Formalisierung und Ritualisierung
Ansichten der japanischen Kultur
Die ursprünglichen Bedeutungen alltäglicher Gewohnheiten und Rituale der japanischen Kultur sind mitunter vergessen. Trotzdem sind sie weiterhin prägender Bestandteil des Alltags und erhalten gerade dadurch ihre identitätsstiftende Funktion, so der Architekturtheoretiker Jörg H. Gleiter. Anhand des „ästhetischen Nihilismus“ japanischer Steingärten und der „semantischen Entleerung“ klassischer japanischer Wohnhäuser betrachtet er in diesem Beitrag das Verhältnis von Form und Alltag in der japanischen Architektur und zeigt die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu den Formalisierungen der europäischen Moderne auf.
Durch Form strukturiert Architektur nicht nur den Raum, sondern auch das Leben, den Alltag. Wer wollte es leugnen, es gibt eine wechselseitige Abhängigkeit von architektonischer Form und Alltagsritual. Wir gehen täglich durch dieselben Türen ein und aus, wir gehen dieselben Straßen entlang, wir biegen an denselben Stellen rechts oder links ab. Wir leben über Jahre hinweg in derselben Wohnung, zwischen denselben Möbeln und Geräten, an denen sich, dem Wiederholungszwang folgend, die Muster des Lebens herausbilden. Architektur ist die große Maschine, die durch Form den Rahmen setzt für die Rituale des Alltags.

Um sich einer Kultur anzunähern – von Verstehen soll erst einmal nicht die Rede sein –, kommt man daher nicht umhin, sich die formalen Grundlagen der Architektur anzuschauen und die ritualisierten Umgangsformen, die darin sich formieren. In dieser Hinsicht drängt sich gerade Japan und die japanische Architektur auf. Jeder, der in Japan gewesen war, hat seine Erfahrungen mit dieser durch und durch formalisierten Gesellschaft gemacht. Man kennt dann auch das Unbehagen: Als Europäer fühlt man sich plump und tölpelhaft, man steht ständig irgendwie im Weg, man benimmt sich wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen.
Da sind zum Beispiel die Begrüßungsrituale mit den mehr oder weniger tiefen Verbeugungen, mit durchgestreckten Knien, steifem Kreuz und der Hand an der Hosennaht. Die Begrüßungsrituale, wenn man einen Laden betritt, man fühlt sich wahr- und aufgenommen, und wenn man ihn wieder verlässt. Dazu gehören auch das leichte Kopfnicken und die leichte Drehung des Kopfes, mit der sich Fremde begrüßen, wenn zum Beispiel jemand in den Aufzug hereinkommt, und dasselbe leichte Kopfnicken und dieselbe leichte Drehung des Kopfes, wenn später die Person oder man selbst den Aufzug verlässt.
Das betrifft selbst die alltäglichsten Vorgänge wie das Überreichen des Wechselgelds in einem gewöhnlichen 7 / 11 Conbini-Laden. In den trivialsten Situationen des Alltags wird gerade so auffällig, wie stark das Alltagsleben in Japan von Ritualen geprägt ist. Wie erst die Geldscheine in einer eleganten Bewegung des Daumens abgezählt werden, wie das Kleingeld noch einmal mit dem Finger nachgezählt wird, und wie dann alles in einer kleinen Plastikschale, oft grün oder pink, mit zwei Händen gehalten, wieder mit einer kleinen Verbeugung, an den Kunden übergeben wird.
Wobei man den Japanern unrecht tut, wenn man meint, dass das alles einstudiert oder in einem autoritären Schulsystem antrainiert wäre. Die Alltagsrituale sind dabei mehr als nur Teil des Lebens, sie bedeuten das Leben. Deswegen auch die Schwierigkeiten als Fremder, sich die Formen und Rituale anzueignen. Und dennoch. Vieles erscheint leere Form und hohle Floskel. Man versteht all das einfach nicht. Man ist gleichermaßen fasziniert wie irritiert oder, nachdem man sich lange vergeblich darum bemüht hat, auch abgestoßen.
