Es geht nur mit Kommu­ni­ka­tion

Uta Boockhoff-Gries im Gespräch mit David Kasparek und Elina Potratz

Dipl.-Ing Uta Boockhoff-Gries wuchs auf der Insel Sylt auf, wo sie nach dem Abitur ein Praktikum als Bautisch­lerin absol­vierte. 1965 startete sie ihr Archi­tek­tur­stu­dium an der Leibniz-Univer­sität in Hannover. Unmit­telbar nach ihrem Diplom begann Boockhoff-Gries im Stab des damaligen Hanno­ve­raner Baude­zer­nenten Rudolf Hille­brecht zu arbeiten. 1993 wurde sie Nach­fol­gerin von Hanns Adrian als Baude­zer­nentin der nieder­säch­si­schen Landes­haupt­stadt – ein Posten, den Boockhoff-Gries bis zu ihrem Berufs­aus­stieg 2007 beklei­dete. In dieser Zeit betreute sie unter anderem die EXPO2000 und die damit verbun­denen stadt­pla­ne­ri­schen Umge­stal­tungen der Stadt an der Leine. Mit Uta Boockhoff-Gries sprachen David Kasparek und Elina Potratz.

Wie war Ihr Arbeits­be­ginn bei der Stadt Hannover?
Wir haben 1971 bei der Stadt Hannover ange­fangen. Wir, mein späterer Mann, zwei Kommi­li­tonen und ich, waren damals eine Gruppe, die sich schon zu Beginn des Studiums zusammen gefunden hatte. Noch als Studenten wurden wir in die Dezer­nen­ten­kon­fe­renz der Stadt Hannover einge­laden, weil wir propa­gierten: „Ihr müsst Stadt­ent­wick­lung verkaufen wie Würstchen an einem Stand. Das, was im Rathaus geschieht, kommt sonst nie unter die Leute.“ Wir waren „richtige“ 68er, wohnten schon seit 1966 gemeinsam in einer Wohn­ge­mein­schaft. Die Rote-Punkt-Aktion mit Ulla Luther aus Berlin, das Lahmlegen von Stra­ßen­bahnen und derglei­chen wurde immer in der Archi­tek­tur­ab­tei­lung mitor­ga­ni­siert. Auch unser Examen, für das wir den zweiten Preis beim DEUBAU-Preis erhielten, haben wir zusammen gemacht. Im März 1971 ging es dann bei Hille­brecht los. Er wollte uns alle vier in seinem Team haben.

Welche Themen bewegten Sie als Studentin?
Unsere Diplom­ar­beit haben wir zum Thema „Reak­ti­vie­rung Altstadt Hannover“ gemacht. Es ging uns um den öffent­li­chen Raum und den Gebäu­de­be­stand, der damals zu verfallen drohte, und wie man beides reak­ti­viert.

Die Frage nach dem Umgang mit der Innen­stadt hat sich auch in Ihrem Berufs­leben entschei­dend nieder­ge­schlagen…
Ja. Man kann an den Innen­städten sehen, welche Aufgaben es in einer Stadt gibt. Städte werden über die Innen­städte iden­ti­fi­ziert. Es gilt also, die Themen der jewei­ligen Innen­stadt zu finden und heraus­zu­ar­beiten – und die Ergeb­nisse müssen schön sein.

Was ist das: Schönheit in der Stadt?
Was ist schön? Jeder empfindet etwas anderes als schön. Aber für mich ist es schön, wenn der öffent­liche Raum gut gestaltet ist, wenn er Aufent­halts­qua­lität hat, nicht kommer­zia­li­siert ist und dass keine Gruppen verdrängt werden. Das war in meiner Dezer­nen­ten­zeit ein Haupt­thema für mich. Es ging um Plätze, Straßen, aber auch um den Mittel­land­kanal. Die Schönheit der Stadt hat damit zu tun, wie die Bürger sie sich aneignen können.

Ernst-August-Platz, Hannover, Foto: Karl Johaentges
Ernst-August-Platz, Hannover, Foto: Karl Johaentges

Geht es beim Thema Schönheit auch um histo­ri­sche Bauten?
Natürlich geht es auch um histo­ri­sche Bauten. Die Menschen haben eine deutliche Sehnsucht nach Historie. Hannover ist eine moderne Wieder­auf­bau­stadt, die zu 90 Prozent zerbombt war. In Hannover gab es schon seit nach dem Zweiten Weltkrieg die Debatte um den Wieder­aufbau des Schlosses. Im Rathaus findet man zum Beispiel Stadt­mo­delle vom Mittel­alter, über die Zeit vor der Zerstö­rung bis hin zum Wieder­aufbau. Es kommen unzählige Menschen, die sich das anschauen und man sieht, wie inter­es­siert sie sind, das haptisch zu erleben.

