Expe­ri­mente wagen

Thomas Sieverts im Gespräch mit Annette Rudolph-Cleff

Prof. em. Dr.-Ing. E.h. Thomas Sieverts, 1934 in Hamburg geboren, studierte Archi­tektur und Städtebau in Stuttgart, Liverpool und Berlin. Nach seinem Diplom 1962 war er für zwei Jahre als Mitar­beiter an der Tech­ni­schen Univer­sität Berlin tätig, ehe er die Freie Planungs­gruppe Berlin (FPB) ins Leben rief. Ab 1967 lehrte Sieverts Archi­tektur und Städtebau an der Hoch­schule für Bildende Künste Berlin, der Harvard Univer­sity und der TH Darmstadt. 1978 gründete er ein eigenes Planungs­büro, das im Jahr 2000 erweitert und in S.K.A.T. Archi­tekten + Stadt­planer umbenannt wurde. 1995 arbeitete Sieverts als Forschungs­ge­lehrter am Wissen­schafts­kolleg Berlin, wo er den Begriff „Zwischen­stadt“ prägte. 2003 wurde er vom BDA für sein Enga­ge­ment im Gesamt­pro­jekt des Bochumer Westparks ausge­zeichnet, er ist zudem Träger des Deutschen Städ­te­bau­preises und des Fritz-Schu­ma­cher-Preises des Hamburger Senats und Mitglied der Sektion Baukunst der Akademie der Künste Berlin. Thomas Sieverts, dem die Tech­ni­sche Univer­sität Braun­schweig 2010 die Ehren­dok­tor­würde verlieh, lebt und arbeitet in Bonn und München.

Welche Städte haben in Ihrem Leben eine besondere Bedeutung?
Zuerst einmal ist das sicher meine Heimat­stadt Hamburg. Ich inter­es­siere mich für das, was ich jetzt mache, seit dem letzten Grund­schul­jahr. Für dieses Interesse war Hamburg meine Anschau­ungs­welt des Bauens. Die Lehrerin hatte uns das Aufsatz­thema gestellt „Mein liebstes Spielzeug“ und ich habe den Baukasten beschrieben, mit dem ich spielte – und mein Interesse am Planen und Bauen ist konti­nu­ier­lich weiter gewachsen.

Die Nach­kriegs­jahre waren eine  Ausnah­me­zeit, besonders für meine Gene­ra­tion: Wir kamen als erster Jahrgang nach dem Krieg wieder auf das Gymnasium und gehörten damit quasi zu den privi­le­gierten Kriegs­ge­winn­lern: die Nazis waren weg, die Welt ging wieder auf, und die Engländer haben als Besat­zungs­macht eine sehr fort­schritt­liche Kultur­po­litik mit ihren Kultur­zen­tren betrieben. Ich bin ein Produkt der „reedu­ca­tion to democracy“. Unsere ersten Begeg­nungen mit der west­li­chen, haupt­säch­lich engli­schen und ameri­ka­ni­schen Welt trafen uns Elf- oder Zwölf­jäh­rige sehr aufnah­me­fähig. Später waren wir natürlich auch beruflich privi­le­giert, denn die Welt musste ja wieder aufgebaut werden. Bei meiner Berufs­wahl hat das zwar nicht bewusst mitge­spielt, aber die Fragen des Wieder­auf­baus waren auch die des Städ­te­baus und viel mehr als heute Gesprächs­thema. Wir waren also in mehr­fa­cher Hinsicht privi­le­giert: einmal über die bürger­liche Herkunft und das Gymnasium, und dann über die Aufgaben in der Stadt und den Beruf als Architekt. Die Gene­ra­tion vor uns war durch den Krieg so dezimiert, dass wir in jungen Jahren in Posi­tionen einrückten, die uns früher sicher so nicht offen gestanden hätten. Unsere persön­li­chen Erfolge sind nicht nur persön­li­ches Verdienst, sondern wir sind in eine spezi­fi­sche histo­ri­sche Situation hinein­ge­boren worden. Diese Zeit habe ich in Hamburg erlebt. In der Baube­hörde arbeitete auch schon Christian Faren­holtz, mit dem ich mich unter­halten konnte. Hamburg war sehr prägend und hat mich bis heute begleitet, nicht zuletzt mit Egbert Kossak als Freund, Partner und Mitbe­gründer der „Freien Planungs­gruppe in Berlin“(FPB), dessen Tätig­keiten ich immer verfolgt habe.