Was die Formalisierung und Ritualisierung der Kultur im Allgemeinen und in der Architektur im Besonderen bedeuten, welchen Stellenwert das hat und wie die Architektur da hineinspielt, das soll im Folgenden das Thema sein.
Rituale ohne Ursprung
Viele der Formalismen in der japanischen Kultur erscheinen oberflächlich und inhaltsleer. Aber nicht nur für den Fremden und Besucher, sondern auch für die Japaner selbst. Auf die Frage, warum sie bestimmte Dinge so tun, wie sie sie tun, kommt dann die Antwort: Man macht es eben so, alle machen es so. Jeder kann die Erfahrung machen, dass auch die Japaner nicht wissen, woher die formalen Regeln kommen und noch weniger, was sie bedeuten. Schnell fällt auch das Argument, dass es so ästhetisch und schön ist.
Man könnte nun für Japan von einer extremen Formalisierung und Ritualisierung des Alltags sprechen, was man schnell als typisch für Japan erklären könnte. Mit dem „typisch japanisch“ wäre aber nichts gewonnen, man würde lediglich in den Modus des üblichen westlichen Exotismus verfallen. Das Gegenteil ist der Fall, es ist von seinen Grundvoraussetzungen gerade nicht spezifisch japanisch. Um dies zu zeigen, kann ein Blick in die Kulturgeschichte nützlich sein, aber gerade nicht in die japanische, sondern in die europäische Kulturgeschichte, nämlich und ausgerechnet in die Antike.
Der französische Historiker Numa Denis Fustel de Coulanges hat dazu 1864 ein erkenntnisreiches und heute noch gültiges Buch geschrieben. In Der antike Staat beschreibt er den Alltag und die Rituale im römischen Reich, also vor gut 2000 Jahren. Darin kommt er zu einer verblüffenden Erkenntnis. Im alten Rom habe der „Zeitgenosse Ciceros“, wie er sich ausdrückt, Riten praktiziert – bei Opfern, Leichenfeiern, Hochzeitszeremonien –, die so alt waren, dass niemand mehr wusste, woher sie kamen und was sie bedeuteten. Dass sie aus einer anderen Zeit kamen, geht daraus hervor, dass die Riten nicht mehr dem damaligen Glauben entsprachen.
Trotzdem wurden sie praktiziert. „Aber man betrachte die Riten, die er (der Zeitgenosse Ciceros) ausübt, oder die Formeln, die er ausspricht, genauer, und man wird in ihnen die Spuren dessen finden, was die Menschen fünfzehn oder zwanzig Jahrhunderte vor ihm geglaubt haben.“1 Also 1500 bis 2000 Jahre zuvor. Wie Fustel de Coulanges zeigt, trugen viele der im römischen Reich praktizierten Rituale „den authentischen Stempel, die deutlichsten Spuren der entferntesten Jahrhunderte“2, ohne dass die Menschen sich dessen bewusst waren und noch weniger, was sie bedeuteten. Es waren Rituale, deren Ursprung nicht mehr bekannt war.Numa Denis Fustel de Coulanges: Der antike Staat. Kult, Recht und Institutionen Griechenlands und Roms, Stuttgart: dtv / Klett-Cotta 1988, S. 25. ↩︎Ebd., S. 24. ↩︎
Vor einiger Zeit, in den aufgeladenen Debatten um die Postmoderne, hätte man diese Rituale, mit Bezug auf den Medientheoretiker und Philosophen Jean Baudrillard, als Simulacrum bezeichnet, also als Zeichen ohne Ursprung oder als Handlungen und Rituale, die sich auf nichts beziehen, die, wie man gesagt hätte, keinen Referenten haben, von denen man nicht mehr wusste, woher sie kamen und auf was sie sich bezogen, und die dennoch nicht überflüssig waren, sondern gerade deswegen eine wichtige gesellschaftliche Funktion übernahmen.
