Housing First

Ein Modell zur Über­win­dung von Wohnungs­lo­sig­keit

Housing First ist ein Programm­an­satz, mit dem Wohnungs­lose mit komplexen Problem­lagen umgehend in abge­schlos­senen und dauer­haften Indi­vi­du­al­wohn­raum gebracht werden, ohne die Bedingung, vorher „Wohn­fä­hig­keit” erlangt zu haben oder abstinent zu leben. Der Bezug einer eigenen Wohnung mit Blei­be­per­spek­tive steht hier am Anfang und nicht – wie vieler­orts üblich – am Ende einer „Hilfe­kette“. Wohn­be­glei­tende persön­liche Hilfen von durchaus erheb­li­cher Inten­sität werden nach­drück­lich angeboten, aber ihre Annahme ist frei­willig. Thera­pie­teil­nahme oder Abstinenz sind weder Voraus­set­zungen für die Versor­gung mit Normal­wohn­raum noch für den Verbleib darin, Risi­ko­mi­ni­mie­rung und Scha­dens­re­du­zie­rung beim Gebrauch von Sucht­mit­teln (harm reduction) wird Vorrang einge­räumt.

Der Housing-First-Ansatz steht damit im Gegensatz zu den weit verbrei­teten Stra­te­gien einer schritt­weisen Inte­gra­tion in Stufen­sys­temen, bei denen aufein­ander aufbau­ende Ersatz­wohn­formen durch­laufen werden müssen, bevor ein reguläres Wohn­ver­hältnis beginnen kann (von Notun­ter­künften über „Aufnah­me­häuser“ und „Über­gangs­wohn­heime“, „Trai­nings­woh­nungen” und „Betreute Wohn­ge­mein­schaften” bis schließ­lich zum Bezug der „Final­woh­nung”, wie sie in Öster­reich so treffend bezeichnet wird). Die Zahl der Stufen und die Durch­läs­sig­keit von „diffe­ren­zierten Hilfe­sys­temen“ mögen dabei variieren, aber auch heute noch ist die Vorstel­lung verbreitet, dass viele Wohnungs­lose „Wohn­fä­hig­keit“ erst außerhalb des normalen Wohnungs­markts erwerben müssen. Wohnungs­lose „mit Problemen“ müssen sich in diesem System den Zugang zu Normal­wohn­raum „verdienen“, durch „Mitwir­kungs­be­reit­schaft“, Abstinenz, Compli­ance. Im Ideal­typus des Stufen­sys­tems sind in den unteren Bereichen Privat­sphäre, persön­liche Autonomie und Norma­lität deutlich einge­schränkt, werden aber immer größer, je näher sich der oder die Wohnungs­lose an die Normal­woh­nung mit Miet­ver­trag „heran­ge­ar­beitet“ hat. Betreuung, Kontrolle und Diszi­pli­nie­rung nehmen dagegen nach „oben“ hin ab, bis schließ­lich eine eigene Wohnung ohne weiter­ge­hende Hilfen bezogen werden kann.

„Eine Struktur ist das A und O, du brauchst ein Umfeld, wo du der Meinung bist, die nehmen dich für voll und die dir ab und zu mal in den Arsch treten, wenn du mal ’nen Termin sausen lässt und dass sie dich nicht fallen lassen.“

Das Problem dabei besteht darin, dass der stufen­weise Aufstieg häufig scheitert, „Abstürze” nicht selten und die vorge­se­henen Aufstiegs­mög­lich­keiten oft blockiert sind. Aus der inten­dierten „Stufen­leiter zur Inte­gra­tion“ wird allzu häufig eine Rutsche in die Ausgren­zung. Dreh­tür­ef­fekte sind nicht selten und es findet sich ein „Kern“ von Frequent Flyers, Wohnungs­losen, die auf längere Dauer im Hilfe­system verbleiben und sich von einer Einrich­tung und Notlösung zur nächsten bewegen (oder bewegt werden), ohne Chance auf die Versor­gung mit einer normalen Wohnung.

