Flur, kein Flur, Über-Flur
Vom prekären Raum zu einer Raumpraxis der Offenheit
In ihrem Beitrag reflektieren Reem Almannai, Yanik Wagner und Florian Fischer die räumliche, soziale und baurechtliche Vielschichtigkeit des Flurs in zeitgenössischen Wohnformen. Ausgehend von der gesetzlich definierten Kategorie des „notwendigen Flures“ untersuchen sie, wie dieser als flexibler, teilweise gemeinschaftlich nutzbarer Raum interpretiert werden kann. Anhand historischer Beispiele, bereits gelebter Wohnpraktiken und des eigens entwickelten Modells des „Schaltgetriebewohnens“ wird erkundet, welche Potenziale und Herausforderungen sich daraus für ein suffizienteres Wohnen ergeben.
Der „notwendige Flur“ ist eine interessante Formulierung, die im deutschen Baurecht fest verankert ist. Die Formulierung suggeriert eine gewisse Alternativlosigkeit. Es geht um Leib und Leben. Den notwendigen Flur also für eine Einleitung zu nutzen, ist vermutlich nicht lustig. Der notwendige Flur ist frei von Brandlasten zu halten, was nicht nur loses Mobiliar betrifft, sondern auch konstruktive Aspekte wesentlich berührt. Ein notwendiger Flur in Holz – unabhängig ob Verkleidung oder offenes Tragwerk – ist derzeit in Deutschland nicht denkbar1, außer eine Sprinkleranlage wird als Kompensation ins Feld geführt. Seine Notwendigkeit bemisst sich aber ausschließlich an Erfordernissen des Brandschutzes, genauer gesagt der Fluchtwege. Die Frage nach dem Flur als Raum, als klugem Verteiler, gar als sozialem Raum, oder auch als Hybrid aus Erschließung und gemeinschaftlicher Nutzung, stellt sich dabei nicht – ja, sie wird durch die Erfordernisse des Brandschutzes regelrecht torpediert. Provokant ließe sich fragen: Kann man den notwendigen Flur auch weglassen? Vorweggenommen: Man kann. Wenn das mal kein schönes Sprachspiel ist…Aber ggf. gibt es hier mehr Gestaltungsspielraum als oftmals angenommen: vgl. Dietrich, M.: Der notwendige Flur – das unbekannte Wesen. In: Feuer Trutz 5 (2022). ↩︎
Kein Flur
Innerhalb einer Wohnung ist der Flur, oder genauer gesagt: das Weglassen des Flurs – ähnlich wie aktuell im Schulbau – seit längerem Gegenstand der Suche nach zeitgemäßen, guten Grundrissen. Die Förderrichtlinien für Wohnungsbau, etwa in Bayern2 und Niedersachsen3, empfehlen den wohnungsinternen (nicht den notwendigen) Flur dringend. Der Flur soll als schalltechnischer und psychologischer4 Pufferraum zwischen Wohn‑, Individual- und Treppenraum fungieren. Man kann den Eindruck gewinnen, dass der Flur in diesem Kontext zu einer Art anthropologischen Konstante, zu einer tief verankerten räumlichen Gewohnheit, zu einer höheren Wahrheit des Wohnens stilisiert wird. Auf der anderen Seite jedoch wird er mitunter als architektonisch qualitätloser Raum, als Raumverschwendung oder als Ausdruck eines hierarchischen Architektur- oder gar Gesellschaftsverständnisses geächtet. Der Disput entzündet sich in der Abwägung zwischen effizienter Raumnutzung und der Pufferung von Privat- und Intimsphäre innerhalb eines Haushalts beziehungsweise einer Wohngemeinschaft.Siehe hierzu unter 12.3 in: Wohnraumförderungsbestimmungen 2023 (WFB 2023), Pub. L. No. BayMBl. Nr. 206 (2023). https://www.gesetze-bayern.de/Content/Document/BayVV_2330_B_13734/true, abgerufen am 16.09.2025. ↩︎Siehe hierzu WFB-RdErl,NI Niedersachsen – Wohnraumförderbestimmungen-Runderlass: https://voris.wolterskluwer-online.de/browse/document/20676f6e-b839-32e4-bf45-0670fea9e309, abgerufen am 16.09.2025. ↩︎In der DIN 4109 Schallschutz im Hochbau wird etwa bei den Anforderungen an Wohnungseingangstüren – Rw ≥ 27dB oder 37dB – unterschieden, ob die Wohnung einen Flur aufweist oder nicht. ↩︎
