Himm­li­sche Symphonie in Stein

Wie immer fahnden wir nach einem Bauwerk, das eine besondere Rolle in der Archi­tek­tur­ge­schichte spielt oder gespielt hat – sei es durch eine besondere Eigen­schaft, eine unge­wöhn­liche Geschichte oder eine spezi­fi­sche Merk­wür­dig­keit. Welches Gebäude suchen wir, wo steht es, und wer hat es entworfen? Lösungs­vor­schläge können Sie per Post, Fax oder E‑Mail an die Redaktion senden. Unter den Einsen­dern der richtigen Antwort verlosen wir ein Buch. Einsen­de­schluss ist der 24. Januar 2014.

Der tatort war ursprüng­lich eine Mili­tär­kirche für eine süddeut­sche Garnison aus der Mitte des 19. Jahr­hun­derts. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er im Zuge der Abrüstung des Deutschen Reichs zu einer Krie­ger­ge­dächt­nis­stätte umgebaut. Als Architekt wurde ein damals „junger Wilder“ erkoren, der aus einer schwä­bi­schen Baumeis­ter­fa­milie stammte und sich bis dahin durch den Bau von zwei Dorf­kir­chen hervor­getan hatte. Das Bauwerk wurde zum eigent­li­chen take-off der Karriere des bedeu­tenden Kirchen­bauers, der sich nicht nur um neue archi­tek­to­ni­sche Ausdrucks­formen bemühte, sondern durch die Grund­riss­an­lage eine Litur­gie­re­form vorweg­nahm, die den Altar und damit die Wandlung in den Mittel­punkt der Gemeinde rückte: Sein Motiv „ein Gott, eine Gemeinde, ein Raum“ erscheint zum ersten Mal an unserem tatort.

Im Außenbau verwen­dete unser Mann sehr symbol­haft das Material einer abge­bro­chenen Festungs­an­lage, die aus Jura­kalk­stein und Ziegeln bestand und mit Biber­schwanz­zie­geln einge­deckt war. Im Innern dominiert der Eindruck der goti­sie­renden Gewölbe, die der Architekt nach einem von ihm selbst entwi­ckelten Prinzip mit „scha­lungs­losem“ Eisen­beton konstru­ierte: Diese Rabitz­putz­technik diente jedoch nur der Stei­ge­rung der Raum­wir­kung, die geprägt wird durch „…über­ra­schende Durch­blicke, schräge Pfei­ler­fluchten, frappante Licht­füh­rungen, Fens­ter­durch­brüche, wie sie die deutsche Gotik geliebt; dazu Spiel­arten der Gewöl­be­kon­struk­tion, die seit Jahr­hun­derten nicht mehr hervor­ge­treten waren“, wie ein zeit­ge­nös­si­scher Kritiker bemerkte. Zurück­zu­führen war diese „gotische“ Geis­tes­hal­tung offenbar auf die Lektüre von Karl Scheff­lers einfluss­rei­chem Buch „Der Geist der Gotik“, das der Architekt besessen und bear­beitet hat. „Das große Erschauern des Innen­raums wird jeden entzücken. Es ist das Erschüt­tern vor der Heilig­keit des Ortes, vor der Teilnahme am Mysterium des heiligen Opfers, das Zittern vor Gott, der bebende Raum“, schrieb der Mann über den von ihm beab­sich­tigten Raum­ein­druck. Besonders die atem­be­rau­bende Licht- und Mate­ri­al­wir­kung der Tauf­ka­pelle, die in einem zweiten Bauab­schnitt entstand, zeigte nach­hal­tige Wirkung, die sich bis in das heutige Werk von Peter Zumthor fort­ge­setzt hat. Einem jüngeren Kollegen gegenüber, der seine Reform­ge­danken aufnahm und weiter­ent­wi­ckelte, gab der Baumeister nicht ohne Selbst­be­wusst­sein zu, „der ausge­fal­lenste Expres­sio­nist der Welt zu sein“. Ein befreun­deter Poet schrieb ihm zum 60. Geburtstag: „Himm­li­sche Sympho­nien in Stein, durch­flutet von Licht, erfüllt vom Klang Ihres Herzens, das wie eine mächtige Glocke aus ihnen schallt – so stehen nun Ihre Gottes­bauten in unseren Dörfern und Städten, und alle Worte, die ihre Schönheit oder ihr Wesen fassen oder deuten wollen, scheinen arm vor der Wucht ihrer stei­nernen Sprache“. Wie heißt unser tatort und wie heißt sein Erbauer?

Der „tatort“ der Ausgabe 5 / 13 war eines der Reihen­häuser in der Stutt­garter Weißen­hof­sied­lung, das der Nieder­länder Mart Stam 1927 entwarf. Gewin­nerin des Buches ist Karin M. Storch aus Mannheim.

Foto: Andreas Denk