Sie haben das Amt von Hanns Adrian geerbt und von ihm und seinem Vorgänger Hille­brecht einige inhalt­liche wie tatsäch­liche Groß­bau­stellen über­nommen. Wo lag der Schwer­punkt Ihrer Arbeit?
Hannover war im 19. Jahr­hun­dert eine Laves-Stadt geworden. Wenn man aus dem Bahnhof in Richtung Innen­stadt hinaus­geht, sieht man gut diesen Laves­schen Grundriss mit seinen strah­len­för­migen Stra­ßen­zügen, dem Solitär des Opern­hauses, Opern­dreieck und derglei­chen. Ich habe in meiner Zeit einen Schwer­punkt auf die Reparatur der Stadt gelegt und versucht, das Histo­ri­sche heraus­zu­ar­beiten, ohne dabei das Moderne und die proble­ma­ti­schen Struk­turen der sechziger und siebziger Jahre, von denen Hannover auch gebeutelt ist, zu igno­rieren.

Inwiefern „gebeutelt“?
Als ich 1993 in Hannover zur Dezer­nentin gewählt wurde, war das Ansehen der Innen­stadt in den Meinungs­um­fragen im Keller. Das lag an den multi­funk­tio­nalen Groß­pro­jekten der 1960er und 1970er Jahre: die Passe­relle, der Rasch­platz, das Kröpcke-Center. Projekte, die zum Teil erheb­liche Leer­stände aufwiesen. In der Passe­relle – einer Fußgän­ger­zone in der „-1-Ebene“, die man, apropos Schönheit, nach dem Vorbild eines Basars mit ruppigem Material entworfen hatte – standen viele Laden­lo­kale leer. Es gab 42 Seiten­aus­gänge und durch das ICE-Kreuz des Haupt­bahn­hofs war das ein Drogen­um­schlag­platz mit Just-in-Time-Anlie­fe­rung. Die Planungen am Rasch­platz oder dem Steintor waren für eine relativ kleine Stadt wie Hannover völlig über­di­men­sio­niert.

Wie sind Sie damals vorge­gangen?
Wir fanden keinen Investor für die Projekte. Also wurde die Aufgabe mit Hilfe der städ­ti­schen Toch­ter­ge­sell­schaften geschul­tert: die Sparkasse, die Parkhaus-Gesell­schaft, die Stra­ßen­bahn- und U‑Bahngesellschaft. Es gab einen immensen Arbeits­ein­satz, hunderte an Terminen mit den Archi­tekten, den Laden­be­sit­zern. Die Laden­flä­chen wurden vorge­zogen, es gab nur noch einen linearen Hauptweg, statt der massiven Treppen mit Sitz­stufen und Nischen dahinter wurden Treppen mit Tritt­stufen eingebaut, so dass man durch die Treppen hindurch sehen konnte und somit Angst­räume verschwanden. Die Drogen­szene selber kann man ja nicht vertreiben, also muss man etwas anbieten. Das städ­ti­sche Sozi­al­de­zernat richtete dann Spritz­punkte am Haupt­bahnhof ein. Ich hatte, und habe immer noch, die Haltung, dass ich niemanden aus der Stadt verbannen möchte, aber es darf auch keine Gruppen geben, die wiederum andere aus der Stadt vertreiben. Wir hatten auf dem Bahn­hofs­vor­platz damals sehr große Trep­pen­an­lagen und dort saßen viele Punks mit ihren Hunden, sodass keiner mehr herun­ter­gehen mochte. Jetzt haben wir nur noch eine relativ kleine Treppe – auf der keiner mehr sitzt. Für die Stadt war es jeden­falls keine Option, die Pass­a­relle oder das Kröpcke-Loch zuzu­schütten.

Oesterleyplatz, Hannover Südstadt, Planung: LHH, Fachbereiche Tiefbau und Stadtgestaltung
Oester­ley­platz, Hannover Südstadt, Planung: LHH, Fach­be­reiche Tiefbau und Stadt­ge­stal­tung

Aber mit dem Kröpcke-Center ist es ja letztlich doch passiert. Dass dort einmal ein Problem­klotz aus den siebziger Jahren stand, sieht man dem heutigen Gebäude von Kleihues+Kleihues so gar nicht mehr an…
Das fand ich an der Stelle auch verkehrt, da das alte Kröpcke-Center ein Solitär war. Vom Bahn­hofs­vor­platz aus gehen strah­len­förmig acht Straßen in die soge­nannte Ernst-August-Stadt ab. Um nun den Stadt­grund­riss zu stärken waren unsere Ziele: der Rasch­platz wird nicht zugemacht, die Passe­relle bleibt eine zwei­ge­schos­sige Laden­straße, aber am Kröpcke kommt ein Deckel drauf und es wird wieder die histo­ri­sche Kubatur herge­stellt, denn da war ein Block an dieser Stelle und kein Solitär.

