen – denn Bauen ist in den aller­meisten Fällen eben keine primär ästhe­ti­sche, sondern eine vor allem ökono­mi­sche Disziplin, was man etlichen Bauten ja leider auch sehr deutlich ansieht.

Die erste Frage lautet also nicht: Ist dem Archi­tekten dieses oder jenes gelungen. Sie lautet: Wer hat ein Interesse daran, dass Häuser und Städte so aussehen, wie sie aussehen? Welche Lobbys und Macht­in­ter­essen bilden sich in den Bauformen ab? Und wie kommt es, dass so viele neue Stadt­viertel entstehen, für die später niemand verant­wort­lich sein will und die jenseits von Geschmacks­dif­fe­renzen wirklich niemandem gefallen? Warum ist so wenig über die Hinter­gründe und Bedin­gungen des Bauens zu erfahren? Viel­leicht auch, weil der radikalen Ökono­mi­sie­rung des Bauens die Bot-Poli­ti­sie­rung des Baudis­kurses gegen­über­steht.

Das liegt auch an den Medien, denn wenn jenseits der Fach­ma­ga­zine über Archi­tektur berichtet wird, dann meistens, wenn bei großen Pres­ti­ge­pro­jekten etwas schief­geht – und das, obwohl die meisten Menschen viel­leicht nur ein Tausendstel ihrer Zeit vor dem Schloss und am Flughafen verbringen und ansonsten in Vorstädten, Verwal­tungs­bauten und anderen Baumas­sen­bal­lungen sitzen, über die, auch weil sie so trostlos aussehen, außer einigen enga­gierten Fach­jour­na­listen keiner gern sprechen möchte.

Die poli­ti­sche Ökonomie der Archi­tektur
Viele begegnen der gebauten Umwelt mit einem grimmigen Kultur­pes­si­mismus: Archi­tektur sei nun einmal das Abbild von gesell­schaft­li­chen Macht­kon­stel­la­tionen, jede Gesell­schaft bekomme die Archi­tektur, die sie verdiene. Man könnte die Frage natürlich auch anders­herum stellen: Welche Struk­turen verhin­dern, dass sich eine Gesell­schaft die Räume bauen kann, die sie gern hätte? Das ist manchmal nicht einfach. Man muss als Archi­tek­tur­kri­tiker seinen Lesern ermüdende büro­kra­ti­sche Verflech­tungen erklären. Man muss vermit­teln, dass Archi­tektur insgesamt besser aussehen könnte, wenn dem Archi­tekten, der eine gute Idee hat, nicht gleich das Gespenst der gesamt­schuld­ne­ri­schen Haftung ins Haus flattert und ihn in einen exis­tenz­ge­fähr­denden Strudel von Mängel­be­haup­tungen reißt, und zwar auch dann, wenn sein nicht nach dem aner­kannten Stand der Technik, sondern intel­li­genter gefer­tigtes Fenster tadellos funk­tio­niert.

BDA-Tag 2015, Foto: Till Budde

Man muss nach­weisen, dass die Behaup­tung, bestimmte Bautech­no­lo­gien und Vorgänge seien „alter­na­tivlos“, meist genauso falsch ist wie in der Politik. Nimmt man ein Thema, dass wir in unserer Zeitung seit einiger Zeit verfolgten: die Dämmung von Gebäuden. Mit der Dämmung ändert sich das Gefühl für das, was ein Haus ist: Jahr­hun­der­te­lang war die gemauerte Wand das Solide, die Glas­scheibe das Fragile.

Man ermahnte Kinder, nicht mit dem Fußball auf die Wohn­zim­mer­scheibe zu zielen, sondern nur gegen die Wand. Heute ist es umgekehrt: Modernes Sicher­heits­glas hält es sogar aus, wenn man rückwärts mit dem SUV hinein­fährt; die Wärme­dämm­ver­bund­wand zerfällt schon beim Beschuss mit normalen Fußbällen in unan­sehn­liche Einzel­teile.

