Farb­ge­fasster Raumwille

Zur ideo­lo­gi­schen Färbung der Archi­tektur

Diese Ausgabe ist in enger Zusam­men­ar­beit mit Thomas H. Schmitz und Uwe Schröder (beide RWTH Aachen) entstanden. Sie zeichnet Ideen und Haltungen zur Verwen­dung von Farbe in der Archi­tektur der Gegenwart nach. Wir glauben, dass der Entwurf einer Archi­tektur atmo­sphä­risch wirksamer Räume fast zwangs­läufig auch ein Interesse an der Poly­chromie nach sich zieht. Eine ange­mes­sene Verwen­dung von Farbe weist nicht zuletzt den Weg zur Sprache des Materials, zur Faktur und zur Reflexion emotio­naler Werte und subjek­tiven Erlebens.

Die Diskus­sion um Farbe und Archi­tektur ist wahr­schein­lich fast so alt wie die mensch­liche Behausung selbst. Man muss kein Anhänger der Semper­schen Stoff­wech­sel­theorie sein, um die anthro­po­lo­gi­sche – und damit soziale – Bedeutung der Farb­wahr­neh­mung und, daraus folgend, der Farb­ge­stal­tung zu erkennen. Fest steht, dass sie auf einer intel­li­gi­blen Ebene Markie­rung oder Kenn­zeich­nung sein kann, und dass sie auf einer emotio­nalen Ebene Befinden stimu­liert. Ob Farbe dabei indi­vi­dua­li­täts­an­zei­gend, also ein Ausdruck der Aneignung von Raum ist, oder ob sie ein atmo­sphä­re­bil­dendes Mittel ist, ob Farbe also expressiv oder impressiv einge­setzt wird, hängt vom jewei­ligen Fall ab – und vom Rezi­pi­enten.1 Über­schnei­dungen sind wahr­schein­lich.Vgl. Janson, Alban / Tigges, Florian: Lemma „Farbe“, in: Grund­be­griffe der Archi­tektur. Das Vokabular räum­li­cher Situa­tionen, Basel 2013, S. 94–97. ↩︎

Analog zur unmit­tel­baren expres­siven oder impres­siven Wirkung werden gleiche Farb­be­zeich­nungen unter­schied­liche Konno­ta­tionen auslösen: Das „Rote Haus“ ist gege­be­nen­falls mit einer intel­lek­tu­ellen, in diesem Fall ideo­lo­gisch gesteu­erten Konno­ta­tion verbunden. Das „rote Zimmer“ hingegen appel­liert mit seiner Namens­ge­bung an einen mit Farbe verbun­denen Sinnes­ein­druck, der synäs­the­ti­sche Quali­täten bekommen kann. Ob allgemein ange­nom­mene Farb­tem­pe­ra­turen und ‑werte, die oft in einer mitunter stark verein­fa­chenden Wahr­neh­mung dem Goethe­schen Denken entlehnt werden, tatsäch­lich die jeweils erhoffte physio­lo­gi­sche oder psycho­lo­gi­sche Wirkung haben, soll hier nicht erörtert werden.

Schauen wir genauer, werden wir in der archi­tek­to­ni­schen Farb­ge­bung immer wieder auf jene entweder ideo­lo­gi­sche oder emotional-ästhe­ti­sche Aufladung stoßen. So entstehen Begriff­lich­keiten, die unseren archi­tek­tur­his­to­ri­schen Wissens­vorrat mit entspre­chenden Wort­fel­dern anrei­chern. Viel­leicht liegt gerade in der inhalt­li­chen Aufladung der Farbe mit Bedeutung ein Grund für die vielfach ableh­nende oder zumindest neutrale Haltung, die Archi­tekten und auch Bauherren oft gegen farbige Gestal­tungen einnehmen. So lässt sich beispiels­weise die Weiße der klas­si­schen Moderne gleich mit einem Bündel analoger Begriffe verbinden, die je Sozia­li­sie­rung positiv oder negativ geprägt sein können: Die Makel­lo­sig­keit der Moderne setzt – ober­fläch­lich betrachtet – die tuber­kel­freie Kran­ken­haus­hy­giene des begin­nenden 20. Jahr­hun­derts ins Bild, aber auch eine soziale und sogar intel­lek­tu­elle „Sauber­keit“ des geläu­terten „neuen“ Menschen, der sich in den Wohn­be­hau­sungen der 1920er Jahre bilden sollte. Hinter­gründig rekur­riert sie jedoch mit ihrer Farb­ge­bung auf den „weißen“ Klas­si­zismus: Mühelos ließ sich so die Verbin­dung mit dem Winckel­mann­schen Dogma der „stillen Einfalt und edlen Größe“ herstellen und damit mit Vorstel­lungen einer idealen Archi­tektur im Schnitt­punkt zwischen Natur und Mensch. Parallel dazu konnte man das natur­ge­ge­bene Paradigma einer weit­ge­henden Gleich­heit aller Menschen asso­zi­ieren – wie Schinkel es bei seinem Tafelbild „Blick in Grie­chen­lands Blüte“ tat, das die Stadt Berlin der Prin­zessin Luise von Preußen zu ihrer Hochzeit mit Prinz Friedrich der Nieder­lande verehrte. Das für die moderne Bauauf­fas­sung kenn­zeich­nende Schlag­wort „Licht, Luft und Sonne“ rekur­rierte genau so auf die antike Klassik mit ihrer Idea­li­sie­rung des nackten mensch­li­chen Körpers: Das Gymnasion Olympias wurde dabei auf Le Corbu­siers Dach­ter­rasse oder den Gymnas­tik­raum in Mart Stams Reihen­häu­sern am Weißenhof verengt.2S. dazu: Philipp, Klaus Jan / Stemhorn, Max (Hrsg.): Die Farbe Weiß. Farben­rausch und Farb­ver­zicht in der Archi­tektur, Berlin 2003 (gekürzter ND des Textes von Klaus Jan Philipp in dieser Ausgabe, S. 22 ff.) ↩︎