In den Riten und Ritualen der Römer wirkte eine Zeit nach, die weit zurücklag, an die es keine Erinnerung mehr gab. Sie waren aber, wie Fustel du Coulanges sagt, in den Alltag eingegangen, auch wenn sie keine Erinnerungs- oder Gedächtnisfunktion mehr hatten und sich auf nichts bezogen. Obwohl die Römer spürten, dass das, was sie praktizierten, in einer organischen Beziehung zur aktuellen Kultur stand.
Die Menschen praktizieren also Rituale, ohne zu wissen, woher sie kamen, aber sie waren ein Teil von ihrem Leben, von dem sie sich nicht trennen konnten und wollten. Sie waren inhaltslos, sie waren von Bedeutung entleert, sie waren rein formal, hatten aber doch eine Funktion, zumal eine nicht unbedeutende. Solange alle die Rituale praktizierten, zu den entsprechenden Anlässen, schuf dies, ohne Rechtfertigungsdruck und Erklärungen, auf performativer Ebene Gemeinschaft und Identität. Alle folgen denselben Regeln. Man macht dieselbe Erfahrung. Und ehrlich gesagt, was Identität ist, ist ja eher etwas Gefühltes und Praktiziertes, als dass es bewusst in seinen Merkmalen benannt werden könnte. Wir haben eine Identität, aber zu sagen, was das genau ist, das brächte uns schnell in Erklärungsschwierigkeiten.
Man folgt Ritualen und ihren formalen Gesetzen, weil man es einfach so tut. Man kann von Identitäts- oder Unterscheidungsritualen sprechen oder mit Maurice Halbwachs vom kollektiven Unbewussten. Es sind Rituale, deren Ursprünge und Erzählungen, woher sie kommen und was sie bedeuten, vergessen sind. Aber gerade deswegen sind sie so bedeutend.
Ästhetischer Nihilismus
Die Frage stellt sich nun: Warum sollte das heute anders sein? Was Fustel du Coulanges beschrieben hat, gilt durchaus nicht nur für die Antike oder für die europäische Kulturgeschichte. Praktizieren wir heute nicht auch Rituale, profane und profanisierte Rituale, die ursprünglich religiösen Ursprungs waren, von denen aber viele nicht mehr wissen, woher sie kommen, und was sie bedeuten, die aber eine gesellschaftliche Funktion und die Kraft haben, die Personen zu einer Gemeinschaft zu verbinden. Woher kommt der Osterhase? Viele feiern Weihnachten, wissen aber nicht wirklich, was es bedeutet.
Das gilt auch für Japan. Die japanischen Steingärten können als Beispiele dienen. Vor einiger Zeit wurden in einem Instagram Post Bilder von japanischen Steingärten gezeigt. Im begleitenden Text (auf Englisch) ging es um Formen und Rituale: „Rituale markieren die Zeit. (…) Steine sind die grundlegendsten Elemente, um rituelle Orte zu schaffen. (…) Bei der Betrachtung (contemplation) von Felsformationen oder Steingärten können wir Momente erleben, in denen die Zeit im Raum eingefroren ist. In der asiatischen Tradition gelten Steine als sehr wertvoll, da sie ein integraler Bestandteil der kollektiven Vorstellungskraft sind. Sie schaffen auf stabile Weise ein Gefühl der Heiterkeit (serenity).“ Das ist ein sehr verklärter, idealisierender Blick auf den japanischen Steingarten. Und dennoch interessant. Dem englischen Begriff serenity kommt hier besondere Bedeutung zu, wo man ihn mit Heiterkeit oder Gelassenheit übersetzen kann. Aber auch der Begriff der Betrachtung, im Original contemplation, hat es in sich.
Steingärten gehören zu jenen Phänomenen der japanischen Kultur, die durch und durch formalisiert sind. Wie zum Beispiel der Steingarten des Ryōan-ji Tempels oder des Ginkakuji Tempels, beide in Kyoto, oder auch die anderen Trockengärten, wie man sie in Japan weit verbreitet findet. Gerade im Steingarten des Ryōan-ji Tempels sieht man Menschen, die am Rande sitzen und ganz in sich versunken sind. Aber was tun sie denn? Betrachten sie den Garten, denken sie über etwas nach? Über was? Vielleicht über die Steine? Oder praktizieren sie eine Form zen-buddhistischer Kontemplation und Versenkung ins Nichts, wie der Autor des Instagram Posts suggerierte?