„BISS – Einblicke“: Wohnungen von Verkäuferinnen und Verkäufern der Münchner Straßenzeitung, Foto: Rainer Viertlböck
„BISS – Einblicke“: Wohnungen von Verkäu­fe­rinnen und Verkäu­fern der Münchner Stra­ßen­zei­tung, Foto: Rainer Viertl­böck

Die Kritik an solchen Stufen­sys­temen macht sich unter anderem an folgenden Punkten fest: Durch den Zwang zum wieder­holten „Umzug” zwischen verschie­denen Unter­brin­gungs­formen entsteht Stress und „Entwur­ze­lung” und keine Blei­be­per­spek­tive. Immer, wenn sich die wohnungs­lose Person halbwegs mit den Regeln und der Infra­struktur, dem Betreu­ungs­per­sonal und den anderen dort Unter­ge­brachten vertraut gemacht hat, erfolgt ein Bruch und ein Wechsel des Aufent­halts. Fähig­keiten, die in insti­tu­tio­nellen Settings und zwangs­ge­mein­schaft­li­chen Wohn­formen erlernt werden, sind nicht unbedingt förder­lich und über­tragbar auf unab­hän­giges Einzel­wohnen. Auch sind Wahl­mög­lich­keiten und Frei­heiten sowie die Privat­sphäre insbe­son­dere in den unteren Stufen stark einge­schränkt. Dies gilt auch für den Schutz der persön­li­chen Habse­lig­keiten. Bis zum Einzug in die „Final­woh­nung“ kann sehr viel Zeit vergehen und zwischen den verschie­denen Stufen gehen zu viele Klien­tinnen und Klienten „verloren“. Lokale Stufen­sys­teme tendieren zur Auswei­tung im unteren Bereich („nied­rig­schwel­lige” Unter­künfte, Winter­quar­tiere, „Obdach Plus“ / „Pension Plus“ etc.), während „oben” die Zugänge erschwert sind („Flaschen­hals“).

„Du kannst Pech haben, dass du mindes­tens 200 Wohnungen angeguckt hast, bevor du eine Zusage bekommst. Man kann es ja ausrechnen, wann ein Obdach­loser die Chance hat, eine Wohnung zu kriegen.“

Mit Stufen­sys­temen und Sonder­wohn­formen am zweiten Wohnungs­markt steigt die Zahl der Wohnungs­losen häufig, anstatt zu sinken. Sonder­wohn­formen geben den Vermie­tern am regulären Wohnungs­markt Gele­gen­heit, „Risi­ko­haus­halte“ an den „zweiten Wohnungs­markt“ zu verweisen. Stufen­sys­teme und Sonder­wohn­formen tragen zur Stig­ma­ti­sie­rung von Wohnungs­losen als „wohn­un­fähig” bei. Das Resultat ist ein System, in dem Wohnungs­lo­sig­keit eher verwaltet als gezielt reduziert wird. Housing First beendet dagegen Wohnungs­lo­sig­keit im ersten Schritt und folgt in gewissem Sinne dem Prinzip learning by doing. So wie man Schwimmen am besten im Wasser lernt, ist auch der Umgang mit realen Wohn­be­din­gungen und den Heraus­for­de­rungen des indi­vi­du­ellen Wohnens am besten geeignet, bestehende Hemmnisse beim Wohnungs­er­halt zu über­winden. Die Wohnung ist zugleich Grund­vor­aus­set­zung für weiter­ge­hende Inte­gra­tion (vgl. Busch-Geertsema, 2014 a und b). Als Pionier des Housing-First-Ansatzes gilt die Orga­ni­sa­tion Pathways to Housing und deren Direktor Sam Tsemberis, der diesen Ansatz in den neunziger Jahren erstmals in New York angewandt und sich dabei ausschließ­lich auf Wohnungs­lose mit psychi­schen Erkran­kungen und Sucht­mit­tel­miss­brauch konzen­triert hat.