Aber auch das farbige Bauen trug ideo­lo­gi­sierte Züge, die heute analog zur damaligen Malerei vielfach verkürzt als „expres­sio­nis­tisch“ bezeichnet werden. Dabei setzte die Argu­men­ta­tion für Farbe in Archi­tektur und Stadt genauso auf’s histo­ri­sche und soziale Argument. Wenn Bruno Taut 1921 in seinem „Aufruf zum farbigen Bauen“ unter dem Titel „Der Regen­bogen“ auf eine „durch Jahr­hun­derte gepflegte Tradition“ farbiger Bauge­stal­tung verweist3, bringt er – fraglos im Anschluss an Semper – die kultur­his­to­ri­sche Dimension der Farbe ins Spiel: Weil „die rein tech­ni­sche und wissen­schaft­liche Betonung die optische Sinnes­freude getötet“ habe, seien an der Stelle „farbiger und bemalter Häuser“ „grau in graue Stein­kästen“ entstanden. Statt der „Mattheit und Unfä­hig­keit“, das neben der Form wesent­lichste Kunst­mittel im Bauen, nämlich die Farbe, anzu­wenden, solle, so argu­men­tiert Taut, dieser histo­risch verbürgte „Mut zur Farben­freude am Innern und Äußern des Hauses“ treten.4 Auch dafür ließen sich die histo­ri­schen Vorbilder benennen, seien es die farbig gefassten Kathe­dralen mit ihren farbigen Fenstern, sei es die „Volks­kunst“, die bemalte Holz­kon­struk­tionen oder farbige Putze hervor­brachte: „Wir können heute noch behaupten, dass die alte deutsche Stadt in räum­li­cher Farbig­keit stand“.5 Die politisch-soziale Dispo­si­tion dieser Phrase wird in dem unmit­telbar Tauts „Aufruf“ folgenden Text deutlich: „Ein jeder Baukörper jener Zeit […] ein Indi­vi­duum. Und doch der Platz, die Straße als Raum ein einheit­li­cher Klang. Die Masse der Einheiten kam so zur Einheit der Masse durch die Farbig­keit, die dennoch jedem Indi­vi­duum sein Recht ließ.“6 Der Nachklang dieser ideo­lo­gi­schen Aufladung ist immer noch in der Namens­ge­bung der Rand­be­bauung von Tauts Hufei­sen­sied­lung an der Fritz-Reuter-Allee zu vernehmen, die wegen ihrer Farb­ge­bung entweder stolz oder despek­tier­lich als „Rote Front“ bezeichnet wird.N.N. (Taut, Bruno): Der Regen­bogen. Aufruf zum farbigen Bauen, in: Frühlicht . Eine Folge zur Verwirk­li­chung des neuen Bauge­dan­kens. Heraus­geber: Bruno Taut, Herbst 1921, S. 28. ↩︎Ebda. ↩︎Weishaupt, Karl: Die Farbe im äusseren Raum, in: ebda. (wie Anm. 3), S. 29–31, hier: S. 29. ↩︎Ebd., S. 30. ↩︎