Thomas Sieverts, „Lebendige Wasserstraßen in China“, Skizzenserie 1978
Thomas Sieverts, „Lebendige Wasser­straßen in China“, Skiz­z­enserie 1978

Was unter­scheidet Hamburg von anderen Städten?
Ganz sicher eine gewisse Groß­zü­gig­keit, die ich dann später in Stuttgart in meinem ersten Studi­en­jahr sehr vermisst habe: die Groß­zü­gig­keit des Maßstabs, des Hafens, der Elbe. Es war eine Stadt, die mich in Maßstabs­fragen sehr geprägt hat. Stuttgart habe ich gehasst, aber das liegt auch daran, dass ich unglück­lich verliebt war und die Stadt dadurch bis heute für mich dunkel einge­färbt ist.

Wir mussten damals – eine sehr vernünf­tige Regelung – ein Jahr nach dem Vordiplom in einem Archi­tek­tur­büro arbeiten. Ich habe bei dem damals noch jungen Archi­tek­ten­paar Ingeborg und Friedrich Spengelin Werk­zeich­nungen gemacht, aber auch am Wett­be­werb Haupt­stadt Berlin 1957/58 mit gezeichnet. Bei unserem Betriebs­aus­flug nach Berlin, als Belohnung für den gewon­nenen Wett­be­werb, beschloss ich, in Berlin weiter zu studieren. Von 1958 bis 1970 bin ich zwölf Jahre lang in Berlin hängen geblieben. Nach dem eher verschulten Vordiplom in Stuttgart hatte ich an der TU Berlin große Frei­heiten, mein Studium selbst zu gestalten. Berlin war wahr­schein­lich die Stadt, die mich am stärksten geprägt hat. Von Berlin aus ging ich für ein Jahr zum Studium nach Liverpool. Diese Stadt im Beson­deren und England im Allge­meinen haben mich ebenfalls beein­flusst. England war damals für Stadt­planer das gelobte Land.

Aufgrund der New Town Policy?
Ja, es war für mich die New Town Policy, die England damals so faszi­nie­rend machte, aber auch die „Open Univer­sity“ und der „National Health Service“ waren Merkmale einer idealen Gesell­schafts­form. Ich hatte damals eine indische Freundin in London, und so habe ich diese Stadt aus der Sicht der Inder kennen­ge­lernt. London hat mich ebenfalls stark geprägt. Als Hoch­schul­lehrer hatte ich dann später viel Austausch mit engli­schen Univer­si­täten. Hamburg, Berlin, London und Liverpool haben mich in all ihrer Unter­schied­lich­keit bis heute als Refe­renz­räume begleitet.

Sie sind früh über die Grenzen Europas hinaus­ge­gangen und haben sich unter­schied­liche Welten ange­schaut?
Bevor ich Diplom machte, ging ich für drei Monate nach Ghana im Rahmen eines der ersten Austausch­pro­gramme, die nicht vom Staat, sondern von der Wirt­schaft orga­ni­siert waren. Wir wurden als Prak­ti­kanten auf unter­schied­liche Arbeits­stätten verteilt. Ich habe zum Beispiel bei einem Vermes­sungs­in­ge­nieur gear­beitet und sechs Wochen lang im Busch die Trasse für eine neue Straße und für eine Brücke vermessen. Ich bin direkt nach dem Aufent­halt in Ghana ins Diplom gegangen und habe mir dafür eine Diplom­auf­gabe aus Ghana mitge­bracht. Damals begann gerade die Aufstauung des Volta Lakes, für die drei Dörfer verlagert werden mussten, das habe ich mir als Thema gewählt.

Ein span­nender Weg, in dem Sie den Maßstab der Region für sich erobert haben.
Den habe ich von Anfang an betrachtet. Das ist auch ein Einfluss von Hamburg: Fritz Schu­ma­cher war einer der ersten, der sehr weit­sichtig die Hambur­gi­sche Landes­pla­nung erdacht hat. Das hat mich immer faszi­niert. Dieses Ausweiten der Planungs­de­fi­ni­tion fand ich spannend.

Thomas Sieverts, „Lebendige Wasserstraßen in China“, Skizzenserie 1978
Thomas Sieverts, „Lebendige Wasser­straßen in China“, Skiz­z­enserie 1978

Auch wenn es schwer ist, in diesem Maßstab zu entwerfen?
Regio­nal­pla­nung steckte ja noch in ihren Anfängen und Archi­tektur und Städtebau waren ziemlich erstarrt. Der Funk­tio­na­lismus war schon am Austrocknen und Ästhetik war auf Ables­bar­keit von Funktion, Konstruk­tion und Propor­tion reduziert. Erst in den sechziger Jahren kamen die ersten Aufbrüche. Für mich beispiels­weise war das Buch von Kevin Lynch „The Image of the City“ ausschlag­ge­bend, erschienen 1960 in Amerika und 1964 als „Bauwelt Funda­mente“. Es war für mich ein Erwe­ckungs­er­lebnis.

