Function follows form

Form-Funktion-Dialektik der Archi­tektur

Form follows function lautet das vermut­lich folgen­reichste Dogma der modernen Archi­tektur. Längst dürfte sich herum­ge­spro­chen haben, dass diese Forderung, die Louis Sullivan erhob, außerhalb des Zusam­men­hangs, in dem er sie äußerte, falsch verstanden werden muss. Sie sugge­riert – ähnlich wie Otto Wagners Behaup­tung, etwas Unprak­ti­sches könne nicht schön sein –, dass die Ansprüche der Moderne an die Archi­tektur eher simpel sind und leicht erfüllt werden können. Viel­leicht sogar von denen, die keine künst­le­ri­sche Ader haben. Der infla­tio­näre Gebrauch des funk­tio­na­lis­ti­schen Dogmas tat ein Übriges, so dass Sullivans Motto (basierend auf der Analogie von Kunst und Natur) zu einem unre­flek­tierten Auto­ma­tismus verkam. So, als könne die Ästhetik des Bauens unmit­tel­bares Produkt seines tech­ni­schen und ökono­mi­schen Nutzens sein. Dabei bewiesen Sullivans eigene Werke und die seines Schülers Frank Lloyd Wright zur Genüge, wie sehr Bauge­stalt und Bauschmuck das Resultat konzen­trier­tester künst­le­ri­scher Arbeit sind.

Die anhal­tende Prominenz der Formel form follows function und die Diskurse, die sich daran knüpften, belegen, wie sehr sich das moderne Archi­tek­tur­ver­ständnis daran orientiert(e), obschon es uns mehr als skeptisch stimmen müsste, dass ausge­rechnet der berühm­teste Prot­ago­nist des Neuen Bauens mit seinen Gebäuden und dem berühmten Diktum Archi­tektur sei das kunst­volle, korrekte und groß­ar­tige Spiel der unter dem Licht versam­melten Baukörper (Le Corbusier) trotzig die gegen­tei­lige Behaup­tung aufstellte. Corbusier hätte statt­dessen ebenso gut function follows form sagen können, doch wäre das seiner­zeit einem Sakrileg gleich­ge­kommen.

Die Ableitung der Form aus dem Gebrauch resul­tiert daraus, dass der Nutzen der Form zeitlich vorge­ordnet wird. So logisch das klingen mag, macht diese Abfolge nur Sinn, wenn Archi­tektur nicht mehr als Kunst verstanden wird. Adolf Loos war an dieser Entwick­lung unschuldig. Er bilan­zierte nur, dass das Bauen in der Moderne zu einem Geschäft wird, auf das die Archi­tekten mit einer Ökono­mi­sie­rung der Ästhetik bezie­hungs­weise der Abschaf­fung des Ornaments reagieren sollten.

Es sieht leider nicht so aus, als könne sich an diesem Sach­ver­halt über kurz oder lang etwas ändern. Darum bleibt ja im Kapi­ta­lismus die Arbeit an der Form das best­ge­hü­tete Geheimnis der Archi­tektur. Sie muss ihren Kunst­an­spruch verleugnen, um nicht nur dem Anschein nach zu überleben, wenn Weltstars und Großbüros die Alibi­funk­tion der Baukunst einlösen und sich dafür hergeben, die mons­trösen Feigen­blätter zu entwerfen, unter denen sich die Profit­gier der Mächtigen dieser Welt, die nicht mehr die unsrige ist, mehr schlecht als recht verbergen lässt.

Prof. Dr. Gerd de Bruyn (*1954) studierte Literatur- und Musik­wis­sen­schaft, wurde in Sozio­logie promo­viert und war Gast­stu­dent in der Archi­tek­tur­klasse der Frank­furter Städel­schule. Seit 2001 ist er Professor für Archi­tek­tur­theorie und Leiter des Instituts Grund­lagen moderner Archi­tektur und Entwerfen (IGMA) der Univer­sität Stuttgart. Gerd de Bruyn war von 2000 bis 2015 Mitglied im Redak­ti­ons­beirat dieser Zeit­schrift. Er lebt und arbeitet in Tübingen und Stuttgart.

Foto: David Kasparek