„grau is´ alle theorie…

…wichtig is’ au’m Platz.“ Dieses einfache wie geniale Dictum des Dort­munder Fußball­spie­lers Adi Preissler († 2003) drängt sich immer dann auf, wenn Vereine sich der Zukunfts­frage stellen. In über­tra­gener Hinsicht ist auch der BDA so ein Verein, und seine Zukunfts­frage stellt sich alle Jahre wieder wie die der Natio­nalelf. „Wie hältst du’s mit dem Nachwuchs?“, hat sich unlängst eine Arbeits­gruppe des BDA mit Bund- und Länder­ver­tre­tern unter Leitung von Kai Koch (siehe: der architekt  6/12 „die macht der bücher. lektüren zur archi­tektur“, point de vue, S. 65) gefragt und versucht, zu beant­worten, was die Erwar­tungs­hal­tung junger Archi­tekten sein könnte, was der BDA demge­gen­über zu bieten hat und wie die „Werte­ge­mein­schaft als sinn­stif­tende Idee des BDA“ an Junge vermit­telt werden kann.

Heraus­ge­kommen ist ein Posi­ti­ons­pa­pier, das Ende November intensiv im Bundes­vor­stand kommen­tiert und disku­tiert worden ist. Auch wenn, wie Jan R. Krause, der in Bochum Archi­tek­tur­ver­mitt­lung lehrt, in einem kommen­tie­renden Vortrag ausein­an­der­setzte, noch einzelne Punkte klärungs- und präzi­si­ons­be­dürftig seien, scheinen die Weichen grund­sätz­lich richtig gestellt. Mit dem Papier in progress will sich der BDA dafür einsetzen, dass die junge Archi­tek­ten­ge­ne­ra­tion eine größere Chance als bisher erhält, eigene Ideen und eigene Wert­vor­stel­lungen in die baukul­tu­relle Debatte einzu­bringen, weil er sich davon verspricht, dem Diskurs über Baukultur „Belebung und Berei­che­rung“ zuzu­führen.

Das Papier trägt der Glaube, dass mit dem Enga­ge­ment junger Archi­tekten ein von idea­lis­ti­schen Zielen bestimmtes Weiter­denken und Weiter­bauen unserer Städte verbunden sei. Darin wiederum lebe die sinn­stif­tende Idee des BDA fort, sich für gute Archi­tektur und Stadt­pla­nung einzu­setzen. Zugleich formu­liert die Arbeits­gruppe die Idee, durch Angebote und Formate, die für junge Kollegen inter­es­sant sind, sich selbst neue Inhalte zu erschließen und Ansichten und Haltungen junger Archi­tek­tur­büros kennen­zu­lernen.

Die erste Hoffnung, junge Archi­tekten für den BDA zu begeis­tern, setzt die AG in eine „plura­lis­ti­sche Diskurs­kultur“, die die Chan­cen­lo­sig­keit junger Archi­tekten auf dem Markt ausglei­chen soll. Um die öffent­liche und fachliche Wahr­neh­mung zu steigern, könnte der BDA „als Initiator und Träger eines kreativen Prozesses zum gemein­samen Suchen nach Antworten beitragen. Derartige Foren sollten inhalt­lich offen für Themen und Frage­stel­lungen der jungen Archi­tek­ten­ge­ne­ra­tion sein und ihnen die Möglich­keit eröffnen, ihre Posi­tionen fachlich einzu­bringen und öffent­lich zu vertreten.“ Hierfür, so formu­liert das Papier, „ist eine Offenheit und Beweg­lich­keit des BDA auf allen Ebenen gefragt, um Ideen und Ansichten junger Kollegen ein Forum zu bieten, das zugleich inspi­rie­rend für den BDA wirkt.“

Die zweite Hoffnung liegt in der Attrak­ti­vität tradierter Werte: Das Arbeits­pa­pier legt dar, dass die mora­li­schen Kate­go­rien Inte­grität, Ernst­haf­tig­keit, Qualität, Kolle­gia­lität und Soli­da­rität in der momen­tanen Archi­tek­tur­land­schaft immer schwerer zu finden und deshalb sehr geschätzt werden. Der BDA bietet sich gewis­ser­maßen als eine neue, offene und unter dem gleichen Erfah­rungs­ho­ri­zont soli­da­ri­sche „Werte­ge­mein­schaft“ an. Die hohe Diskurs­qua­lität zwischen Kollegen und innerhalb des gesamten Bundes könne genutzt werden, „um im Austausch von Wert­vor­stel­lungen zwischen unter­schied­li­chen Gene­ra­tionen die Tradition des BDA weiter­zu­tragen“.