(K)eine Kulturgeschichte
Zunächst einmal gilt es, den Flur – ähnlich wie in den letzten zwanzig Jahren das Satteldach – von ideologischen Zuschreibungen zu lösen, ihn also nicht länger als Symbol für bestimmte architektonische oder gesellschaftliche Haltungen zu verstehen. Dabei soll es jedoch nicht um eine grundlegende Kulturgeschichte des Flurs oder des Korridors gehen, die von anderen bereits weitaus kompetenter erzählt wurde.5 Der Flur soll hier vielmehr, ausgehend von seiner direkten Leistungsfähigkeit im Sinne einer einfachen wie flexiblen Raumerschließung, neu betrachtet werden. Mit der Verknüpfung spezifischer Flurdispositionen und (spekulativer) Verhaltensweisen und Wohnerwartungen sollen wichtige Aspekte des Flurs kontextualisiert und präzise beschrieben werden.Für eine ausführliche Kulturgeschichte des Flurs siehe z. B.: Trüby, S. (Hrsg.): Geschichte des Korridors. Paderborn 2018. ↩︎
Wohnen als Schaltgetriebe
Damit dies nicht im „luftleeren“ Raum geschieht, erfolgen die durchaus als spekulativ zu verstehenden und damit noch nicht zwingend empirisch belegten Gedanken vor dem Hintergrund einer ganz konkreten Anwendung des Flurs innerhalb der neuartigen Wohnform des Nukleuswohnens. Diese Wohnform geht von der Auflösung der konventionellen Wohnungsgrenze aus und löst insbesondere die Individualräume aus dem engen räumlichen und absolut privaten Verbund der Wohnung heraus. Die Wohnung wird dabei gewissermaßen zweigeteilt – in einen Nukleus, der als eine Art klassische Zweizimmerwohnung die Funktionen Wohnen, Küche, Bad und ein Zimmer enthält und in eine große Anzahl von – frei zu den Nukleis zuschaltbaren – Individualräumen. In zahlreichen Entwurfsstudien erhärtet sich die Hypothese, dass diese Flexibilität baulich und räumlich am leichtesten mit einem kollektiven Erschließungsraum herstellbar sein könnte, dessen naheliegendste Ausformulierung ein Flur, insbesondere ein Mittelflur sein könnte.6 Im von den Autorinnen und Autoren selbst entwickelten spezifischen Schema „Schaltgetriebewohnen“ als eine konkrete grundrisstypologische Form des Nukleuswohnens spielt ein fast klassisch zu nennender Flur eine ganz wesentliche Rolle. Gleichzeitig dient dieses Schema auch als Versuchsanordnung, der Hermetik des Flurs ebenso wie einer nur binären Lesart von intim (= privat) und öffentlich (= gemeinschaftlich) mit subtilen räumlichen Überlagerungen zu begegnen.Für eine ausführliche Erläuterung der Studien zum Nukleuswohnen und seiner möglichen Implementierung in Bestandsbauten siehe: Almannai, R. / Fischer, F. / Wagner, Y. (2025): Nucleus Living—The Basics, Experiences, Outlook. RWTH Aachen, Chair of Housing and Design Basics 2025. https://www.wohnbau.site/nucleus-living, oder auch: Almannai, R. / Fischer, F. / Wagner, Y (2025): Adapting Existing Buildings for Flexible Living – Exploring Nucleus Living through Exemplary Residential Projects. RWTH Aachen, Chair of Housing and Design Basics. https://www.wohnbau.site/adapting-existing-buildings-for-flexible-living ↩︎
Alles schon einmal da gewesen