„BISS – Einblicke“: Wohnungen von Verkäuferinnen und Verkäufern der Münchner Straßenzeitung, Foto: Rainer Viertlböck
„BISS – Einblicke“: Wohnungen von Verkäu­fe­rinnen und Verkäu­fern der Münchner Stra­ßen­zei­tung, Foto: Rainer Viertl­böck

In Anlehnung an Prin­zi­pien, die von Sam Tsemberis (2010, S. 18) für das ameri­ka­ni­sche Modell des Housing-First-Ansatzes formu­liert wurden, benennt der Housing First Guide für Europa1 folgende acht Grund­prin­zi­pien: Wohnen ist ein Menschen­recht: Wohnung als Grund­recht (Wohn­fä­hig­keit nicht Voraus­set­zung, aber wöchent­li­cher Haus­be­such oft verpflich­tend); Wahl­frei­heit und Entschei­dungs­mög­lich­keiten für die Nutze­rinnen und Nutzer: zentrale Bedeutung, so viel Selbst­be­stim­mung wie möglich; Trennung von Wohnung und Unter­stüt­zung: klare Rollen­tren­nung, Ablehnung wohn­be­glei­tender Hilfe führt nicht zur Kündigung, Wohnungs­ver­lust und Wohnungs­wechsel nicht zum Abbruch der Hilfe; Recovery-Orien­tie­rung: ganz­heit­liche Orien­tie­rung auf das Wohl­be­finden der unter­stützten Person. Harm reduction: Scha­dens­mi­ni­mie­rung; akzep­tie­render Ansatz, Abstinenz von Drogen und Alkohol steht nicht im Vorder­grund. Unter­stüt­zung bei der Vermin­de­rung von proble­ma­ti­schem Konsum. Aktive Betei­li­gung ohne Druck und Zwang: Housing First arbeitet nicht mit Sank­tionen, wohn­be­glei­tende Hilfe wird nach­drück­lich angeboten, aber ihre Annahme beruht auf Frei­wil­lig­keit. Perso­nen­zen­trierte Hilfe­pla­nung: flexible und indi­vi­dua­li­sierte Unter­stüt­zung orien­tiert an den Bedürf­nissen und Lebens­ent­würfen der einzelnen Nutzer. Flexible Unter­stüt­zung für so lange wie nötig: keine strikte zeitliche Begren­zung, der Hilfe­be­darf ist oft schwan­kend und kann länger andauern.Die deutsche Fassung ist verfügbar unter https://​housing​fir​st​eu​rope​.eu/​a​s​s​e​t​s​/​f​i​l​e​s​/​2​0​1​7​/​1​2​/​h​o​u​s​i​n​g​-​f​i​r​s​t​-​g​u​i​d​e​-​d​e​u​t​s​c​h​.​pdf. ↩︎

Die Liste der wissen­schaft­li­chen Belege für die Wirk­sam­keit des Ansatzes ist inzwi­schen beein­dru­ckend lang. In den vergan­genen Dekaden sind in den USA und in Kanada mehrere Studien durch­ge­führt worden, die mit kontrol­lierten Zufalls­expe­ri­menten (rando­mised controlled trials, dem „Gold-Standard“ in der Wirkungs­for­schung) einen hohen Wohnungs­er­halt (und geringere Kosten) bei einer Zufalls­aus­wahl von Wohnungs­losen mit psych­ia­tri­scher Diagnose in Housing-First-Projekten gegenüber denje­nigen im gängigen Hilfe­system belegten.2 Das von der EU-Kommis­sion finan­zierte Projekt Housing First Europe erbrachte ebenfalls hohe Wohnungs­er­halt-Quoten (von 80 bis über 90 Prozent) für unter­schied­liche Ziel­gruppen in vier von fünf ausge­wählten Projekt­stand­orten (Amsterdam, Glasgow, Kopen­hagen, Lissabon, vgl. Busch-Geertsema 2013 a und b). Inzwi­schen liegen positive Ergeb­nisse von Housing-First-Pilot­pro­jekten in Europa unter anderem aus Belgien, Dänemark, Finnland, Frank­reich, Groß­bri­tan­nien, Irland, Italien, den Nieder­landen, Öster­reich, Portugal und Spanien vor.Vgl. dazu die mit zahl­rei­chen Quellen unter­legten Ausfüh­rungen in Padgett et al. (2016), S. 48 ff. und Aubry et al. (2015). ↩︎

„Was sich ändern muss? Also bezahl­barer Wohnraum ist Nummer eins und mindes­tens zwei Jahre Betreu­ungs­an­gebot, um zu lernen, regel­mäßig den Post­kasten zu öffnen, die Wohnung zu putzen. Und das mindes­tens zwei Jahre, nachdem man eine Wohnung bekommen hat. Man muss die Leute erstmal daran gewöhnen, eine Struktur zu haben, zum Beispiel daran, Papiere auszu­füllen. Bei den meisten scheitert’s daran, Papiere auszu­füllen. Wenn du es jahrelang nicht umgesetzt gekriegt hast, versuch mal in heutigen Zeiten einen Hartz-IV-Antrag auszu­füllen. Die meisten sind froh, wenn sie Buch­staben lesen können. Die verstehen gar nicht den Inhalt, was da drinsteht.“