Es macht gerade die Faszination dieser Gärten aus, dass man mit ihnen nicht zurechtkommt, dass man sie nicht auf den Begriff bringen kann, dass man nicht beschreiben kann, was man da eigentlich sieht. Obwohl man es mit Bildern zu tun hat. Der Steingarten des Ryōan-ji Tempels weckt Bilder von Inseln im Meer, von Bergen und Wäldern. Andere stellen berühmte Landschaften nach, wie den Fuji-san. Wieder andere Wasserfälle und Tiere wie Kraniche, Frösche oder Schildkröten.
Und doch verweigern sich die Bilder einer konkreten Auslegung und Benennung. Wo es keine Begriffe gibt, gibt es auch nichts zu Denken. Die Bilder entziehen sich den Worten. Man sitzt vor den Gärten in kontemplativer Versenkung und, je länger je mehr, tut sich ein Nichts auf.
Durch die Miniaturisierung, durch die Transformation in ein anderes Material, durch Abstraktion der formalen Gestalt, durch die formale Verfremdung und Verzerrung der Proportionen: Durch all das tritt alles Figürliche, das man anfangs hofft, erkannt zu haben, nach und nach zurück. Wir haben es mit einem Effekt der Irrealisierung zu tun, in dessen Verlauf sich Bilder, Bedeutungen und der Bezug auf anderes verflüchtigen.
Übrig bleibt die Form, die aber nichts Konkretes mehr assoziieren lässt. Wo alles Ringen um Worte scheitert, bleibt uns dann nur noch ein Wort: dass es ästhetisch und schön ist. Obwohl oder vielleicht gerade weil es sich der Erkenntnis verweigert, weil es nichts ist. Wo wir es nicht auf den Begriff bringen können, können wir nichts anderes als feststellen: Dass es etwas Schönes ist, aber ein entleertes, nihilistisches Schönes.
Wie kann man, wie soll man das verstehen? Nihilistische Schönheit? Dazu kann ein Blick auf Friedrich Nietzsche und sein Buch Die Geburt der Tragödie erhellend sein. Er schrieb dort den berühmten Satz, „nur als aesthetisches Phänomen ist das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt.“3 In anderen Worten: Im Schein des Schönen wird das Leben erst erträglich. Nach Nietzsche ist das Schöne der Schleier, der die Abgründigkeiten des Lebens und das Grauen davor, das es in den Menschen erweckt, überdeckt, wenngleich es dadurch nicht verschwindet, es scheint durch den Schleier hindurch, es ist aber momentan gebändigt. Nietzsche spricht auch nicht in erster Linie von Kunst, sondern vom ästhetischen Phänomen.Friedrich Nietzsche, Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, Kritische Studienausgabe Bd. 1, hrsg. v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Berlin: De Gruyter 1999, S. 47. ↩︎
Nietzsche ist einer der meist gelesenen Philosophen in Japan. Aus gutem Grunde. Mit ihm, dem Philosophen des Nihilismus, kann man sich dem japanischen Garten annähern. Dass der japanische Garten nicht interpretiert und auf den Begriff gebracht werden kann, erhebt ihn aus dem Alltag und gibt ihm, losgelöst von allen Bindungen, eine Leichtigkeit und Heiterkeit, die als Stimmung der Leichtigkeit und Heiterkeit auf den Betrachter selbst übergeht. Es ist die semantische Leere, das Nichts, der ästhetische Nihilismus, der die Dinge aus dem Alltag heraushebt und ihnen Leichtigkeit verleiht.
Das heißt, dass man im japanischen Steingarten mit einem Paradox konfrontiert ist, dass es nämlich die Steine sind, eigentlich das Schwerste, die in Form des wellenförmig oder quadratisch gerechten Kieses, den miniaturisierten Inseln und Gebirgen in ein Leichtes und Heiteres transformiert werden. Die Steingärten leben von einem Entfremdungseffekt, dass das Schwerste zum Leichtesten wird und das Älteste zum Aktuellsten. Das macht ihre magische Kraft aus.