Histo­risch gesehen begann nach meinem Studium Anfang der sechziger Jahre eine Aufbruchs­zeit. Bis dahin waren Archi­tektur und Städtebau mit geringem theo­re­ti­schen Anspruch. Mit Kevin Lynch kam ein völlig neuer Blick auf die Stadt, der mich faszi­nierte. In diese Zeit gehört auch die Gründung der Freien Planungs­gruppe Berlin (FPB) mit Egbert Kossak und Herbert Zimmer­mann, in der wir eines der ersten reinen Stadt­pla­nungs­büros in der Bundes­re­pu­blik als Genos­sen­schaft auf der Basis ziemlich sozia­lis­ti­scher Prin­zi­pien orga­ni­sierten und in dem wir metho­disch neue Wege einschlugen: Das Bundes­bau­ge­setz war gerade erlassen worden und viele kleinere Gemeinden hatten noch keine Planungs­ämter. Mit der FPB ersetzten wir für einige Jahre für viele Gemeinden diese Ämter.

1967 wurde ich Professor für Städtebau an der Hoch­schule der Künste Berlin und geriet alsbald mitten in die Studen­ten­un­ruhen von 1968. An einen normalen Unter­richt war in dieser Situation nicht zu denken. Ich habe mit den Studie­renden dann Lehr­ver­an­stal­tungen gemacht auf der Grundlage von Kevin Lynchs Studien. Wenig später kam noch ein anderer theo­re­ti­scher Zugang dazu: In Stuttgart hatte ich als faszi­nie­renden Professor Max Bense mit seiner Semiotik erlebt. Diese Semiotik versuchten wir auf die Stadt anzu­wenden und Stadt als Zeichen­feld zu deuten. Mit solchen Anre­gungen ging ein neuer Horizont auf. Das war eine wunder­bare Zeit, denn damals konnten wir mit Studenten noch originäre Forschung betreiben.

Es ist heute für die Studie­renden schwie­riger geworden, sich auf das genuin Poli­ti­sche im Städtebau einzu­lassen.
Natürlich war unser Vorgehen, als ich mit meinen Studenten die Umwelt­vor­stel­lungen von Schülern im Wedding aufge­zeichnet oder in der Analyse eine Ecke des Kurfürs­ten­damms nach semio­ti­schen Gesichts­punkten schich­ten­weise entblät­tert habe, aus heutiger Sicht naiv. Aber es war das Privileg, naiv sein zu können, weil es noch kaum Forschungen auf diesem Gebiet gab. Man konnte frisch ins Ungewisse hinein­denken. Das ging leider nur wenige Jahre, bevor die Fach­dis­zi­plinen zugriffen und es kompli­ziert wurde, nicht zuletzt weil man die Naivität eingebüßt hatte.

In Ihrem Buch „50 Jahre Städtebau“ beschreiben Sie Ihre eigene Begeis­te­rung für die Moderne, mit der Sie in Ihre beruf­liche Laufbahn gestartet sind.
Ich war als Schüler und junger Student ein dogma­ti­scher und fana­ti­scher Bauhäusler und Funk­tio­na­list. Ich habe als 17-Jähriger auf dem Gymnasium über moderne Archi­tektur eine Fach­ar­beit geschrieben, in der ich nach­weisen wollte, dass sich diese ausschließ­lich funk­tional erklären lässt. Da gab es noch nicht viele Anschau­ungs­bei­spiele in Hamburg, lediglich die Grin­del­hoch­häuser, die Wohn­haus­gruppe von Bernhard Hermkes und von J. P. Oud die Reihen­häuser in Stuttgart, in denen ich später auch wohnte. Ich bin mit meinem Versuch als Schüler natürlich geschei­tert, so dass ich Hilfs­kon­struk­tionen von Funk­tionen psycho­lo­gi­scher Art einführen musste, um an meinem Glau­bens­be­kenntnis fest­halten zu können (lacht).

Ich möchte an dieser Stelle nach dem Doppel­cha­rakter der Moderne fragen, nach der Geschicht­lich­keit und der konzep­tio­nellen Aktua­lität, die die Moderne immer noch hat.
Nach wie vor betrachte ich mich als Vertreter der Moderne. Auch will ich meine Herkunft nicht verleugnen, die fast religiöse Inbrunst im Glauben an die Moderne, diesen Glauben habe ich heute jedoch nicht mehr. Aber die großen Klassiker wie die Taut-Sied­lungen und die frühen Ernst May-Sied­lungen sind immer noch hervor­ra­gend und unüber­troffen. Es war natürlich Sied­lungsbau. Was wir später im Städtebau gelernt haben und was ich selbst noch in den ersten Jahren meiner Hoch­schul­tä­tig­keit gelehrt habe, war ja auch Sied­lungs­wesen. Heute muss aus der klas­si­schen Moderne etwas anderes entwi­ckelt werden; Funk­tio­na­lismus, Konstruk­tion und Mate­ri­al­ge­rech­tig­keit haben im Zeitalter des Anthro­pozän ihr Wesen gründlich verändert.

