Gewohntes Expe­ri­ment

Ein Gespräch über Möglich­keiten und Grenzen des Selbst­ver­suchs

Seit einigen Jahren beschreitet die Bauge­nos­sen­schaft Koope­ra­tive Großstadt in München neue Wege im Wohnungsbau – von inno­va­tiven Planungs­pro­zessen bis hin zu unkon­ven­tio­nellen Grund­rissen. Mit ihrem ersten reali­sierten Projekt San Riemo, entworfen von Summa­cum­femmer und Büro Juliane Greb, setzen sie Maßstäbe: Gemein­nüt­zige und gemein­schaft­liche Nutzungen sind hier ebenso zentral wie flexible Wohnungs­grund­risse, die Wachstum und Schrump­fung ermög­li­chen. Im Gespräch mit Die Architekt-Chef­re­dak­teurin Elina Potratz sprechen Koope­ra­tive-Großstadt-Mitbe­gründer Florian Fischer sowie Anne Femmer und Florian Summa von Summa­cum­femmer über neue Formen des Wohnens – die sie nicht nur entwerfen, sondern auch selbst erproben.

Elina Potratz: Gewohn­heiten kosten zunächst Anstren­gung und Über­win­dung, werden durch Wieder­ho­lung jedoch zu einer Selbst­ver­ständ­lich­keit. Besteht auch im Wohnen die Möglich­keit, dass sich völlig neue Selbst­ver­ständ­lich­keiten heraus­bilden? In Ihren Projekten probieren Sie vieles aus – unter anderem eine Trocken­toi­lette in Ihrem eigenen Wohnhaus in Leipzig. Steckt darin auch die Hoffnung, etwas verändern zu können?

Anne Femmer: Betrifft es das eigene Wohnen, geht es mir zunächst nicht darum, andere bewusst zu beein­flussen. Zuerst haben wir Dinge für uns selbst auspro­biert, etwa bei der Reparatur dieses Hauses. Aber durch die Art, wie wir es gestaltet und genutzt haben, sind natürlich auch neue Gewohn­heiten entstanden. Der Platz­mangel, die Baustel­len­si­tua­tion oder die Frage, wie man gleich­zeitig am Haus arbeiten und darin wohnen kann, haben das Zusam­men­leben beein­flusst. Neue Praktiken sind dadurch entstanden, zum Beispiel das Teilen von Räumen oder die Notwen­dig­keit, Rücksicht auf andere zu nehmen.

Können Sie das etwas genauer beschreiben?

AF: Ange­fangen hat es damit, dass wir in einem ruinösen Grün­der­zeitbau zunächst zwei Räume rudi­mentär bewohnbar gemacht haben. Mit der Zeit kamen ein Kind und eine Au-Pair-Person hinzu. Das Haus war komplett offen, es gab keine Türen, die Badewanne stand mitten in der gemein­schaft­lich genutzten Küche – wo sie auch immer noch steht. Routinen und Gewohn­heiten mussten sich darum herum entwi­ckeln. Zum Beispiel haben wir die Badewanne nur nachts genutzt, wenn niemand anderes wach war. So lernte man nicht nur die eigenen, sondern auch die Rhythmen der Mitbe­woh­nenden kennen und stellte sich darauf ein. Später wuchs das Haus weiter: Freunde mieteten Zimmer, weitere Kinder kamen hinzu. Mit dem Wachsen blieben jedoch die Engpässe – etwa, dass es nur eine Koch­ge­le­gen­heit gibt. Wir arran­gieren uns bis heute um diese Nadelöhre herum.

Florian Summa: Die Frage ist jedoch eigent­lich, ob dieses Haus überhaupt als archi­tek­to­ni­sches Projekt bezeichnet werden kann. Es ist fast das Gegenteil dessen, was wir für die Koope­ra­tive Großstadt beim Projekt San Riemo gemacht haben. Dort haben wir im klas­si­schen Sinn als Archi­tek­tinnen und Archi­tekten gear­beitet und entworfen. Hier hingegen gibt es keinen Master­plan. Zudem befinden wir uns in einer Mehr­fach­rolle: als Bewoh­nende, Entwer­fende und Bauende zugleich. Das unter­scheidet sich stark von San Riemo, wo wir in einem Wett­be­werb ein Projekt vorge­schlagen und gemeinsam mit anderen Menschen mögliche Gewohn­heits­än­de­rungen auf dem Papier entwi­ckelt haben.