Haben Ihre Vorgänger das Thema Schönheit zu wenig betrachtet? Oder hatten sie eine andere Vorstel­lung davon?
Ja. Es war aber auch so, dass Rudolf Hille­brecht durch den Krieg sehr beein­druckt war. Hille­brecht, der im „Dritten Reich“ bei Konstanty Gutschow in Hamburg gear­beitet hatte, ist im Krieg durch seine zerbombte Heimat­stadt Hannover gefahren und hat nie gedacht, dass es danach so lange Frieden bleiben würde. Er war geprägt von den Bildern des Feuer­sturms und der Schutt­kegel. Also durften die Straßen nicht zu eng und zwischen den Häusern mussten Schutt­kegel möglich sein. Ihm ging es um die Durch­lüf­tung der Stadt, um Frei­zeit­werte und groß­räu­miges Grün ganz nah am Stadt­mit­tel­punkt. Hille­brecht wollte in der Innen­stadt niedrig-geschossig bauen – möglichst nicht über vier Geschosse. Das wurde damals „Herun­ter­zo­nung“ genannt: Nichts durfte höher sein als die histo­ri­schen Kirchen. Um die Kirchen gab es „Tradi­ti­ons­in­seln“ mit zwei­ge­schos­sigem Wohnungsbau – berühmt dafür ist das Kreuz­kirch­viertel.

Die Wieder­auf­bau­zeit in den Fünf­zi­gern hat Hannover viel guten und schönen Wohnungsbau gebracht. Das muss man bei der Nach­ver­dich­tung unbedingt beachten. Man sollte vorsichtig sein, dass man die Stärken nicht verliert. Hannover wurde aus meiner Sicht etwas zu sehr „herun­ter­ge­zont“, die Stra­ßen­räume, auch die histo­ri­schen, wurden zum Teil sehr breit angelegt. Diesem dann nur mit vier Geschossen zu begegnen, ist zu wenig. Deshalb haben wir auch großzügig Aufsto­ckungen zuge­lassen. Die Verkehrs­schneisen sind sicher aus heutiger Sicht über­di­men­sio­niert. Mein Nach­folger jeden­falls versucht es, mit „Hannover 2020“ zu repa­rieren. Leider wurden die Mittel für Teile des Projekts gerade vom Rat verschoben – eine Strei­chung wäre fatal. Was aber gut ist: Die Stra­ßen­räume sind jetzt in den Fahr­gassen verengt, was große Flächen für Außen­gas­tro­nomie ermög­licht. Wir haben in den letzten zwanzig Jahren so viel Außen­gas­tro­nomie entlang der Haupt­achsen in den zentralen Bereichen bekommen – das konnte man sich in den Fünf­zi­gern und Sech­zi­gern überhaupt nicht vorstellen.

Fiedelerplatz, Hannover Döhren, Planung: Büro für Freiraumplanung Christine Früh
Fiede­ler­platz, Hannover Döhren, Planung: Büro für Frei­raum­pla­nung Christine Früh

Das Verhalten der Menschen im öffent­li­chen Raum hat sich in den letzten Jahren sehr gewandelt. Eines Ihrer wich­tigsten Projekte, den Bahn­hofs­vor­platz, betrifft das direkt.
Zur EXPO 2000 hatte ich den Verkehr vom Ernst-August-Platz, dem Bahn­hofs­vor­platz, verbannt. Hannover hatte bis dahin fast nur Außen­gas­tro­nomie im Schatten. Jetzt ist vor dem Bahnhof nach Süden hin ein richtiger Platz ohne Durch­gangs­ver­kehr mit zwei Außen­gas­tro­no­mien entstanden. Sie sind sehr beliebt. Hannover ist viel­leicht nicht die aller­schönste der deutschen Städte, aber es hat den schönsten Bahn­hofs­vor­platz.