Viele Städte haben einen ausge­spro­chen engen Wohnungs­markt und es fehlt an preis­werten Wohnungen gerade für Allein­ste­hende. Muss die Umsetzung von Housing First also an diesem struk­tu­rellen Mangel scheitern? Zunächst ist fest­zu­halten, dass der Housing-First-Ansatz, so wie er in diesem Beitrag vorge­stellt wird, erstmals in New York sehr erfolg­reich reali­siert wurde. Und New York hat keinen entspann­ten Wohnungs­markt! Dennoch, auch viele Modell­pro­jekte zur Erprobung von Housing First in Europa und anderswo haben mit dem Problem des Zugangs zu Normal­wohn­raum zu kämpfen. Einige von ihnen haben ebenfalls „Träger­woh­nungen“, aber mit dem wesent­li­chen Unter­schied, dass die dort Versorgten so lange bleiben können, wie sie möchten, und dass die Wohnungs­ver­sor­gung auf Dauer angelegt ist.

„BISS – Einblicke“: Wohnungen von Verkäuferinnen und Verkäufern der Münchner Straßenzeitung, Foto: Rainer Viertlböck
„BISS – Einblicke“: Wohnungen von Verkäu­fe­rinnen und Verkäu­fern der Münchner Stra­ßen­zei­tung, Foto: Rainer Viertl­böck

Die Debatte um Housing First setzt den Zugang zu bezahl­barem Normal-Wohnraum ins Zentrum der Ausein­an­der­set­zung. Ein weiterer Ausbau des zweiten Wohnungs­markts mit einge­schränktem oder völlig fehlendem Mieter­schutz, Betreu­ungs­auf­lagen und zeit­li­cher Limi­tie­rung des Aufent­halts ist keine Lösung, sondern Teil des Problems.

Bei der Wohnungs­ver­sor­gung von Wohnungs­losen gibt es mindes­tens zwei zentrale Probleme: Die Nachfrage am Wohnungs­markt über­steigt das Angebot, insbe­son­dere bei erschwing­li­chen Klein­woh­nungen. Das andere aber ist ein spezi­fi­sches Zugangs­pro­blem (Schufa-Anfragen, Bezahl­bar­keit, Ablehnung von Wohnungs­su­chenden mit Unter­stüt­zungs­be­darf). Wenn Wohnungs­lo­sig­keit verrin­gert werden soll, muss insbe­son­dere auch das zweite Problem ange­gangen werden, eine rein quan­ti­ta­tive Auswei­tung des Bestands reicht dafür nicht aus.

„BISS – Einblicke“: Wohnungen von Verkäuferinnen und Verkäufern der Münchner Straßenzeitung, Foto: Rainer Viertlböck
„BISS – Einblicke“: Wohnungen von Verkäu­fe­rinnen und Verkäu­fern der Münchner Stra­ßen­zei­tung, Foto: Rainer Viertl­böck

Die Krise durch die Zuwan­de­rung einer großen Zahl von Geflüch­teten hat den ohnehin bestehenden Wohnungs­mangel verschärft, aber sie hat den Bedarf an zusätz­li­chem Wohnraum auch über­deut­lich gemacht und vieler­orts gezeigt, was geht, wenn poli­ti­scher Wille vorhanden ist. Aber eine allge­meine Auswei­tung des Wohnungs­angebots löst das Problem der Zugangs­bar­rieren für Wohnungs­lose noch lange nicht. Gezielte Maßnahmen zur Versor­gung von Wohnungs­losen mit dauer­haftem Indivi­dualwohnraum sind nötig, und es gibt zahl­reiche Beispiele dafür, wie auch unter ungüns­tigen quan­ti­ta­tiven Bedin­gungen privi­le­gierte Zugänge für Wohnungs­lose zu normalem Wohnraum geschaffen werden können: Die Baupro­jekte der Ambu­lanten Hilfe Stuttgart, die quasi „in Serie“ etwa alle zwei Jahre ein neues Wohnhaus erstellt und damit Wohnungs­lose mit dauer­haftem Wohnraum zu regulären Bedin­gungen versorgt, sind ein positives Beispiel. Es gibt einige wenige weitere Baupro­jekte im Bundes­ge­biet, die ebenfalls von freien Trägern oder in enger Koope­ra­tion mit ihnen exklusiv für Wohnungs­lose errichtet wurden und ausge­spro­chen positiv verlaufen sind, so etwa in Bielefeld, Herford, Hannover und in Hamburg. Aber warum ist ihre Zahl immer noch so gering? Wieso werden nicht mehr Träger in diesem Feld aktiv?