Die Einfachheit der räumlichen Disposition verankert das Schaltgetriebewohnen schnell im Kontext von auch heute noch von Fluren geprägten Gebäuden wie Wohnheimen, Hotels, Boardinghäusern. Hier dient der Flur allerdings der reinen Erschließung feinkörniger Einzelappartements oder einzelner Räume und weniger dazu, die einzelne Wohnung in Fragmente aufzulösen. Ein historisches Beispiel, das in gewisser Weise als eine direkte Vorläuferin des Nukleuswohnens gelesen werden kann, stellt die Wohnanlage Meyers Hof in Berlin dar.7Für ein ausführliches Portrait dieser Wohnanlage siehe: Geist, J. F. / Kürvers, K: Das Berliner Mietshaus 1862 – 1945. München 1984, S. 530 – 552. ↩︎
Dort zeigt sich, dass durch das Vorhandensein eines Flurs auch eine komplett andere Form des Wohnens ermöglicht werden kann. Der Gebäudekomplex bestand unter anderem aus sogenannten „unselbstständigen Wohnungen“, die durch einen gemeinsamen Mittelflur erschlossen und in eine Küchen- und eine Stubenseite geteilt waren. Die Wohnungen waren also nicht hermetisch voneinander getrennt, sondern wurden durch gemeinschaftliche Bereiche – Flur und Treppenhaus – überlagert. Sichtbar wurde dies auch durch viele verschiedene Klingeln, Schilder und Briefkästen an der vermeintlichen Wohnungseingangstür, die aber in Wirklichkeit eine Flureingangstür war. Obwohl in diesem Beispiel der Flur in seiner Ausformulierung noch nicht auf seine außergewöhnliche Funktion reagierte und die Wohnverhältnisse innerhalb des Wohnkomplexes nach heutigen Vorstellungen von Hygiene und Privatsphäre fragwürdig waren, zeigt sich hier ein innovatives Potenzial, das in der folgenden Beschreibung zweier Bewohnerinnen und Bewohner als eine spezifische Praktik des Wohnens plastisch spürbar wird:
Da wohnten Frau Spalding (ihr Mann hat bei Westphalia auf dem 5. Hof gearbeitet), Frau Bose, Tempels und Mans – alle auf einem Flur. Hinten waren Tempels, die haben die beste Wohnung gehabt, und dann links, wen man rauskommt, da waren Boses, die haben bloß ein Zimmer gehabt. Da mußte man von der Küche aus immer über den Flur gehen, dann kam Frau Spalding, die mußte auch über den Flur gehen, um ihr Schlafzimmer zu sehen, und dann kommen Manns, das waren wir. Aber wir haben es noch miserabler gehabt, wir mußten ganz raus, und dann mußten wir über den Treppenflur in unser Schlafzimmer. (…) Familienfeste wurden von allen, die auf dem Flur wohnten, gemeinsam gefeiert, dann waren die Türen offen. Wir wußten doch, wie unsere Buden aussahen, wir brauchten uns doch nicht voreinander zu schämen. Keiner war besser. Der Flur mußte von den Parteien reihum saubergemacht werden, das gab oft Stänkereien, wehe, das war mal nicht passiert. (…) In der Stube wurde manchmal Musik gemacht. Der Vater spielte Akkordeon (mit 60 Bässen), auf dem Grammophon wurden die ‚Donkosaken‘, ‚Wiener Walzer‘, ‚Waldeslust‘ gespielt, und die zwei Schwestern haben viel gesungen. Die Nachbarn haben gern zugehört. Die Fenster standen dann auf, und Frau Spalding klopfte immer an die Wand, wenn sie aufhörten und rief: ‚Weiter‘.8Zitiert nach: Ebd., S. 536. ↩︎

Einordnung
Die veränderte Lesart des Flurs in der Anlage Meyers Hof und heute im Nukleuswohnen kann verkürzt gesagt als eine Synthese von Attributen von „Flur“ und „kein Flur“ gelesen werden. Im Italien des 16. Jahrhunderts bedingten etwa die für die Villen der Zeit9 beispielhaften matrixartigen Grundrisse, die sich durch ihre Raum-zu-Raum-Erschließung auszeichneten, ein gewisses Maß an Gemeinschaft und zufälligen Kontakten der Bewohnenden dieser Häuser. Im Gegensatz dazu zeigen die im England des 19. Jahrhunderts gebauten Herrschaftshäuser10 eine gänzlich andere Erschließungstypologie: Typischerweise erschließt hier ein einseitig gelegener Flur die angrenzenden Räume, welche untereinander in den meisten Fällen nicht direkt verbunden sind. Eine zielgenaue Kommunikation unter den Bewohnenden und eine Reduzierung der notwendigen Kontakte unter ihnen wurde so ermöglicht.Beispiel: Palazzo Antonini, Andrea Palladio, Udine 1556. ↩︎Beispiel: Red House, Philip Webb, London 1859. ↩︎