Florian Fischer, Sie haben das Projekt San Riemo als Teil der Bauge­nos­sen­schaft mitin­iti­iert und sich als Bewohner weiter beteiligt – könnte so ein expe­ri­men­telles Projekt überhaupt funk­tio­nieren, wenn Sie nicht zugleich darin leben würden?

Florian Fischer: Das ist eine zentrale Frage. Muss man bei bestimmten Inno­va­tionen und Verän­de­rungen selbst mit hinein­gehen und Dinge „am eigenen Leib“ auspro­bieren? Für uns zeigt sich bisher, dass es sinnvoll ist, selbst Teil des Prozesses zu sein. Neue Formen des Wohnens lassen sich nicht einfach von außen über eine Gruppe stülpen. Der andere Fall wäre, dass aus einer Gruppe heraus selbst ein Bedürfnis entsteht, bereits begonnene Verän­de­rungen archi­tek­to­nisch zu gestalten oder zu verdichten. Dann sind die Initi­ie­renden ohnehin Teil dieser Verän­de­rung. Ganz entkommen kann man dieser Doppel­rolle wohl nicht.

Summa­cum­femmer, Dieskau­straße, Leipzig 2024: Küche mit Badewanne – ein Über­bleibsel der ersten Bauphase, Foto: Summa­cum­femmer

Also dieje­nigen, die Ände­rungen im Wohnen anstoßen, sollten auch dieje­nigen sein, die mit diesen Ände­rungen leben?

FF: Ja, genau. Reine Wissen­schaft ist im Bereich des Wohnens kaum möglich. Wohnen ist eben kein Medi­ka­ment, das in mehreren Test­phasen entwi­ckelt wird, ohne dass die Forschenden es selbst einnehmen müssten. Im Kontext der Archi­tektur gibt es viele Rahmen­be­din­gungen, viele Projekt­kon­stel­la­tionen, die nicht darauf ausgelegt sind, Neues offen und opti­mis­tisch zuzu­lassen. Deshalb arbeitet man anfangs oft mit Krücken, mit Hilfs­mit­teln und Dingen, die rechtlich viel­leicht noch gar nicht erlaubt sind. Das ist der schwie­rige Punkt: Wenn man weiß, dass etwas in einer klas­si­schen Projekt­kon­stel­la­tion noch nicht legal oder förder­fähig ist, kann es sinnvoll sein, selbst Teil des Expe­ri­ments zu werden – um Verant­wor­tung zu über­nehmen und das Ganze abzu­si­chern. Unter anderen Voraus­set­zungen wäre es viel­leicht gar nicht so wichtig.

Welche Gewohn­heiten wurden im Projekt San Riemo denn konkret infrage gestellt?

FS: Im Kern ging es um die Auflösung der klas­si­schen Wohnungs­grenze. Das war der eigent­liche Bruch mit der Gewohn­heit. Für die Fach­pla­ne­rinnen und Fach­planer – etwa den Brand­schutz – war das eine enorme Heraus­for­de­rung: Wo endet eine Nutzungs­ein­heit? Ähnlich in der Haus­technik: Wie geht man vor, wenn ein Raum heute der einen Partei gehört und morgen einer anderen? Wie wird das abge­rechnet? All das führte zu vielen Diskus­sionen. Aber seitens der Bauherr­schaft war es klar im Programm als Expe­ri­ment angelegt.