Im Folgenden wird eine ganze Reihe weiterer Beispiele für gezielte Maßnahmen zur Versor­gung von Wohnungs­losen mit dauer­haftem Indi­vi­du­al­wohn­raum aufge­zeigt.3 Die Aufzäh­lung ist sicher nicht voll­ständig, jedoch ist auffällig, dass erfolg­reich an einigen Orten prak­ti­zierte Ansätze noch weit davon entfernt sind, bundes­weit Wirkung zu entfalten: Soziale Wohn­raum­agen­turen mit unter­schied­li­cher Ausrich­tung gibt es in Karlsruhe (SozPädal), bei der Neuen Wohn­raum­hilfe Darmstadt oder bei der Sozialen Wohn­raum­hilfe Hannover. In Belgien (Flandern) werden solche Sozialen Wohnraum­agenturen flächen­de­ckend gefördert und in Finnland gibt es ein nach­ah­mens­wertes Stif­tungs­mo­dell zum Ankauf und Neubau / Umbau von Wohnungen für Wohnungs­lose (die Y‑Stiftung). In Deutsch­land agiert die SAGA Hamburg mit konse­quenter Nutzung kommu­nalen Wohnungs­ei­gen­tums, weitere Beispiele gibt es bei Kirchen und freien Trägern (AH Stuttgart, AWO Reut­lingen). Makler­an­sätze (Vermitt­lung, ohne selbst zu bewirt­schaften) gibt es in vielen Städten und Dänemark hat ein Regie­rungs­pro­gramm für unkon­ven­tio­nelle Wohn­formen für besonders schwierig zu versor­gende Wohnungs­lose („Skæve huse for skæve exis­tenser“).Zur weiteren Erläu­te­rung wird auf eine Publi­ka­tion des Minis­te­riums für Arbeit, Gesund­heit und Soziales in NRW verwiesen, an deren Erar­bei­tung der Autor beteiligt war: MAGS NRW (2019). ↩︎

„Ich bin zufrieden. Dass ich überhaupt zehn Jahre eine Wohnung führe, ist schon gut. Am meisten gefällt mir, dass ich mich zurück­ziehen kann. Dass ich die Tür aufmachen und zumachen kann, wenn ich will. Dass ich meine allge­meinen Kosten tragen kann, ohne dass ich jetzt Angst haben muss, den Post­kasten aufzu­ma­chen, weil ich wieder neue Schulden habe oder sonst irgendwas. Ich kann abschalten. Und wenn ich der Meinung bin, ich brauch den Kontakt mit irgend­wel­chen Leuten, dann hab’ ich meine Jungs oder Mädels. Aber ich kann mich jederzeit zurück­ziehen, das kann ein Obdach­loser nicht.“

Die darge­stellten Ansätze der gezielten Akqui­si­tion von Wohnraum für Wohnungs­lose haben bei aller Unter­schied­lich­keit eines gemeinsam: Sie verschaffen Wohnungs­losen einen privi­le­gierten Zugang zu bezahl­barem und ange­mes­senem Wohnraum. Der dauer­hafte Verbleib in den Wohnungen ist gesichert und die Mieter­rechte werden nicht einge­schränkt. Das unter­scheidet diese Projekte – trotz des geson­derten Zugangs für die Ziel­gruppe – auch von den zuvor kriti­sierten Sonder­wohn­formen des zweiten Wohnungs­markts. Wenn behauptet wird, dass Housing First wegen des Mangels an Wohnungen nicht umsetzbar sei, so muss auch gefragt werden, ob tatsäch­lich alles versucht worden ist, um trotz der zuge­ge­be­ner­maßen widrigen struk­tu­rellen Bedin­gungen Wohnungen für Wohnungs­lose zu akqui­rieren.