Es gibt aller­dings auch gute Projekte aus späterer Zeit, die leider in der Kritik der Nach­kriegs­mo­derne unter­gehen.
Ja, da besteht eine Pflicht der zeit­ge­nös­si­schen Archi­tekten und Publi­zisten, insbe­son­dere Projekte aus den fünfziger Jahren wie beispiels­weise die frühen Arbeiten von Friedrich und Ingeborg Spengelin oder Lillington Street in London hervor­zu­ziehen und diese Tradition des städ­ti­schen Wohnungs­baus, die fabel­hafte neue Erfin­dungen hervor­ge­bracht hat, neu aufzu­ar­beiten.

Inwiefern sehen Sie die Ideen und Poli­tik­ge­schichte der euro­päi­schen Stadt als Chance für die zukünf­tige Stadt­ent­wick­lung?
Die Verengung des Begriffs der euro­päi­schen Stadt auf die Form fand ich immer als unzu­lässig, aber die euro­päi­sche Stadt als Sinnbild für Soli­da­rität und Zusam­men­ge­hö­rig­keit ist nach wie vor aktuell und präsent. Die Verengung der Stadt­dis­kus­sion auf das simple Schema Gasse, Hof, Platz, auf den bergenden Raum, ist mir zu wenig.

Die Stadt kann sich in ihrer Leben­dig­keit auch anders zeigen. Hier ist zum Beispiel mein Sohn Boris für mich ein wichtiger Gesprächs­partner, da er die Quali­täten der selbst­ge­machten Welten der kleinen Leute hervor­hebt. Ich habe 1968 mit meinen Studenten in Berlin unter Bezug auf Bense, Lynch und die ersten Stadt­so­zio­logen der neuen Gene­ra­tion halb kaputte Ruinen­ge­biete, Klein­gärten und Dauer­cam­ping­plätze unter­sucht. Diese Camping­städte waren als Folge der Mauer entstanden. Die selbst­ge­bauten Hütten und Zelt­städte haben wir unter dem Stichwort „Volks­ar­chi­tektur“ unter­sucht, unter der These, dass dies eine „Archi­tektur“ ist, die nicht durch Planung, Kontrollen und Geneh­mi­gungen gegangen ist, die „ursprüng­lich“ ist. Da sind wir auf völlig neue Ästhe­tiken gestoßen: des Selbst­aus­drucks, der Reprä­sen­ta­tion. Wir haben fest­ge­stellt, dass bei diesen selbst errich­teten Bauten die Reprä­sen­ta­tion mindes­tens so wichtig ist wie die Funktion, selbst wenn es sich um ganz einfache Hütten handelt. Reprä­sen­ta­tion ist immer vorhanden über Elemente wie Symmetrie, Gips­skulp­turen im Garten oder über die Farbe. Diese Gleich­ge­wich­tig­keit von Ästhetik, Reprä­sen­ta­tion und Funktion haben wir in den selbst­ge­bauten Dingen erkannt. Von dieser Erkenntnis war es dann auch nur ein kurzer Schritt in die Entwick­lungs­länder, wo wir Paral­lelen zwischen den Shanty Towns und den Klein­gar­ten­gebieten in Berlin fanden. Diese Gedanken hat mein Sohn Boris sehr viel inten­siver weiter­ent­wi­ckelt mit seinen Führungen.

Diese Über­le­gungen zählen für mich nach wie vor zu den Wich­tigsten: Wie erhalten die Bewohner in der Stadt die Möglich­keit, sich selbst auszu­drü­cken? Inwieweit sind sie in ihrem Ausdruck fremd­be­stimmt? Ich habe immer noch keine Antwort darauf gefunden, wie das in unserer verwal­teten Welt geschehen kann. Die Erwei­te­rung der Ästhetik der Stadt hat mich schon immer beschäf­tigt, um nicht stehen zu bleiben bei den konven­tio­nellen Maßstäben und Antworten darauf, was Schönheit ist. Es gibt Schön­heiten völlig anderer Art in der Stadt.

Thomas Sieverts, „Lebendige Wasserstraßen in China“, Skizzenserie 1978
Thomas Sieverts, „Lebendige Wasser­straßen in China“, Skiz­z­enserie 1978

Und all dies war Mitte der siebziger Jahre zu Ende?
Ja. Dieses Ende habe ich erlebt und es war ein Schock, dass plötzlich alles Soziale und Progres­sive nicht mehr galt und nur noch restau­ra­tive Kräfte wirkten. Das war vorbe­reitet von der konser­vativ-bürger­li­chen Publi­zistik und heute gibt es kaum noch irgend­eine andere Strömung. Auch die Politik hat sich – unab­hängig von Partei­grenzen – auf diese restau­ra­tive Richtung einge­lassen, ist das nicht so?