Wie kann es sein, dass – anders als in Frank­reich – die Dämm­stoff­lobby solch große Erfolge feiern kann? Man kann nicht oft genug daran erinnern, dass in Deutsch­land zum ersten Mal1957 in Berlin ein modernes Wärme­dämm­ver­bund­system verbaut wurde, also in jener Epoche, in der auch luftdicht einge­schweißter Käse in den Läden auftauchte. Die Zutaten des mit Wärme­dämm­ver­bund­sys­temen einge­schweißten Hauses sind nicht weniger unöko­lo­gisch: Um das Klima zu schützen, werden ganze Ölfelder mit gigan­ti­schem Aufwand in Hart­schaum verwan­delt, es ist Kunst­stoff, der hinter dem Putz als Dämmungs­ma­te­rial für ökolo­gi­sche Korrekt­heit sorgen soll. Wer heute ein Haus mit Voll­wär­me­däm­mung baut, kann sich schon einmal darauf einstellen, die Fassade alle zehn Jahre zu erneuern – was ein lang­fris­tiges Bomben­ge­schäft für die Dämm­in­dus­trie ist: Jeder Auftrag kommt auto­ma­tisch alle zehn Jahre wieder. Auf diese ökono­mi­schen Hinter­gründe hinzu­weisen, sie offen zu legen, ist Aufgabe einer Archi­tek­tur­kritik als Teil einer poli­ti­schen Ökonomie der Archi­tektur.

Manchmal ist es auch ganz einfach, zu erklären, was in der Archi­tektur und im Städtebau schief­ge­gangen ist. Und wenn man sich mit den Gründen befasst, hat man oft das Gefühl, Entwickler und Stadt­planer behaupten gern, alles sei viel kompli­zierter und viel­schichtig global verwi­ckelter, als es tatsäch­lich ist, um sich in diesem erfun­denen Dickicht der angeb­li­chen Komple­xität der Zusam­men­hänge besser verste­cken und von klar benenn­baren eigenen Fehlern ablenken zu können.

Ein Beispiel: In der Hamburger HafenCity baute man das soge­nannte Über­see­quar­tier. 800 Millionen Euro wurden inves­tiert, unter anderem in einen „Über­see­bou­le­vard“, der eher an den etymo­lo­gi­schen Ursprung des Worts Boulevard im deutschen Kriegs­vo­ka­bular, nämlich an ein Bollwerk, erinnert. Was ist hier passiert? Warum baute man in aller­schönster Wasser­lage eine Fußgän­ger­zone, wie man sie öder nicht hätte erfinden können?

BDA-Tag 2015, Foto: Till Budde

Die Antwort ist einfach: Weil man hier vor allem Büro­flä­chen bauen wollte – und das mit dem Argument, eine durch­mischte, klein­teilig parzel­lierte Wohnstadt mit erschwing­li­chen Wohnungen und wasser­nahen Gärten sei eine schöne Utopie, aber reali­täts­fremd; hier brauche man Büros, damit sich das Ganze rechne. Aber die behaup­tete ökono­mi­sche Notwen­dig­keit war ein Irrtum: Denn während in Hamburg der Wohnraum knapp ist, stand schon vor Baubeginn rund eine Million Quadrat­meter Büro­fläche leer, und das Über­an­gebot drückte die Preise. Die Folgen waren vor allem ökono­misch desaströs: Dem Investor eines Geschäfts­kom­plexes war vom Senat die Abnahme von 45.000 Quadrat­me­tern zuge­si­chert worden: nun stand die öffent­liche Hand in der Pflicht. Nachdem man keinen anderen Abnehmer fand, musste die Stadt als Mieter einspringen. Zunächst wollte man das Bezirksamt Mitte in die HafenCity umsiedeln, was den Bezirks­po­li­ti­kern zu teuer war – sie hätten mit einer Miete von fünfzehn Euro statt wie bisher acht Euro pro Quadrat­meter den Mietmarkt der HafenCity subven­tio­nieren müssen.

Es war hier also nicht so, dass die globale Ökonomie der öffent­li­chen Hand Geld in die Kassen spülte, das sie segens­reich verwenden konnte. Die öffent­liche Hand alimen­tierte das Bild einer florie­renden Wirt­schaft um den Preis, dass der öffent­liche Raum verödet. Ich erwähne das hier noch einmal, weil ich glaube, dass vor allem die Unter­ord­nung unter das angeblich unver­meid­bare Diktat des Ökono­mi­schen das Bild aktueller Städte prägt. Das soge­nannte „Herz der HafenCity“ wurde früh an ein deutsch-nieder­län­di­sches Konsor­tium verkauft, und die Versuche der Stadt­planer, dem Areal doch noch irgendwie Leben einzu­hau­chen, beschränkten sich auf Urba­no­kos­metik: Man verpasste also den Büro­kisten mit Back­stein­fas­saden und rostigen Paneelen ein nost­al­gi­sches Lokal­ko­lorit, die Archi­tekten durften die anhei­melnde Tarnkappe für die trost­losen Bauformen liefern, die die ökono­mi­schen Verwer­tungs­in­ter­essen ange­nommen haben.