FF: Als Initia­to­rinnen und Initia­toren der Genos­sen­schaft waren wir anfangs eher vorsichtig: Wie viel Expe­ri­ment lässt sich künftigen Bewoh­nenden zumuten? Wir als kleine Grün­dungs­gruppe hatten zunächst gar nicht vor, selbst einzu­ziehen. Klar war: Wir brauchten hundert Menschen, die gemeinsam mit uns das Haus bauen – denn wir hatten kein Kapital. Diese Menschen mussten also als Mitstrei­tende für das Projekt gewonnen werden. Deshalb musste das Haus viel­fäl­tige Angebote machen: klas­si­sche Wohnungen ebenso wie expe­ri­men­tel­lere Wohn­formen. Letztere haben wir damals unter dem Begriff „Nukle­us­wohnen“ in den Wett­be­werb einge­bracht. Es zeigte sich dann: Nur etwa ein Viertel der Gemein­schaft hat den expe­ri­men­tellen Weg tatsäch­lich mitge­tragen.

„Die Sendung mit der Maus“ vom 12.10.2025, Sach­ge­schichte „Flexibles Wohnen“, Modell einer Etage des Genos­sen­schafts­pro­jekts San Riemo, München (ARGE Summa­cum­femmer / Büro Juliane Greb): Die weißen Räume können verschie­denen Wohn­ein­heiten flexibel zuge­schaltet werden. Abb.: Screen­shot von der Sendung mit der Maus, WDR (Flash Film­pro­duk­tion)

Wie ist es bei den neueren Projekten?

FF: Inter­es­sant ist, dass sich beim aktuellen Projekt in München-Freimann – „Freimundo“ – die Idee der aufge­lösten Wohnungs­grenzen voll­ständig durch­ge­setzt hat. Flexi­bi­lität ist dort zentraler Bestand­teil des Programms, ohne dass jemand aus der Grün­der­gruppe einzieht. Das zeigt, wie sich Erfah­rungen verbrei­tern lassen. Die große Frage bleibt für mich: Auf welche Gewohn­heiten schauen wir, wenn wir über Wohnen sprechen? Oft landen wir bei tech­ni­schen Themen wie Bad, Küche oder Lärm. Aber sind das wirklich Gewohn­heiten? Oder geht es eher um Routinen, Rituale, Praktiken? Viel­leicht ist „Gewohn­heit“ gar nicht der passendste Begriff – auch wenn er sprach­lich eng mit „Wohnen“ verwandt ist.

AF: Wenn man es negativ formu­liert, könnte man sagen: Jede Typologie lässt sich ohnehin von den Bewoh­nenden selbst aneignen. Sie entscheiden, wie ein Raum genutzt wird – unab­hängig davon, was vorge­sehen war. Man kann in einer kleinen Wohnung Räume doppelt belegen, man kann Türen aushängen oder Zimmer in Flure einbauen. Es gibt viele Geschichten solcher Umnut­zungen. Insofern könnte man pessi­mis­tisch behaupten: Archi­tektur hat wenig Einfluss. Am Ende entscheiden viel­leicht eher poli­ti­sche Faktoren – wem gehört der Raum, wie viele Frei­heiten gibt es, kann man Wände heraus­nehmen, darf man sich entfalten?

FS: Wir hatten beim Wett­be­werb das Gefühl: Am Ende wird ohnehin erst die Praxis zeigen, wie viele Menschen tatsäch­lich expe­ri­men­tell wohnen möchten. Das Haus sollte also in erster Linie den Rahmen schaffen, um unter­schied­liche Möglich­keiten zuzu­lassen. Aber welche Möglich­keit dann tatsäch­lich gewählt wird, lässt sich nicht typo­lo­gisch im Entwurf fest­schreiben. Deshalb haben wir auf eine offene Struktur gesetzt. Und wenn man darüber nachdenkt, landet man schnell bei Begriffen wie Univer­sa­lismus, Flexi­bi­lität oder Neutra­lität. Das sind jedoch wieder sehr tech­ni­sche Kate­go­rien.

FF: Wir haben uns im Wohnungsbau sehr daran gewöhnt, dass die Wohnung alles enthält. Es greift zum Beispiel tief in meine Routinen ein, wenn ich für die tägliche Versor­gung – zum Beispiel im Bad – die Wohnung verlassen muss. Wir haben das immer wieder mit Studie­renden auspro­biert: Wenn sie simu­lieren sollten, dass das Bad außerhalb der Wohnung liegt, gingen sie jedes Mal ins Trep­pen­haus, bevor sie das Bad betraten. Dadurch entstand eine neue Routine: Wer ins Bad geht, nimmt den Wohnungs­schlüssel und zieht sich an.