Diese dem Flur zugeschriebene Funktion des Pufferns von Privat- und Intimsphäre innerhalb eines Haushalts oder einer Wohngemeinschaft hat sich bis heute erhalten. Als eine Art erster Hybrid darf hingegen die Dopplung der Raumerschließung von Flur und Enfiladen gelesen werden, die in der französischen Hofarchitektur um 170011 und auch in den bürgerlichen Häusern im England des 17. Jahrhunderts Anwendung fand12, wobei der Flur primär als Dienstbotenkorridor fungierte.13Beispiel: Hôtel de Rothelin, Pierre Cailleteau, Paris 1700. ↩︎Beispiel: Coleshill House, Sir Roger Pratt, Berkshire 1650 – 1667. ↩︎Vgl. Trüby, S. (Hrsg.): Geschichte des Korridors. Paderborn 2018, S. 88. ↩︎
Der Flur – auch in der Kombination mit Enfiladen – kann historisch gesehen also als Ausdruck eines tendenziell hierarchischen Architektur- und Gesellschaftsverständnisses gelesen werden. Er ermöglichte eine Trennung der unterschiedlichen Stände innerhalb eines Haushalts, führte aber auch zu einer unverkennbar modernen Definition von Privatsphäre.14 Mit der Einführung des Flurs im modernen bürgerlichen Wohnungsgrundriss übernimmt die Effizienz der Erschließung jeglichen vormaligen Anspruch auf Repräsentation eines Vorraumes oder einer Eingangshalle.15 Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass das Vermeiden des Flurs in zeitgenössischen Wohnungsbauten am stärksten ersichtlich wird, wo ein hoher Ausbaustandard, eine geringe Belegungsdichte und eine homogene Nutzerschaft der Wohnungen vorliegen. In diesen Fällen ist also nicht von einem veränderten Bedürfnis nach den beschriebenen Funktionen des Flurs auszugehen, sondern von einem anderen Anspruch an Privat- und Intimsphäre und womöglich auch an Status und Repräsentation.Vgl. Evans, R.: Menschen, Türen, Korridore. In: Arch+ Zeitschrift für Architektur und Städtebau, Wohnen zur Disposition 134 / 135 (1966), S. 85 – 97. ↩︎Vgl. Christine Hannemann: Wohnen. In: Hüttenhain, Britta / Teodorovici, Dan (Hrsg.): Lehrbausteine Städtebau. Stuttgart 2018, S. 108 – 109. ↩︎
Zahlreiche andere, aber „anonyme“ Beispiele oder persönliche Wohnerfahrungen greifen immer wieder auf den Kniff der Auflösung der Wohnungsgrenzen – über den Flur oder über das Treppenhaus hinweg – zurück. Die Zumietung oder Nutzung von Räumen, die eben nicht im direkten räumlichen Verbund mit der eigentlichen Wohnung liegen, stellt eine sehr pragmatische Lösung dar. Doch diese Modelle basieren zugegebener Maßen meist weder auf Repräsentation noch auf Hierarchie, noch auf dem Ideal von Gemeinschaft und damit auch nicht auf idealisierten Vorstellungen einer aufgelösten Wohnungsgrenze, sondern auf reiner Not – so wie auch heute noch in vielen Unterkünften für Geflüchtete.
Gewohnheitstransfer

In einer Art asymmetrischem Transfer (siehe dazu hier) greift das Schaltgetriebewohnen diese einst prekären Referenzen des Flurs wieder auf – jedoch in einem veränderten Kontext: dem des selbstbestimmten, bedarfsgerechten und suffizienten Wohnens. Unter den Bedingungen eines baulich, technologisch, hygienisch und räumlich sehr guten Standards soll dabei ein qualitativer und ideeller Gewinn für das Wohnen abgeschöpft werden.