Wie kann man über diese büro­kra­ti­schen Ärger­nisse und ihre Folgen in einer Sprache sprechen, die dieje­nigen, die diese Bauten betreffen, verstehen, die ihr Interesse weckt und sie mitreißt? Auch das ist die Aufgabe der Kritik.

BDA-Tag 2015, Foto: Till Budde

Sprache
Die Sprache, in der wir über Archi­tektur reden, ist manchmal ein Problem. Ich meine damit gar nicht das seltsame Esperanto der Archi­tek­tur­wett­be­werbs­texte, die es immer noch gibt, die einzige Sprach­form, die es schafft, gleich­zeitig blumig und büro­kra­tisch zu sein und alle Archi­tekten kennen. An wen wendet sich so ein Text, der, wie gerade bei einem Berliner Wett­be­werb, die „stadt­räum­lich sensible Einglie­de­rung des Baukör­pers in den urbanen Kontext“ lobt, „in dem die Grenzen von Innen und Außen aufgelöst und das Öffent­liche mit dem Privaten amal­ga­miert werden“. Ich meine auch nur zum Teil den rätsel­haften Hang einer ganzen Branche, inter­es­sante Inno­va­tionen mit möglichst depres­siven Begriffen zu belegen, obwohl ich mich frage, warum allen Ernstes immer noch vom Passiv­haus, vom Null­ener­gie­haus gespro­chen wird, das ist wie ein Witz: „Warum steht Ihr Haus so traurig an der Ecke? – Weiß auch nicht, ist halt ein Passiv­haus.“

Ich meine die Sprache, die nicht der Beschrei­bung von schon fertigen Objekten dient, sondern dem Verfer­tigen von Bauten. Der Philosoph, Essayist und Dichter Paul Valery notiert im fünften seiner Ideen­hefte, den berühmten ‚Cahiers‘, in dem er sich mit einer Theorie des Entwurfs befasst, dass der Künstler Sprache nicht nur benutzt, um das Vorhan­dene zu beschreiben, sondern dass im Prozess des Entwurfs vor allem Begriffe, teils unbewusst, das formende Denken rahmen.

Beim Entwerfen denkt man in Kate­go­rien, bisweilen behindert eine kate­go­riale Sprache das Entwerfen. Bei der Bitte, ein vier Geschosse hohes Haus zu zeichnen, liegt etwa der Gedanke an vier etwa gleich hohe, aufein­an­der­ge­sta­pelte Kisten nahe. Dabei könnte man ja, wenn man sich freimacht vom Begriff der Etage, auch dreißig Plateaus zeichnen, die sich auf eine Höhe von 16 Metern türmen und auf denen sich der Bewohner einnisten kann. Auch deswegen braucht das Sprechen über Archi­tektur eine kritische Revision – und auch das ist Teil einer Archi­tek­tur­kritik, die sich nicht nur in Zeitungen abspielt.

Selbst­er­mäch­ti­gung
Gerade weil sich so viel wandelt, sind es spannende Zeiten für Archi­tekten. Sicher: Ange­sichts von Verga­be­ver­fahren und, Stichwort „gesamt­schuld­ne­ri­sche Haftung“, des wach­senden Drucks, eher abge­si­chert und konven­tio­nell als innovativ zu bauen, könnte man als Architekt schnell das entwi­ckeln, was in der Psycho­logie eine „depres­sive Hand­lungs­hem­mung“ genannt wird. Ich freue mich zu sehen, dass dies offenbar nicht der Fall ist, im Gegenteil.