Außerhalb Hannovers fällt die Betrach­tung der Welt­aus­stel­lung im Jahre 2000 etwas skeptisch aus. Wie ist Ihr Fazit?
Es ist nie gelungen, die gute Nach­nut­zung von zwei Dritteln des Areals als Messe­ge­lände zu kommu­ni­zieren. Das EXPO-Areal in der Folge als Messe­ge­lände zu nutzen war die Idee der Archi­tekten in ihrem Wett­be­werbs­bei­trag – und nicht als Forderung für den Wett­be­werb ausge­schrieben. Für mich persön­lich waren die Erfah­rungen mit der EXPO zudem fantas­tisch. Die EXPO war zu Beginn nicht unbedingt ein Besucher-Magnet, aber die Stadt hat enorm von ihr profi­tiert. In der Stadt und der Region wurden für 2,7 Milli­arden Mark Verkehrs­in­fra­struktur umgesetzt, die wir uns vorher nie hätten leisten können. Das war ein toller Entwick­lungs­schub – auch für folgende privat­wirt­schaft­liche Inves­ti­tionen. Die Zeit schreitet aber sehr schnell voran: Die EXPO ist jetzt schon 17 Jahre her, man müsste eigent­lich schon wieder gewisse Erneue­rungen vornehmen.

Das Projekt stand schon von vielen Seiten her in der Kritik. Dazu wurden immer diese proto­ty­pi­schen Aufnahmen des nieder­län­di­schen Pavillons gezeigt, der völlig abge­wirt­schaftet im gefühlten Nichts steht…
Aber die Kritik hört man nicht aus Hannover! Hier ist die Bevöl­ke­rung sehr zufrieden mit der EXPO. Und den Pavillon liebe ich! Es gibt zwar immer noch keine Nach­nut­zung, das stimmt, aber er ist auch noch nicht abge­rissen. Ich denke, dass Stadt und Region das Beste aus der Situation heraus­ge­holt haben. Wenn die EXPO in eine Stadt kommt, ist das ungefähr so, wie wenn ein Besatzer einfällt. Ein Beispiel ist für mich der Wett­be­werb zum deutschen Pavillon, den Florian Nagler gleich zwei Mal gewonnen hat. Darauf haben wir nie wirklich Zugriff bekommen und am Ende wurde ein Unter­nehmen aus Fried­richs­hafen mit der Umsetzung beauf­tragt. Wirklich bitter. Aber man muss so etwas wie die EXPO ausnutzen und sehen, wie man davon profi­tieren kann. Wir konnten den Messe­schnellweg, den Hille­brecht geplant hat, kreu­zungs­frei machen und wir haben das von Rudolf Hille­brecht in den 1950er Jahren ange­dachte S‑Bahn-System bekommen.

Sie erwähnten bereits den Bahn­hofs­vor­platz und nun die Verkehrs­pla­nungen, bei denen Hannover von der EXPO profi­tiert hat. Gab es weitere gelungene Projekte?
Hille­brecht hat seiner­zeit in Hannover vier Groß­wohn­sied­lungen geplant, in denen Wohnen und Arbeiten Platz hatten. Aber er hatte immer nur den Städtebau als „gebaute Land­schaft“ vor Augen. Statt vieler Hoch­häuser gab es in jeder Siedlung aber nur ein „Rückgrat-Hochhaus“. In Vahren­heide wurde in meiner Zeit eines abge­rissen – ich weiß nicht, ob ich das heute noch machen würde. Vahren­heide war ein Pilot­pro­jekt des Programms „Soziale Stadt“, das wir als EXPO-Ausgleichs­maß­nahme in die Stadt nahmen. Ebenfalls als EXPO-Ausgleichs­maß­nahme entstand als Sonder­pro­gramm ein Stadt­platz­pro­gramm. Ziel war es, in jedem der 49 Stadt­teile Hannovers einen zentralen Platz umzu­ge­stalten – mit Bürger­be­tei­li­gung.

Von-Alten-Garten, Hannover Linden-Mitte, Planung: Andreas Ackermann Landschaftsarchitekt
Von-Alten-Garten, Hannover Linden-Mitte, Planung: Andreas Ackermann Land­schafts­ar­chi­tekt

Bürger­be­tei­li­gung ist ein Thema, das in den letzten Jahren wieder aktuell geworden ist…
Ja, das stimmt. Für mich ist Bürger­be­tei­li­gung seit der Studi­en­zeit wichtig. Wir haben Anfang 1970 Bürger­be­tei­li­gung – mit Plan­spielen und Bauklötzen – gemacht. Damals ging es darum, wie man Groß­wohn­sied­lungen weiter­bauen soll. 1974 haben wir Bürger­ver­samm­lungen in Roder­bruch abge­halten – auch eine Groß­wohn­sied­lung. Schon damals gab es Programme, Flücht­linge oder Aussiedler aus dem Osten aus den Zwischen­la­gern heraus­zu­holen, es ging dabei meist um die Unter­brin­gung von Familien mit vielen Kindern. Von Anfang an war Sozialer Wohnungsbau in Hoch­häu­sern proble­ma­tisch. Wir haben in zwei Groß­wohn­sied­lungen Brett­spiele gemacht, die klären sollten, wie sich die dort bereits Wohnenden das weitere Wachstum der Siedlung vorstellten.