„Die Sendung mit der Maus“ vom 12.10.2025, Sach­ge­schichte „Flexibles Wohnen“, Modell einer Etage des Genos­sen­schafts­pro­jekts San Riemo, München (ARGE Summa­cum­femmer / Büro Juliane Greb), Abb.: Screen­shot von der Sendung mit der Maus, WDR (Flash Film­pro­duk­tion)

Geht es bei Gewohn­heiten nicht oft auch um Komfort? Und gerade von einem bestimmten Komfort­ni­veau möchte man sich selten wegbe­wegen – ein Bad in der eigenen Wohnung ist schließ­lich bequemer.

FF: Ich würde zwischen Komfort und Bequem­lich­keit unter­scheiden. Komfort bedeutet eine gute Ausstat­tung für eine bestimmte Tätigkeit: Eine Dusche ist komfor­ta­bler als ein kleines Wasch­be­cken, egal wo sie steht. Ob die Dusche aber in der Wohnung liegt oder außerhalb, betrifft eher die Bequem­lich­keit. Und gerade im kollek­tiven Wohnen kann der Komfort an manchen Stellen viel höher sein: Eine gemeinsam genutzte Sauna, eine Dach­ter­rasse oder ein Badehaus – das sind Ausstat­tungen, die sich Einzelne oft nicht leisten könnten.

Sauna leuchtet mir ein. Aber bei der Dusche oder Toilette sehe ich das nicht so…

FS: Das berührt auch Konven­tionen: Wem gegenüber empfinde ich Scham? In unserem Haus sind Badewanne und Küche kombi­niert. Anfangs unvor­stellbar, heute gehe ich in die Badewanne, während unser Mitbe­wohner in der Küche ist. Für mich fühlt sich das an wie eine erwei­terte Familie. Solche Selbst­ver­suche zeigen, wie schwer es ist, gemein­sames Wohnen zu planen, wenn man es nicht selbst erlebt. Simu­la­tionen an der Uni helfen – sind aber begrenzt.

Aber noch ein anderer Aspekt: Wir sprechen in dieser Runde ja nicht mehr nur aus der klas­si­schen Archi­tek­ten­rolle heraus. Wir arbeiten gleich­zeitig an anderen Hebeln – etwa in Genos­sen­schaften. Doch was unsere Profes­sion momentan stark erschüt­tert, ist, dass ein Grundriss allein nicht reicht, um Gewohn­heiten zu verändern. Man kann den besten gemein­schaft­li­chen Grundriss zeichnen – einem profit­ori­en­tierten Investor gefällt der nutzungs­neu­trale Entwurf ebenfalls. Er könnte dieselbe Struktur nutzen, um möglichst viele kleine oder wenige größere Wohnungen, je nach Markt, zu schaffen. Der Entwurf trägt keine Wahrheit in sich; seine Bedeutung hängt von Besitz- und Eigen­tums­ver­hält­nissen ab.

Das lässt sich auch auf die lang­fris­tige Perspek­tive über­tragen: Was passiert in den nächsten Wohn­ge­ne­ra­tionen? Wenn irgend­wann jemand Neues einzieht, könnte alles wieder zurück­ge­baut werden. Das sieht man auch in manchen expe­ri­men­tellen Sied­lungen der 1920er-Jahre. Es gibt also eine gewisse Trägheit, die dazu führt, dass Dinge rück­gängig gemacht werden, auch wenn sie zunächst Akzeptanz erfahren haben.

FF: Unsere Kinder träumen ehrlich gesagt vom Einfa­mi­li­en­haus (lacht). Der Grundriss selbst ist moralisch inde­ter­mi­niert, die eigent­liche Ausein­an­der­set­zung muss auf der Ebene von Eigentum, Besitz und Zugangs­rechten statt­finden.