Ausstel­lung „Neue Neue“ während des BDA-Festes, Foto: Till Budde

Ich möchte hier noch auf das Phänomen der Selbst­er­mäch­ti­gung des Archi­tekten zu sprechen kommen. In den Sozi­al­wis­sen­schaften ist „Selbst­er­mäch­ti­gung“ von Albrecht, Gebhardt, Geulen und Liebert definiert als Versuch, „die vorge­ge­benen Insti­tu­tionen und damit die insti­tu­tio­nelle Ordnung ‚spät­mo­derner‘ Gesell­schaften durch neue Formen der ‚freien‘ Selbst­or­ga­ni­sa­tion zu über­winden.“ Was bedeutet das für die Archi­tektur? Lange verhielten sich Archi­tekten ein wenig wie Raymond Chandlers berühmter Privat­de­tektiv Philip Marlowe: Sie saßen in ihren Büros unter dem Venti­lator und warteten, dass ein Auftrag­geber durch die Tür platzt. Wenn keiner kam und einen Entwurf für bezahl­bares Wohnen bestellte, wurde auch keiner ange­fer­tigt.

Jetzt aber werden immer mehr, gerade auch jüngere Archi­tek­tinnen und Archi­tekten aktiv und entwerfen ohne Auftrag Häuser, in denen sie gern wohnen würden; sie trommeln Freunde und Inves­toren zusammen, bilden Baugruppen, kämpfen bei den Bezirken um freie Grund­stücke und bauen die Häuser, von denen sie denken, dass sie der Stadt fehlen. Diese Form von Selbst­er­mäch­ti­gung ist umso ermu­ti­gender und wichtiger, als sie neuer­dings auch von der Politik unter­stützt wird.

Auch Politiker haben begriffen, dass man mit Baupo­litik Wahlen gewinnen oder verlieren kann und dass es ein Fehler wäre, jetzt schnell, nur um das poli­ti­sche Soll zu erfüllen, tausende von den üblichen Wohn­rie­geln zu bauen, die mit unseren Lebens­ent­würfen nur noch wenig zu tun haben und die wirklich niemand mehr als auf eine öde funk­tio­nale Weise „praktisch“ findet. Ein erstes Ergebnis dieses neuen Inter­esses der Politik an der Frage, wie die Wähler wohnen wollen, ist das mit dreißig Millionen Euro geför­derte Berliner Programm für expe­ri­men­tellen Geschoss­wohnbau; das Ergebnis wird eine kleine Miniatur-IBA zum Thema Wohnen sein.

BDA-Fest „20 Jahre DAZ“, Foto: Till Budde

Nun kann man mit Recht sagen, dreißig Millionen sind nicht viel, allein die histo­ri­sche Verzie­rung des jetzt etwas ruppig daste­henden neuen Berliner Beton­schlosses wird ja das Dreifache dessen kosten, was die Stadt für die Erprobung neuer Wohn­formen übrig hat – aber ein Anfang ist gemacht. Es sind gute, geradezu ideale Zeiten für Archi­tekten. Ich betone das hier nochmal, und bewusst auch an die Adresse aller anwe­senden Archi­tek­tur­stu­denten. Sie haben mit Ihrer Berufs­wahl alles richtig gemacht; lassen Sie sich von niemandem das Gegenteil einreden. Als ich in den neunziger Jahren im Archi­tek­tur­stu­dium saß, erklärten uns einige Profes­soren, Archi­tektur könne Gesell­schaft allein ohnehin nicht verändern, höchstens das Vorhan­dene ein bisschen weiter­bauen, und die Zeit der großen Entwürfe sei auch vorbei. Ich habe den Verdacht, dass dieses Argument vor allem von Vertre­tern der Zunft vorge­tragen wird, die sich mit großen Entwürfen eher schwer tun und sich von daher freuen würden, wenn deren Zeit vorbei wäre. Ich habe es schon damals nicht geglaubt, und heute ist es noch weniger wahr. Es gibt fast nichts Span­nen­deres, als heute Architekt zu sein. Denn fast alle großen Krisen der Gegenwart sind in ihrem Kern Raum- und Immo­bi­li­en­krisen.

Am Anfang der globalen Banken­krise stand die ameri­ka­ni­sche Immo­bi­li­en­blase. Klima­wandel und soziale Spaltung der Gesell­schaft werden dadurch verschärft, dass zu viele Menschen sich in den über­teu­erten Stadt­zen­tren keine Wohnung leisten können und in die Vororte pendeln. In den südlichen Ländern Afrikas leben 72 Prozent der Bevöl­ke­rung in Slums. Nach einer Studie der ‚Deutsche Bank Research‘ wird die Zahl der Haushalte in den kommenden zwei Jahr­zehnten um gut 700 Millionen zulegen. „Weil jedoch der Umzug eines Haushalts vom Land in die Stadt zusätz­liche Wohnungs­nach­frage induziert, müssen bis 2030 weltweit etwa eine Milliarde zusätz­li­cher Wohnungen fertig­ge­stellt werden.“ Wie werden diese Hunderte von Millionen Wohn­ein­heiten aussehen, die man bauen muss – und wer wird sie bauen? Es sind apoka­lyp­ti­sche Zahlen, aber eben auch Aufgaben, die niemand besser bewäl­tigen kann als die Archi­tekten.