Man bietet lieber zum tausendsten Mal das Gleiche an, als das Risiko einzu­gehen, Fehler zu machen. Es liegt eine große Starrheit in den Dingen…
…und Muffig­keit. Heute inter­es­siert das Thema Städtebau, wie wir es hier verhan­deln, niemanden mehr. Es ist kein Thema, das poli­ti­sche Priorität hat, kein Anliegen der öffent­li­chen Debatten, außer es geht um geschmäck­le­ri­sche, restau­ra­tive Tendenzen oder spek­ta­ku­läre Bauten wie die Elbphil­har­monie. Natürlich sind das tolle Projekte, aber es sind eben Unikate, mit denen man keinen Städtebau machen kann. Wenn man heute Politiker werden will, kann man mit diesem Thema keine Karriere machen. Das war anders in den fünfziger bis siebziger Jahren, da gab es beispiels­weise noch einige alte Gewerk­schafts­re­cken aus der alten sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Zeit der zwanziger Jahre, dazu gehörten auch Teile der Neuen Heimat. Die Neue Heimat kann man nicht nur verdammen, sie war in ihren ersten Jahr­zehnten nach dem Krieg die inno­va­tivste Wohnungs­bau­ge­sell­schaft in Deutsch­land und sie hat auch viel expe­ri­men­tiert.

Mit dem Gleich­grund­satz der Förderung und der Reduktion auf den Wohnungsbau hatte sie keine Chance, die frühen sozi­al­re­for­me­ri­schen Konzepte weiter­zu­tragen. Man wollte aus Angst vor dem Kommu­nismus die Wohnungs­ge­mein­nüt­zig­keit nicht mehr wieder­be­leben und dem Erstarken der Wohnungs­bau­ge­sell­schaften vorbauen.
Natürlich war das Genos­sen­schafts­wesen auch selbst ausge­trocknet. Die Genos­sen­schaften waren meist nur noch Wohnungs­ver­walter, die den koope­ra­tiven Gedanken nicht mehr gepflegt haben.

Thomas Sieverts, „Lebendige Wasserstraßen in China“, Skizzenserie 1978
Thomas Sieverts, „Lebendige Wasser­straßen in China“, Skiz­z­enserie 1978

Es ist bedau­er­lich, dass die Kommunen selbst über­for­dert sind.
Das empfinde ich auch als große Enttäu­schung, denn die deutschen Kommunen haben politisch einen hohen Grad an freier Gestal­tungs­mög­lich­keit, aber sie nutzen dies nicht, sondern sind meist reine Verwal­tungs­ein­heiten, die haupt­säch­lich Bundes­recht exeku­tieren. Dass sich  Kommunen selbst als Gestal­tungs­ein­heiten sehen, gibt es nur noch im Einzel­fall. Man hört immer wieder einmal von Bürger­meis­tern, die neue Wege gehen, aber das sind Wenige. Unsere Gesell­schaft braucht dringend wirkliche Expe­ri­men­tier­räume, in denen in einem begrenzten Raum und für eine begrenzte Zeit bestimmte Regle­ments außer Kraft gesetzt werden können, um wirklich Neues auszu­pro­bieren. Diese Frage treibt mich zur Zeit am meisten um: Wie bleibt unsere Gesell­schaft offen und entwick­lungs­fähig? Wohin gehen unsere nächsten Schritte? In den fünfziger und sechziger Jahren, und auch als wir die Freie Planungs­gruppe gegründet hatten, gab es noch den naiven Opti­mismus, mit Planung neue Schritte gehen zu können – davon ist kaum noch etwas vorhanden.

Es gab noch einmal einen kurzen Aufbruch, das war die Inter­na­tio­nale Bauaus­stel­lung Emscher Park (1989–1999), an der ich einige Jahre verant­wort­lich mitge­wirkt habe. Dies war ein großes Expe­ri­ment „von oben“ mit vielen inter­es­santen Ergeb­nissen. Heute hat sich der Begriff der IBA fast infla­tionär verbreitet und wurde dabei verwäs­sert, aber auch hier gibt es hoff­nungs­volle neue Ansätze.

