Gesamt­eu­ro­päi­sches Erinnern

Buch der Woche: Das Massiv der Namen

In diesen Tagen jährt sich jenes Treffen zum 78. Mal, bei dem 15 hoch­ran­gige Reprä­sen­tanten von SS-Behörden und natio­nal­so­zia­lis­ti­scher deutscher Reichs­re­gie­rung die Depor­ta­tion der gesamten jüdischen Bevölkerung Europas zur Vernich­tung in den Osten beschlossen. Diese Zusam­men­kunft ging nach dem Zweiten Weltkrieg als Wann­see­kon­fe­renz in die Geschichte ein: als jener kalt­blü­tige Auswuchs, den Hannah Arendt 1961 in Bezug auf den ehema­ligen SS-Ober­sturm­bann­führer und Proto­kol­lanten des Treffens am Wannsee, Adolf Eichmann, als „Banalität des Bösen“ umschrieb.

Arendt hob mit dieser damals kontro­vers disku­tierten Formu­lie­rung auf die „allge­mein­gül­tige“, die „Selbst­ver­ständ­lich­keit“ der plane­ri­schen Taten und ihrer Konse­quenzen ab, „vor der das Wort versagt und an der das Denken scheitert.“  Ab April 1942 wurden die Todes­lager nach und nach „in Betrieb“ genommen: Auschwitz-Birkenau, Belzec, Sobibor, Treblinka, Majdanek, Bronnaja Gora, Maly Trostinec.

Massiv der Namen, Süd, Foto: Konstantin Kostyu­chenko

Letzt­ge­nanntem widmet sich ein Buch, das die Entste­hung eines Denkmals vor Ort in Belarus doku­men­tiert und kommen­tiert: „Das Massiv der Namen. Ein Denkmal für die öster­rei­chi­schen Opfer der Shoa in Maly Trostinec“. Je nach Schätzung kamen in Maly Trostinec südöstlich von Minsk durch deutsche Planung zwischen 40.000 und 60.000 Menschen um. Sie wurden größ­ten­teils erschossen, um die Effek­ti­vität zu steigern, wurden später auch Gaswagen einge­setzt. Die Leichen wurden verbrannt, was die Spuren der Massen­ver­bre­chen durch deutsche Täter verwi­schen sollte, wie Jens Hoffmann in seinem 2013 publi­zierten Beitrag „Aktion 1005“ darlegt. Neun der insgesamt 16 Depor­ta­ti­ons­züge, die in Maly Trostinec ankamen, waren in Wien gestartet, fünf in Terezín, dem damaligen There­si­en­stadt, einer in Köln und ein weiterer kam über Berlin aus Kali­nin­grad, dem damaligen Königs­berg. Ein weiterer Todeszug aus Wien gelangte nach Bronnaja Gora.

Massiv der Namen, Werkstatt, Foto: Konstantin Kostyu­chenko

Penibel wurden die Depor­ta­tionen deutscher und öster­rei­chi­scher Jüdinnen und Juden doku­men­tiert. Die Daten liegen bis heute vor und dienen der Forschung als Basis zur Aufar­bei­tung der Verbre­chen. Anders stellt es sich in Bezug auf die Opfer der jüdischen Bevöl­ke­rung auf bela­ru­si­schem Boden dar. Obschon aufgrund des fehlenden Daten­stocks nur Schät­zungen vorge­nommen werden können, ist sich die Forschung doch einig darin, „dass in Weiß­russ­land im Zweiten Weltkrieg mehr als ein Viertel der Bevöl­ke­rung sowie darüber hinaus fast die gesamte jüdische Einwoh­ner­schaft von der deutschen Wehrmacht und der SS ermordet wurde“, wie die Heraus­ge­berin des Buchs, Pia Schölnberger, in ihrem Beitrag schreibt. Das voll­stän­dige Ausmaß der Verbre­chen in Weiß­russ­land wird bis heute durch immer noch nicht abge­schlos­sene Forschung sichtbar. Noch im Herbst 2017 fanden sich auf dem Gelände der Gedenk­stätte Trostinec tausende Brillen, Zahn­bürsten und private Gegen­stände wie Geschirr, mit immer noch deutlich lesbaren Wiener Firmen­be­zeich­nungen – und unzählige Patro­nen­hülsen.