Schon vor Ihrer Zeit als Baude­zer­nentin haben Sie unter Ihren Vorgän­gern in der Stadt­pla­nung gear­beitet. Wie war die Arbeit im Stab von Rudolf Hille­brecht?
Hille­brecht ließ einem viel Raum. Und er gab einem auch sofort große Aufgaben an die Hand. Mit gerade 28 Jahren hatte ich bereits viel Verant­wor­tung. Ich habe an der Innen­stadt mitge­ar­beitet und hatte die schon erwähnte Groß­wohn­sied­lung mit medi­zi­ni­scher Hoch­schule in Roder­bruch weiter zu entwi­ckeln. Dort haben wir entschieden, dass wir ganz anders weiter­bauen: Nämlich mit einer vier- bis sechs­ge­schos­sigen Block­be­bauung, statt der geplanten Zeilen. Es gab damals ein Baurecht für ein 22-stöckiges Service-Hochhaus. Der spätere Ober­bür­ger­meister Herbert Schmal­stieg und ich sind damals in die Fach­aus­schüsse des Rats marschiert und haben vorgelegt, was „Service-Hochhaus“ überhaupt bedeutet und dass es das in der geplanten Form gar nicht gibt. Das war nämlich ein geneh­migter Bauantrag der städ­ti­schen Wohnungs­bau­ge­sell­schaft. Das Projekt hat die Stadt 1973 zu Fall gebracht.

Es war also eine Umbruch­zeit…
Ja, auf jeden Fall. Das Kröpcke-Center, der Rasch­platz und auch die Groß­wohn­sied­lungen waren im Bau. Und kurz danach kam die Ölkrise. Ab dann wurde ohnehin alles anders. Man wusste schon, dass das mit der Voll­be­schäf­ti­gung so nicht mehr hinhaut… Und: Man sah bei den Groß­wohn­sied­lungen bereits beim ersten bezogenen Hochhaus, dass es nicht funk­tio­niert.

Die Groß­wohn­sied­lungen sind ein heikles Thema. Sie gelten bis heute in vielen Städten als Makel. Wie nahmen Sie die Bauten der sechziger und siebziger Jahre in Ihrer Amtszeit wahr?
Die sechziger Jahre waren ein Bruch, an der Reparatur werden noch Gene­ra­tionen zu tun haben. Ich habe mich daran abge­ar­beitet, mein Vorgänger Hanns Adrian musste das noch nicht, er hatte andere Heraus­for­de­rungen: Er wurde 1975 unmit­telbar nach der Ölkrise gewählt. Die Planungen der (Bau- und Planungs)Euphorie wie die Metastadt und derglei­chen, waren Mitte der Siebziger mit einem Mal zu Ende. Hanns Adrian hat sich ob des in Verruf geratenen Städ­te­baus der 1960er und ‑70er Jahre einmal als „Rück­zugs­ge­neral“ bezeichnet. Man musste sehen, wie die ange­fan­genen Sachen zu Ende gebracht werden sollten. Wie geht man also mit diesen Groß­struk­turen um? Ein Beispiel ist das Ihme-Zentrum. Daran haben sich jetzt schon drei Inves­toren versucht…

Bonifatiusplatz, Hannover Vahrenwald-List, Planung: Spalink-Sievers Landschaftsarchitekten
Boni­fa­ti­us­platz, Hannover Vahren­wald-List, Planung: Spalink-Sievers Land­schafts­ar­chi­tekten

Können Groß­pro­jekte wie das Ihme-Zentrum überhaupt gelingen?
Wohn­hoch­häuser, das ist meine feste Meinung, kann man schon bauen, aber nur für Leute, die sich das selber aussuchen können. Beim Sozialen Wohnungsbau, für den ich als Planerin lange zuständig war, funk­tio­nieren sie nicht.