„Die Sendung mit der Maus“ vom 12.10.2025, Sach­ge­schichte „Flexibles Wohnen“, flexibles Paneel zur Schlie­ßung von Türöff­nungen, Abb.: Screen­shot von der Sendung mit der Maus, WDR (Flash Film­pro­duk­tion)

Es gibt archi­tek­tur­psy­cho­lo­gi­sche Unter­su­chungen zum sozialen Wohnungsbau, die gezeigt haben, dass den Bewoh­nenden dort Intimität, Privat­heit, Rückzug wichtig ist und sie oft ganz explizit nichts teilen wollen. Das wider­spricht womöglich den Idealen, die Sie formu­lieren.

AF: Das liegt viel­leicht daran, dass den Menschen an anderer Stelle Frei­heiten fehlen. Für uns ist gemein­sames Wohnen kein Nachteil, im Gegenteil. Aber wenn der Rückzug anderswo nicht möglich ist, wird er in den eigenen vier Wänden umso wichtiger.

FS: Man darf nicht vergessen: Wider­stand gegen Gewohn­heiten muss man sich leisten können. Wer ökono­misch stabil ist, kann mit kollek­tiven Wohn­formen expe­ri­men­tieren. Wenn das nicht der Fall ist, sind Privat­heit und Rückzug womöglich unver­rück­bare Säulen.

Die Frage ist also: Können wir es bei solchen Projekten wie den Euren schaffen, dass eine kleine Gruppe – die sich Verän­de­rungen leisten kann – den Anfang macht, um andere mitzu­ziehen, damit sie auch von den Vorteilen profi­tieren können? Müsste es so sein? Auch Genos­sen­schaften sind oft exklusiv, allein schon das Wissen um die Existenz einer Genos­sen­schaft ist eine Eintritts­hürde. Von den finan­zi­ellen Einlagen ganz zu schweigen.

FF: Ja, das ist zentral: Wie können Menschen von Quali­täten profi­tieren, die sonst in dem Preis­seg­ment, in dem sie unterwegs sind, gar nicht enthalten sind? Aber: Die Erfah­rungen aus Genos­sen­schaften lassen sich nicht einfach auf den sozialen Wohnungsbau über­tragen. Man braucht Prozesse, in denen die Bewoh­nenden selbst Perspek­tiven einbringen können. Nur so können Verän­de­rungen gemeinsam entwi­ckelt werden.

Wir arbeiten gerade mit Studie­renden an einem Entwurf für eine Notun­ter­kunft – dort sind Wohnungs­lose intensiv einge­bunden. Und man merkt, wie klar und präzise selbst prekär lebende Menschen ihre Bedürf­nisse formu­lieren können. Solche Stimmen fehlen im geför­derten Wohnungsbau bisher völlig. Gäbe es dafür Formate, könnten Themen entstehen, die wir in unserer Blase oft übersehen.

AF: Am Ende geht es also immer um Betei­li­gung. Ob das in einer Genos­sen­schaft orga­ni­siert ist oder über andere Modelle – auch Eigentum könnte Parti­zi­pa­tion ermög­li­chen. In vielen Ländern ist Eigen­tums­för­de­rung viel verbrei­teter. Wenn Eigentum gleich­mä­ßiger verteilt wäre, könnte es ebenfalls Verant­wor­tungs­über­nahme bedeuten.

FF: Für mich ist die Genos­sen­schaft eine Art Über­gangs­tech­no­logie – auch sie basiert auf Eigentum. Aber immerhin gibt es höhere Hürden, etwa dass niemand daran direkt verdient. Dennoch: Wohnen müsste eigent­lich ganz raus aus den Markt­me­cha­nismen, aus der Speku­la­tion. Es sollte wieder ein beru­higtes Feld werden. Man stelle sich vor, Wohnen wäre eine soziale öffent­liche Infra­struktur – wie es derzeit auch von einigen Forschenden gefordert wird. Ich wüsste dann: Ich kann Wohnraum je nach Bedarf abgeben oder dazu­ge­winnen, ohne Angst, ihn für immer zu verlieren. Wir könnten leichter umziehen, Wohnraum tauschen, flexibler mit Fläche umgehen.