Die dritte Hoffnung liegt in der Figu­ra­tion eines Netzwerks, das die restrik­tiven Zugangs­be­schrän­kungen bei Wett­be­werbs- und Verga­be­ver­fahren durch Koope­ra­tionen in Bewer­bungs- und Planungs­phasen mit größeren und erfah­re­neren Archi­tek­ten­büros unter­läuft. Der BDA könnte beim Zusam­men­stellen solcher Part­ner­schaften behilf­lich sein. Der Bundes­vor­stand disku­tierte in diesem Zusam­men­hang ein Mento­ren­mo­dell für junge Archi­tekten, das Jan Krause ins Gespräch gebracht hatte.

Die vierte und letzte Hoffnung setzt das Papier auf die öffent­liche Wert­schät­zung, die der BDA als Gesprächs­partner bei Politik und Verwal­tung in Bund, Ländern und Kommunen genießt. Um diese Position zu halten und auszu­bauen, müssten Wert­schät­zung und fachliche Akzeptanz immer wieder neu begründet werden. Um zemen­tierte Auffas­sungen und mani­fes­tierte Sehge­wohn­heiten aufzu­bre­chen und neue Hand­lungs­felder zu erschließen, könnten gerade junge Archi­tekten wichtige Impulse geben.

Schließ­lich ruft das Posi­ti­ons­pa­pier zu gemein­samem Vorgehen auf Bund‑, Länderund Grup­pen­e­bene auf: Gerade in der regio­nalen und lokalen Arbeit liege der Schlüssel zum Erfolg der Initia­tive, weil nur die beru­fenden Instanzen des BDA mit ihrer Offenheit und Kolle­gia­lität eine inhalt­liche Parti­zi­pa­tion junger Kollegen im BDA ermög­li­chen können.

Das ist die Praxis „au’m Platz“, von der Adi Preissler sprach: Soll die Inte­gra­tion junger Archi­tekten besser als zuvor gelingen, ist mehr als eine Geste nötig. Die Offenheit und Soli­da­rität der Orga­ni­sa­ti­ons­formen des Verbandes und ihrer einzelnen Mitglieder wird sich auch immer im Maß zeigen, mit der sie auf dieje­nigen zugehen, die zunächst mal „anders“ sind. Es soll ja junge Menschen geben, die sich von den Begriffen „plura­lis­ti­sche Diskus­si­ons­kultur“, „Werte­ge­mein­schaft“, „Verbands­netz­werk“ und „Wert­schät­zung bei öffent­li­chen Auftrag­ge­bern“ nicht ohne weiteres anstecken lassen. Viel­leicht wäre der Verzicht auf solche verbalen „dread­noughts“ der erste Schritt zu einer Erneue­rung des BDA.

Im Ernstfall ist stets der Umkehr­schluss ziel­füh­rend: Wieviel der Verband von einer durch­grei­fenden Verjün­gung der „Mann­schaft“ erwarten könnte, zeigt sich im begeis­ternden Fußball, den Borussia Dortmund derzeit spielt. Das liegt auch daran, dass der BVB nicht mehr in jedem Spiel mit der Tradi­ti­onself von 1967 antritt. Die alten Herren treffen sich heute lieber im „Alten Markt“ in Dortmunds City und sind bei den Heim­spielen, der Jahres­haupt­ver­samm­lung und der Weih­nachts­feier gern gesehen und viel umjubelt: Der Respekt vor ihren Leis­tungen ist groß, und auch ihre Meinung und ihr Rat sind gefragt.

Doch die harte Arbeit müssen „gezz“ die unter 25jährigen machen: Nicht nur, dass die Jungs (Durch­schnitts­alter der Startelf Saison 2010 / 11: 22,5 Jahre) in (fast) jedem Spiel laufen, als hätten sie was genommen (durch­schnitt­liche Lauf­strecke der Mann­schaft pro Spiel: 120 km), sondern Kombi­na­ti­ons­fä­hig­keit, Sehver­mögen, eakti­ons­ge­schwin­dig­keit und Technik sind einfach besser als die der alten Hasen in Champions- und Bundes­liga. Aber allein der Hinweis auf alte Tugenden des Tradi­ti­ons­ver­eins und das konti­nu­ier­liche Abspielen der inzwi­schen leicht leiernden Europa-Cup-Hymne „Wir halten fest und treu zusammen“ dürften kaum ausge­reicht haben, um die Jung­fuss­baller zu „Menta­li­täts­mons­tern“ (Klopp) zu machen. Da bedurfte es wohl einer subti­leren Strategie. So ein Spagat zwischen Vereins­tra­di­tion und Spiel­freude müsste dem BDA doch auch gelingen können…
Andreas Denk

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