Was könnten Alter­na­tiven im Fall des Sozialen Wohnungs­baus sein?
Ich habe einen Quali­täts­leit­faden entworfen, der sich klar für vier- bis fünf­ge­schos­sige Gebäude ausspricht, aus Kosten­gründen ohne Lift. Heute würde man dies aus Gründen der Über­al­te­rung der Gesell­schaft wohl noch einmal über­denken. Aber ich fand es immer wichtig, wie viele Familien an einen Trep­pen­auf­gang ange­glie­dert sind und wie das Wohn­um­feld aussieht: Gibt es Mieter­gärten und Orte für die Gemein­schaft, bis hin zur Frage, wo man den Kinder­wagen abstellen kann. All das ist in den Groß­wohn­sied­lungen nicht gut gelöst. Man muss für alle Nutzer­gruppen und Geld­beutel Angebote schaffen. Das sind Themen, die bleiben – und die doch immer wieder neu erar­beitet werden müssen. Es sollte so sein, dass die Einzugs­be­reiche von Schulen und anderen Infra­struk­turen von verschie­denen gesell­schaft­li­chen Gruppen erreicht werden können. Die Körnig­keit der Stadt ist wichtig, so dass man keine no-go-areas bekommt. Hannover war immer sehr sozial: „Ausgleich statt Spaltung“ war und ist das Ziel. Außerdem war es das große städ­te­bau­liche Thema, Gesamt­pro­gramme aufzu­legen, die defi­nieren, wo der Soziale Wohnungsbau hinkommt – nachdem man sehr klar fest­ge­stellt hat, dass Groß­wohn­sied­lungen ein Fehler waren.

Man bewegt sich in einem großen Span­nungs­feld: Sie haben die Posi­tio­nie­rung von sozialem Wohnungsbau ange­spro­chen, aber auch das Problem, dass man als Stadt bei bestimmten Baustellen kaum noch Handhabe hat, weil die Besitzer wechseln.
Man muss unter­scheiden zwischen den großen komplexen Bauvor­haben, bei denen Inves­toren nur entwi­ckeln und dann weiter­ziehen, und dem Sozialen Wohnungsbau. Das ist übrigens auch bei Umnutzung von Gewerbe- und Indus­trie­bra­chen der Fall, wenn neue Gebiete für Wohnungsbau ausge­wiesen werden. Wir haben Projekte entwi­ckelt mit indi­vi­du­ellen Reihen­häu­sern, die von Westen und Osten her erschlossen werden, damit man nicht immer nur Eingang, Küche, Gäste-WC hat, und den Zaun von der nächsten Seite. Das ist schon ein großer Unter­schied. Man darf sich auch nicht nur auf eine Wohnform festlegen, sondern muss in jedem Stadt­ge­biet verschie­dene Varianten anbieten. Wir haben verdich­tete Einfa­mi­li­en­haus­ge­biete angeboten mit Vorrats­bau­weise und eigener Bauherrn­rolle, und zu einem gewissen Teil auch frei­ste­hende Einfa­mi­li­en­häuser auf kleinem Grund­stück – das alles mit einer Gestal­tungs­sat­zung, zum Beispiel Daven­stedt-West. Was übrigens nicht gut ankam im Rat der Stadt, teilweise wollten sie das einfach nicht. Wir sind viel­leicht auch etwas zu weit gegangen, als wir  sogar die RAL-Farben für die Klinker vorge­geben  haben… Aber die Siedlung ist bis heute sehr gut.

Das wird auch von vielen retro­spektiv als Qualität angesehen. Wie steht es um die Möglich­keiten der Stadt, solche Prozesse zu steuern?
Man muss es kommu­ni­zieren. Ich habe es als Stadt­bau­rätin so verbreitet, dass der Verkaufs­wert der Häuser, die in einer gewissen Einheit in der Vielfalt gebaut sind, höher ist, als bei jenen, wo alles erlaubt war. So kann man die Leute auch über­zeugen. Man muss es eben verkaufen (lacht). Und man muss relativ viel unterwegs sein, um die Themen, die man für richtig hält, unter die Leute zu bringen. Die Öffent­liche Hand geht voran und sagt: „Wir inves­tieren in diesen Ort, der ist uns viel wert“, und dann kommen private Inves­ti­tionen hinzu. Man muss Glück haben, dass man gute Bauherren bekommt.