Viel­leicht ist eines der Probleme der Archi­tek­ten­schaft falsche Höflich­keit. Ich meine damit nicht, dass Archi­tekten auf riesigen Plakaten die häss­lichsten Häuser der Stadt zeigen und dazu den Slogan „Mit Archi­tekten wäre das nicht passiert“ rufen. Aber Archi­tekten melden sich viel zu selten öffent­lich. Sie rufen fast nie bei uns an. Ich wünsche mir aber, dass sie, die so viele gute Ideen, profunde Kennt­nisse von büro­kra­ti­schen Miss­ständen haben, das tun. Wird der Architekt viel­leicht gerade wieder eine kämp­fe­ri­sche öffent­liche Figur?

BDA-Fest „20 Jahre DAZ“, Foto: Till Budde

Es gibt einen neuen Akti­vismus in Berlin, auch er ist viel­leicht Teil dieses neuen Hangs zur Selbst­er­mäch­ti­gung. Nicht aus der Politik, sondern aus der Berliner Archi­tek­ten­schaft stammt einer der besten Vorschläge, wie man Markt­in­ter­essen und Anstren­gungen zur Erhaltung der sozialen Stadt durch einfache Eingriffe ins Bauver­ord­nungs­wesen mitein­ander in Einklang bringen könnte. Es ist der Vorschlag, die erlaubte Traufhöhe in bestimmten Gegenden der Stadt um ein Geschoss anzuheben, so dass ein Penthouse gebaut werden kann – unter der Bedingung, dass die Eigen­tümer sich im Gegenzug verpflichten, eine Etage bei 6,50 Euro pro Quadrat­meter zu vermieten. Den privaten Haus­ei­gen­tü­mern und Deve­l­o­pern von Neubauten würde das den Bau von attrak­tiven, teuer zu vermie­tenden Dachlagen ermög­li­chen – und gleich­zeitig würden im Hand­um­drehen tausende von bezahl­baren Wohnungen geschaffen. Hier tritt der Architekt nicht nur als Hired Gun, als Entwerfer, sondern auch als Aktivist, als Gestalter von Gesell­schaft auf.

Ein letztes noch: Ich habe über die Produk­ti­ons­be­din­gungen von Archi­tektur gespro­chen, ich möchte auch etwas zu den Produk­ti­ons­be­din­gungen von Texten über Archi­tektur sagen. Ich hätte an dieser Stelle auch gern jemandem gedankt, mit dem ich über zehn Jahre wunderbar zusam­men­ge­ar­beitet habe und der viele Texte angeregt hat, einem wunder­baren Kollegen, für den ein Gebäude der Entwurf eines möglichen anderen Lebens war – und der diesen Preis des BDA schon vor Jahren erhalten hat: Ich hätte gern Dieter Bartetzko im Publikum zuge­wunken und gedankt, und es ist furchtbar, dass das nicht mehr möglich ist. Er hatte den berühmten Musil‘schen Möglich­keits­sinn, der ja das ist, was das Bauen und das Schreiben verbindet: die „Freude am gedank­li­chen Erproben von Möglich­keiten, die über die Wirk­lich­keit hinaus­gehen, ande­rer­seits aber zu einer anderen Form des ‚Verste­hens‘ der Realität führen“. (Vosskamp)

Dass ich jetzt vor Ihnen stehe, habe ich vor allem meinen Kollegen von der FAS zu verdanken. Es ist nicht selbst­ver­ständ­lich, dass man in einer Redaktion sagt: „Ich möchte ein riesiges Bild von einem sehr häss­li­chen Neubau­viertel oder ein Bild dieser gipsernen Sahne­tor­ten­ar­chi­tektur der neuen Berliner Luxus­re­si­denzen auf die Seite eins des Feuil­le­tons setzen und einen Text schreiben, wie es zu diesen Scheuß­lich­keiten kommen konnte“, und die Kollegen sagen: „Super, wir freuen uns.“ Das ist nicht überall so.