Stali­nismus und Sowjet­kom­mu­nismus haben die histo­ri­sche Aufar­bei­tung zwischen Ost und West stark ins Ungleich­ge­wicht gebracht: Das Narrativ des Parti­sa­nen­wi­der­stands erschwerte, so Schölnberger, eine objektive Befassung mit dem Thema, da weder die etwaige Koope­ra­tion sowje­ti­scher Bürge­rinnen und Bürger, noch im spezi­ellen das Jüdisch-sein eines Großteils der Opfer mit der gängigen Lesart überein zubringen war: „Erst 2008, bei der Eröffnung der Gedenk­stätte Jama im ehema­ligen jüdischen Ghetto in Minsk (…), wurde explizit auf die jüdischen Opfer hinge­wiesen.“ Allein die Verortung von Maly Trostinec war auch in offi­zi­ellen Publi­ka­tionen bis in die späten 1960er immer wieder fehler­haft: so wurde Maly Trostinec als Ort in Polen geführt.

Daniel Sanwald, Massiv der Namen, Entwurfs­skizze

Es ist Waltraut Barton und dem von ihr ins Leben gerufenen Verein IM-MER und dem gemein­samen Ringen zu verdanken, dass sich das inzwi­schen geändert hat. Seit 2010 orga­ni­siert Barton Reisen nach Belarus, erinnert gemeinsam mit Hinter­blie­benen an die Toten vor Ort. Auf ihre Initia­tive hin gab es 2013 einen ersten Ideen­wett­be­werb, aus dem ein Entwurf von Katharina Struber und Klaus Gruber als Sieger hervor­ging. 2015 wies der Verein im Rahmen einer parla­men­ta­ri­schen Eingabe erneut daraufhin, dass die Opfer bis dato immer noch keinen Grabstein hatten. 2016 entschied sich der Außen­po­li­ti­sche Ausschuss Öster­reichs, ein würdiges Denkmal zu finan­zieren. Im Minsker Rathaus fiel im Januar 2018 die Entschei­dung, der öster­rei­chi­schen Republik einen „Gedenk­stein“ zuzu­ge­stehen – aller­dings unter der Auflage, auf die Nennung der kompletten Namen der Opfer zu verzichten. Die Begrün­dung für diese Einschrän­kung findet sich in der bila­te­ralen Diplo­matie und in der Tatsache, dass die bela­ru­si­schen Behörden ihrer­seits – anders als die öster­rei­chi­schen – keine voll­stän­dige Klarheit über die Namen der Opfer haben. Ein solcher „Gedenk­stein“ aber machte eine Neukon­zep­tion des Denkmals unum­gäng­lich.

Massiv der Namen, Werkstatt, Foto: Konstantin Kostyu­chenko

Ein neuer Wett­be­werb war die Folge, aus dem der Wiener Architekt Daniel Sanwald als Sieger hervor­ging. Das von ihm entwor­fene „Massiv der Namen“ wurde schließ­lich 2019 feierlich eröffnet. Auf dem Gelände des ehema­ligen Lagers und heutigen Gedenk­orts stellt sich dieses Massiv den Besuchern in den Weg, fängt die Blicke ebenso, wie es ein Vorbei­gehen dadurch verhin­dert, dass es in seinen mächtigen Abmes­sungen mitten auf dem Weg steht. Sanwald bricht diese Gesamt­masse in zehn gleich große Beton­stelen auf – jede steht für einen der Trans­porte mit denen jeweils rund tausend Menschen von Wien aus nach Belarus depor­tiert wurden. 10.000 Frauen, Männer und Kinder, allein aus Öster­reich. Gemeinsam stehen die Stelen auf einem abge­zir­kelten Geviert, das die Besu­che­rinnen und Besucher zum Teil einer Gemein­schaft werden lässt. In die Stelen ist ein Band geschlagen, dass das Innere des Massivs freilegt: die Vornamen der Opfer. Die Stelen, so Daniel Sanwald, seien „zum einen gefüllt mit Namen, die frag­men­ta­risch ablesbar sind. Zum anderen zeigen die unre­gel­mä­ßigen Vertie­fungen, welche unvor­her­seh­bare Lücken entstehen, wenn Menschen aus unserer Mitte gerissen werden.“