Dazu braucht es nicht nur Glück, sondern auf beiden Seiten Personen, die etwas vom Fach verstehen und die ein Interesse am Standort haben. Hat sich dieser Diskurs im Laufe Ihrer Berufs­zeit geändert?
Es ist heute eindeutig schwie­riger geworden. Diese „reisenden Fonds“ fühlen sich mit der Stadt ja nicht verbunden. Sie versuchen, das Beste auszu­han­deln, und man geht als Stadt – je nach Wirt­schafts­kraft – immer einen Kompro­miss ein. Dabei muss man vorsichtig sein und im Hinter­kopf haben, dass der Investor im nächsten Jahr auch schon wieder weg sein kann. Man muss versuchen, mit möglichst vielen Wett­be­werben Archi­tek­tur­qua­lität zu schaffen. Das wich­tigste Ziel ist erst einmal, die richtige Nutzung an die richtige Stelle zu bekommen und dann mit dem Bauherrn so umzugehen, dass man beider­seitig verläss­lich ist. Das kann man nur, wenn man eng mit allen Betei­ligten zusammen arbeitet – mit dem Rat, den Wohnungs­un­ter­nehmen, Einzel­händ­lern, Bürger­ver­samm­lungen und nicht zuletzt mit den Archi­tekten. Es geht nur mit viel Kommu­ni­ka­tion. Über Archi­tektur lässt sich mit einer großen Betei­li­gung eben nicht streiten, aber es gibt Betei­li­gungs­formen, die sehr wohl gut funk­tio­nieren und bei denen Planungen in Alter­na­tiven zur Diskus­sion gestellt werden. Man muss die Einwohner mitnehmen.

Ernst-August-Platz, Hannover, Luftbild: Karl Johaentges
Ernst-August-Platz, Hannover, Luftbild: Karl Johaentges

Ist das der Schlüssel, um solche Projekte wie das Ihme-Zentrum in den Griff zu bekommen?
Das weiß ich nicht. Ich habe vierzehn Jahre am Ihme-Zentrum gear­beitet. Es gibt über 400 Wohnungen über einer zwei­ge­schos­sigen Gewer­be­zone und einer zwei­ge­schos­sigen Gara­gen­an­lage. Die Bauten der sechziger und siebziger Jahre haben meist den Fehler, dass Fußgänger auf der Minus-Eins-Ebene oder Plus-Eins-Ebene abge­kop­pelt werden. Bei der Stadt­re­pa­ratur wurden die Gebäude auf die Füße gestellt, die Eingänge müssen auf die Null-Ebene und dazu gibt es einen Rad- und einen Fußweg.

Diese ganzen geschich­teten multi­funk­tio­nalen und komplexen Bauvor­haben der 1960er und 1970er Jahre müssen auf die Füße gestellt werden. Im Erdge­schoss kann kein Parken sein, da müssen Laden­nut­zungen oder ähnliches hinein. Beim Ihme-Zentrum gab es dafür Konzepte mit großen Einzel­han­dels­struk­turen im Erdge­schoss und kleineren Struk­turen mit Büros und Künst­ler­ate­liers im ersten Ober­ge­schoss. Oben leben ja die Wohnungs­ei­gen­tümer, deren Wohnungen ihre Alters­vor­sorge ist. Ich war oft vor Ort und habe mit Bürger­initia­tiven gespro­chen. Der Durch­bruch war eigent­lich nahe, aber auch das wurde dann nichts.

Wie betrachten Sie die aktuelle Stadt­bau­dis­kus­sion?
Bei manchen Diskus­sionen denke ich, dass sie vor Jahr­zehnten schon gelaufen sind… Was fehlt, ist zum Beispiel die Verste­ti­gung im Sozialen Wohnungsbau. Derzeit habe ich den Eindruck, dass so viel Wissen verloren gegangen ist. Sicher ist es jetzt Aufgabe, Migranten zu inte­grieren. Aber das hatten wir nach Öffnung der Grenzen Anfang der 1990er Jahre sowohl mit den Russ­land­deut­schen als auch mit den Balkan-Flücht­lingen schon einmal. Das hat damals funk­tio­niert. Im letzten Jahr wurde zu viel Angst geschürt. Die Aufgabe ist jetzt größer, weil Ängste durch Wirt­schafts­krise, Globa­li­sie­rung und Digi­ta­li­sie­rung hinzu­kommen. Das Thema „Wohnraum von Armen in der Nach­bar­schaft“ ist sehr angst­be­setzt und daran muss man immer wieder arbeiten. Das voraus­schau­ende Planen über Gene­ra­tionen hinweg fehlt. Man braucht eine robuste Struktur, wo die verschie­denen Wellen, die relativ nah aufein­ander folgen, keine Schäden anrichten. Man muss heute die Erfah­rungen ein wenig durch­ar­beiten und dann dort wieder anknüpfen. Es gibt ja neue Themen mit der Frage nach Energie, nach kleineren Wohnungen für junge Singles und allein­ste­hende Ältere. Und natürlich muss man immer wieder schauen, dass nicht nur Wohl­ha­bende in der Innen­stadt wohnen können. Eine uralte Forderung ist die Verste­ti­gung des Wohnungs­baus. Es gilt, dass Bund, Land und Stadt sich wieder gleich betei­ligen mit einem nicht zu knappen Topf und zwar für dieje­nigen, die die Mieten in den Städten nicht mehr bezahlen können. Daran geht kein Weg vorbei.