FS: Wenn man etwa auf die Schweiz schaut, gibt es dort womöglich mehr von dieser Sicher­heit. Aller­dings ist das schwer mit Deutsch­land vergleichbar. In Deutsch­land haben Menschen zweimal alles auf einen Schlag verloren. Gerade im Osten nach der Wende ist alles infrage gestellt worden. Dieses Miss­trauen sitzt tief. Man müsste also auch am Vertrauen in poli­ti­sche Stabi­lität arbeiten, um das auf die Wohn­raum­frage zu über­tragen.

AF: Ich glaube nicht, dass privates Eigentum das eigent­liche Problem ist. Man könnte auch durch Regu­lie­rung eingreifen und Markt­zu­gänge einschränken, zum Beispiel für Firmen: keine Speku­la­tion an der Börse, Sitz und Steu­er­pflicht im Land, und nur dann dürfen mehrere Wohnungen besessen oder vermietet werden. Das wäre EU-rechtlich möglich und würde Speku­la­tion begrenzen, ohne Private zu treffen. Um noch einmal auf Gewohn­heiten zurück­zu­kommen: Es gibt auch Markt­ge­wohn­heiten, die bestimmte Entwick­lungen blockieren. Wenn ich zum Beispiel ein Projekt in Erbpacht entwi­ckeln möchte, bekomme ich viel schwerer Kredite. Das sind Markt­ge­wohn­heiten, die bestimmte Entwick­lungen blockieren.

FF: Genau. Das Grund­pro­blem beim Thema Gewohn­heiten im Wohnungsbau ist, dass Verän­de­rungen sehr eng mit Sicher­heit und Spiel­räumen verknüpft sind. In anderen Bereichen, sagen wir bei einem Smart­phone, setzt sich eine Neuerung durch, weil sie sich am Markt behauptet. Im Wohnen funk­tio­niert das nicht so. Wir können nicht einfach beliebig Neues bauen und schauen, was sich durch­setzt. Ange­sichts von Nach­hal­tig­keit und Klima­neu­tra­lität müssen wir vielmehr mit dem Vorhan­denen umgehen – Flächen neu nutzen, gemein­schaft­lich bewohnen.

Das greift tief ein, weil es nicht nur Gewohn­heiten, sondern den Zugang zur Fläche verändert. Für manche bedeutet das: mehr Fläche. Für andere: weniger. Wenn es dafür keinen sicheren Rahmen gibt, bleiben Expe­ri­mente bloß anek­do­tisch. Aber Gewohn­heit ist kein Spiel – sie ist die Grundlage dafür, dass viele Menschen gut leben können. Genau deshalb steht sie Verän­de­rungen oft im Weg.

Summa­cum­femmer, Dieskau­straße, Leipzig 2024: Trocken­toi­let­ten­system: Urin wird abge­leitet, Fest­stoffe in einem Fass gesammelt und später kompos­tiert. Zum Hände­wa­schen wird Regen­wasser verwendet. Das mit Seife verun­rei­nigte Wasser wird über ein kleines Grau­was­ser­system gefiltert und anschlie­ßend in eine Versi­cke­rungs­an­lage geleitet, Foto: Summa­cum­femmer

Viel­leicht kommen wir noch einmal zu einem konkreten Beispiel. Wie ist es bei der Trocken­toi­lette, die Sie nicht nur im Deutschen Pavillon bei der Archi­tek­tur­bi­en­nale in Venedig, sondern auch im eigenen Wohnhaus instal­liert haben?

FS: Das Haupt­pro­blem bei der Trocken­toi­lette ist, dass es keine Infra­struktur dafür gibt. Denn wir sind alle gewohnt, Abwasser wegzu­spülen und dem Klärwerk zu über­lassen. Aber in der Benutzung unter­scheidet sich eine Trocken­toi­lette kaum von einer herkömm­li­chen. Die Hürde liegt im System, denn die Entsor­gung der Fäkalien selbst müsste im größeren Maßstab natürlich von Unter­nehmen über­nommen werden. Würde man die Entsor­gung als öffent­liche Aufgabe orga­ni­sieren, ähnlich wie die Müll­ab­fuhr, dann wären wir schon sehr nah dran.