Wohnformen, die wie das Nukleuswohnen die Grenzen der Wohnung in Frage stellen oder neu verhandeln, indem sie kollektive Überschneidungs- oder Überlagerungsräume wie den Flur oder gar Wohnflur einführen, verlangen im Grunde keine völlig neuen Gewohnheiten von den Wohnenden. Sie greifen auf vormoderne Erfahrungen und wie beschrieben auf durchaus mit prekären gesellschaftlichen Verhältnissen in Verbindung stehende Typologien zurück – mit all den beschriebenen Gefahren, aber auch Potenzialen. Allerdings schließen sie genauso an zeitgenössische Gewohnheiten und Verhaltensweisen an, die in anderen Kontexten ganz normal sind – etwa im öffentlichen oder semiöffentlichen Raum einer Bibliothek, eines Ladens, eines Cafés oder Restaurants, eines Hotels, in Wartebereichen an Bahnhöfen oder Flughäfen, im Zug oder im Flugzeug. Es stellt sich dabei aber natürlich die nicht triviale Frage, ob damit der private „Schutzraum“ der eigenen Wohnung derart in Frage gestellt wird, dass am Ende von „ungesunden“ Wohnverhältnissen gesprochen werden muss.16 Das Konzept des Schaltgetriebes begegnet dieser Problematik mit einer Form der typologischen Offenheit, die dem auf den ersten Blick sehr rigide erscheinenden Raster eingeschrieben ist. Daraus entsteht eine Art Indifferenz der Wohnform selbst, die den Flur in unterschiedlichsten Interpretationen erscheinen lässt – vom notwendigen Flur über den Wohnflur bis hin zum überlagerten Flur. Wird die Flurbreite dabei typologisch so reguliert, dass sie einen nahezu eigenständigen Aufenthaltsraum bildet, kann sich dieser schließlich zu einer portegoartigen Wohnhalle transformieren, also ganz ähnlich dem klassischen Portego, der als großer Hauptflur venezianischer Paläste die Räume verbindet und zugleich als repräsentativer Empfangsraum dient.17Die Untersuchungen von T. Vollmer und G. Koppen sehen „das Bedürfnis nach Privatheit (…) gegenüber dem nach sozialer Interaktion mit anderen Mietparteien beinah maximal.“ Vgl. Koppen G. / Vollmer T.: Der Mensch als Maßstab. Architektur und psychosoziale Gesundheit im bezahlbaren Wohnungsbau. Lengerich 2023, S. 28 – 33. ↩︎Das Konzept eines Portegos als gemeinschaftlicher Raum wurde bereits im Wettbewerb für San Riemo von den Architekten Oliver Lütjens und Thomas Padmanabhan im dort sogenannten Filialwohnen vorgeschlagen. ↩︎
Superposition des Flurs

Nebst der typologischen Offenheit befindet sich der Flur im Konzept des Schaltgetriebewohnens in einem mehrdeutigen Zustand der Superposition18, also in einem Zustand, in dem er zugleich Teil der Wohnung und Teil der gemeinschaftlichen Erschließung ist – und zwar solange, bis er durch eine Interaktion beziehungsweise seine Benutzung einen der beiden Zustände annimmt. Der Flur kreuzt die quer zu ihm gelegten Dielen- oder Nischenräume, die gleichzeitig puffernde Vorzonen vor den Individualräumen und geschützte Eingänge in die Bäder ermöglichen. Es entsteht damit fast ein Webmuster aus Längs- und Quererschließung des Grundrisses. Ein Blick durch die geöffneten gegenüberliegenden Türen der Räume bringt den hierarchisch eigentlich wichtigeren Längsflur fast zum Verschwinden.19„In der Quantenmechanik ist Superposition die Fähigkeit eines Quantensystems, einen gemischten Zustand anzunehmen, in dem mehrere andere Zustände (…) kombiniert sind. Das wird umgangs-sprachlich oft so dargestellt, dass eine Observable des Systems gleichzeitig mit mehreren Werten vorliegen kann, von denen sich erst bei einer Messung ein einziger als real herausstellt. Als Beispiel wird häufig Schrödingers Katze angeführt, die bis zu einer Messung gleichzeitig teilweise tot und le-bendig ist.“ aus: Superposition (Physik). (2025, April 14). Wikipedia. https://de.wikipedia.org/wiki/Superposition_(Physik) ↩︎Ein Beispiel einer solchen Überlagerung von Gemeinschaft und Privatheit findet sich in der Typologie des Borneo Longhouse. Siehe dazu: Helliwell, C.: Good Walls Make Bad Neighbours: The Dayak Longhouse as a Community of Voices. Oceania, 62 (3 / 1992), S. 179 – 193. ↩︎
Um die Mehrfachlesart des Flurs für die Bewohnenden spürbar und praktikabel umzusetzen, ist eine differenzierte räumliche Ausgestaltung zu entwickeln. Es stellen sich aber auch ganz praktische Fragen in Bezug auf diese außergewöhnliche neue Rolle des Flurs: Über welchen Lichtschalter wird welcher Teil der Flurbeleuchtung gesteuert? Wie reagieren die Türen und das entsprechende Schließkonzept? Wo ist welcher Grad des Schallschutzes erforderlich? Wie hoch ist der Grad der Einsehbarkeit, etwa in die Wohnküchen? Wie lässt sich dieser auch individuell steuern? Wird der Flur zu einer Art innerem Laubengang? Oder entwickelt der Flur vielmehr Verwandtschaften zu Fluren in offenen Bürokonzepten? Wo liegen die Eingänge der Bäder – zimmer- oder flurseitig – oder beides? Sind die Bäder eher den Tag- oder Nachträumen zugeordnet? Können Bäder auch über den Flur geteilt werden (siehe dazu hier)? Können die Küchen wahlweise auch großzügig zum gemeinschaftlichen Flur hin geöffnet und von diesem aus genutzt werden? Kann jede Küche aufgrund ihrer Lage am gemeinschaftlichen Flur zumindest eine Art temporärer Gemeinschaftsraum sein?