Gibt es ein geschei­tertes Projekt in Ihrer Amtszeit?
Richtig geschei­tert ist bisher eigent­lich nichts. Es hätten sicher einige Projekte besser laufen können, zum Beispiel bei der EXPO-Siedlung. Wir haben mehrere Jahre keine Inves­toren gefunden und der Eröff­nungs­zeit­punkt rückte näher… Wir hatten das Baurecht nach vorhe­rigen Wett­be­werben und bereits damit begonnen, die Erschlie­ßung zu legen – aber der Bund hatte immer noch nicht das „Go!“ für die EXPO gegeben. Da bekommt man schon Sorge. Alles war fertig – und dann wollte keiner bauen. Ich wollte die gesamte Wohnungs­wirt­schaft der Region Hannover dabei­haben: eine Risi­ko­ge­sell­schaft, die sich 2.500 Wohnungen auf der grünen Wiese aufteilen sollte. Aber sie wollten einfach nicht in eine Siedlung am Stadtrand inves­tieren. Dann hat Gerhard Schröder als damaliger Minis­ter­prä­si­dent Nieder­sach­sens die Finan­zie­rung oben aufge­hängt – und dann waren sie dabei. Jeder bekam 100 Wohn­ein­heiten und einen Block. Wir haben in jedem Block drei oder vier Finan­zie­rungs­arten umgesetzt: frei oder mit EXPO-Mitteln finan­ziert, und als sozialer Wohnungsbau, alle mit verschie­denen Lauf­zeiten. Mit der Stabi­lität der zwanzig Wohnungs­bau­un­ter­nehmen haben wir uns aber auch Nachteile einge­han­delt. Zum Beispiel hinsicht­lich der archi­tek­to­ni­schen Qualität. Der Städtebau dabei ist stark, aber das gebaute Ergebnis teilweise nicht ausrei­chend. Es gibt sehr gute Archi­tektur dabei, aber auch weniger gute. Es gab zu wenig Wett­be­werbe für die Wohnungs­bauten – das konnten wir, anders als bei den Büro­bauten zum Beispiel, nicht durch­setzen.

Es ist nun einmal so, dass man zu Beginn seiner Tätigkeit Projekte zu Ende bauen muss, die man nicht geplant hat, glei­cher­maßen, wenn man seinem Nach­folger Vorhaben über­lassen muss, die er zu Ende bringen muss…

Elina Potratz (*1989) studiert Kunst- und Bild­ge­schichte an der Humboldt-Univer­sität zu Berlin und absol­viert seit 2016 ein studi­en­be­glei­tendes Volon­ta­riat in der Redaktion von der architekt.

Dipl.-Ing. David Kasparek (*1981) studierte Archi­tektur in Köln. Er war Mitar­beiter an der Kölner Kunst­hoch­schule für Medien und als Grün­dungs­partner des Gestal­tungs­büros friedwurm: Gestal­tung und Kommu­ni­ka­tion als freier Autor, Grafiker und Jour­na­list tätig. Nach einem Volon­ta­riat in der Redaktion von der architekt ist er dort seit 2008 als Redakteur beschäf­tigt. David Kasparek lebt und arbeitet in Berlin.

Ernst-August-Platz, Hannover, Foto: Karl Johaentges
Ernst-August-Platz, Hannover, Foto: Karl Johaentges
Oesterleyplatz, Hannover Südstadt, Planung: LHH, Fachbereiche Tiefbau und Stadtgestaltung
Oester­ley­platz, Hannover Südstadt, Planung: LHH, Fach­be­reiche Tiefbau und Stadt­ge­stal­tung
Fiedelerplatz, Hannover Döhren, Planung: Büro für Freiraumplanung Christine Früh
Fiede­ler­platz, Hannover Döhren, Planung: Büro für Frei­raum­pla­nung Christine Früh
Von-Alten-Garten, Hannover Linden-Mitte, Planung: Andreas Ackermann Landschaftsarchitekt
Von-Alten-Garten, Hannover Linden-Mitte, Planung: Andreas Ackermann Land­schafts­ar­chi­tekt
Bonifatiusplatz, Hannover Vahrenwald-List, Planung: Spalink-Sievers Landschaftsarchitekten
Boni­fa­ti­us­platz, Hannover Vahren­wald-List, Planung: Spalink-Sievers Land­schafts­ar­chi­tekten
Ernst-August-Platz, Hannover, Luftbild: Karl Johaentges
Ernst-August-Platz, Hannover, Luftbild: Karl Johaentges