Manche belächeln dieses Trocken­toi­letten-Expe­ri­ment. Aber allein in unserem Haushalt spart diese kleine Inter­ven­tion 30.000 Liter Wasser im Jahr. Die sanitäre Wende ist aber nicht nur aufgrund des Wassers zentral, hier geht es auch um geschlos­sene Kreis­läufe, um Düngung, um den Verzicht auf impor­tierte mine­ra­li­sche Ressourcen.

Aber ist schon die einzelne Trocken­toi­lette im Flur ein rele­vanter Beitrag?

FS: Ich sehe es sehr praktisch: Wir haben in Venedig das erste Modell für Geschoss­woh­nungen getestet, jetzt probieren wir ein weiteres, und eigent­lich möchte ich in meinen nächsten Projekten nur noch Trocken­toi­letten einbauen. Aber ich brauche eigene Erfah­rungen, um über­zeu­gend zu sein.

FF: Bei Themen wie der Toilette beginnt es im Kleinen, und da geht es dann um Skalie­rung. Aber da, wo es ums Zusam­men­leben geht, beispiels­weise um das Teilen von Flächen oder unge­wöhn­liche Lösungen, ist es anders. Solche Erfah­rungen lassen sich nicht einfach in größere Struk­turen einspeisen. Sie müssen trans­for­mativ miterlebt werden. Das geht nicht als Anekdote aus dem eigenen Projekt. Diese Dinge müssen direkt im Kontext von Wohnungs­bau­pro­jekten und mit den betrof­fenen Gruppen entwi­ckelt werden.

AF: Aber Anekdoten wirken doch trotzdem: Leute schauen sich die Projekte an, infor­mieren sich darüber. Sie schaffen enorme Präze­denz­fälle.

FF: Ja, aber wenn die Bedingung ist, dass man sich im eigenen Haus solche Erfah­rungen leisten muss, sind die gesell­schaft­li­chen Stell­schrauben falsch gestellt. Diese Räume zum Expe­ri­men­tieren müssen woanders entstehen – nicht im Privat­ei­gentum. Solange wir nichts Besseres haben, funk­tio­niert es zwar so, aber das darf nicht der einzige Zugang zu Erfah­rungen sein. Trotzdem sind die Erkennt­nisse, die so entstehen, natürlich nicht irrele­vant.

Wie kann man sich das konkret vorstellen?

FF: Meine Vorstel­lung wäre: Staat­liche Wohnungs­bau­ge­sell­schaften sollten verpflichtet sein, ein Haus als Expe­ri­men­tier­feld zu betreiben. Dort könnten sich Planende mit Forschungs­fragen bewerben – hoffent­lich ohne endlose Büro­kratie. Wohnen als soziale Infra­struktur müsste solche Räume des Expe­ri­ments syste­ma­tisch ermög­li­chen. Dann könnten Erfah­rungen gesammelt werden, nicht nur privat, sondern im gesell­schaft­li­chen Rahmen.

Summa­cum­femmer, Dieskau­straße, Leipzig 2024: Fallrohr mit 120-Liter-Fass – das Fass wird einmal im Jahr gewech­selt, Foto: Summa­cum­femmer

Wir haben bisher viel über Neubau gespro­chen. Wie ist es denn beim Umbau? Erfordert gerade das Weiter­bauen nicht ein noch stärkeres Hinter­fragen von Gewohn­heiten?

FS: Beim Umbau gibt es eigent­lich noch mehr Chancen und Risiken als im Neubau – gerade wegen der Unplan­bar­keit. Es stellt sich oft erst im Prozess heraus, was wirklich möglich ist. Das stellt klas­si­sche Planungs­ab­läufe infrage, eröffnet aber auch neue Wege: Umbau ist ein itera­tiver Prozess, ein ständiges Weiter­ent­werfen. Man kann fort­lau­fend Dinge einschleusen und auspro­bieren.