Es ist auch schwie­riger geworden, Finan­zie­rungs­wege zu finden.
Das ist es, wobei ich glaube, dass sich, wenn die Idee stark genug ist und sich genügend Leute dahinter versam­meln, noch immer Finan­zie­rungs­quellen finden würden. Wir haben so viele reiche Bürger und so viele reiche Stif­tungen…

… die gehen aber keine Risiken ein.
Nein, es liegt auch eher an der Konzept­schwäche. Wenn es starke Konzepte gibt und starke Pioniere, die das wirklich wollen, und wenn es die Unter­stüt­zung der öffent­li­chen Meinung gäbe, so meine ich, dass es in unserer super­rei­chen Gesell­schaft nicht an Risi­ko­ka­pital mangelt. Es ist letztlich kein Geld­pro­blem, sondern eher eines der gesell­schaft­li­chen Leben­dig­keit, der Kraft zur Selbst­or­ga­ni­sa­tion und des geistigen Mutes von Pionieren, etwas auszu­pro­bieren.

Woher soll der Antrieb kommen? Harald Welzer und Richard David Precht beispiels­weise sind sich sicher, dass die Univer­si­täten mit der Exzel­lenz­for­schung soweit ausge­powert sind, dass von ihnen keine poli­ti­schen Impulse mehr zu erwarten sind.
Aber die Archi­tektur gehört ja nirgendwo zu den Exzel­lenz­fä­chern. Ich denke, viele erwarten, dass gerade aus Richtung der Archi­tek­tur­fa­kul­täten wieder Initia­tiven zu Expe­ri­menten kommen.

Unsere Planungs­ver­fahren sind zu komplex geworden und binden über lange Zeiten viele Kapa­zi­täten.
Auch inno­va­tive Planungen sind büro­kra­tisch so regle­men­tiert, dass kaum noch neues reali­siert werden kann. Das ist für mich eines der struk­tu­rellen Probleme unserer gegen­wär­tigen Politik. Bei aller Freude an der wach­senden Bürger­be­tei­li­gung, aber wenn die Verfahren gesetz­lich und verfah­rens­mäßig so durch­re­gle­men­tiert werden, kann nichts Neues mehr passieren. Man müsste Räume schaffen, in denen die Regle­ments der Planungs­ver­fahren außer Kraft gesetzt werden. Jetzt ist eine Zeit, wo man wieder für die Freiheit der Gedanken, für Expe­ri­men­tier­frei­heit kämpfen müsste und Pionieren die Gele­gen­heit bieten sollte, ihre Dinge zu machen. Das ist eine poli­ti­sche Frage, die das Selbst­ver­ständnis der Gesell­schaft im Kern trifft: Wie beweglich muss die Gesell­schaft werden?

Thomas Sieverts, „Lebendige Wasserstraßen in China“, Skizzenserie 1978
Thomas Sieverts, „Lebendige Wasser­straßen in China“, Skiz­z­enserie 1978

Wo könnten entspre­chende Pionier­felder ange­sie­delt sein? Wo gibt es heute noch solche unkon­trol­lierten Räume?
Wir müssen diese Räume aus der verwal­tenden Kontrolle nehmen. Jung­fräu­liche Gebiete gibt es zwar nicht mehr, aber zu den zentralen Begriffen zählen die „New Frontiers“, wir hätten es dringend nötig, neue „New Frontiers“ zu bestimmen. Diese sind meiner Ansicht nach neue Formen des Bauens im Zusam­men­spiel mit neuen Formen des Zusam­men­le­bens und Zusam­men­ar­bei­tens, die entwi­ckelt und auspro­biert werden müssen, stell­ver­tre­tend für das, was wahr­schein­lich eintreten wird. Es geht um soziale und gebaute Formen, die zukünf­tigen Entwick­lungen entspre­chen. Das sind die neuen Aben­teu­er­räume, die mit folgenden Fragen verbunden sind: Was bedeutet das Anthro­pozän, was bedeutet Ressour­cen­knapp­heit und wie kann man notwen­dige Begren­zungen kulti­vieren? Der Welt steht in den nächsten 50 Jahren eine gewaltige Urba­ni­sie­rung bevor: Das Maximum der Erdbe­völ­ke­rung wird in den folgenden fünf bis sieben Jahr­zehnten auf über zehn Milli­arden anwachsen, davon werden mindes­tens 70 Prozent in Städten leben. Das bedeutet eine Verdopp­lung der Städte, in einem Zeitraum, der unserem eigenen Planungs­ho­ri­zont entspricht. Das sind bevor­ste­hende Entwick­lungen.