Massiv der Namen, Werkstatt, Foto: Konstantin Kostyu­chenko

Das aufwendig gear­bei­tete Buch greift den Entwurf in seiner Gestal­tung unter anderem mit einem reli­ef­ge­prägten Umschlag auf und vereint die Historie mit der des Ortes. Dazu kommen verschie­dene Texte, die von öster­rei­chi­scher wie bela­ru­si­scher Seite aus das Geschehen und die histo­ri­sche Aufar­bei­tung beleuchten. Minutiös etwa hat Winfried R. Gescha vom Doku­men­ta­ti­ons­ar­chiv des öster­rei­chi­schen Wider­stands den Ort und seine Gräuel aufge­ar­beitet. Auf seine Forschung geht maßgeb­lich zurück, dass Namen der Opfer in der Arbeit von Daniel Sanwald überhaupt auftau­chen können und histo­ri­schen Bedin­gungen entspre­chen. Michaela Raggam-Blesch legt die Depor­ta­tionen aus jüdischen Kinder­heimen nach MalyTrostinec anhand konkreter Einzel­schick­sale dar, Georg Hoffmann und René Bienert betrachten die „Täter­schaft und Nach­kriegs­justiz im ‚öster­rei­chi­schen‘ Kontext“ – wie in Deutsch­land teils skandalös, da Mörder ihre Lebens­läufe glätten und Karriere in der Nach­kriegs­ge­sell­schaft machen konnten. Aloisia Wörgetter schließ­lich weist auf die Bedeutung der Erin­ne­rungs­ar­beit für die bila­te­ralen Bezie­hungen zwischen Öster­reich und Belarus hin. Berührend liest sich auch der Text von Edna Magder, die von der Suche nach dem Schicksal ihrer Groß­mutter und der Konfron­ta­tion mit der Wirk­lich­keit – ihrer Ermordung in Maly Trostinec – berichtet.

Das Buch zeichnet so nicht nur die bewegte wie bewegende Geschichte eines Ortes nach oder doku­men­tiert die Genese eines Denkmals, es ist vielmehr ein wichtiger Baustein gegen das Vergessen der Opfer der Shoa. So schreibt der öster­rei­chi­sche Bundes­prä­si­dent Alexander Van der Bellen in seinem Beitrag: „Niemals vergessen! Nie mehr wieder. Dieses Buch soll ein weiteres Zeichen gegen das namenlose Vergessen sein.“

David Kasparek

Pia Schölnberger (Hrsg.) Das Massiv der Namen. Ein Denkmal für die öster­rei­chi­schen Opfer der Shoa in Maly Trostinec, 168 S., zahlr. Abb., Softcover mit Prägerelief, 20,- Euro, Czernin Verlag, Wien 2019, ISBN 978–3‑7076–0686‑7

Massiv der Namen, Süd, Foto: Konstantin Kostyu­chenko
Massiv der Namen, Werkstatt, Foto: Konstantin Kostyu­chenko
Daniel Sanwald, Massiv der Namen, Entwurfs­skizze
Massiv der Namen, Werkstatt, Foto: Konstantin Kostyu­chenko
Massiv der Namen, Werkstatt, Foto: Konstantin Kostyu­chenko