„BISS – Einblicke“: Wohnungen von Verkäuferinnen und Verkäufern der Münchner Straßenzeitung, Foto: Rainer Viertlböck
„BISS – Einblicke“: Wohnungen von Verkäu­fe­rinnen und Verkäu­fern der Münchner Stra­ßen­zei­tung, Foto: Rainer Viertl­böck

Als Resümee ist fest­zu­halten: Housing First ist ein viel­ver­spre­chender Ansatz, um Wohnungs­lo­sig­keit zu verrin­gern, anstatt weiter Wohnungs­lo­sig­keit zu verwalten. Der Ansatz ist in den USA und vielfach auch in Europa vor allem auf Lang­zeit­woh­nungs­lose mit komplexen Problem­lagen ausge­richtet und dabei sehr erfolg­reich. Die Wirk­sam­keit ist inter­na­tional und mit wissen­schaft­lich robusten Studien vielfach belegt. Zwischen­zeit­lich wird Housing First im Bereich der Sucht­kran­ken­hilfe und der Hilfen für wohnungs­lose psychisch Kranke auch im deutsch­spra­chigen Raum zunehmend als inno­va­tiver Ansatz rezipiert und verbreitet. Umso erstaun­li­cher ist es, wie lange es gedauert hat, bis der Diskurs über den Ansatz auch in der Fach­dis­kus­sion der deutschen Wohnungs­lo­sen­hilfe an Bedeutung gewonnen hat. Nun gilt es, die Poten­ziale von Housing First zu nutzen.

Stufen­sys­teme sind proble­ma­tisch und haben nicht-inten­dierte negative Effekte: Es sollte deshalb möglichst keinen weiteren Ausbau dieser Stufen­sys­teme mit dem Hinweis auf die Wohnungs­markt­lage geben, sondern im Gegenteil: Trotz der widrigen struk­tu­rellen Gege­ben­heiten sollte der Abbau von Sonder­wohn­formen voran­ge­trieben werden. Housing First kann und wird nicht das einzige Angebot für Wohnungs­lose sein, eine kleine Gruppe von Wohnungs­losen bedarf anderer, beson­derer Wohn­formen, eine größere weniger intensive Unter­stüt­zung beim Wohnen. Zugang zu Wohnraum für Wohnungs­lose ist fast überall ein zentrales Problem, auch dort, wo Housing First bereits prak­ti­ziert wird. Die entspre­chenden Barrieren zu über­winden erfordert gezielte Stra­te­gien und die Über­zeu­gung, dass ein zweiter Wohnungs­markt mit Sonder­wohn­formen keine vernünf­tige Alter­na­tive sein kann. Auch unter schwie­rigen struk­tu­rellen Bedin­gungen gilt es, das Ziel einer Verrin­ge­rung von Wohnungs­lo­sig­keit nicht aus den Augen zu verlieren. Dazu bedarf es gezielter Stra­te­gien auf allen Ebenen (Kommunen, Länder, Bund).

„Du musst immer aufpassen, dass du deine innere Struktur nicht verlierst. Und auch mal Nein zu sagen. Das fängt schon mit der Frage an: ‚Du hast doch jetzt ’ne Wohnung? Können wir bei dir schlafen?‘ Aber das kannst du nicht bringen. Du wirst sie nicht wieder los.“

Die Versor­gung von Wohnungs­losen mit normalem und dauer­haftem Wohnraum ist nicht nur eine Mengen­frage, sondern auch eine Frage der Vertei­lung und des Zugangs. Um Wohnungs­losen einen vorran­gigen Zugang zu Wohnraum zu ermög­li­chen, müssen bestehende Instru­mente genutzt und neue entwi­ckelt werden (Stif­tungs­mo­delle, Soziale Wohn­raum­agen­turen, städ­te­bau­liche Verträge). Wenn der Zugang zu Normal­wohn­raum – gege­be­nen­falls mit wohn­be­glei­tenden Hilfen – Dreh- und Angel­punkt zur Redu­zie­rung von Wohnungs­lo­sig­keit ist, sind erheblich mehr Anstren­gungen zur gezielten Wohnungs­be­schaf­fung für Wohnungs­lose nötig. Der Neubau bezahl­barer Wohnungen ist dabei bedeutsam, hilft Wohnungs­losen aber nur, wenn er unmit­telbar mit Bele­gungs­quoten und privi­le­gierten Zugängen verknüpft wird. Gebraucht werden gezielte Non-Profit-Ansätze zur Wohnungs­be­schaf­fung für Wohnungs­lose, im Neubau und viel mehr noch im Bestand.