Und gilt das nicht etwa auch für den Formalismus und die Rituale des Alltags, deren Ursprünge man nicht kennt oder nicht mehr kennt. Mit der Ästhetisierung, Formalisierung und Ritualisierung erfährt auch das Dasein eine Lösung aus dem Alltag. In Japan ist vieles leicht. Es ist eine Erfahrung, die jeder machen kann. Das Nichts der reinen Formen, wie auch bei den Riten und Ritualen der Römer, schlägt ins Heitere um. Übrigens, Nietzsches Begriff für die Erleichterung des Lebens durch das „aesthetische Phänomen“ ist der des ja-sagenden Nihilismus.
Formalisierung und Ritualisierung des japanischen Hauses
Was für den japanischen Steingarten gilt, gilt nicht weniger für das japanische Haus. Auf die Verbindung von beiden hat Tetsuro Yoshida in seinem Buch Der japanische Garten hingewiesen. Schon seit dem 12. Jahrhundert sei es ein zentrales Anliegen der Architekten gewesen, „eine vollständige Harmonie zwischen Haus und Garten“4 herzustellen. Beide bestünden in einer „feierlichen Formalität“5.Tetsuro Yoshida, Der japanische Garten, Tübingen: Wasmuth Verlag 1957, S. 7. ↩︎Tetsuro Yoshida, Japanische Architektur, Tübingen: Wasmuth Verlag 1952, S. 12. ↩︎

Auch das japanische Haus ist formal aufs Einfachste reduziert und als solches semantisch entleert. Es fehlen Zeichen oder Ornamente, die es in ein größeres Feld von sich verändernden Bezügen stellt, wie das in der europäischen Architektur der Fall ist, wo jede Zeit und jeder Architekt ihre sichtbaren Spuren hinterlassen mittels Ornamenten, Details, Oberflächenbearbeitungen und Formen. Das europäische Haus ist aufgeladen mit Bedeutung, es will interpretiert werden. Es erzählt Geschichten über die Zeit seiner Entstehung, seines Autors, und wie es in die Geschichte der Architektur eingebunden ist. Wichtige Mittel dazu sind die Stile, Epochenstile wie auch Individualstile, wie sie besonders gegen Ende des 19. Jahrhunderts in großer Vielfalt praktiziert wurden, wie die verschiedenen neoklassizistischen Stile, Neobarock, Neogotik oder auch der Jugendstil.
Im japanischen Haus dagegen tritt der Architekt oder Zimmermann hinter seinem Werk zurück. Es erzählt keine Geschichten, es zeigt sich in der Formalisierung der Konstruktion, der standardisierten Weise der Bearbeitung des Materials und in der Sorgfalt für das Detail. Für die reduzierte Formensprache und die zen-buddhistisch inspirierte, semantische Leere des Raumes, dafür hatten dann die europäischen Architekten lange keine Augen. Sie missverstanden die Leere des Raumes und die nihilistische Ästhetik als architektonischen Mangel. So kritisierte Franz Baltzer in seinem Buch Das japanische Haus von 1903, dass das japanische Haus unzeitgemäß sei, es würde heute noch mit alten, handwerklichen Techniken erstellt, wo doch Nägel und Schrauben weit angemessener, eben moderner gewesen wären.
Auch Heinrich Schliemann, der Japan schon 1865 auf seiner Weltreise besucht hatte: In seinem Tagebuch hielt der spätere Entdecker von Troia akribisch seine Beobachtungen fest, notierte die Maße des japanischen Hauses und die Kosten für das Leben, für die Architektur interessierte er sich aber nicht. Das japanische Haus schien ihm von geringem kulturellen Wert. Ihm fehlte eben das Wissen über die japanische Kultur, die verschiedenen Religionen, die Geschichte und den Alltag. Wie andere heute noch, suchte er nach Bedeutung, nach Zeichen und nach Inhalt – und fand nur Leere.