Ich war 1998 eine kurze Zeit beim ‚Spiegel‘, dort bekam ich als aller­erstes gesagt, „lass das lieber mit der Archi­tek­tur­kritik, schreib lieber über Kunst, die Archi­tek­tur­kri­tiker sind nach den Ballett­kri­ti­kern die ersten, die raus­fliegen, wenn Stellen gekürzt werden.“ Und bei einer anderen Tages­zei­tung sah man, wie der Chef dem Archi­tek­tur­kri­tiker, als dieser in der Konferenz den Mund öffnen wollte, lachend entgegen rief: „Lassen Sie mich raten: Sie haben wieder drei­hun­dert Zeilen über ein goldenes Stell­wär­ter­häus­chen in der Schweiz?“

BDA-Fest „20 Jahre DAZ“, Foto: Till Budde

Es ist ein unglaub­li­ches Privileg und eine Freude, mit Kollegen zu arbeiten, die sich für Archi­tektur inter­es­sieren, und die einem nachts noch Emails mit Links schicken zu neuen Projekten von Bjarke Ingels, und vier Frage­zei­chen dazu.

Und natürlich danke ich dem BDA, der ja eigent­lich das Geburts­tags­kind ist und statt­dessen so großzügig Preise verteilt. Wie sagte Peter Richter gestern [zum 100jährigen Jubiläum des BDA-Berlin am 3. Juli 2015, Anm. d. Red.] so treffend: „Es sind, wie es aussieht, die nächsten hundert Jahre, die wirklich zählen“. In diesem Sinne freue ich mich nicht nur über diesen Preis, der mir sehr viel bedeutet, sondern auch auf die kommenden Jahre mit Ihnen.

Dr. Niklas Maak (*1972) studierte Kunst­ge­schichte, Philo­so­phie und Archi­tektur in Hamburg und Paris, promo­vierte 1998 zur Entwurfstheorie bei Le Corbusier und Paul Valéry. Nach einigen Jahren als Feuil­le­ton­re­dak­teur und Streif­licht-Autor der Süddeut­schen Zeitung kam er 2001 als Redakteur zum Feuil­leton der Frank­furter Allge­meinen Zeitung. Dort leitet er heute zusammen mit Julia Voss das Kunst­res­sort. Er unter­rich­tete Archi­tek­tur­ge­schichte und ‑theorie unter anderem als Gast­pro­fessor an der Frank­furter Städel­schule sowie in Basel, Berlin und New York. Gegen­wärtig lehrt er als John T. Dunlop Lecturer of Housing and Urba­niza­tion in Harvard. Im Hanser Verlag veröf­fent­lichte er die Bücher „Der Architekt am Strand“ (2010), „Fahr­ten­buch. Roman eines Autos“ (2011) sowie „Wohn­kom­plex. Warum wir neue Häuser brauchen“ (2014). Für seine Arbeit wurde er unter anderem mit dem George F. Kennan Award und dem Henri-Nannen-Preis ausge­zeichnet.

Anläss­lich der Verlei­hung des BDA-Preises für Archi­tek­tur­kritik an Niklas Maak legt der BDA eine Fest­schrift vor, die neben ausge­wählten Texten des Preis­trä­gers auch die hier publi­zierte Laudatio von Karin Wilhelm und ein Gespräch zwischen Niklas Maak, Benedikt Hotze (Referent für Presse- und Öffent­lich­keits­ar­beit des BDA) und David Kasparek (Redakteur bei der architekt), zu Gegenwart und Zukunft der Archi­tek­tur­kritik versam­melt. Die 48 Seiten umfas­sende Publi­ka­tion kann in der Bundes­ge­schäfts­stelle des BDA (Tel.: 030. 27 87 99 13; hotze@​bda-​bund.​de) angefragt werden.

Fotos: Till Budde

 

 

BDA-Tag 2015, Preis­ver­lei­hung, Foto: Till Budde
BDA-Tag 2015, Foto: Till Budde
BDA-Tag 2015, Foto: Till Budde
BDA-Tag 2015, Foto: Till Budde
BDA-Tag 2015, Foto: Till Budde
Ausstel­lung „Neue Neue“ während des BDA-Festes, Foto: Till Budde
BDA-Fest „20 Jahre DAZ“, Foto: Till Budde
BDA-Fest „20 Jahre DAZ“, Foto: Till Budde
BDA-Fest „20 Jahre DAZ“, Foto: Till Budde