Neue Verhaltensweisen
Die Behauptung, dass eine derartige Komplexität der räumlichen Lesbarkeit eines Flurs – bis hin zur programmatischen Neutralität – einen Weg zu suffizienterem Wohnen darstellt, mag bezogen auf Flächeneffizienz und Belegungsflexibilität vielleicht einleuchten und rechnerisch belegbar sein. Welche Praktiken des Zusammenlebens, des Aushandelns von Raumbedarf und welche Verhaltensweisen oder eben (neuen) Gewohnheiten dies jedoch von den Wohnenden erfordert, lässt sich ohne einschlägige Experimente kaum bewerten.20 Zwar lassen sich einzelne Aspekte, wie oben beschrieben, in anderen Kontexten oder zu anderen Zeiten als gelebte Praxis nachweisen, ihre Übertragung als gesamtes Bündel auf gegenwärtige Wohnformen entzieht sich jedoch einer theoretischen Simulation.21Ein entsprechendes Forschungsprojekt des Lehrstuhls für Wohnbau und Grundlagen des Entwerfens der RWTH Aachen zur Erstellung eines Wohndemonstrators und zur Untersuchung entsprechender Fragestellungen ist momentan in Arbeit und soll im Sommer 2026 in die reale Testphase gehen. Als Grundstruktur dient dabei ein momentan leerstehender Plattenbau vom Typ WBS70 in Leipzig Grünau. ↩︎Beispiele wie die Untersuchung von Teilaspekten hinsichtlich der Nutzung von Fluren und den damit verbundenen Verhaltensweisen und Gewohnheiten aussehen könnte, finden sich zur Zeit in spezifischen Forschungsfeldern. Siehe z. B.: Heise, D. : Flur im Fokus: Nutzungsanalyse der Verkehrsfläche einer intensivpädagogischen Wohngruppe. In: Kolodziej, C. / Gensel, L. / Marquardt, G. (Hrsg.): ARCH4HEALTH – Psyche & Raum: Student Research Lab Sommersemester, Technische Universität Dresden 2023, S. 181 – 195. https://doi.org/10.25368/2024.35. Hinsichtlich der neuen Rolle des Flures in den beschriebenen Wohnkonzepten gewinnt seine wissenschaftliche Untersuchung auch im Feld des gemeinen Wohnens an Relevanz. ↩︎
Bereits die Frage, wo für jeden persönlich der eigene Wohnraum beginnt, lässt sich nicht so einfach beantworten: Mit dem Betreten des Wohnflurs oder mit dem Betreten der Räume, die ausschließlich der eigenen privaten Nutzung gewidmet sind? Wenn aber letzteres der Fall wäre, was bedeutet das für das eigene Verhalten, etwa ganz konkret: das Tragen von Hausschuhen oder eines Pyjamas? Was bedeutet es für den Weg auf die Toilette oder das Bad, oder wenn man sich nachts ein Glas Wasser holen will? Oder wenn das Kleinkind zwei Räume weiter weint? Erfordert ein solches Wohnen dann eine Art Mittelweg zwischen privat und gemeinschaftlich? Oder, um beim Beispiel der Kleidung zu bleiben, erfordert es eine Art Allzweck(haus)schuh und einen Hausanzug oder Morgenmantel? Wenn aber die Wohnung bereits mit dem Betreten des gemeinsamen Flurs beginnt, ist dann das Schließen oder Verschließen der Türen nur ein Zeichen temporären Rückzugs, während die Offenheit der Türen und das olfaktorische und akustische Grundrauschen der Gemeinschaft den Normalzustand bilden?22Gebaute und gelebte Referenzbeispiele hierzu wären z. B. das Hallenwohnen im Zollhaus in Zürich oder das Nukleuswohnen und hier speziell die Typologie der Treppenzimmer in San Riemo in München. ↩︎

Und schließlich – nicht zuletzt, um dem Vorwurf naiver Sozialromantik vorzubeugen – stellt sich die Frage, was unterschiedliche Geschwindigkeiten von Gemeinschaft, aber auch Vorstellungen von Hygiene und Lärm an einem gemeinsamen Flur bedeuten. Erfordern die Flurgemeinschaften am Ende doch eher homogene Interessen und Lebensgewohnheiten? Oder ist es genau andersherum – bilden sich entlang des Flurs, über Haushaltsgrenzen hinweg, vielfältige Interessensgruppen heraus? Vielleicht wohnen alle pubertierenden Jugendlichen am Ende des Flurs oder direkt am Treppenhaus und teilen sich ein oder zwei „selbstverwaltete“ Bäder, während einige Küchen offenstehen und andere dauerhaft verschlossen bleiben – als Ausdruck individueller Entscheidung, die niemanden zu stören braucht. Oder ist genau das schon wieder jene zu vermeidende Sozialromantik?