Das japanische Haus ist ein durch und durch formalisiertes ästhetisches Objekt. Da sind die Tatamimatten, die das Grundmaß für das modulare System des Hauses geben. Da sind auch die Shoji-Türen, die mit Papier bezogenen Wandelemente, die zugleich Wand und Tür sind und sich nachts in Projektionsflächen für die unterschiedlichsten Schattenspiele verwandeln können; da ist das Dach mit seiner leicht geschwungenen Form und den schweren, glänzenden Dachziegeln mit ihren dämonischen Fabelwesen als Schmuckelemente. All das unterliegt der strengen Formalisierung, da gibt es keinen künstlerischen Ausdruck, da ist nichts Individuelles.

Semantische Entleerung ist das Prinzip. So auch der Wohnbereich des klassischen japanischen Hauses, der funktional nicht determiniert ist. Durch das Verschieben der Shoji-Türen kann die Fläche vergrößert oder verkleinert werden. Wo selbst die Außen- und Innenwände sich nicht grundsätzlich unterscheiden, ist alles eines, durchlässig und offen und flexibel. Ein gutes Beispiel ist die Katsura-rikyū in Kyoto aus dem 17. Jahrhundert und ihr Grundriss. Er besteht als Variation eines immer wiederkehrenden formalen Schemas. Auch gibt es in den zentralen Bereichen keinen Korridor, der Räume trennen würde. Alles geht ineinander über, die Verschiebung von Wänden schafft die Struktur und den Rahmen für die wechselnden Rituale des Alltags.
Aus westlicher Perspektive erkannte man den Wert des japanischen Hauses erst, als man Formalisierung und Ritualisierung von Haus und Alltag als eine Einheit zu betrachten gelernt hatte. Bruno Taut war der erste, der in seinem epochalen Werk zur japanischen Architektur, das 1938 erst auf Englisch und 1997 auf Deutsch erschienen war, das japanische Haus aus dem Leben und seinen Ritualen heraus zu erklären versuchte. Daher der Titel Houses and People of Japan und auf Deutsch Das japanische Haus und sein Leben. Taut zeigt hier den zen-buddhistisch-nihilistischen Charakter des Hauses als ja-sagenden Nihilismus, mit der Formalisierung der Architektur und der Ritualisierung des Alltags als die die Kultur definierenden ästhetischen Verfahren.
Formalisierung und Ritualisierung in der modernen Architektur
Und das europäische Haus – wenn man überhaupt davon sprechen kann? Mit der Abschaffung der klassischen Ornamente, der Aufgabe des Geschichtsbezugs, der Reduzierung auf geometrische Grundformen und natürlich der weißen Wand fand in der europäischen Moderne auch ein Prozess der Entsemantisierung und Formalisierung der Architektur statt. Massimo Cacciari sprach in Architecture and Nihilism von der „Enthaltung von allem symbolischen Wert“6 als Kern der modernen Architektur, wie sie sich nach 1918 entwickelt hatte.Massimo Cacciari, Architecture and Nihilism: On the Philosophy of Modern Architecture, New Haven u. a.: Yale University Press 1993, S. 205. ↩︎
Mit der Aufhebung des klassischen Ornaments wird der Raum zum offenen Behälter für die Möglichkeitspotenziale neuer Alltagsrituale der durch den Ersten Weltkrieg in ihren Fundamenten erschütterten europäischen Kultur. Nicht ausschließlich, aber besonders mit Bezug auf Ludwig Mies van der Rohe, sprach Cacciari von einer Strategie der „Bewahrung des Symbols im Unsichtbaren“7. Und Detlef Mertins sprach von Mies’ ästhetischem Nihilismus, mit anderen Worten von der „Verwandlung von Mitteln und Zwecken über die Grenzen ihrer Zweckmäßigkeit hinaus.“8Ebd., S. 206. ↩︎Detlef Mertins, „Mies’ Skyscraper ‚Project‘: Towards the Redemption of Technical Structure“, in: Ders, The Presence of Mies, Princeton: Princeton University Press 1994, S. 66. ↩︎
Man kann dabei an das Haus Tugendhat oder den Barcelona Pavillon denken, näher am Ideal des ästhetischen Nihilismus war aber Mies mit dem Landhaus in Backstein. Alles ist reduziert auf die Mauer. Mauern, die aus der Landschaft kommen und dort, wo sie sich an einer Stelle verdichten, Räume entstehen lassen. Wie Schiebeelemente – wer würde jetzt nicht an die Shoji im japanischen Haus denken – sind die Wände so platziert, dass Öffnungen zwischen den einzelnen Mauern entstehen. Es entstehen Öffnungen, die Fenster oder Türen sein können, durch die aber auch ein System von fließend ineinander übergehenden Räumen entsteht, fast wie in der Grundrissfigur der Katsura-rikyū.