Ungefähr 80 Prozent dieser Städte liegen in den gefähr­deten Küsten­re­gionen. Wie sieht denn die Arche Noah aus für die Stadt?
Das alte Dogma, dass Stadt im Gegensatz zur Natur steht, das Bild, das wir immer noch mit uns herum­tragen von der stei­nernen Stadt im Gegensatz zu den grünen umge­benden Natur­land­schaften, ist völlig überholt. Die stadt­öko­lo­gi­schen Forschungen seit den achtziger Jahren in Berlin zeigen, dass die Stadt viel arten­rei­cher ist als das Umland mit der indus­tria­li­sierten Land­wirt­schaft. Wolfgang Haber, inzwi­schen 92 Jahre alt, hat in dem Buch über „Die Welt im Anthro­pozän: Erkun­dungen im Span­nungs­feld zwischen Ökologie und Humanität“ ausge­führt, es sei eine Illusion zu glauben, man könnte die Mensch­heit mit biolo­gi­scher Land­wirt­schaft allein, ohne Gentechnik und Pestizide, ernähren. Wir müssen einen Kompro­miss schließen zwischen der reinen Lehre der Ökologie und der Ernäh­rungs­mit­tel­pro­duk­tion.

Thomas Sieverts, „Lebendige Wasserstraßen in China“, Skizzenserie 1978
Thomas Sieverts, „Lebendige Wasser­straßen in China“, Skiz­z­enserie 1978

Auch in dieser Hinsicht ist unser Land­schafts­bild komplett überholt. Das fand ich so spannend beim Wieder­lesen der „Zwischen­stadt“, vieles ist schon angedacht und man merkt nicht, dass dieses Buch zwanzig Jahre alt ist.
Eine ganze Reihe von schönen Begriffen ist inzwi­schen dazu­ge­kommen. Die Frage der Nahrungs­mit­tel­pro­duk­tion in Städten und die Rück­zugs­ge­biete für die Natur sind meiner Meinung nach wichtig und bieten viele Gestal­tungs­mög­lich­keiten. Die Idee ist anregend, Städte auch als Biotope zu lesen, die für Pflanzen und Tiere zusammen mit den Menschen bewohnbar sind.

Was könnten noch weitere Themen aus Ihrer Sicht sein?
Ein Riesen­thema ist meiner Meinung nach das Zusam­men­leben der Gene­ra­tionen. Ich denke, dass bei dem stei­genden Anteil alter und sehr alter Menschen die Möglich­keiten der Alten­pflege – etwa über polni­schen oder ukrai­ni­schen Pfle­ge­im­port – sehr begrenzt sind und dass wir unsere Alten auch nicht nach Thailand oder Austra­lien auslagern können, wie man dies aus Japan berichtet. Auch die Bereit­schaft der Gesell­schaft, viel Geld auszu­geben für eini­ger­maßen gut bezahlte heimische Pflege, sehe ich nicht. Es geht praktisch um folgende Frage: Wie kann das Zusam­men­leben mit so vielen Alten und die sorgende Pflege in Zukunft human gelöst werden? Das ist auch ein städ­te­bau­li­ches Problem, nicht nur, aber auch ein Problem des Wohnungs- und Städ­te­baus, auch hier brauchen wir dringend Expe­ri­mente.

Die Vorbilder sind alle Stereo­typen insti­tu­tio­na­li­sierten Charak­ters, die gleich aussehen…
Das darf nicht sein. Das kann sich keine Gesell­schaft leisten. Wir müssen also Formen finden, wie wir sie bereits histo­risch in den Wiener Groß­sied­lungen der zwanziger Jahre ansatz­weise hatten: Es müsste so etwas wie Pfle­ge­quar­tiere geben, wo man im Wohn­ge­biet und in Verant­wor­tung der Nach­bar­schaft die Alten und Kranken pflegen kann. Es müssen neue Wege gegangen werden, die politisch auch zu einer anderen Gesell­schaft führen werden.

Ein weiteres Expe­ri­men­tier­feld prak­ti­scher Art sehe ich darin, dass wir auch im Wohnungsbau zu neuen Struk­turen kommen müssen. Ich beobachte im Kleinen wie im Großen, dass fast nur noch im Teil­ei­gentum gebaut wird. Das macht verdich­tete Wohn­bau­struk­turen fast unbe­weg­lich, weil die gegen­sätz­li­chen Inter­essen und Vermögen die notwen­digen Verän­de­rungs- und Moder­ni­sie­rungs­ent­schei­dungen nahezu unmöglich machen. Wenn man in Teil­ei­gentum baut, was ich prin­zi­piell für vernünftig halte, dann müssten unsere Gebäude struk­tu­rell anders aussehen. Zum Beispiel sollte die Erschlie­ßung als lang­fris­tige, viel Primär­energie bindende, quasi kommunale Infra­struktur verstanden werden und die Wohnungen selbst als „Häuser“ in diese Infra­struktur eingefügt werden, die dann auch einzeln erneu­erbar wären. Dieser Gedanke würde zu einer anderen Wohnungs­ar­chi­tektur führen.