Flexible und pro-aktive aufsu­chende Hilfen sind essen­tiell zur nach­hal­tigen Reinte­gra­tion von Wohnungs­losen mit entspre­chendem Bedarf in normales Wohnen und zur Präven­tion. Die Erschlie­ßung von dauer­haftem Indi­vi­du­al­wohn­raum für Wohnungs­lose muss inten­siver und nach­drück­li­cher verfolgt werden als in der Vergan­gen­heit. Der Housing-First-Ansatz und eine Verbes­se­rung der Präven­tion von Wohnungs­lo­sig­keit sind dabei von zentraler Bedeutung.

Prof. Dr. rer pol Volker Busch-Geertsema ist Diplom­so­zi­al­wis­sen­schaftler und seit 1991 als Projekt­leiter bei der Gesell­schaft für inno­va­tive Sozi­al­for­schung und Sozi­al­pla­nung e.V. (GISS Bremen e.V.) beschäf­tigt. Seit 2015 ist er „Honorary Professor“ der Heriot Watt Univer­sity, Edinburgh, Schott­land. Bereits 1995 wurde er als natio­naler Korre­spon­dent für Deutsch­land bei dem von der EU-Kommis­sion geför­derten European Obser­va­tory on Home­l­ess­ness berufen, für das er seit 2009 als Koor­di­nator tätig ist. Er hat zahl­reiche Bücher, Aufsätze, Studien und Gutachten zu Wohnungs­lo­sig­keit, sozialer Ausgren­zung und Inte­gra­tion verfasst und war an diversen euro­päi­schen und inter­na­tio­nalen Forschungs­pro­jekten beteiligt.

Zu den Bildern: Für das Projekt „BISS – Einblicke“ hat Rainer Viertl­böck Wohnungen von BISS-Verkäu­fe­rinnen und ‑Verkäu­fern foto­gra­fiert. BISS ist ein Zeitungs­pro­jekt, das seit 1993 Bürge­rinnen und Bürgern in sozialen Schwie­rig­keiten hilft, sich selbst zu helfen. Das Magazin ist politisch unab­hängig und versteht sich als Lobby für Menschen, die von Armut und Obdach­lo­sig­keit bedroht oder betroffen sind. Es wird von über 100 armen und ehemals obdach­losen Menschen verkauft, die die Hälfte des Verkaufs­preises behalten. Zurzeit sind 53 von ihnen fest ange­stellt. BISS setzt auf Arbeit als Schlüssel zur Inte­gra­tion und schafft für Personen, die auf dem Arbeits­markt keine Chance haben, sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tige Arbeits­plätze (www​.biss​-magazin​.de).

Literatur
Aubry, Tim / Nelson, Geoffrey / Tsemberis, Sam: Housing First for People with Severe Mental Illness Who Are Homeless. A Review of the Research and Findings from the At Home / Chez Soi Demons­tra­tion Project, in: Canadian Journal of Psych­iatry, Heft 11 / 2015, S. 467–474.


Busch-Geertsema, Volker: Housing First Europe. Final Report, hrsgg. v. Gesell­schaft für inno­va­tive Sozi­al­for­schung (GISS), Bremen 2013(a), www.giss-ev.de//files/giss/upload/Pdf/FinalReportHousingFirstEurope.pdf.


Busch-Geertsema, Volker: Housing First Europe. Ein euro­päi­sches Pilot­pro­jekt zur Behebung von Wohnungs­lo­sig­keit bei Personen in komplexen Problem­lagen, in: Nach­rich­ten­dienst des Deutschen Vereins, November 2013(b), S. 503–509.