Flur als kein Flur
Unabhängig von der konkreten Nutzung und gelebten Interaktion erfordert das hier vorgestellte Modell aus baurechtlicher Sicht entweder die Ausbildung großer Nutzungseinheiten oder, länderspezifisch, die Einordnung als Besondere Wohnform. Andernfalls würden Fragen nach der Abgeschlossenheit der Wohnung – und damit nach der Wohnungsgrenze – aufkommen, ebenso wie mögliche hohe und aufwendig zu erfüllende Anforderungen an Brandschutz und Fluchtwege. Die baurechtliche Kategorie des „notwendigen Flurs“ könnte zwar herangezogen werden, würde jedoch die hier vorgestellte offene, mehrfache Lesart des Flurs verhindern. Der „Über-Flur“, der für das Modell notwendig erscheint, kann also nicht nur, er muss geradezu baurechtlich kein „notwendiger“ Flur sein.
Reem Almannai und Florian Fischer-Almannai führen gemeinsam das Büro Almannai Fischer Architekt*innen in München. Sie sind Gründungsmitglieder der Münchner Wohnungsbaugenossenschaft Kooperative Großstadt eG. Sie befassen sich intensiv mit der Entwicklung flexibler und suffizienter Wohnformen und der Erforschung einer kollektiven Planungsmethode, genannt OP-OD. Florian Fischer unterrichtet seit 2022 an der RWTH Aachen.
M.A. Yanik Wagner ist Architekt und seit 2023 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der RWTH Aachen. Er forscht zu alternativen Wohnformen und deren Implementierung in den Bestand. Sein Promotionsvorhaben befasst sich mit dem akustischen Wohlbefinden in kollektiven Wohnformen. Er war Mitgründer des Architekturbüros Studio OU in Zürich. Seit 2025 realisiert er selbstständig Projekte in unterschiedlichen Konstellationen an der Schnittstelle von Architektur, Intervention, Partizipation und Kunst.
- Aber ggf. gibt es hier mehr Gestaltungsspielraum als oftmals angenommen: vgl. Dietrich, M.: Der notwendige Flur – das unbekannte Wesen. In: Feuer Trutz 5 (2022). ↩︎
- Siehe hierzu unter 12.3 in: Wohnraumförderungsbestimmungen 2023 (WFB 2023), Pub. L. No. BayMBl. Nr. 206 (2023). https://www.gesetze-bayern.de/Content/Document/BayVV_2330_B_13734/true, abgerufen am 16.09.2025. ↩︎
- Siehe hierzu WFB-RdErl,NI Niedersachsen – Wohnraumförderbestimmungen-Runderlass: https://voris.wolterskluwer-online.de/browse/document/20676f6e-b839-32e4-bf45-0670fea9e309, abgerufen am 16.09.2025. ↩︎
- In der DIN 4109 Schallschutz im Hochbau wird etwa bei den Anforderungen an Wohnungseingangstüren – Rw ≥ 27dB oder 37dB – unterschieden, ob die Wohnung einen Flur aufweist oder nicht. ↩︎
- Für eine ausführliche Kulturgeschichte des Flurs siehe z. B.: Trüby, S. (Hrsg.): Geschichte des Korridors. Paderborn 2018. ↩︎
- Für eine ausführliche Erläuterung der Studien zum Nukleuswohnen und seiner möglichen Implementierung in Bestandsbauten siehe: Almannai, R. / Fischer, F. / Wagner, Y. (2025): Nucleus Living—The Basics, Experiences, Outlook. RWTH Aachen, Chair of Housing and Design Basics 2025. https://www.wohnbau.site/nucleus-living, oder auch: Almannai, R. / Fischer, F. / Wagner, Y (2025): Adapting Existing Buildings for Flexible Living – Exploring Nucleus Living through Exemplary Residential Projects. RWTH Aachen, Chair of Housing and Design Basics. https://www.wohnbau.site/adapting-existing-buildings-for-flexible-living ↩︎
- Für ein ausführliches Portrait dieser Wohnanlage siehe: Geist, J. F. / Kürvers, K: Das Berliner Mietshaus 1862 – 1945. München 1984, S. 530 – 552. ↩︎
