Hegel zum Frühstück

Ullrich Schwarz

Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Vorle­sungen über die Ästhetik (um 1800)

Prof. Dr. phil. Ullrich Schwarz (*1950) studierte Lite­ra­tur­wis­sen­schaft und Sozio­logie und ist Geschäfts­führer der Archi­tek­ten­kammer in Hamburg. Von 2004 bis 2008 war er Leiter des Instituts für Archi­tek­tur­theorie, Kunst- und Kultur­wis­sen­schaften an der TU Graz. Seit 2008 ist Ullrich Schwarz Professor für Archi­tek­tur­theorie an der HafenCity Univer­sität Hamburg. Er lebt und arbeitet in Hamburg und ist Mitglied des Redak­ti­ons­bei­rats dieser Zeit­schrift.

Nachdem mein Doktor­vater im Seminar verkündet hatte, er hätte am Morgen zur Entspan­nung etwas Hegel gelesen, war in diesem Kreis die Floskel „Hegel zum Frühstück“ zu einer stehenden Wendung geworden. Wer wollte da schon zurück­bleiben. Und so wurde ich schon als junger Student zu einem begeis­terten Hegel-Leser, natürlich auch stark angeregt durch den von mir noch begeis­terter gelesenen Theodor Wiesen­grund Adorno. Vor allem die Vorle­sungen über die Ästhetik hatten es mir angetan. Die dort enthal­tenen Abschnitte über Archi­tektur inter­es­sierten mich damals aller­dings kaum, ich glaube, ich habe sie einfach über­schlagen. Wie konnte ich auch wissen, dass mich später die Zufälle des Lebens in diesen Bereich verschlagen sollten?

Hegel wurde für mich inter­es­sant, weil er in der Ästhetik nicht etwa eine profes­so­rale Philo­so­phie der Kunst lieferte, sondern in Wirk­lich­keit eine sehr prägnante und am künst­le­ri­schen Material, nicht zuletzt am Roman, anschau­lich vermit­telte Theorie der Moderne formu­lierte, die schon hier, wie konnte es anders sein, eine reflexive Moderne war. Hegels Analyse, warum „unsere Gegenwart ihrem allge­meinen Zustande nach der Kunst nicht günstig“ sei, ja, warum diese aufgehört hatte, „die höchste Form des Geistes“ zu sein, war atem­be­rau­bend. Nur beiläufig: die „Theorie des Romans“ von Georg Lukács ist zu Hegel natürlich die perfekte Ergänzung.

Das sinnliche Scheinen des Gött­li­chen konnte die Kunst in der Moderne nicht mehr ausstrahlen. Unnach­ahm­lich unsen­ti­mental heißt es dazu bei Hegel: „…es hilft nichts, unser Knie beugen wir doch nicht mehr“. Der akade­mi­sche Volksmund nennt dies Hegels These vom Ende der Kunst. In Wirk­lich­keit eröffnet Hegel der Kunst in der Moderne ein reiches Leben in fast gren­zen­loser Vielfalt. Was tatsäch­lich ein Ende findet, ist die Sakra­lität einer sinnlich gegen­wär­tigen Identität von Subjekt und Objekt. Zur Signatur der modernen Bewusst­seins­lage wird dagegen nun gerade die Differenz, das span­nungs­volle Ausein­an­der­fallen von Subjek­ti­vität und Objek­ti­vität. Adorno würde hier viel­leicht von Nicht-Identität sprechen. Dieses nicht-iden­ti­sche Verhältnis enthält nun aber alles, was Geist und Gemüt in der Moderne bewegt, aber eben „unver­söhnt“. Das ist weder tragisch noch traurig, gleich­wohl aber der sich unendlich erneu­ernde Ursprung der Differenz. Das ist natürlich sehr unka­tho­lisch und hat mir immer schon gefallen. Daher konnte ich auch später mit jeder Art der Sakra­li­sie­rung von Archi­tektur in der Pose: „Dies ist mein Leib!“ nichts anfangen. Das Interesse an jüdischen Denk­po­si­tionen von Benjamin bis Eisenman ist daher auch nicht so verwun­der­lich: „violated perfec­tion“.

Wenn aber wie bei Eisenman die Unver­söhn­lich­keit zur radikalen Intran­si­genz und zu einem latenten Messia­nismus umschlägt, dann kehrt sich die Dekon­struk­tion in einen Purismus der negativen Voll­endung um, eine Voll­endung, die – wie Paul Valéry sagt – nichts als Abwehr ist. Das hat am Ende mit Archi­tektur nichts mehr zu tun, mit Hegel auch nicht. Beides muss ja auch nicht sein – also nichts gegen Eisenman. Aber von Hegel aus führt der Weg zu einer post-sakralen Archi­tektur, die sich selbst konse­quent entpa­the­ti­siert, auch im Negativen. Und die zur gleichen Zeit das Poetische vom Prosa­ischen nicht trennt, sondern gerade zusam­men­denkt. Nur viel­leicht eben nicht auf der Ebene der „Form“ und auch nicht als Gegen­stand. Die Tradi­ti­ons­li­nien Surrea­lismus – Situa­tio­nismus – Tschumi einer­seits und Josef Frank – Miroslav Sik – Andreas Hild ande­rer­seits, sind hier wahr­schein­lich produk­tiver. Denn polemisch mit Witt­gen­stein gesagt: Selbst wenn alle „archi­tek­to­ni­schen“ Fragen gelöst sind, bleiben unsere Lebens­pro­bleme immer noch unberührt. Das könnte zu einer neuen Diskus­sion über die Autonomie des Archi­tek­to­ni­schen führen oder auch zu der Frage: Lässt sich Hegels These vom Ende der Kunst­pe­riode auf die Archi­tektur anwenden?

In jedem Fall gilt: unser Knie beugen wir auch hier nicht mehr. Hegel hatte nicht von dem empi­ri­schen Ende der Kunst gespro­chen. Was er meinte: eine Epoche geht zu Ende. Die Archi­tektur existiert natürlich auch fort, mit histo­risch unge­ahnten Möglich­keiten. Nur: sie über­schreitet sich, bezie­hungs­weise: sie wird über­schritten. Wie Ungers sagte: Archi­tektur ist Archi­tektur, und alles andere ist alles andere. Nur: Alles andere ist eben „alles“ andere – fast.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Werke in 20 Bänden mit Regis­ter­band, Redaktion: Eva Molden­hauer und Karl Markus Michel, Broschur, 11.669 S., 280,– Euro, suhrkamp taschen­buch wissen­schaft 601, Frankfurt 1986, ISBN 978–3‑518–09718‑2.

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