Dass sich dazwi­schen und dagegen eine bis heute überaus mächtige Fraktion gebildet hat, die dem Farbwert des Materials größte Bedeutung zuerkannt hat, gibt der Ange­le­gen­heit einen beson­deren Reiz. Spätes­tens mit der heimat­ver­bun­denen Baufor­schung vor und nach der Wende vom 19. zum 20. Jahr­hun­dert entwi­ckelte sich unter dem etwas schwam­migen Begriff der Mate­ri­al­ge­rech­tig­keit – wiederum im Anschluss an Gottfried Semper – eine eigene Denk­tra­di­tion, die auf die Einheit von Form, Konstruk­tion und Bauma­te­rial abhob. Dem Lob der Mate­ria­lien, wie es beispiels­weise Adolf Loos7 oder Steen Eiler Rasmussen8 formu­liert haben, haftet an, dass es nicht nur das Konstruk­tive des Formalen, sondern auch das Male­ri­sche des Mate­ri­ellen zum Gesetz erhob. Von John Ruskins „Stones of Venice“ ausgehend führt diese viel­fäl­tige Spur bis zum Schweizer Sicht­beton, vom „Echten“ zum „Wahren“, vom „Selbst­ver­ständ­li­chen“ zum „Richtigen“ und zurück.S. insbs.: Loos, Adolf: Ins Leere gespro­chen. Gesam­melte Schriften 1897 – 1900, Wien 1981 (1921). ↩︎Rasmussen, Steen Eiler: Archi­tektur Erlebnis, Stuttgart 1980 (1959), bsds. Kap. 7 über „Stoff­liche Wirkungen“.
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Insofern ist es schwer, bei der Thema­ti­sie­rung des Farbigen in der Archi­tektur nur das Gemachte zu sehen, ohne das Gemeinte zu übergehen. Ein Ausweg aus dem ideo­lo­gi­schen Drama um die Farbe könnte eine Betrach­tung sein, die die räumliche Wirkung der Farben unter­ein­ander und gegenüber ihrer Umgebung im Hinblick allein auf ihre räumliche Wirkung ins Kalkül zieht. Es müsste gelingen, die Eigen­ge­setz­lich­keit der Farben zum Ausgangs­punkt einer Raum­ge­stal­tung zu machen, die allein atmo­sphä­risch gemeint ist. Wärme und Kälte, Tiefen und Höhen, Weiten und Grenzen ließen sich dann im Zusam­men­wirken von mate­ri­ellen Raum­be­gren­zungen und Kolo­ra­turen zu komplexen Raum­ketten verbinden, deren einzelne Glieder kontras­tieren, oszil­lieren oder harmo­nieren. So ließen sich Raum­se­quenzen konstru­ieren, die unter­schied­liche Zustände, Befind­lich­keiten und Erleb­nisse ermög­li­chen. Doch auch dieser Gestal­tungs­an­satz ist eine Frage des richtigen Maßes. Ob eine synäs­the­ti­sche Sensation ein aller­orten und immerzu erwünschtes Mittel sein kann, ist zu bezwei­feln. „Ich verlange von einer Stadt, in der ich leben soll: Asphalt, Stra­ßen­spü­lung, Haus­tor­schlüssel, Luft­hei­zung, Warm­was­ser­lei­tung. Gemütlich bin ich selbst“, meinte Karl Kraus 9. Auch wenn dieser Reduk­tio­nismus etwas platt ist: Wahr­schein­lich müssen Gesamt­kunst­werke die Ausnahme bleiben, damit sie ihre Wirkung entfalten können…Kraus, Karl: Pro domo et mundo. Ausge­wählte Schriften, Bd. 4, München 1912, S. 42. ↩︎

  1. Vgl. Janson, Alban / Tigges, Florian: Lemma „Farbe“, in: Grund­be­griffe der Archi­tektur. Das Vokabular räum­li­cher Situa­tionen, Basel 2013, S. 94–97. ↩︎
  2. S. dazu: Philipp, Klaus Jan / Stemhorn, Max (Hrsg.): Die Farbe Weiß. Farben­rausch und Farb­ver­zicht in der Archi­tektur, Berlin 2003 (gekürzter ND des Textes von Klaus Jan Philipp in dieser Ausgabe, S. 22 ff.) ↩︎
  3. N.N. (Taut, Bruno): Der Regen­bogen. Aufruf zum farbigen Bauen, in: Frühlicht . Eine Folge zur Verwirk­li­chung des neuen Bauge­dan­kens. Heraus­geber: Bruno Taut, Herbst 1921, S. 28. ↩︎
  4. Ebda. ↩︎
  5. Weishaupt, Karl: Die Farbe im äusseren Raum, in: ebda. (wie Anm. 3), S. 29–31, hier: S. 29. ↩︎
  6. Ebd., S. 30. ↩︎
  7. S. insbs.: Loos, Adolf: Ins Leere gespro­chen. Gesam­melte Schriften 1897 – 1900, Wien 1981 (1921). ↩︎
  8. Rasmussen, Steen Eiler: Archi­tektur Erlebnis, Stuttgart 1980 (1959), bsds. Kap. 7 über „Stoff­liche Wirkungen“.
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  9. Kraus, Karl: Pro domo et mundo. Ausge­wählte Schriften, Bd. 4, München 1912, S. 42. ↩︎