Damit auch eine Antwort auf Florian Fischer: Für uns hat das nichts mit Eigentum zu tun. Wir wagen solche Expe­ri­mente auch in Projekten für andere – etwa bei der Sanierung eines Kultur­zen­trums, wo wir selbst mitbauen und uns dadurch jenseits unserer klas­si­schen Profes­si­ons­rollen mit dem Projekt „verstri­cken“. Nur so lassen sich bestimmte Dinge überhaupt umsetzen. Die Erfah­rungen am eigenen Leib ermutigen uns, aber entschei­dend ist, wie man solche Prozesse auch in klas­si­sche Baupro­jekte einschmug­gelt.

FF: Zum Abschluss eine kleine Geschichte aus dem arabi­schen Raum: Joha verkauft sein Haus, behält aber einen einzigen Nagel darin als Eigentum – und damit auch das Recht, diesen Nagel zu benutzen. Er kommt also sehr regel­mäßig im Haus vorbei und – je nach Version der Geschichte – hängt er etwas an den Nagel oder schlägt mit dem Hammer darauf. Irgend­wann wird das so uner­träg­lich, dass der neue Eigen­tümer das Haus wieder an Joha zurück­gibt. Wenn man das ins Deutsche überträgt, könnte man sagen: Aus dem Nagel wird ein Haken. Ein Haken, der im Eigentum hängt. Und dieser Haken – das ist eigent­lich der gesell­schaft­liche Mecha­nismus, den wir brauchen. Artikel 14 (2) im Grund­ge­setz sagt es ja eigent­lich schon: „Eigentum verpflichtet – sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allge­mein­heit dienen.“ Die Frage ganz konkret müsste dann aber lauten: Wie wird daraus kein nerv­tö­tender, sondern ein program­ma­tisch schöner, ein archi­tek­to­nisch positiver, viel­leicht sogar sinnvolle Expe­ri­mente ermög­li­chender Haken?

Summa­cum­femmer, Dieskau­straße, Leipzig 2024: Küche mit Badewanne – ein Über­bleibsel der ersten Bauphase, Foto: Summa­cum­femmer
„Die Sendung mit der Maus“ vom 12.10.2025, Sach­ge­schichte „Flexibles Wohnen“, Modell einer Etage des Genos­sen­schafts­pro­jekts San Riemo, München (ARGE Summa­cum­femmer / Büro Juliane Greb): Die weißen Räume können verschie­denen Wohn­ein­heiten flexibel zuge­schaltet werden. Abb.: Screen­shot von der Sendung mit der Maus, WDR (Flash Film­pro­duk­tion)
„Die Sendung mit der Maus“ vom 12.10.2025, Sach­ge­schichte „Flexibles Wohnen“, Modell einer Etage des Genos­sen­schafts­pro­jekts San Riemo, München (ARGE Summa­cum­femmer / Büro Juliane Greb), Abb.: Screen­shot von der Sendung mit der Maus, WDR (Flash Film­pro­duk­tion)
„Die Sendung mit der Maus“ vom 12.10.2025, Sach­ge­schichte „Flexibles Wohnen“, flexibles Paneel zur Schlie­ßung von Türöff­nungen, Abb.: Screen­shot von der Sendung mit der Maus, WDR (Flash Film­pro­duk­tion)
Summa­cum­femmer, Dieskau­straße, Leipzig 2024: Trocken­toi­let­ten­system: Urin wird abge­leitet, Fest­stoffe in einem Fass gesammelt und später kompos­tiert. Zum Hände­wa­schen wird Regen­wasser verwendet. Das mit Seife verun­rei­nigte Wasser wird über ein kleines Grau­was­ser­system gefiltert und anschlie­ßend in eine Versi­cke­rungs­an­lage geleitet, Foto: Summa­cum­femmer
Summa­cum­femmer, Dieskau­straße, Leipzig 2024: Fallrohr mit 120-Liter-Fass – das Fass wird einmal im Jahr gewech­selt, Foto: Summa­cum­femmer