Goering, Paula / Veld­huizen, Scott / Watson, Aimee / Adair, Carol / Kopp, Brianna / Latimer, Eric / Nelson, Geoff / MacN­aughton, Eric / Streiner, David / Aubry, Tim (2014): National Final Report. Cross-Site At Home / Chez Soi Project, hrsgg. v. Mental Health Commis­sion of Canada, Calgary 2014, www​.mental​he​alth​com​mis​sion​.ca/​s​i​t​e​s​/​d​e​f​a​u​l​t​/​f​i​l​e​s​/​m​h​c​c​_​a​t​_​h​o​m​e​_​r​e​p​o​r​t​_​n​a​t​i​o​n​a​l​_​c​r​o​s​s​-​s​i​t​e​_​e​n​g​_​2​_​0​.​pdf.


Henwood, Benjamin F. / Stanhope, Victoria / Padgett, Deborah K.: The Role of Housing. A Compa­rison of Front-Line Provider Views in Housing First and Tradi­tional Programs, in: Admi­nis­tra­tion and Policy in Mental Health, Heft 2 / 2011, S. 77–84.


Minis­te­rium für Arbeit, Gesund­heit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Wohnungs­not­fall­hilfen voraus­schauend planen und präventiv handeln. Eine Praxis­hilfe für Kommunen und freie Träger der Wohl­fahrts­pflege, Düssel­dorf 2019.


Padgett, Deborah K. / Henwood, Benjamin F. / Tsemberis Sam J.: Housing First. Ending Home­l­ess­ness, Trans­forming Systems, and Changing Lives. Oxford 2016.


Tsemberis, Sam: Housing First. The Pathways Model to End Home­l­ess­ness for People with Mental Illness and Addiction, Center City / Minn. 2010.

Zu den Zitaten siehe den Einfüh­rungs­bei­trag.

  1. Die deutsche Fassung ist verfügbar unter https://​housing​fir​st​eu​rope​.eu/​a​s​s​e​t​s​/​f​i​l​e​s​/​2​0​1​7​/​1​2​/​h​o​u​s​i​n​g​-​f​i​r​s​t​-​g​u​i​d​e​-​d​e​u​t​s​c​h​.​pdf. ↩︎
  2. Vgl. dazu die mit zahl­rei­chen Quellen unter­legten Ausfüh­rungen in Padgett et al. (2016), S. 48 ff. und Aubry et al. (2015). ↩︎
  3. Zur weiteren Erläu­te­rung wird auf eine Publi­ka­tion des Minis­te­riums für Arbeit, Gesund­heit und Soziales in NRW verwiesen, an deren Erar­bei­tung der Autor beteiligt war: MAGS NRW (2019). ↩︎
„BISS – Einblicke“: Wohnungen von Verkäuferinnen und Verkäufern der Münchner Straßenzeitung, Foto: Rainer Viertlböck
„BISS – Einblicke“: Wohnungen von Verkäu­fe­rinnen und Verkäu­fern der Münchner Stra­ßen­zei­tung, Foto: Rainer Viertl­böck
„BISS – Einblicke“: Wohnungen von Verkäuferinnen und Verkäufern der Münchner Straßenzeitung, Foto: Rainer Viertlböck
„BISS – Einblicke“: Wohnungen von Verkäu­fe­rinnen und Verkäu­fern der Münchner Stra­ßen­zei­tung, Foto: Rainer Viertl­böck
„BISS – Einblicke“: Wohnungen von Verkäuferinnen und Verkäufern der Münchner Straßenzeitung, Foto: Rainer Viertlböck
„BISS – Einblicke“: Wohnungen von Verkäu­fe­rinnen und Verkäu­fern der Münchner Stra­ßen­zei­tung, Foto: Rainer Viertl­böck
„BISS – Einblicke“: Wohnungen von Verkäuferinnen und Verkäufern der Münchner Straßenzeitung, Foto: Rainer Viertlböck
„BISS – Einblicke“: Wohnungen von Verkäu­fe­rinnen und Verkäu­fern der Münchner Stra­ßen­zei­tung, Foto: Rainer Viertl­böck
„BISS – Einblicke“: Wohnungen von Verkäuferinnen und Verkäufern der Münchner Straßenzeitung, Foto: Rainer Viertlböck
„BISS – Einblicke“: Wohnungen von Verkäu­fe­rinnen und Verkäu­fern der Münchner Stra­ßen­zei­tung, Foto: Rainer Viertl­böck