Vielleicht gab es nie eine größere Nähe zwischen der europäischen Moderne und dem japanischen Haus. Das verbindende Element ist der ästhetische Nihilismus. Auch wenn sie beide zwei verschiedenen Entwicklungsmodellen angehören. Erst durch die Abschaffung der klassischen Ornamente gelingt die Öffnung der Architektur ins Offene im Sinne des ästhetischen Nihilismus. Aber im Gegensatz zur Antike, wo die Entkoppelung der Riten von ihren Ursprüngen über einen langen Zeitraum passierte, geschieht dies im europäischen Kontext innerhalb weniger Jahre, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, unter dem Einfluss der verstörenden Ereignisse des Ersten Weltkriegs.
Die Entsemantisierung im europäischen Raum zielte, wie Cacciari meinte, nicht auf die Abschaffung der großen Erzählungen, sondern auf deren Bewahrung im Unsichtbaren, mit dem Potenzial, dass diese, wie in den Riten und Ritualen der Römer, im Unbewussten, unter der Oberfläche, weiterleben. Tatsache ist aber auch, dass die europäische Moderne die Leere entweder nicht aushielt oder sie missverstand, wo sie zum Teil zu einem mechanischen Funktionalismus verkam. Mit der Postmoderne setzte sich dann das Verlangen nach Erzählungen, nach den Bildern, den Farben und Figuren und nach Resemantisierung wieder durch.
Prof. Dr.-Ing. habil., M. S. Jörg H. Gleiter, Mitglied des BDA, war von 2005 bis 2012 Professor für Ästhetik an der Fakultät für Design und Künste an der Freien Universität Bozen. Seit 2012 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Architekturtheorie an der TU Berlin. Jörg H. Gleiter ist Mitglied des Redaktionsbeirats dieser Zeitschrift, Herausgeber der Buchreihe Architektur-Denken im Transcript Verlag und Mitherausgeber der Internetzeitschrift für Theorie der Architektur Wolkenkuckucksheim. Seit vielen Jahren kooperiert er mit verschiedenen Universitäten in Japan und publizierte unter anderem zu japanischen Themenparks und zur zeitgenössischen Architektur. 2003 bis 2005 war er Visiting Professor für Architekturphilosophie an der Waseda Universität in Tokio.
- Numa Denis Fustel de Coulanges: Der antike Staat. Kult, Recht und Institutionen Griechenlands und Roms, Stuttgart: dtv / Klett-Cotta 1988, S. 25. ↩︎
- Ebd., S. 24. ↩︎
- Friedrich Nietzsche, Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, Kritische Studienausgabe Bd. 1, hrsg. v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Berlin: De Gruyter 1999, S. 47. ↩︎
- Tetsuro Yoshida, Der japanische Garten, Tübingen: Wasmuth Verlag 1957, S. 7. ↩︎
- Tetsuro Yoshida, Japanische Architektur, Tübingen: Wasmuth Verlag 1952, S. 12. ↩︎
- Massimo Cacciari, Architecture and Nihilism: On the Philosophy of Modern Architecture, New Haven u. a.: Yale University Press 1993, S. 205. ↩︎
- Ebd., S. 206. ↩︎
- Detlef Mertins, „Mies’ Skyscraper ‚Project‘: Towards the Redemption of Technical Structure“, in: Ders, The Presence of Mies, Princeton: Princeton University Press 1994, S. 66. ↩︎