- Zitiert nach: Ebd., S. 536. ↩︎
- Beispiel: Palazzo Antonini, Andrea Palladio, Udine 1556. ↩︎
- Beispiel: Red House, Philip Webb, London 1859. ↩︎
- Beispiel: Hôtel de Rothelin, Pierre Cailleteau, Paris 1700. ↩︎
- Beispiel: Coleshill House, Sir Roger Pratt, Berkshire 1650 – 1667. ↩︎
- Vgl. Trüby, S. (Hrsg.): Geschichte des Korridors. Paderborn 2018, S. 88. ↩︎
- Vgl. Evans, R.: Menschen, Türen, Korridore. In: Arch+ Zeitschrift für Architektur und Städtebau, Wohnen zur Disposition 134 / 135 (1966), S. 85 – 97. ↩︎
- Vgl. Christine Hannemann: Wohnen. In: Hüttenhain, Britta / Teodorovici, Dan (Hrsg.): Lehrbausteine Städtebau. Stuttgart 2018, S. 108 – 109. ↩︎
- Die Untersuchungen von T. Vollmer und G. Koppen sehen „das Bedürfnis nach Privatheit (…) gegenüber dem nach sozialer Interaktion mit anderen Mietparteien beinah maximal.“ Vgl. Koppen G. / Vollmer T.: Der Mensch als Maßstab. Architektur und psychosoziale Gesundheit im bezahlbaren Wohnungsbau. Lengerich 2023, S. 28 – 33. ↩︎
- Das Konzept eines Portegos als gemeinschaftlicher Raum wurde bereits im Wettbewerb für San Riemo von den Architekten Oliver Lütjens und Thomas Padmanabhan im dort sogenannten Filialwohnen vorgeschlagen. ↩︎
- „In der Quantenmechanik ist Superposition die Fähigkeit eines Quantensystems, einen gemischten Zustand anzunehmen, in dem mehrere andere Zustände (…) kombiniert sind. Das wird umgangs-sprachlich oft so dargestellt, dass eine Observable des Systems gleichzeitig mit mehreren Werten vorliegen kann, von denen sich erst bei einer Messung ein einziger als real herausstellt. Als Beispiel wird häufig Schrödingers Katze angeführt, die bis zu einer Messung gleichzeitig teilweise tot und le-bendig ist.“ aus: Superposition (Physik). (2025, April 14). Wikipedia. https://de.wikipedia.org/wiki/Superposition_(Physik) ↩︎
- Ein Beispiel einer solchen Überlagerung von Gemeinschaft und Privatheit findet sich in der Typologie des Borneo Longhouse. Siehe dazu: Helliwell, C.: Good Walls Make Bad Neighbours: The Dayak Longhouse as a Community of Voices. Oceania, 62 (3 / 1992), S. 179 – 193. ↩︎
- Ein entsprechendes Forschungsprojekt des Lehrstuhls für Wohnbau und Grundlagen des Entwerfens der RWTH Aachen zur Erstellung eines Wohndemonstrators und zur Untersuchung entsprechender Fragestellungen ist momentan in Arbeit und soll im Sommer 2026 in die reale Testphase gehen. Als Grundstruktur dient dabei ein momentan leerstehender Plattenbau vom Typ WBS70 in Leipzig Grünau. ↩︎
- Beispiele wie die Untersuchung von Teilaspekten hinsichtlich der Nutzung von Fluren und den damit verbundenen Verhaltensweisen und Gewohnheiten aussehen könnte, finden sich zur Zeit in spezifischen Forschungsfeldern. Siehe z. B.: Heise, D. : Flur im Fokus: Nutzungsanalyse der Verkehrsfläche einer intensivpädagogischen Wohngruppe. In: Kolodziej, C. / Gensel, L. / Marquardt, G. (Hrsg.): ARCH4HEALTH – Psyche & Raum: Student Research Lab Sommersemester, Technische Universität Dresden 2023, S. 181 – 195. https://doi.org/10.25368/2024.35. Hinsichtlich der neuen Rolle des Flures in den beschriebenen Wohnkonzepten gewinnt seine wissenschaftliche Untersuchung auch im Feld des gemeinen Wohnens an Relevanz. ↩︎
- Gebaute und gelebte Referenzbeispiele hierzu wären z. B. das Hallenwohnen im Zollhaus in Zürich oder das Nukleuswohnen und hier speziell die Typologie der Treppenzimmer in San Riemo in München. ↩︎