Thomas Sieverts, „Lebendige Wasserstraßen in China“, Skizzenserie 1978
Thomas Sieverts, „Lebendige Wasser­straßen in China“, Skiz­z­enserie 1978

Wie werden aus diesen Ideen trag­fä­hige Konzepte? Es ist schwierig, sich aus den fest­ge­fah­renen Vorstel­lungen und recht­li­chen Rahmen zu befreien.
Wie schon gesagt, wir brauchen Expe­ri­men­tier­räume, um bindende Vorschriften und Normen verlassen zu können, ohne dass das gleich zu Bestra­fungen führt. Das ist ein gesell­schafts­po­li­ti­sches Grund­satz­pro­blem: Wie hält sich eine Gesell­schaft  beweglich? Wie definiert sie ihre New Frontiers? Für mich wäre zum Beispiel die Frage der Inte­gra­tion der Alten und der Pflege eine New Frontier-Aufgabe. Es ist eine offene Frage, wie man so einen Expe­ri­men­tier­raum definiert und wie man ihn in unser Rechts­system einfügt. Es muss etwas passieren in dieser Richtung, sonst geht diese Gesell­schaft in eine totale Erstar­rung. Diese Art von Verkrus­tung, das Desin­ter­esse fach­li­cher Art und am Zustand der Gesell­schaft ist die Folge einer konser­vativ-reak­tio­nären Grund­stim­mung. Es gibt nicht genug verant­wort­liche Leute, die den Mut haben, einge­tre­tene Wege zu verlassen. Archi­tekten sind mit ihren Entwurfs­fä­hig­keiten eigent­lich präde­sti­niert, mit Studie­renden solche Versuche zumindest intel­lek­tuell zu wagen. Allein solche Diskus­sionen und die erfor­der­li­chen Expe­ri­mente anzuregen und mit alter­na­tiven bild­kräf­tigen Entwürfen zu belegen, in welche Richtung sie die Entwick­lung der Städte führen könnten, halte ich für eine zentrale Aufgabe der Archi­tek­tur­fa­kul­täten von heute.

Sollten wir nicht im nächsten Winter­se­mester in Darmstadt gemeinsam eine Aufgabe heraus­geben?
Ich wäre sofort dabei!

Prof. Dr.-Ing. Annette Rudolph-Cleff studierte Archi­tektur an der TH Karlsruhe und an der Ecole d´Architecture Paris-Belle­ville. Sie arbeitete nach dem Diplom (1991) bei Jean Nouvel in Paris und ab 1994 als wissen­schaft­liche Mitar­bei­terin an der Univer­sität Karlsruhe, an der sie 1995 mit Auszeich­nung ihre Promotion ablegte. Seit 1994 ist sie frei­be­ruf­lich tätig. Nach einer Vertre­tungs­pro­fessur an der Bergi­schen Univer­sität Wuppertal wurde sie 2006 an das Fach­ge­biet Entwerfen und Stadt­ent­wick­lung der Tech­ni­schen Univer­sität Darmstadt berufen. Sie ist in verschie­denen Forschungs­pro­jekten tätig und leitet als akade­mi­sche Direk­torin den inter­na­tio­nalen Master-Studi­en­gang „Inter­na­tional Coope­ra­tion in Urban Deve­lo­p­ment – Mundus Urbano“ sowie seit 2013 das euro­päi­sche Team des Wett­be­werbs „Designing Resi­li­ence in Asia“.

Thomas Sieverts, „Lebendige Wasserstraßen in China“, Skizzenserie 1978
Thomas Sieverts, „Lebendige Wasser­straßen in China“, Skiz­z­enserie 1978
Thomas Sieverts, „Lebendige Wasserstraßen in China“, Skizzenserie 1978
Thomas Sieverts, „Lebendige Wasser­straßen in China“, Skiz­z­enserie 1978
Thomas Sieverts, „Lebendige Wasserstraßen in China“, Skizzenserie 1978
Thomas Sieverts, „Lebendige Wasser­straßen in China“, Skiz­z­enserie 1978
Thomas Sieverts, „Lebendige Wasserstraßen in China“, Skizzenserie 1978
Thomas Sieverts, „Lebendige Wasser­straßen in China“, Skiz­z­enserie 1978
Thomas Sieverts, „Lebendige Wasserstraßen in China“, Skizzenserie 1978
Thomas Sieverts, „Lebendige Wasser­straßen in China“, Skiz­z­enserie 1978
Thomas Sieverts, „Lebendige Wasserstraßen in China“, Skizzenserie 1978
Thomas Sieverts, „Lebendige Wasser­straßen in China“, Skiz­z­enserie 1978
Thomas Sieverts, „Lebendige Wasserstraßen in China“, Skizzenserie 1978
Thomas Sieverts, „Lebendige Wasser­straßen in China“, Skiz­z­enserie 1978